Ich finde mich kacke

O Mann! Es gibt nichts schönzureden. Kurzentschlossen nahm ich die Haarschneidemaschine aus ihrem Futteral und machte, was längst überfällig war. Besser wie ein kurzgeschorener Idiot aussehen als wie ein Zausel. Mit dem Trost in der Hinterhand: Sie wachsen wieder. Und ich muss ja nicht so oft in den Spiegel schauen… Vielleicht sollte ich erstmal ausschließlich Homeoffice machen.
Anfühlen tut sich mein kurzgeschorenes Haar schön flauschig… Ich streiche mir mehrmals mit der Hand über den Kopf. Angenehme sinnliche Erfahrungen sind für einen Alleinlebenden immens wichtig: zärtliche Selbstberührungen oder sich selbst tätscheln.

Die Morgensonne lacht. Irritiert blinzele ich in den Tag. Vom Schnee sind auf der Straße nur noch krustige, schmutzige Inselchen übrig. Der Himmel tiefblau über Berlin…

  

Lieber einen Sprung in der Platte als gar keine Platte

Es verging einige Zeit, bis im Universum biologische Lebensformen im Pool der Möglichkeiten auftauchten. Damit auch die Lebensform, die sich Mensch nannte und sich anschickte, seiner Unbedeutsamkeit zu entfliehen, sich auf seinem Heimatplaneten zur Krönung der Schöpfung kürte und lange glaubte, alles würde sich um ihn, den Homo sapiens, drehen…  Veni, vidi, vici.
Tja, das Universum bringt nicht nur sympathische Erscheinungen hervor. Ein Kommen und Gehen.
Ich sitze in der Sonntags-Tristesse fest. Der Tag zeigt sich grau und düster. Nur wenige Spaziergänger vorm Fenster… Wie ich als Kind die Sonntagsspaziergänge hasste! Ich ließ mich in meiner Bockigkeit immer weiter hinter den Eltern zurückfallen, bis meine Mutter genötigt war, nach mir zu schauen… Lange ist`s her. Ein halbes Jahrhundert. 50-mal flitzte die Erde um die Sonne. Dabei legte ich 50 x 940 Millionen Kilometer zurück. Ganz ohne blöde Sonntagsspaziergänge… Aber was bedeuten schon Zahlen? Ich könnte auch ausrechnen, wie viel Liter Bier ich in den letzten 50 Jahren trank, oder wie viele Fischbrötchen ich aß. Zumindest überschlägig.
Nein, das mache ich jetzt nicht.  
Heute ist so ein Tag, an dem ich froh wäre, wenn ich ins Pub gehen könnte: Den Wirt grinsend begrüßen. Mit ihm einen Korn trinken und seinen Geschichten lauschen. Und Thorsten zapft mir selbstverständlich ein Bier, und fragt in seiner stoischen Art, wie`s mir geht. Und ich nicke und sage: „Na ja. Schön, mal wieder hier zu sein.“


Hatschiii!

Über mir zog ein junges Paar mit Kleinkind ein. Gerade hörte ich sie im Treppenhaus, als die Mutter mit dem Kinderwagen die Stufen hinunterpolterte. „Rumms, rumms, rumms…“ Das Kind scheint brav zu sein. Selten höre ich es schreien oder weinen… Der Tag beginnt trübe. Ohne Schreibtischlampe würde ich die Tastatur kaum erkennen. Ich tippe so vor mich hin… als klimperte ich auf einem Piano Versatzstücke von Melodien, planlos… Für die Gemütlichkeit könnte ich ein paar Kerzen anzünden. Der Sonntag-Blues – O Yeah! Morgen winkt mal wieder ein Bürotag. Ich werde ein paar der Hühner wiedersehen. Schön, schön. Trotzdem wird die Zeit mit der Tumordokumentation lang werden. Schon komisch das alles (Leben, Welt und Trallala). Heute Morgen nach dem Aufstehen hatte ich das Bild vor Augen, dass das Nichts nieste und damit die Welt erschuf… Ich muss oft niesen, vor allem, wenn ich ins Büro komme oder vom Kalten ins Warme. Wer weiß, warum das Nichts niesen musste. Kinder entstehen auch durch eine Art Niesen. Der Penis des Mannes niest in die Muschi der Frau. Und schon nimmt das Elend seinen Lauf…


Besonders Sonntags

Wobei ich sagen muss: Ich war schon immer faul wie ein Waschbär. Ich brauche dazu kein Corona. Wörter wie „Fleiß“ und „Arbeit“ sind bei mir absolut negativ besetzt. Lieber auf der Couch abhängen und Bier saufen. Dazu die Glotze einschalten. Irgendwas läuft immer. Gestern Vormittag lief „Eine schrecklich nette Familie“ – auf welchem Kanal war das nochmal? Ed O`Neill als Al Bundy – ich liebe diesen Typ!
Wie oft habe ich mich eigentlich schon am Sack gekratzt? Heute noch nicht? Dann wird`s aber Zeit. Morgen ist schon wieder Montag, und ich muss fünf Tage lang so tun, als ob ich arbeite… Wat mutt dat mutt, sagte schon Konfusius. Ich liebe alte Weisheiten.
Die Waschmaschine läuft. Solche Sachen erledige ich immer früh am Tag. Später habe ich keine Böcke mehr. Ich denke rationell. Was weg ist, ist weg. Wieder so eine Weisheit. Mein Leben ist voll davon. Und mein Glas schon wieder leer…
Das Bier im Kühlschrank schmilzt dahin. Ich sollte mir nachher was liefern lassen, und gleich noch eine Pizza (oder besser zwei Pizzen) dazu. Die gebeutelte Gastronomie unterstützen. Und dem Typen von Lieferando ein ordentliches Trinkgeld geben. So bin ich halt.


Ein ruhiger Sonntagmorgen

Ein ruhiger Sonntagmorgen im Single-Leben des B. M.. Erstaunlich ruhig, so dass er sogar das Fenster zur Straße hin öffnet. Das Blattwerk der Stadtbäume färbt sich langsam bräunlich. Ein kühles Lüftchen umfängt ihn nun am Schreibtisch. Er sitzt wie immer an den Wochenenden am Laptop, bloggt, schreibt einen Beitrag und surft zu dem ein oder anderen Begriff oder Thema im Internet – was ihm eben so in den Sinn kommt. Die Deutsche Fußballnationalmannschaft gewann gegen die Ukraine in Kiew 2:1. So lala… Und sonst? Die Formel 1-Boliden rasen nachher über den Nürburgring. War auch schon mal spannender. B. M. erhebt sich und schließt das Fenster. In T-Shirt und Boxershorts eindeutig zu kühl bei offenem Fenster. Gespenstisch immer noch die Sonntagsruhe. Nur dann und wann ein Fußgänger. Mal mit und mal ohne Hund. Ein schöner Morgen. Die Sonne lugt zwischen Bäumen und Hausfassaden hervor, fabriziert schöne Schattenwürfe auf der gekalkten Zimmerwand. Zurück am Schreibtisch stöbert er weiter durch die Nachrichten. Aber er entdeckt nichts, das ihn interessiert, nichts, das ihn inspiriert. Sperrstunde in Berlin. Na und? Damals, als er noch die Nächte durchzechte, hätte es ihn gewurmt. Doch die Zeiten liegen hinter ihm, lange schon.
B. M. füllt am Kühlschrank das Trinkglas nach. 2/3 Chardonnay + 1/3 Cola Zero. Seit Jahren trinkt er diese Mischung zuhause, wechselweise Bier.
Langsam sollte er sich einen Beitrag für sein Blog überlegen. Er weicht ungern von dieser Gewohnheit ab. Einerseits zum Zeit totschlagen, aber er schreibt auch gern. Kann man auch mal einfach über nichts schreiben? fragt er sich. Er nimmt einen großen Schluck des gemixten Gesöffs. Blödsinn! Ganz und gar unmöglich! Inhaltsloses Schreiben – wieder eine seiner Schnapsideen…
Das Trinkglas muss nachgefüllt werden. Das Gesöff braucht ein Behältnis. Das Denken braucht Worte. B. M. kann sich nicht erinnern, mal nichts gedacht zu haben. Dabei muss es diesen Zeitpunkt gegeben haben, bevor er Sprechen lernte. Oder gibt es ein wortloses Denken – und er hat es nur verlernt?
Anders in der Malerei und Plastik: Farben und Formen tragen nicht per se Inhalte. Man kann einfach drauflos malen oder modellieren. Also, wenn man loslassen kann, sich einfach hingibt… ähnlich wie bei gutem Sex. B. M. blickt zur Staffelei, auf der seit Monaten ein unfertiges Bild steht. Worauf wartet er? Dass sich das Bild von alleine malt? … Später – das Bild läuft ihm nicht davon. Er will einen Blogbeitrag schreiben. Jeden Samstag und Sonntag schreibt er irgendwas für sein Blog. Nur im Urlaub weicht er von dieser Gewohnheit ab.
Der Vormittag schreitet voran. Er öffnet schon mal Word. Er antwortet auf ein paar Kommentare zu seinen letzten Blogeinträgen. Er füllt sein Glas nach. Er geht von Zimmer zu Zimmer. Er räumt das abgewaschene Geschirr von der Spüle ins Regal. Er hört die Kirchenglocken läuten. Er setzt sich und beginnt zu schreiben: „Ein ruhiger Sonntagmorgen im Single-Leben des B. M., vom Glockengeläut der nahen Kirche abgesehen…“


Die Zeit wiegt schwer

Auf alles, was existiert, prasselt die Zeit ein, bis das Ding oder das Lebewesen ihr erliegt. Die Zeit zermürbt/erdrückt. Man wird sie nicht los, und ständig kommt neue Zeit hinzu. Viele Menschen fragen: „Wo ist die Zeit nur hin?“ Aber das ist falsch. Ich spüre die Jahrzehnte auf meinem Buckel – gleich einem riesigen unsichtbaren Rucksack, den ich ständig mit mir herumschleppe, und der von Jahr zu Jahr schwerer wird. Die Zeit ist nicht weg. (Schön wär`s.)
Als junger Mensch spürt man die Last der Zeit noch nicht, und wünscht sich gar, dass sie schneller vergeht, um endlich den Führerschein machen zu dürfen oder sich von den Eltern nichts mehr sagen lassen zu müssen. Die ersten vier Jahrzehnte nimmt man wie ein Hürdenläufer und merkt immer noch nicht viel…
Es ist falsch ausgedrückt, dass die Zeit vergeht. Andersherum ist es richtiger: sie kommt ständig hinzu. Frontal. Oft brutal. Sie hört keinen Moment auf. Die Zeit bringt, was sie bringt. Wir nennen es Schicksal. Die Menschen ersannen tausenderlei Methoden, um dem zu entgehen, was unweigerlich auf sie zukommt. Es ist nichts anderes als Zeitkosmetik. Oft eine lächerliche Fassade. Clowneskes Getue. Niemand hält die Zeit auf, wir alle erliegen ihr früher oder später. Und bis es so weit ist, schleifen/tragen wir diesen riesigen Sack voller Zeit durchs Leben. Darum der Frieden und die Erleichterung, den ich oft in den Gesichtern von Verstorbenen wahrnahm. Es sah wirklich so aus, als wären sie eine Riesenlast losgeworden…
Trotzdem hängen wir in aller Regel am Leben und sehnen den Tod nicht herbei. Zum Leben verdammt. Jedes Lebewesen erfüllt einen Plan, der nicht in Frage zu stellen ist. Wer trotzdem fragt, der hat ein Problem. So sind wir Menschen – durch irgendeinen Kurzschluss im Denken fragen wir nach Sinn und Zweck der Veranstaltung, die wir Dasein nennen. So begann es mit der Spiritualität, der Philosophie und den Religionen. Letztlich auch alles Kosmetik bzw. eine Sache des Glaubens. Wer feste glaubt, muss sich weniger der Realität stellen. Wer steht schon gern sein Leben lang im Regen? Wir alle sind auf der Suche nach einem Unterschlupf, einem Hafen…

Zurück zum Phänomen Zeit: Hier und jetzt: Der Sonntag plätschert wie eine lauwarme Dusche auf mich nieder. Ich sehe eine Woche Homeoffice auf mich zukommen. Nicht wirklich aufbauend. Ich werde mich durchschleppen. Hauptsache das Lächeln nicht verlieren. Weil ich noch von Liebe träume. Liebe ist sowas wie eine Antischwerkraft, welche alles leichter macht.

 

De Bärn is g`schält

UFF! Die Maschine funktionierte meines Erachtens ganz gut. Allerdings fehlen mir die Vergleichswerte. Das letzte Mal, dass ich mir selbst an den Haarschopf ging, liegt viele Jahre zurück. Bei kurzen Haaren geht`s auch mal ohne Frisör. Etwas Sorge hatte ich aber schon, als ich loslegte. Was, wenn der Haarschneider mittendrin den Geist aufgibt? Oder ich mich in einem Anfall von Blödsinnigkeit mit dem Längenaufsatz vertue? Drum machte ich es lieber gleich heute Morgen nüchterner weise.

Gerade lugt die Sonne hervor. Bestimmt wurde sie neugierig und will kurz mal einen Blick auf meine Kopfmatte werfen… Und? – Sie grinst.
Gestern Nachmittag wurden die Wolkenlöcher immer rarer. Der Paketbote kam erst gegen Drei, und danach schiffte es ziemlich lange. War nichts mehr mit Park. Aprilwetter. Auch heute. Ich erwarte nicht viel vom Tag. Die Waschmaschine läuft. Der ganz normale Sonntagsblues. Yeah!

 

Eine Frage des Maßstabs

Kurz überlegte ich, ob ich mir die Zeit damit vertreiben will, Anagramme aus dem Wort Corona zu bilden. Nach ein paar Versuchen ließ ich es bleiben. Da kommt nichts Gescheites bei rum. Vielleicht was für eine Klositzung… Da ist er wieder der Tiger, der unruhig im Käfig hin und her tapst. Ich blicke durch die Gitterstäbe auf einen ausnehmend schönen Frühlingstag. Die Bäume schlagen aus… In den Parks werden sicher viele Polizeistreifen unterwegs sein, um bei zu großen Menschenansammlungen, die Leute nach Hause zu schicken. Mich würde interessieren, welchen Maßstab sie dabei anlegen. Nach Sympathie? Oder sagen sie: Das sind uns zu viele an einem Ort? Oder gehen sie mit dem Zollstock über die Wiesen und messen nach, ob der Mindestabstand eingehalten wird?
Nun, ich werde sehen. Nichts wird mich davon abhalten, für ein Stündchen das Haus zu verlassen, um das schöne Wetter zu genießen.

Fürs Büro kaufte ich mir ein kleines Digitalradio. Vielleicht kann ich damit ein wenig gegen die Öde der Arbeit angehen. Mir ist zurzeit so gar nicht danach, stundenlang Tumorfälle abzuarbeiten, dazu alleine im Zimmer. Auch wenn ich ganz gut im Däumchen drehen bin – das ist noch mehr Käfig, als ich es schon zuhause empfinde.

Mein Lieblings-Arschloch-Pole, der in der 1. Etage wohnt, macht fast jeden Abend höllisch Party. Gut, dass er nicht direkt über mir wohnt, sondern auf der anderen Seite des Treppenhauses… Ich würde ausflippen. Ich höre, wie seine direkten Nachbarn an die Wand und an seine Türe klopfen. Der Typ ist ätzend, und seit er eine Frau bei sich hat, kreischen sie beide wie blöde im Wodkarausch herum… (Nein, ich bin nicht neidisch. Auch wenn ich gerne einen trinke, schätze ich mich als etwas zivilisierter ein.) Ich gehe ihm aus dem Weg, wo ich kann. Begegnungen beim Nahkauf oder im Treppenhaus (und am Hauseingang) lassen sich leider nicht ganz vermeiden. Da halte ich dann völlig freiwillig viel Abstand.
Man kann sich seine Mitmenschen nicht aussuchen. In Zeiten des Mietwuchers auch nicht seine Wohnung. Und was den Job angeht, muss man froh sein, dass man einen hat, um sich Miete und Bier leisten zu können…
Schätze, dass ich`s noch ganz gut erwischte.

 

Glückshammelei

Meine Lieblingsparkbank war besetzt, und so musste ich umdisponieren. Es sollte auf jeden Fall ein Sonnenplatz sein. Den fand ich nach kurzem Umschauen auch. Eine Rundbank um einen Baum bot sich an. Keine Ahnung, warum da niemand saß, denn es ist einer der schönsten Plätze des Parks mit Blick auf den Teich und die Hausfassaden gegenüber. Oft treffen sich dort Teenager oder arabischstämmige Großfamilien mit allerlei Picknickgedöns und Wasserpfeifen. Ich bin halt in manchen Dingen ein Glückshammel, in anderen dagegen weniger (– aber das ist hier nicht das Thema). Ich ließ mich also nieder und öffnete die erste Flasche Radler. Wie gesagt schöner Ort. Mit meiner Lieblingsmusik im Ohr ließ ich den lieben Herrgott einen guten Mann sein. Ich wusste, dass es wahrscheinlich der vorerst letzte Sonnentag sein sollte. Sniff!

 

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Nelly-Sachs-Park


Die Waschmaschine rumpelt und quietscht vor sich hin. Aus dem Hintergrund von meinem  Lieblingsbluessender Aardvark (übersetzt: Erdferkel) aus Texas beschallt… Ich tippe quasi blind auf der Tastatur, nicht weil ich das besonders gut kann, sondern weil es inzwischen so düster ist, dass ich kaum noch die Buchstaben erkenne. Schon krass im Vergleich zu gestern. Schätze, dass ich den Sonntag bei Kerzenlicht in meiner Bude verbringen werde. Mir bleibt noch ein wenig Zeit zu überlegen, ob ich ein paar Tage unbezahlten Urlaub draufsattle, also bis Ostern, und wie ich`s meiner Chefin verklickern könnte – also im Fall des Falles. Ich fing gerade an, mich an diesen „Ausnahmezustand“ zuhause zu gewöhnen, putzte die ein oder andere Ecke der Wohnung, räumte dies und das auf… Nun wollte ich endlich das Bild auf meiner Staffelei weitermalen, das dort lediglich vorgezeichnet und mit wenigen ersten Pinselstrichen seit einem guten Vierteljahr verweilt. Ich lasse mich halt nicht gern drängen, auch nicht von mir selbst. Gut Ding braucht bekanntlich Weile. Seufz. Alles nicht so einfach. Nein, ich will nicht jammern! Weit gefehlt! Ich bin nur furchtbar empfindsam…, zur Neurasthenie neigend (wie viele Künstler).

 

Wo der Spaß aufhört

Gespenstische Sonntagsruhe. Vielleicht auch Einbildung. Viel schneller noch, als sich das Corona-Virus ausbreiten kann, nahm ein schwer zu beschreibendes ungutes Gefühl kollektiv Besitz von den Einwohnern der Stadt.
Wie immer tätigte ich gestern Mittag meinen Wochenendeinkauf. Viele luden ihre Einkaufswägen randvoll. Einige Regale waren tatsächlich leergeräumt. Als ich zum Wein kam, griff auch ich zu. Zwei Flaschen Müller-Thurgau statt der üblichen einen. Anschließend im Pub mit der Vernichtung meiner Gehirnzellen weitergemacht. Meine Lieblingsbeschäftigung. Neben mir an der Bar saß Rainer, ein siebzigjähriger Hüne aus Münster, dem die untere Zahnreihe fast komplett fehlte. Wir fanden schnell ins Gespräch über die Virus-Panik, das Altwerden, den Trottel Trump und die trottelige Welt im Ganzen. Er hatte ein wildes Leben hinter sich. Ein Alt-Achtundsechziger, der nicht total zum Spießer mutiert war. Wir witzelten über das Virus, was der Wirt so gar nicht lustig fand, denn der hatte einen dicken Hals. Ab Dienstag sollen alle Berliner Bars, Kneipen und Clubs schließen. (Heute las ich in den Internetnachrichten, dass es wohl schon ab sofort gilt.) Scheiße. Was mache ich den lieben langen Tag, wenn Berlins Kneipen dicht sind? Was für öde Wochen stehen mir bevor?! Das ist nun wirklich nicht mehr lustig! Am Ende geht der Wirt pleite, und mein gestriger Pub-Besuch war für alle Zeiten mein letzter… Und ich dachte, ich könnte den Weltuntergang im Pub oder in irgendeiner anderen Kneipe begießen… Das Leben ist hart.
Die Sonne lacht. Wenigstens sie hat den Humor noch nicht verloren. Gute alte Sonne. Trinkst du einen mit? Nachher auf der Parkbank. Ich kann dir ein paar Geschichten erzählen. Ja, aus meinem Leben. Mann o Mann. Wir Menschen sind schon… speziell.