Nichtstun als Lebensentwurf

Wochenende, und ich mache das, was ich am besten kann, nämlich Nichtstun. Das ist nicht unbedingt typisch deutsch. Ich weiß nicht, von wem ich es habe, von meinen Eltern sicher nicht. Die waren alles andere als faul. So weit ich mich erinnern kann, gaben sie sich nie dem Nichtstun hin. Meine Eltern waren fleißige, ordnungsliebende, brave und genügsame deutsche Bürger. Ich nehme an, dass sie nach den traumatischen Kriegserfahrungen, eine große Sehnsucht nach Ordnung und Normalität hatten. Dazu kam eine Erziehung im Dritten Reich, welche auf Zucht und Ordnung abhob. In vielen deutschen Haushalten ging es ähnlich zu wie in dem unseren. Das deutsche Spießertum erlebte seine Blütezeit…
Am Nichtstun fand ich schon damals großen Gefallen. Die Schule war mir bald verleidet. Sie gerierte sich zu einem Hort des Zwanges, Drucks und der Angst – Vorbereitung auf die lebenslange Tretmühle. Mein Nichtstun bekam schnell den Anstrich von Rebellion. Ich entwickelte für mich das Prinzip der minimalen Anstrengung und Verdeckung, um in diesem Umfeld nicht unterzugehen. Dieses Prinzip bewahrte ich mir bis heute, ein halbes Jahrhundert später. Denn an der Tretmühle hat sich kaum was geändert. Die Leistungsgesellschaft zeigt nach wie vor ihre hässliche und verlogene Fratze, wenn man ihr die Schminke abwischt. Von wegen sozial und menschlich… Die Angepassten leben heute wie gestern am besten. Wer dem nackten Kaiser die schönsten Kleider andichten kann, kommt am weitesten.
Aber gut. Es ist, wie es ist. Ich hänge meinen Gedanken nach… Ich folge meinem Prinzip und genieße das Nichtstun.

      

Es war gestern und ist doch heute (23)

Wüstennacht

Mir ist es scheißegal, ob ihr nachempfinden könnt, welche unendliche Kälte uns umgibt – nichts als Wüste, die seit 14 Milliarden Jahren auseinanderdriftet. Möglicherweise gibt es uns nur deshalb, weil gewisse Naturkonstanten zur richtigen Zeit miteinander poppten… Immerhin schenkten sie uns den Mond und Jesus – somit sind wir nicht ganz allein, wenn sich das Licht der Sterne in unseren einsamen Augen spiegelt. Ich wünsche mir eine laue Sommernacht mit einem halben Mond, der sich durch die Wolken mogelt, mit dem Zirpen der Zikaden und einem fernen Lagerfeuer, den Stimmen meiner Vorfahren, während ich mich im Schutze eines Busches zusammenkauere und den Schlaf erwarte. Meine Haut brennt noch von der Hölle des Tages. Die Erde kühlt, ich küsse sie, als wäre sie meine Geliebte…
Warum hat alles Grenzen? – die Masse der Sonne, der Erde, des Monds, des Elektrons – wir Menschen sind Künstler des Ausmessens von den Quanten bis zu den Galaxien. Wir sind zum Messen verflucht. Selbst Gott würden wir vermessen. Unser Land haben wir längst verkauft, unsere Seelen klammern sich verzweifelt an die Ahnung von Liebe. Wir sollten endlich die Wüste, die Leere um uns herum erkennen…
Wir sind eine Familie und sitzen gemeinsam auf dieser wunderbaren Erde – it`s our home. Wir erzählen uns Geschichten von guten und schlechten Zeiten. Bevor wir uns schlafen legen, küssen wir uns, küssen die Erde.
Unser blauer Planet verschwindet im Sonnensystem, im Staub der Milchstraße, hinter Galaxienhaufen, Dunkler Materie und… und… und 10 weiteren Dimensionen, die allesamt nicht dazu taugen, die Liebe zu erklären, das Sein zu erklären und uns Halt zu geben. Ich genieße die Nacht, sie beruhigt mich hier und jetzt. Noch spähe ich manchmal zu euch herüber zum Lagerfeuer, sehe eure dämonischen Schatten tanzen…

03.04.2003

It`s summertime

Meine Fahrradreise bereits long ago – ich erinnere mich dunkel: da war doch was.
30 Tage Urlaub auf ein Kalenderjahr verteilt sind definitiv zu wenig!

Im Job läuft alles wie gehabt. Homeoffice im Wechsel mit Bürotagen. Unzählige Tumorfälle warten darauf, von uns dokumentiert zu werden. Wem das nicht irgendwann aus dem Hals heraushängt – also, ich weiß nicht. Regulär muss ich noch bis 2029 durchhalten, um dann mit einer Niedrigrente in die Altersarmut zu starten. Vielleicht mit etwas Glück erlebe ich das nicht mehr – ich arbeite dran. Prost!
Oder ist das zu defätistisch?

Na ja, erstmal ist Wochenende. Ich gönne mir mal wieder ein verlängertes, den Montag dazu. It`s summertime in Berlin. Wäre ich ein paar Jahrzehnte jünger, würden meine Hormone durchdrehen. Ein einziger Augenschmaus, was einem da in den Parks und Biergärten vor die Linse kommt. Nun, nicht dass mich der Anblick hübscher Frauen heute völlig kalt lässt, aber ich verspüre nicht mehr diesen wahnsinnigen Druck.
Wollte ich nochmal jung sein?

Vorbei ist vorbei. Das Leben findet im Jetzt statt. Ich beziehe mein durchgeschwitztes Bett, höre Blues, trinke in aller Gemütsruhe Gin Tonic, lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Wo ist all das Erlebte hin? Fand es überhaupt statt? Einiges zeugt davon: Bilder, Postkarten und andere Objekte… Ich hole sie so gut wie nie hervor, ab und zu alte Gedichte. Fotos und Objekte zeigen mir lediglich die Vergänglichkeit. Worte dagegen können mich zeitlos anrühren. Sie verstauben nicht. Jedenfalls nicht in dem Maße wie andere Sachen dem Zerfall ausgesetzt sind.
Ich sollte mehr lesen.

Eine Minute reiht sich an die andere. Niemand weiß, wo die Minuten herkommen. Manchmal vergehen sie nicht schnell genug, z. B. während ich vorm Computerbildschirm sitze und Tumoren dokumentiere. Aber insgesamt gesehen vergehen die Minuten viel zu schnell.
Warum sitze ich hier plötzlich als alter Sack?!


Stelle dir vor…

Ich mag gedankliche Herausforderungen. Ich meine jetzt nicht unbedingt Schach oder andere strategische Spiele (oder Tumordokumentation), sondern die gedankliche Auseinandersetzung mit philosophischen/ethischen Fragestellungen. Auch das Aufwerfen eher kurioser Fragen und Gedankenansätzen macht mir Spaß. Ich verstand mich schon früh als einen „fragenden Menschen“. Eines meiner frühen Gedichte (1981) thematisierte dies. Mit diesem Gedicht identifiziere mich heute noch.

Ich weiß nicht, ob ich an das Konzept der Reinkarnation glauben will, wie es z. B. im Buddhismus gelehrt wird. Aber es erscheint mir nachvollziehbarer als das Narrativ von Himmel und Hölle des Christentums, und sympathischer als der materialistische Rationalisimus/Nihilismus, welcher ein wie auch immer geartetes „Leben nach dem Tod“ ganz und gar negiert.
Letztlich sage ich mir: Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung von dem, was nach meinem Tod kommt. Auch kann ich mich nicht an ein Leben vor dem jetzigen erinnern…
Manche aber schon – angeblich. Man kann darüber einiges lesen. Ich bin freilich nicht leichtgläubig, aber es gibt doch einige Geschichten, die mich faszinieren… Nicht alles kann erstunken und erlogen sein.

Okay, es gibt also nicht wenige Indizien, welche auf die Möglichkeit der Reinkarnation hindeuten. Was ich in diesem Zusammenhang nie verstand, wo die vielen „neuen Seelen“ herkommen bei der in den letzten 2 Jahrhunderten fast exponentiell wachsenden Weltbevölkerung. Vielleicht hat sich jemand mit der Reinkarnations-Theorie weitgehender auseinandergesetzt als ich und kann mir diese Frage beantworten. Einige andere Fragen hätte ich auch noch dazu.
(Interessant finde ich auch die vielen Berichte über Nahtoderfahrungen.)

Gestern guckte ich eine ziemlich lange Hitler-Doku auf Phoenix. Sehr interessant. Hitler war auch nur ein Mensch. Und unwillkürlich kam mir der Gedanke: „Stelle dir vor, du wärest die Reinkarnation Hitlers.“


Mensch und Mysterium

Das Mysterium des Lebens klopft bei mir regelmäßig an. Ich gerate in Zwiesprache mit der Absurdität des Daseins. Es ist ein existentielles Verlangen, das mich überwältigt… ähnlich wie das Verlangen nach Essen und Trinken, das Verlangen nach Liebe und Sex.
Was macht den Menschen aus? Sicher nicht allein die körperlichen Gelüste. Auch nicht der pure Spaß. Was ist Sex ohne Liebe und Leidenschaft? Was ist Essen und Trinken im Fast Food Restaurant? Warum gewöhnten wir uns an die Abwertung von Nahrungsmitteln in Supermärkten – greifen einfach ins Regal und füllen unsere Einkaufswägen? Und zuhause lassen wir uns von einer Spaßindustrie becircen: Computerspiele, Streaming-Dienste, 1000 TV-Programme, Werbesendungen ohne Sinn und Verstand…
Nein, nicht alle machen mit oder machen (wie ich) nicht bei allem mit – stellen kritische Fragen zum materialistischen und technokratischen Wahnsinn. Nicht alle wollen sich in Schablonen pressen lassen und funktionieren, wie es Zeitgeist und System vorsehen. Doch die Masse folgt blind den Rattenfängern. Die Menschen sind sattgefressen. Die Menschen sind satt von Konsum und Spaß. Die Menschen sind Sklaven des Hamsterrads (viele haben einfach Angst, den Halt zu verlieren)… Sie singen ihren Materialismus-Blues. Niemals haben sie Zeit. Sie hetzen durchs Leben als wäre es eine Schnitzeljagd.
Mir wird gesagt: Das Leben ist nun mal so. Du musst dich ihm stellen. Die Realität lässt sich nicht wegsaufen.  
Ich entgegne: Mag sein, dass das deine Realität ist – meine ist es nicht.
Mir wird gesagt: Du bist krank. Du bist Alkoholiker.
Ich entgegne: Es ist wahr, dass ich krank bin. Ich bin krank von euch und eurer Welt.
Mir wird gesagt: Du bist ein Egoist. Bringe dich ein in die Gesellschaft.
Ich entgegne: Ich glaube, mir wird schlecht…

Wenn das Mysterium des Lebens bei mir anklopft, öffne ich die Tür. Da steht niemand real vor mir. Es weht etwas durch mich.
Ich habe auch nicht mehr erwartet.

Haaaaatschii!!

Schneuz – Niesanfall von den vielen feinen Haaren. Was weg ist, ist weg. Also machte ich mich gleich nach dem Aufstehen ans Werk. Den Haarfestiger kann ich mir vorerst sparen – perfekte Urlaubsfrisur. Ich fühle mich (fast) wie neugeboren.  
Noch keinen Plan für den Vatertag. Necip will am Nachmittag grillen. Ich weiß nicht, ob ich darauf Lust habe. Eigentlich wollte ich vor der Fahrradreise ein paar Kilo wegfasten.
Die Sonne tut sich schwer heute. Nicht, dass es noch schifft. Ein Bierchen wollte ich schon zischen gehen.

Eine Kollegin wurde positiv auf Corona getestet. Der erste Coronafall aus meiner nächsten sozialen Umgebung, den ich seit Anfang der Pandemie mitkriegte. So weit ich weiß, geht`s ihr gut. Die Chefin vermeldete den Namen der betroffenen Person nicht, doch durch den Buschfunk kriegten alle schnell mit, um wen es sich handelt. (Ich als einer der letzten.) Viele meiner Kollegen/Kolleginnen sind verwhatsappt. Ich lehne WhatsApp ab, ebenso Facebook und Twitter. Will ich nicht, brauch ich nicht. Gegen gewisse Dinge sträuben sich mir die Haare…

Haaaaatschii!! – nicht wegen der feinen Haare und nicht wegen irgendwelcher Pollen. Ich reagiere auch allergisch auf geistige Inhalte, die sich mit meinem Denken und Fühlen schwer vereinbaren lassen… Ich glaube, dass ich, als ich vor rund 60 Jahren (Mitte Dezember) das Licht der Welt erblickte, erstmal kräftig niesen musste.

Noch

Noch gibt es Bücher – ich meine Bücher zum Anfassen, Aufschlagen und dran riechen. Noch gibt es Bargeld. Noch gibt es Kneipen, Begegnungsstätten, wo sich Menschen leibhaftig treffen, um sich zu unterhalten (ohne Werbung und Zensur). Noch gibt es zwischen den Mauern, Zäunen und Grenzen Land, auf dem ich mich frei bewegen kann, nicht Eintritt zahlen muss, nicht gefragt werde, wer ich bin und wohin ich will.
Vielleicht ist diese Restfreiheit lediglich Fiktion, vielleicht lebe ich bereits in einer Art Zoo. Und die Wärter machen mir vor, dass die Gitter zu meinem Schutze da seien, zu nichts anderem. Die Wärter sorgen für alles: für Essen und Trinken, für die medizinische Versorgung, für die Hygiene… sogar für Unterhaltung, damit ich nicht depressiv werde. Sie kümmern sich hingebungsvoll um mich. Ich darf nur keinen Ärger machen. Ich darf ihr Narrativ nicht anzweifeln.
Einige Führer und Technokraten reden davon, dass die Menschen in der Zukunft weder Besitz noch ein Anrecht auf Privatheit haben werden (natürlich abgesehen von den Privilegierten/Eliten/Wärtern). Es wird die beste aller Welten sein, schwärmen sie.
Mir schaudert vor solcherlei Zukunftsaussichten. Wie weit sind wir von solchen Verhältnissen entfernt? Blicken wir nach China…  Ist der Menschenzoo nicht bereits grausame Wirklichkeit?
Auch hier im (noch) freiheitlichen* Westen haben wir sehr „fürsorgliche“ Wärter…


*die Corona-Krise zeigt exemplarisch, wie schlecht es um Menschenrechte und Freiheit bestellt ist

Es war gestern und ist doch heute (22)

Schwarz-Weiß


Wenn ich alte Filme schaue und die jungen Schwarz-Weiß-Gesichter sehe, denke ich fasziniert, dass die meisten davon inzwischen tot sind… Dieses ewige Nachwachsen macht mich mürbe. Geschichten entstehen, werden Geschichte. Wie viele Geschichten passen in ein Leben? Wie schnell ist heute gestern?
Auch die Verliebtheit unterliegt der Korrosion der Zeit mit ganz unterschiedlichen Halbwertszeiten. Es gibt Lieben, die schnell vergehen, und Lieben, die unendlich langsam dahinschmelzen. Manche Lieben dauern an, während ich längst wieder neu liebe.
Ich öffne meine Seele und schaue auf Ruinen, überwuchert vom Efeu des stetig Nachwachsenden, bedeckt vom Staub der Zeit-Winde, niedergemacht vom Ego der Gegenwart… Die Gegenwart ist brutal. Wir suchen sie sehnsüchtig auf. Wir verzweifeln an ihr. Wir scheitern an ihr.
Der Schwarz-Weiß-Film fasziniert. Robert Mitchum in einer Paraderolle. Er hatte diesen Schlafzimmerblick – wie geschaffen für die Rolle des Detektivs Marlow.
Ich träume. Ich träume mich in eine Schwarz-Weiß-Welt, in eine Gut-Und-Böse-Welt, in eine Welt der Helden und der Anti-Helden – von gestern, von heute, von morgen… bis das Licht ausgeht.

13.06.2003
(redigiert am 08.05.2022)

Ausgeträumt

Die Träume versanden im Alter. Bleiben tut die schnöde Hoffnung auf ein paar gute letzte Jahre. Sowieso: Es kommt, wie`s kommt. „Ausgeträumt“ heißt der letzte Roman Charles Bukowskis – „ein selbstironisches Adieu des alten Mannes aus L.A.“ lese ich auf dem Buchrücken. Passt. Ich mag diesen Haudegen Bukowski. Die Lektüre seiner Bücher war stets ein Trostpflaster – ließ mich schmunzelnd sagen: „Scheiß drauf!“ Ich entdeckte Bukowski für mich Anfang der Achtziger, als ich noch zur Schule ging. Fast nahtlos löste er Walt Disneys „Lustige Taschenbücher“ mit meiner Lieblingscomicfigur Donald Duck ab, dem liebenswerten Verlierer. Ich habe ein Faible für Antihelden. Nur nicht zum Pharisäer und Großkotz werden, war meine Devise. Okay, jeder ist, wie er ist. Man muss sich nicht mögen aber irgendwie friedlich nebeneinander leben. Das ist die Kunst. Die Welt sollte groß genug sein… Oder nicht? Schon zu Zeiten einer wesentlich geringeren Weltbevölkerung gingen die Menschen aufeinander los. Wozu dieser ständige Brudermord à la Kain und Abel? Mein Leben währt zu kurz, um hinter das Geheimnis der menschlichen Natur zu steigen. Aber ich sehe, was ich sehe.

Für heute steht auf dem Programm, dass ich mich mit Bukowski in den Biergarten setze und ein paar gepflegte Biere trinke.