In der Kupferkanne

Gegen Ende meiner kleinen Kiez-Tour zu meiner Hausbank landete ich in der Kupferkanne. Rose, die Wirtin (in ihrem früheren Leben Hebamme), war überrascht, mich zu sehen. Sie kennt mich seit Jahren nur als Mittagspausen-Gast. Ich wollte mal eine Abwechslung zum Pub, was ich Rose aber nicht sagte.
Ich fand gerade noch einen Platz an der Bar. Die Kneipe war gut gefüllt in Erwartung des Schlagerspiels „Hertha – Leipzig“. Warum nicht, dachte ich. Das Fußballspiel lief auf einem großen Flachbildschirm über dem Eingang. Ich freute mich für Rose und Necip, ihrem Mann, dass sie ein volles Haus hatten. Es wurde ein kurzweiliger Nachmittag, nicht nur wegen des Spiels (- nebenher antwortete ich auf Kommentare zu meinem aktuellen Beitrag „Toleranz“).
Necip servierte gratis frische Falafel-Bällchen auf einem Teller – wirklich sehr lecker! Ich fühlte mich gut umsorgt und blieb keine Minute auf dem Trockenen. Als mir ein Kerl, der sich vor mich an die Bar gezwängt hatte, ein Gespräch aufdrängen wollte, verdrehte Rose die Augen. Sie hatte Sorge, dass mich der Typ nerven könnte. Aber mir ging es ausgezeichnet. Auch wenn der Typ mir nicht ganz geheuer erschien. Immer wieder drehte er sich zu mir um und fragte, ob er auch nicht im Wege stünde, wobei er mich frech angrinste. Ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen, lachte und stieß mit ihm an. Seine Figur und kurzgeschorener runder Schädel erinnerten mich an Haseks Soldaten Schwejk. Ein gewisser Schwejk`scher Schalk saß ihm durchaus im Nacken – ich konnte nur nicht abschätzen, ob der gut- oder bösartig war. Er erklärte mir, dass er Leipzig den Sieg wünschte, schon weil seine Mama dort geboren wurde. Ich hatte keinen Favoriten, aber ich neige dazu, für den Underdog zu sein . Am Schluss stand es 1 : 2 aus Herthasicht. Ich hätte ihnen den Ausgleichstreffer in letzter Minute gegönnt, auch wenn es Leipzig gegenüber ungerecht gewesen wäre. Die Reihen lichteten sich in der Kupferkanne. Ein Blick auf die Uhr mahnte mich zum Aufbruch, denn ich wollte noch ein Paket abholen. Auch Schwejk schickte sich an zu zahlen.

Ich pflanzte mich auf mein Brompton und düste zum Spaeti in der Potsdamer Straße, wohin mir Hermes das Paket geliefert hatte. Vor ein paar Tagen überkam mich die Anwandlung, für meine nächsten Meisterwerke in Acryl schon mal die Keilrahmen zu bestellen. Sozusagen als Ansporn für die Weiterarbeit an dem vor einem Jahr angefangenen Bild, das geduldig auf der Staffelei ausharrt. Ich weiß, dass ich nur einen Anstoß brauche. Doch es muss der richtige sein. Alles hat seine Zeit. In der Kunst wie in der Liebe. So jedenfalls meine Philosophie. Eines Tages wird es fertig sein – der Titel ist es schon: „Taube, die aus dem Bild fliegt, in Puerto de Mogán“.


Mit welchem Ergebnis endete eigentlich das gestrige Spiel „Hertha gegen Stuttgart“?


Ich ging nicht wegen Fußball gucken ins Pub. Ich wollte meinen Wochenend-Einkauf mit einem Bierchen in Gesellschaft verknüpfen. Als ich ankam, waren noch nicht allzu viele Gäste anwesend. Edgar und Ingo saßen direkt an der Fensterfront, und ich nahm am Tisch daneben Platz. Ich lauschte ihrem Gespräch, wie man das eben so tut, wenn man für sich in der Kneipe sitzt und nichts anderes zu tun hat. Edgar ereiferte sich über die Fahrradfahrer, die ihn als Fußgänger belästigten und schon tausendmal fast umgefahren hatten. Die Fahrradfahrer seien im Verkehr die Schlimmsten, sagte er aufgeregt…, noch schlimmer als die SUVs. Da ich in der Stadt hauptsächlich per Bike unterwegs bin, konnte ich seine Aussagen nicht unkommentiert stehen lassen.  
„Das sagst du aus deiner Perspektive als Fußgänger und aufgrund deiner negativen Erfahrungen. Aber unter allen Verkehrsteilnehmern existiert Rücksichtslosigkeit, egal ob sie mit Auto, Fahrrad, Rollern oder als Fußgänger unterwegs sind.“
„Nein!“, beharrte Edgar hasserfüllt, “Die Fahrradfahrer sind die Schlimmsten!“
„Quatsch, Edgar, du bist doch viel zu klug für eine solch einseitig verengte Sichtweise…“
Aber Edgar hörte nicht auf, auf die Fahrradfahrer zu schimpfen: „Vor allem hier in Berlin!“ Ich merkte schnell, dass die Diskussion nur weiteren Unmut bei ihm hervorrief und ließ es gut sein. Irgendein fußballverrücktes Weib kreischte irre im Hintergrund. In den Tiefen des Pubs lief noch eine andere Fußballpartie. „Mein Gott! lachte ich, zu diesem Organ würde ich gern das Gesicht sehen.“ Wir grinsten. Das Pub hatte sich gefüllt. Die meisten kamen wegen dem Spiel „Hertha – Stuttgart“. Ich fühlte mich ein wenig deplatziert unter den Fußballkennern. Stuttgart führte schnell 1:0. Inzwischen war ich auf meinem Platz eingemauert von Gästen. Ich fühle mich ungern belagert, aber ich hielt an meinen obligatorischen drei Pils fest. Das dritte stürzte ich fast hinunter. „Die reißen es heute nicht mehr“, sagte ich zu meinem Sitznachbarn in Bezug auf die Hertha, und der nickte. Die Zeit schien stillzustehen, und meine Blase drückte.
Tief sog ich die kühle Herbstluft ein, als ich vorm Pub auf mein Fahrrad stieg und losdüste…, im Geiste Edgar umnietete und ausrief: „Hey! Kannst du nicht besser aufpassen!“


Stress ist nicht mein Ding

Zwei Kinofilme starten, die mich reizen: „1917“ ein Kriegsdrama, und „Mach dein Ding“ über Udo Lindenbergs Anfangszeiten. Die Streifen laufen sicher einige Wochen. Schön. Es wird irgendwann passen. Vielleicht schon dieses Wochenende – obwohl ich lieber warte, bis der erste Run vorüber ist.
Auf der Staffelei steht eine Leinwand, die sich langsam mit Farbe füllen soll, aber auch da mache ich mir keinen Stress. Stress war noch nie mein Ding. Am liebsten wäre ich als Pflanze auf die Welt gekommen. Zu einer Zeit, bevor der Mensch die Natur verhunzte. Ich wäre ein kleiner Apfelbaum, der verträumt in der Landschaft stünde…
Es gibt noch zwei mediale Ereignisse, die mich dieses Wochenende reizen: Das Spiel „Deutschland – Kroatien“ in der Hauptrunde der Handball-EM und „Bayern – Hertha“ Fußball Bundeliga Rückrunde. Als Alleinlebender guckt man immer nach ein paar Lichtpunkten im Alltag. Ablenkung halt.
Die Waschmaschine läuft. Mal nicht mit Schmutzwäsche. Ich färbe eine Strickjacke und ein paar T-Shirts um und warte gespannt auf das Ergebnis. Noch eine halbe Stunde.
Strahlend blauer Himmel beim Blick aus dem Fenster. Ich atme das Licht ein.

Hertha – BVB (15 Uhr 30) !

Klinsmann bei Hertha! Wie kam denn das zustande? Zu wenig Bodenhaftung in Kalifornien? Oder zu viel Waldbrände?
Wie auch immer. Die entscheidende Frage ist: Wird der Klinsi-Effekt bei Hertha funktionieren wie ehemals bei der Nationalelf?
Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass Klinsmann Hertha ein paar Tabellenplätze nach oben bringen kann. Schon allein deswegen, weil die Welt durch und durch fraktal ist… selbst beim Fußball.
Wir werden sehen.

Parasite

Irgendwer hat über Nacht den Himmel geputzt. Strahlendes Blau statt grauer Wolkensuppe. Die Sonne steht so tief, dass ich nur ihre Reflexionen im Herbstlaub und in den Fenstern sehe. Als ich das Fenster zum Lüften öffne, fröstelt es mich. Ich lasse die kalte Morgenluft in meine Bude, die sich sogleich gen Boden senkt und durch die Räume kriecht. Ich reibe meine nackten Glieder. Bald bin ich wieder am ganzen Körper käsig. Und: alt werde ich. Treffe ich zufällig auf mein Spiegelbild, erschrecke ich… Gestern z.B., als ich in den Potsdamer Platz Arkaden an einer Bar saß und mich im Spirituosenregal spiegelte. Ich legte meine Stirn in Falten, ebenso das Gesicht im Spiegel. Mist! Da ich mir den Tag nicht verderben wollte, lenkte ich meinen Blick auf die TV-Bildschirme an der Wand, auf denen Fußball lief. Bundesligakonferenz. Augsburg – SC Paderborn und Union Berlin – Mainz 05. Ich musste noch etwas Zeit totschlagen bis zum Kinofilm. Eingekauft hatte ich schon. Alles war somit für diesen Tag in Sack und Tüten.

Ehrlich gesagt hatte ich mir etwas mehr von „Parasite“ erwartet. Vielleicht lag es aber auch an meiner Verfassung, dass mir der Film etwas zu lang wurde. Nett gemacht war er jedenfalls und auch gut in Szene gesetzt. Zum einen die Schmarotzer-Familie, die auch bildlich „ganz unten“ bzw. „im Keller“ lebt, zum anderen die Upperclass-Familie in ihrer modernistischen Villa. Durch eine glückliche Fügung des Schicksals gelingt es der Schmarotzer-Familie, sich in der Villa breit zu machen… als Hauslehrer, Kindermädchen, Hausdame und Chauffeur. So weit so gut. Danach kippt die Sozialkomödie zunehmend ins Absurde und gipfelt schließlich in einer blutigen Katastrophe. Streckenweise sehr konfus. Ich kam nicht immer hinterher. Besonders gegen Ende.
Fazit: Viele Menschen müssen ein Leben als Schmarotzer/Parasiten führen, verkriechen und verstecken sich, müssen lügen und betrügen, um auch etwas vom Kuchen abzubekommen. Dabei verkaufen sie sich an die privilegierte Klasse und entwickeln dabei nach und nach einen Widerwillen und Hass gegen jene, bei denen sie sich einnisteten (oder gegen jene, die in ihre Welt einbrechen und ihr relativ gesichertes „Parasiten-Keller-Dasein“ bedrohen).
Meine abschließende Erkenntnis ist, dass sie, Wirtsfamilie und Parasiten, alle gleich bescheuert sind.
Ich halte den Menschen per se für einen Parasiten. Er beutet die Erde bis zum Letzten aus. Er spielt sich als Hausherr in einer „Villa“ auf, die ihm nie gehörte und auch nie gehören wird.

Spannung

DHL bietet neu an, dass sie zusätzlich abends liefern. Allerdings muss man dafür knapp 3 Euro blechen. Na gut, dachte ich, einen guten Service lasse ich mir gern was kosten. Mal ausprobieren. Ich erwarte gerade ein Päckchen. Gestern sollte es zwischen 18 und 21 Uhr geliefert werden. Ich freute mich darauf und wartete. Wer nicht kam, war der DHL-Bote.
Bin gespannt, wie`s weitergeht. In der Sendungsverfolgung sind die Angaben irreführend. Da steht immer noch, dass sie das Päckchen am Abend liefern wollen. Doch das galt nach meiner Wunsch-Eingabe nur für den 06.09., und heute ist der 07.09., wenn ich mich nicht irre. Auch wollte ich den heutigen Abend nicht unbedingt zuhause verbringen. Ich könnte mal wieder ins Kino gehen. Vorher in den Potsdamer Platz Arcaden einkaufen und ein paar Bier süffeln. Mit dem Biergartenwetter ist langsam aber sicher Schluss. Ade geliebte Biergärten! Ade kurze Hosen! Das Leben ist hart.

War wohl ein Satz mit X das Spiel der Deutschen National Elf gegen die Niederlande gestern Abend. Beim Warten auf den DHL-Boten schlief ich ein und erwachte erst wieder Mitternacht. Okay, da habe ich also nicht viel verpasst. Wenn man alleine lebt, verfolgt man ganz gerne solche Sportevents. Ich bin kein Fußballfan und auch kein Tennis-, Leichtathletik- oder Motorsportfan, aber ich ziehe mir das Zeug trotzdem rein, vor allem die internationalen Wettbewerbe. Wahrscheinlich geht`s um Ablenkung und unangestrengtes Zeittotschlagen. Dazu die Ästhetik des Sports, die Spannung und der Kampfgeist. Dass ich mich als Deutscher über deutsche Siege freue und mich ein wenig gräme, wenn die deutschen Sportasse verlieren, kann und will ich nicht leugnen. In jedem von uns steckt ein kleiner Nationalist. Es geht um die Identität in Sprache, Kultur und Heimat – eine ganz normale Sache überall auf der Welt. Mensch wäre aber nicht Mensch, wenn er es nicht übertreiben würde. Was soll dieser übertriebene Patriotismus im Lande? Was treibt manche Menschen zu den Islamisten? Und wie kommt man zu den Ultras, den fanatischen Fußballfans? Warum müssen diese Arschlöcher immer wieder das friedliche Miteinander stören? Echt, ich könnte zum Extremisten gegen den Extremismus werden!

Bei aller Lust an der Spannung, wann DHL das Päckchen liefern wird, bereue ich inzwischen, dass ich die neu angebotene Abendlieferung wählte. Scheiß auf die 3 Euro Kosten – ich mag`s nicht, wenn man mich an der Nase herumführt! Sowas nehme ich persönlich!! Am liebsten würde ich eine Bombe in diesen verkackten DHL- und Postladen schmeißen! Oder viel besser: Ich schicke ihnen die Bombe!
Man muss diesen Armleuchtern doch mal zeigen, wo der Hammer hängt! Meint Ihr nicht auch?

Blablabla

Was ich witzig an Löws Analyse zum desolaten Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der Fußball WM 2018 finde, ist, dass ich auf die Grundaussagen, die er aktuell traf, als relativer Fußball Laie bereits kam, als die Deutschen noch im Turnier waren. Nichts als Blablabla von ihm.
Okay, wenigstens angestrengt haben sie sich gestern gegen den Weltmeister Frankreich. Sollte eigentlich selbstverständlich sein, bei dem horrenden Salär, das die Fußball Stars erhalten.
Stimmt, Fußball interessiert mich gar nicht besonders. Aber ich sehe doch einiges, was sich prima auf andere Gesellschaftsbereiche übertragen lässt. Ich schaue mir den Käse an, weil er exemplarisch für die gesamte Schieflage in unserer Republik ist (und weil ich nichts besseres zu tun habe). Ich meine nicht nur die Schieflage, dass das Geld stets hin zu den Reichen fließt, und die Armen weiter ausgebeutet werden. Was mir ebenso bitter aufstößt, sind diese blöden Analysen und Sprüche, die von den Verantwortlichen abgesondert werden – das ganze Blablabla. Niemand redet mal Tacheles, weil ein jeder an seinem Pöstchen klebt. Unsere Bundeskanzlerin ist darin Spitzenreiterin. Aber die anderen Politiker liefern auch jede Menge Verdummungsgeschwätz ab. Bestimmt glauben viele selbst dran, was sie da an Blablabla unters Volk bringen. Sie müssen dran glauben, oder sie gehen seelisch vor die Hunde. Ich gehe halt mal davon aus, dass jeder Mensch eine Seele hat, selbst Politiker, Funktionäre und Banker.
Der Jogi kommt ja bei vielen gut an, besonders bei Frauen. Kann mir mal jemand verraten, warum? (Ist es sein Dackelblick?)
Auch die Merkel hat einen Schlag bei… ich weiß nicht. Ich weiß es nicht. Bei wem nur??
Nun lief mal wieder ein Aufschrei durch die Republik, als sich in Chemnitz der Mob sammelte und von extrem Rechten und Neonazis angeführt seinen Ausländerhass herausschrie. Anlass war ein Tötungsdelikt am Rande eines Stadtfestes. Als Täter wurden Ausländer verdächtigt. Kann ja sein. Jeden Tag passieren in Deutschland abscheuliche Verbrechen von Einheimischen und eben auch von Ausländern. Der Mob zog also unter dem Deckmantel eines Trauermarsches durch Chemnitz und betrieb Hetze gegen Ausländer, verbal und… Ich war nicht dabei und weiß nicht, ob es zu regelrechten Hetzjagden gegen fremdländisch aussehende Mitbürger kam. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Schritt dahin nur ein kleiner war. Immer mehr Stimmen machen sich breit, die sagen, dass es keine Hetzjagden gab. Dann vielleicht das nächste Mal? frage ich mich. Und was höre ich dazu über die Medien, in TV-Diskussionen etc.? Blablabla. Für mich ist schon lange klar, dass es in Deutschland eine latente Fremdenfeindlichkeit gepaart mit Rassismus und Antisemitismus gibt. Das ist keine fuckin` neue Erscheinung. Dieses krude rechte Gedankengut war zu allen Zeiten auch in der Mitte der Gesellschaft vertreten – man musste bei der ein oder anderen Stammtischdiskussion nur mal genau hinhören. AfD und Pegida schöpfen lediglich aus einem bereits vorhandenen Potential. Und im Osten haben sie aufgrund des dort teilweise immer noch vorherrschenden Minderwertigkeitskomplexes am meisten Erfolg.
Eigentlich sind die Zusammenhänge ganz einfach. Dazu muss man keine Experten und (fragwürdigen) Statistiken bemühen. Man muss sich dort, wo man lebt, nur mal umgucken… Die Hässlichkeit vieler menschlichen Umtriebe springt jedenfalls mir direkt ins Auge. Ich mache da keine Unterschiede zwischen rechts oder links, zwischen Deutschen und Ausländern. Wenn ich nur mal hier in Berlin die Machenschaften der arabischen Clans betrachte, wird mir ganz anders… Aber deswegen empfinde ich nicht automatisch eine Abneigung gegen alle Ausländer, Migranten oder Flüchtlinge.
Oder um auf den Fußball zurückzukommen: Wenn ein Spieler mit ausländischer Herkunft ein Tor schießt, ist er verdammt schnell integriert. Auf der anderen Seite: Wenn ein gut integrierter Ausländer auf dem Platz versagt, ergießt sich verbal-rassistische Hetze über ihn. So einfach sind wir Menschen gestrickt. Nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt.

Nicht von dieser Welt

Wie ein Tiger im Käfig wandere ich zwischen dem Kochtopf mit den Pellkartoffeln und der Staffelei hin und her. Zwischendurch beantworte ich ein paar Blog-Kommentare. Ich kriegte gar nicht mit, dass die Waschmaschine inzwischen ihre Arbeit beendete. Schön, dann kann ich die Wäsche aufhängen. Aber erst die Pellkartoffeln von der Herdplatte nehmen und das Wasser abgießen. Dann zurück zur Staffelei und ein paar Pinselstriche. Keine neuerlichen Antworten auf den Blogs. Das Bloggen sollte nicht in Stress ausarten. Wie sieht`s eigentlich draußen aus? Gar nicht so übel, soweit ich es überschauen kann. Der grüne Ferrari steht etwas abseits. Ich erblicke ihn gerade noch aus dem Augenwinkel. Parkplätze sind rar. Keine Ahnung, warum er sich nicht einfach wie sonst auf dem Gehsteig vor meinem Fenster platzierte. Wahrscheinlich macht er das nur, wenn sonst nichts frei ist. Klar! Meinen hellsten Verstand habe ich heute nicht gerade eingeschaltet. Muss auch nicht immer sein. Wenn ich nur mal an diese Fußball-Geschichte denke. Echt anstrengend für die paar grauen Zellen, die mir noch verblieben. Bin ich ein Nationalist, wenn ich mir im Rahmen einer Weltmeisterschaft wünsche, dass die Deutschen siegen? Scheiße – mit dieser Frage habe ich mir ein Ei gelegt. Dazu müsste man erstmal die Geschichte und die Ausprägungen von Nationalismus erörtern. Wo kommt er her, und wo geht er hin? Von mir aus könnte er aus der Welt verschwinden, aber das ist utopisch. So utopisch wie…, dass nächste Woche eine Alien-Delegation bei mir vorbeischaut. Ich stelle mir das so vor:
Es ist Montag früh, so gegen Fünf, ich sitze am Computer, da klingelt es plötzlich. Wahnsinn, die Aliens entdeckten mich! schießt es mir in den Kopf. Ich mache ihnen auf, und sie lassen sich nicht lange bitten, fläzten sich aufs Sofa. Es sind drei. Kein Problem zu erkennen, dass sie nicht von dieser Welt sind. Der in der Mitte quatscht mich an. Erst auf Chinesisch, aber er merkt schnell, dass die Voreinstellung seines Übersetzungsprogramms falsch war und korrigiert es.
„Hast du noch von deinen Pellkartoffeln?“, fragt er. Er wählte die Stimme von Martin Semmelrogge.
„Klar Mann“, antworte ich, „ich habe die eineinhalb Kilo gestern nicht ganz geschafft. Wohl hungrig nach der langen Reise?“
Original Gelächter von Seiten der Aliens auf dem Sofa. Es hört sich in etwa so an, wie wenn ich furze. Ich nippe an meinem morgendlichen Longdrink und bin mir nicht mehr sicher, ob ich über ihre Gesellschaft glücklich sein soll. Ich träumte schon immer von einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Die Menschheit kann doch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten. Irgendwo in den unendlichen Weiten des Alls muss es Intelligenzen geben, die alles aus einem anderem Blickwinkel betrachten, die Wirklichkeit ganz anders erfassen…
Vielleicht funktioniert ihr Raumschiff mittels Pellkartoffeln.
Während ich meinen Gedanken nachhänge, steht der Mittlere auf und geht zum Pellkartoffeltopf.
„Deine Kartoffeln bringen`s nicht! Abmarsch Leute!“ tönt die Stimme von Martin Semmelrogge aus der Küche. „Hey, wartet doch mal… Ich hätte da ein paar Fragen!“ rufe ich ihnen nach, aber ich sehe sie nur noch von hinten. Also renne ich zum Fenster. Tatsächlich steigen sie in den grünen Ferrari und heben ab! Mann o Mann! Das ist der Hit!

Nein, außer mir will niemand meine Pellkartoffeln, nicht mal Aliens. Gut, dann habe ich sie wenigstens für mich allein. Sie sollten drei Tage reichen. Was macht man mit einem angebrochenen Sonntag? Über Nationalismus nachdenken? Scheiße, da sollte es doch besseres geben.

Rührei in der Mikrowelle

Man kann eine Menge machen im Leben, z.B. Rührei in der Mikrowelle. Da unser Büro unweit der Kaffeeküche liegt, kriege ich solcherlei Ereignisse am Rande mit. Der junge Kollege mit den strahlenden Augen erklärt das Rezept. Er ist ein großer schlaksiger Kerl, ein echter Sonnenschein mit tiefer sonorer Stimme. Regelmäßig veranlasst er die Hühner zu Lachtiraden. Alle mögen ihn. Er gehört zu den Menschen, denen man schwer was krummnehmen kann. Wenn er die nötige Kohle hätte, würde er ein Fitnessstudio aufmachen, erzählte er, das sei sein Traum. Wenigstens hat er einen Traum…, dachte ich bei mir, – beneidenswert. Was man nicht alles macht. Vor ein paar Jahren hatte ich null Ahnung von Tumordokumentation, und nun verbringe ich wöchentlich 40 Stunden damit. Hätte ich wie mein junger Kollege einen Traum, würde es mir vielleicht nicht so schwerfallen. Wirklich, ich kann mir keinen Traumjob vorstellen. Mein beruflicher Ehrgeiz hält sich somit stark in Grenzen. Immerhin mache ich mit der Tumordokumentation was halbwegs Sinnvolles. Oder? Meiner Kollegin und mir kommt es immer häufiger so vor, als ob wir ohne Sinn und Verstand die Daten ins Dokumentationssystem kloppen. Das zugrundeliegende Konzept erscheint mir verworren und unzureichend durchdacht. Politischer Aktionismus? Mehr Schein als Sein? Hat überhaupt jemand den Durchblick – Krankenkassen, Ärztekammer, Senat? Die Onkologischen Zentren? – Unglaublich, wie viele Organisationen und Parteien involviert sind. Man kann nur hoffen, dass in den Leitungsebenen sehr gescheite Köpfe sitzen. Unsere Arbeit wird schon von Nutzen sein, sonst würde doch nicht solch ein Aufwand betrieben werden…
Das Wochenende steht wie immer im Zeichen des Blues. Jetzt nicht mehr über den Job nachdenken. Morgen geht`s bereits wieder ran an die Buletten. Tausende Tumorfälle warten in den Stahlschränken.

Die Fußball WM lief an. Heute Deutschland gegen Mexiko. Der Fußball bedeutet etwas Ablenkung – von der Arbeit, vom Schwarzen Hund, von allem. Ich glaube, es geht nicht nur mir so. Die Kneipen und Pubs voller Leute. Und ich mittendrin. Mal sehen, – weil zu voll mag ich es nicht. Vielleicht besser im Biergarten. Dort bauten sie eine Leinwand auf. Das Wetter scheint auch zu passen. Nur kein Stress. Notfalls schaue ich mir das Drama zuhause auf der Couch an. Nach den jüngst abgelieferten Leistungen der Deutschen Mannschaft bei den zwei Testspielen, bin ich einigermaßen besorgt. Ein Tipp fällt mir schwer. Aber Löw wird schon wissen, was er tut. Oder? Wie stark ist Mexiko? Das Ballspiel hat dort eine lange Tradition… noch aus Zeiten der Mayas. Aber natürlich hat der moderne Fußball mit den damaligen Bräuchen gar nichts zu tun. Heute steht der Spaß im Vordergrund. Na ja, und das Geld. Bei solch internationalen Turnieren auch Völkerverständigung. Ein Spiel erobert für vier Wochen die Welt. Selbst der ein oder andere Fußballignorant wird von der Stimmung mitgerissen. Das rätselhafte Wesen Mensch findet sich affenmäßig zusammen, um auf einen Bildschirm zu glotzen, wo zwei Mannschaften auf einem Spielfeld 90 Minuten lang einem Ball nachjagen, welchen sie nach gewissen Regeln in den Kasten des Gegners befördern müssen. Oder so ähnlich. Was man nicht alles macht. Mehr oder weniger leidenschaftlich. Wie Rührei in der Mikrowelle…

Der Hammer!

Anpfiff 20 Uhr 45. Das Kneipenevent des Tages. Bayern München kickt im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid. Also haltet bis dahin den Ball flach, Männer, nicht dass ihr bereits vorher breit seid…, heute am 1. Mai.
Die Königlichen im Duell mit den Bayern, deren Tugend auch nicht gerade Bescheidenheit ist. Da sie das erste Spiel vergeigten, sind die Bayern in Zugzwang. Und das nicht in der heimischen Allianz Arena*, sondern im Santiago-Bernabéu-Stadion in Madrid.
Ich denke, dass Ronaldo & Co die Bayern schlagen. Wäre es nicht wunderbar, die betretenen Gesichter von Hoeneß und Rummenigge auf der Tribüne zu sichten? Sind doch arrogante Wichser allesamt… Freilich, dieser Ronaldo hat auch nicht alle Tassen im Schrank, und dazu diese Romika-Fresse – reintreten und wohlfühlen! Trotzdem, er ist ein Original, ein Alien, ein erwachsenes Kind, ein Floh im Bart Gottes, – geradewegs einem Comic entsprungen… Ich könnte mit ihm klarkommen, wenn er mir ein paar Millionen seines Vermögens überließe. Har-har-har.
Ronaldo, du Hengst, ziehe den Bayern die Lederhosen aus! Du schaffst das. Ganz allein! Und danach reißt du dir dein T-Shirt vom Leib und zeigst uns bierbauchigen, degenerierten Säufern in Berlin und sonst wo auf der Welt, wo der Hammer hängt. Jawohl-ja!

Verpasst auf keinen Fall dieses Hammerspiel! Haltet durch.

 

* Scheiße nochmal, wie kann man ein Fußballstadion nur nach einer Versicherung benennen?