Es war gestern und ist doch heute (18)

DAS BROT DES ALTERS

Die Jahre vergehen
Man bekommt krumme Zehen
Man wird müde, auch ein bisschen prüde
Die Rente ist karg
Die Ängste sind stark
Es gehen die Jahre, man sieht sich schon auf der Bahre
Ist unendlich träge
Demnächst kommt die Pflege
Die Eltern sind tot, man liegt im eigenen Kot
Es ist niemand da
Das ganze Leben…
Es ist irgendwie nicht wahr, wie es einst war
Die glücklichen Zeiten
Wie saftig waren damals die Weiden
Man liebte wie irre und war vom Leben ganz kirre
Aber die Jahre vergingen
Keine Macht kann sie wiederbringen
Man ist nur noch Last, das Leben ist Knast
Gewindelt, gefüttert
Von nichts mehr erschüttert
Doch das Ende kommt nicht, Leben ist Pflicht
Alles verging
Und man ist nur noch Ding
Der Geist wird dement, die Träume Zement
Wer schrieb dieses Buch?
Warum wird das Leben zum Fluch?
Ein Geschenk wär` der Tod
Wie für den Hungernden Brot

(20.10.2009)

New Year`s Day

Das neue Jahr beginnt wie das alte aufhörte: siffig. Ein Kerzentag + Feiertagsblues. Deutlich weniger Feuerwerksabfall auf Straße und Gehweg, zumindest auf den ersten Blick. Einige Berliner, die bösen Buben, ließen es trotz Böllerverbot krachen, so dass ich aufwachte, auch wegen dem Feierlärm meines „Lieblingspolen“ im Haus. Jedenfalls war der Krach nicht kriegsmäßig, und die Luft riecht wie normale großstädtische Morgenluft. Angenehme Nebeneffekte eines Verbotes – aus meiner Sicht. Trotzdem bin ich gegen solche usurpatorischen Verbote. Lasst doch den Bürgern ihre kleinen Freuden, Feiern und Freiheiten…, auch wenn sich dabei viele ins Koma saufen, die Hand wegschießen, ihre Bude abfackeln, oder sonstiger Unsinn angestellt wird. In Berlin verlasse ich aus Sicherheitsgründen am Silvesterabend lieber nicht das Haus. Ich mache dicht und warte bangend darauf, dass der Irrsinn, der von der Straße zu mir hereintönt, abebbt. Also diesmal wirklich ein entspannter Jahreswechsel – da hätte ich mich sogar vor die Tür getraut.
So weit so gut. Happy New Year!

Nun noch ein kleines Gedicht aus eigener Feder – besinnliches Kleinod zum Jahresanfang:

inzwischen (fast) Rollentausch

Silvestertag

Ähnlich siffig wie am Heiligabend. Rekordverdächtig mild für die Jahreszeit. Erkältungswetter hätte man früher gesagt – also vor Corona. Für die Arbeitnehmer lagen die Feiertage 2021 beschissen. Aber wenigstens ein verlängertes Wochenende springt am Ende heraus.
Außer Job und in der Bude hocken war nicht viel in diesem Jahr. Es machte „Wusch!“ und 2021 war vorbei. Silvester ist wie Weihnachten für mich schon lange kein Anlass mehr zum Feiern. Freilich würde ich mitfeiern, wenn ich irgendwo eingeladen wäre. Ansonsten feiere ich nach Lust und Laune und nicht, weil es traditionell verordnet ist.
Für 2022 habe ich mir nichts vorgenommen. Wenn man älter wird, kommt es nicht mehr so drauf an. Sich im tiefen Tal der Gelassenheit zur Ruhe betten. Das wäre das Beste. Unperfekt wie ich bin, klappt das mit der Gelassenheit nicht immer. Wahrscheinlich erwarte ich noch zu viel vom Leben.
Mal gespannt, was das nächste Jahr bringt. Ich freue mich auf positive Überraschungen.

Allen Bloggern und Lesern einen guten Rutsch!

  

Kompass

Schon immer galt für mich: lieber Belletristik als Fachliteratur und Lebensratgeber, lieber Mathematik als Naturwissenschaften, lieber Philosophie als Religion, lieber Bier als Cocktail (Ausnahmen betätigen die Regel), lieber Jeans als Anzugshosen, lieber T-Shirt als Hemd, lieber Freizeit als Arbeit, lieber Kunst als Deko, lieber Rock als Pop, lieber Hausmannskost als Dreisternekoch, lieber Kneipe als Club oder Disco, lieber selbst- als fremdbestimmt, lieber authentisch als künstlich, lieber Bukowski als Blümchengedichte, lieber Anarchie als Diktatur, lieber Fahrrad als Auto, lieber faul als fleißig, lieber Langeweile als ständig aktiv, lieber ein Arsch als immer politisch korrekt, lieber alleine als mit den falschen Leuten zusammen, lieber unscheinbar als im Rampenlicht, lieber in der Kneipe als in einer Gruppentherapie, lieber ein Zweifler als ein Ja-Sager, lieber ein guter Verlierer als ein Prahlhans, lieber bescheiden als protzig, lieber ohne Weihnachten als mit Weihnachten, lieber Sex unterm Weihnachtsbaum als die Bescherung, lieber dumm und ehrlich als übergescheit und verlogen, lieber barfuß als in Schuhen, lieber glücklich im Unglück als unglücklich im Glück, lieber an nichts glauben als an Gott etc.

Luftschnappen

Heute Montagssonne. Das ist erfreulich. Lädt zum Luftschnappen ein. Mit einer Flasche Roten in den Park gehen. Meine Lieblingsmusik in den Ohren. Oder einfach nur Berlin lauschen… Ach ja, und riechen, viel riechen.

Es wird eine kurze Arbeitswoche. Ein Bürotag umrahmt von zwei Homeofficetagen. Wahrscheinlich relativ entspannt. Viele haben Urlaub. Und alle befinden sich im Weihnachtsmodus. Außer mir. Ich tötete Weihnachten vor langer Zeit. Es existiert nicht mehr in meinem Herzen. Aber gut: Wer`s braucht. Leben und leben lassen. Vielleicht erinnern sich manche an die Weihnachtsbotschaft. Ich meine Nächstenliebe und so. Ein paar Tage Waffenstillstand – lach!

Ich darf nicht vergessen, mich mit Wodka, Wein und Bier einzudecken, damit ich über die Zeit komme. Sollte ich nicht vor mir herschieben. Nicht auf den letzten Drücker. Viele befürchten leere Regale. Es wäre eine Katastrophe, wenn das Arschwischpapier wieder ausginge… Aber vielleicht kann man sich über die Feiertage mit Geschenkpapier behelfen.

Schön, dass dieses Jahr bald rum ist, auch wenn es nicht danach aussieht, als würde 2022 besser. Abhaken! – wie schlechten Sex oder einen verkorksten Tag oder ein mieses Gedicht oder einen Kater nach einer durchzechten Nacht. Man muss es nehmen, wie`s kommt. Genug Larifari für heute. Die Sonne steht vor der Tür und wird langsam ungeduldig.

 

Bestimmt verfahren

So was kann passieren. Ein Tag ohne Licht. Das Heulen der U-Bahn im Ohr. Morgendlicher Blues. Die täglichen Nachrichten ertrage ich nicht mehr. Auf der Wodkaflasche das Emblem eines stattlichen Hirschs. Dafür, dass ich fast 6 Jahrzehnte im falschen Universum lebe, habe ich mich gut gehalten, denke ich und grinse innerlich. Ich meine, es könnte schlimmer sein. Es ist wie auf der Kirmes. Wenn man erstmal in der Achterbahn sitzt, gibt’s kein Zurück mehr. Okay, man kann sich krampfhaft festhalten, die Augen schließen und warten, bis es rum ist. Wieso haben die anderen eigentlich so viel Vergnügen daran? Was zum Teufel ist mit denen los?! – ich kann also nur falsch sein. Dieser Gedanke beruhigt mich etwas, denn ich will mich nicht unnormal fühlen. Falsch abgebogen oder falsch gelandet. So was kann schließlich passieren. Deswegen ist man noch lange nicht unnormal. Gott sei Dank sieht man mir das auch nicht an. (Oder doch?) Ich sehe im Großen und Ganzen aus wie alle anderen. Ich wollte nie auffallen. Lieber im Boden verschwinden. Intuitiv wusste ich schon immer, dass ich hier falsch war.
Der Tag ist noch in der ersten Runde. Sein Stoizismus überträgt sich auf mich. Er ist weder ein Sprinter noch ein Langstreckenläufer. Er kommt und geht. Tage sind Staffelläufer. Ich lasse mich fallen. Ich warte ab. Wie eine Spinne in einer Zimmerecke. Mit dem Unterschied, dass die dort genau richtig ist. Jedenfalls vermute ich es.

       

Das Experiment

Es kommt mir so vor, als würden die Bevölkerungen weltweit von ihren Regierungen einem Stresstest unterzogen. Ich fühle mich an die psychologischen Experimente an der UNI erinnert. Seiner Fantasie kann man dabei freien Lauf lassen. Die Experimental-Psychologie ist hochinteressant. Schon erstaunlich, wie leicht man Menschen täuschen kann, und was sie alles mit sich machen lassen. Umso geschickter der Versuchsaufbau, desto mehr Leute folgen ohne großes Hinterfragen dem Narrativ des Experimentators. Und wenn der dazu einen weißen Kittel trägt und den Eindruck eines Gelehrten macht, bettelt der Proband geradezu darum, die Katze im Sack zu kaufen.

„Das sich Anpullern lassen ist alternativlos“, tönt der Experimentator, und im Chor wiederholen Millionen Menschen: „Jawohl alternativlos!“
„Alle Menschen müssen sich anpullern lassen, wenn wir wieder unsere Freiheit zurückhaben wollen“, fährt der Experimentator fort, und wieder erschallen Millionen Stimmen: „Jawohl, alle müssen sich anpullern lassen – nur dann bekommen wir unsere Freiheit zurück!“
„Wer sich nicht anpullern lässt, ist ein Ketzer. Und was macht man mit Ketzern?“ ruft der Experimentator und lacht dämonisch. Unisono antworten die Massen: „Auf den Scheiterhaufen mit den Ketzern! Sie sind schuld an unserem Unglück! Sie stehlen uns die Freiheit!“
„So soll es geschehen. Das Volk hat gesprochen“, der Experimentator verbeugt sich und tritt ab.

Indes diskutiert die politische Elite Deutschlands über eine allgemeine Impfpflicht. Vor wenigen Monaten noch hatten sich die meisten gegen Impfplicht und Impfzwang ausgesprochen. Nun, dass Politiker Wendehälse sind, dürfte allseits bekannt sein. Sie richten sich nach dem, was populär ist, was der Zeitgeist ihnen gebietet. „Nehme nie einen Politiker beim Wort“, sagte schon der hochgeschätzte alte Philosoph Bonanzamargot.

„Aber ist denn eine allgemeine Impfpflicht überhaupt mit dem Grundgesetz vereinbar?“ hört man einige Stimmen vorsichtig und leise fragen.
„Was nicht passt, wird passend gemacht!“ lacht der Experimentator, der jetzt als regierungstreuer Jurist auftritt.
„Und wie wollen wir die Impfpflicht umsetzen?“ hört man wieder einige Simmen vorsichtig und leise fragen.
„Das lasst mal meine Sorge sein!“ sagt barsch der Experimentator in der Uniform eines hochdekorierten Generals.

Ich frage mich, gegen wen momentan Krieg geführt wird – gegen das Virus oder gegen die Bevölkerung, speziell gegen die Bevölkerungsgruppe der Ungeimpften.
Wobei ich behaupte, dass ein Krieg gegen Viren per se absurd ist.
Ich konnte die Lust des Menschen an Kriegen nie nachvollziehen. Wenn ein Krieg ausbricht, beteuern alle Parteien, dass sie keine Schuld daran haben. Alle verteidigen sich nur.
Na dann, ich trinke auf den Sieger. Das wird in jedem Fall das Virus sein.
Prost Corona!

Desperado

Die menschliche Psyche gewöhnt sich auch an unangenehme Lebenslagen, wenn Gefahr, Angst, Unterdrückung, Diskriminierung, Ausgrenzung und Fremdbestimmtheit kein Ende nehmen wollen. Als Kind floh ich in meine Spielewelt und konsumierte Massen von Süßigkeiten. Als Teenager entdeckte ich den Alkohol und die Kneipen. Noch heute trinke ich viel, aber nicht mehr exzessiv. Und nach wie vor gehe ich gern in die ein oder andere Kneipe, doch nicht täglich und schon lange nicht mehr „till the bitter end“. Es stimmt, dass im Alter die Getriebenheit nachlässt. Die Hörner stieß ich mir zur Genüge ab. Als junger Mann dachte ich jeden Tag, ich würde was verpassen, wenn ich nicht auf die Piste ging. Und meinen Kumpels ging es ebenso. Wir verabredeten uns, lungerten herum und tranken Bier. Unsere Hauptthemen waren Gott und die Welt, Saufen und Frauen. Vor allem Saufen und Frauen. Oder wir trafen uns zum Skat oder Billard. Genaugenommen wussten wir gar nicht, was wir wollten, Hauptsache Spaß haben. Nur nicht das Spießerleben unserer Eltern führen. Die Kneipe war unser Refugium. Was formulierte ehemals der olle Goethe? – „Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein.“ Das war unser Credo neben „leben und leben lassen“.
Während meine Kumpels einer nach dem anderen ins Spießerleben abrutschten (sie nannten es erwachsen werden), harrte ich in meinem selbstgewählten Desperadotum aus. Der Duktus der Leistungsgesellschaft war mir zuwider. Auch wenn ich einige Kompromisse im Zwischenmenschlichen und im Job eingehen musste, blieb ich innerlich ein Rebell. Meine Seele stand nicht zu Verkauf.
Ich gehörte nicht zu den Aufmüpfigen, die auf die Straße gingen, Parolen gegen das Establishment skandierten und Steine warfen. Das war nicht mein Ding. Die Maulhelden wollen sich immer nur selbst profilieren. Man muss sich nur mal die Lebenswege des ein oder anderen Politikers und Managers anschauen. Sie schliefen sich durch die Betten und Ideologien. Sie wissen immer genau, was sie wollen – nämlich oben stehen, egal in welchem System. Ihre Rücksichtslosigkeit verschleiern sie mit Worten wie Realpolitik, Alternativlosigkeit und Pragmatismus. Sie wollen am liebsten alle Menschen am Gängelband halten. Freiheit nur denen, die nach ihrer Pfeife tanzen.
Mit mir nicht.

    

Eine Fantasie, die an ihrem Ende ist

Ärgerliche Wolken schieben meine Träume beiseite. Ich schwächele. Der Dienstag schlägt den Montag tot, der Mittwoch den Dienstag, der Donnerstag den Mittwoch und der Freitag den Donnerstag. Heute ist Samstag. Der Wodka schmeckt immer gleich.
Worte fressen sich wie saurer Regen durch mein Herz. Ich kann ihnen nicht entweichen. Die Enttäuschung ist übermächtig. Ich schwächele.
Ich fliehe vor der Hilfe. Ich werde niemals ein Vogel sein. Und auch kein Fisch. Oder Eisbär.
Auf der Couch lasse ich meine Arschbacken tanzen.