Wer stinkt am meisten?

Eine Wasserleiche nach Luftkontakt? Ein saufender Russe? Ein Nazi? Ein Igel vor dem Zelt? Ein Pole in einem gestohlenen Auto? Ein Stinktier? Trump? Vier Aborigines beim Zerlegen eines Kängurus? Heidi Klum? Der alte Schwede? Arabische Flüchtlinge? Inder? Kinder nach einem Kindergeburtstag in Mac Donalds? Fünfzig Rentner auf einer Kaffeefahrt? Wladimir Klitschko nach einem Boxkampf? Ein Indianer auf Kriegspfad? Ein deutscher Soldat vor Stalingrad? Ein sterbender Elefant im Zirkus? Ein verfaulender Mensch im Altenheim? Angela Merkel? Eine chinesische Reisegruppe im Bierzelt? Die Katze meines Nachbarn? Ein Asylbewerber? Kim Jong-un? Ein Jude? Die Türken in Neukölln? Alle Türken? Ein deutscher Spießer? Harvey Weinstein? Die Nutte nach einem Blow-Job? Ein Zigeuner? Fünf Zigeuner? Dreißig tote Zigeuner? Mein Hund, wenn er furzt? Mein Kind, wenn es Blähungen hat? Politiker bei Sondierungsgesprächen? Mein Arbeitskollege? Ein Anarchist? Der Papst? Bill Gates? Der liebe Gott? Ich?

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Selbsterkenntnis

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich absolut lern-resistent bin. Nichts lernte ich aus meinen Verfehlungen im Leben! Diese Erkenntnis kam über mich wie eine Eingebung. Ich empfand Scham. Wieso war ich solch ein Arschloch geworden? Ich konnte doch sehr gut zwischen Gut und Böse unterscheiden. War es ein Fehler gewesen, aus der Kirche auszutreten? Warum ignorierte ich all jene, die mich auf den Pfad der Tugend führen wollten? Meine Eltern bemühten sich redlich. Und auch die Lehrer in meiner Schulzeit – alle meinten es doch gut mit mir?!
Ich bin ein Versager. Ich dachte immer nur an mich. Und das fatale dabei: Niemals werde ich mich ändern. Niemals werde ich auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurückfinden.

Ich mache mir einen Gin-Tonic und öffne die Nachrichten-App meines Computers. Immer und überall derselbe Scheiß. Die ganze Menschheit scheint ziemlich lern-resistent zu sein. Soll ich mich nun besser fühlen?

Schreiben oder Nichtschreiben

Muss ich etwas schreiben, wenn ich keinen rechten Bock dazu habe und besser an die frische Luft gehen sollte, um nicht am eigenen Mief zu ersticken…? Soll das Schreiben zur Pflicht oder zur lästigen Aufgabe werden, die ich erfüllen muss, um mich gut zu fühlen? Warum entspanne ich mich nicht einfach und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein?
Ähnlich wie ein Fotograf durch die Landschaft läuft und sich bei allem, was er sieht, überlegt, ob es ein gutes Motiv zum Knipsen hergibt, betrachte ich meine Gedanken und warte auf jene, von denen ich glaube, dass ich sie notieren muss, um sie nicht zu verlieren. Trotz dieser Aufmerksamkeit vergesse ich um ein Vielfaches mehr von den kostbaren Gedanken, als ich zumindest ansatzweise bewahren kann. Oft ist es so, dass mir das Beste gerade dann in den Sinn kommt, wenn ich den Stift zu Seite legte.
Meine Tagträume sind ebenso flüchtig wie ihre nächtlichen Kameraden. Zurück bleiben Ahnungen – zu schnell wird das Gedachte oder „Gesehene“ von den darauffolgenden Eindrücken zugeschüttet. Mit dem Schreiben will ich wenigstens ein paar Inhalte festhalten…
Ich denke: Muss es nicht jeder Kreatur mit Bewusstsein ähnlich gehen? Kann es einen Weg außer dem Tod aus diesem Albtraum Leben geben? Oder bleibt alles immer nur Traum – nur eben in anderen Daseinsräumen? Stellt sich das Bewusstsein letztendlich als Farce heraus?

Adressänderung

Für alle, die`s interessiert – ich weiß, das sind nicht viele -, aber der Ordnung halber will ich hier meine neue Anschrift mitteilen. In Zukunft, d.h. für alle Zeiten, werde ich in der Paulusstraße 20b erreichbar sein. E-Mail-Adresse und Telefonnummer sind noch in der Mache, schließlich bin ich frisch eingezogen. Anscheinend geht`s hier auch nicht schneller als in Berlin. Man muss sich mal den riesigen Verwaltungsaufwand vorstellen: ca. 200.000 Menschen sterben jeden Tag, und davon kommt immerhin etwas über die Hälfte in den Himmel, wurde mir jedenfalls an der Pforte gesagt. Und ich dachte, dass es einen Überhang in der Hölle geben müsste… So kann man sich irren. Jedenfalls hatte ich wohl riesiges Glück. Man hielt mir meine vielen Jahre als Altenpfleger zugute. In dieser Zeit sammelte ich mehr Punkte, als mir zu Lebzeiten bewusst war. Darum schaffte ich es knapp in den Himmel, in ein 1-Zimmer Appartement, das in einem Wohnblock liegt, wo ich eigentlich zu Lebzeiten nie hinwollte. Zu mehr reichte aber meine Punktzahl nicht. Meine Nachbarn sagen fast alle übereinstimmend: „Immerhin sind wir im Himmel!“ Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich darüber glücklich sein soll. Die machen sich wahrscheinlich was vor. Aber gut, mal abwarten, vielleicht wird`s noch besser.
In der ersten Etage wohnt Karl, der Hausmeister. Er sah mir gleich an, dass ich mit der Situation nicht besonders glücklich war.
„Hör mal, Kumpel“, sagte er mir, „ich habe es auch gerade so geschafft. Fälschlicherweise hatten sie mich in den Fahrstuhl runter zur Hölle gesteckt…“
„Echt?“ fragte ich ungläubig.
Karl rückte mir auf den Pelz. „In der Hölle macht es für unsereins keinen Unterschied zum Himmel“, flüsterte er mir ins Ohr.
„Ist nicht wahr.“
„Doch, doch! Die haben dort für diejenigen, die nur so ganz knapp in der Hölle landen, dieselben fuckin` Appartements. Kein Unterschied – wenn ich`s dir sage!“
„Offenbar muss man also ein Heiliger oder ein echter Verbrecher sein…“, erwiderte ich säuerlich, „irgendwas lief schief in meinem Leben.“
Karl grinste breit. Er schien mit seinem Hausmeisterjob glücklich zu sein, den er als Wiedergutmachung erhielt, da man ihn dummerweise erst in die Hölle geschickt hatte. Na ja, vielleicht nur ein Schwätzer.
Ich werde mich einleben müssen, egal ob Himmel oder Hölle. Wenigstens ein moralisch sauberes Feeling hier, – auch wenn ich mir den Himmel anders vorgestellt hatte als einen Marzahn-Plattenbau. Nein, Einsamkeit ist keine Frage des Ortes…
Entschuldigt, ich will nicht larmoyant rüberkommen. Es ist vorbei. Oder anders gesagt: Ich hab`s gepackt.

Allen, die an mich ab und zu denken (ich weiß, das sind nicht viele), wünsche ich ein schönes Restleben. Und wenn`s euch auch hierher verschlagen sollte, würde ich mich über einen Besuch freuen. Wie gesagt: Paulusstraße 20b – bis dahin habe ich bestimmt ein Namensschild.

Herzblind

Die Spatzen hüpfen übers nasse Pflaster. Mir kommt die Redewendung „Mir rutscht das Herz in die Hose“ in den Sinn. Bei der Vorstellung muss ich unwillkürlich grinsen. Aber ernsthaft: Wo ist eigentlich der Sitz des Herzens? Ich meine nicht den faustgroßen pumpenden Muskel in meiner Brust…, und auch nicht den Sitz der Seele.
Wie so oft kann ich auch diese Sache besser über ihr Fehlen erklären. Also: Wenn man einen Menschen herzlos schimpft, meint man damit, dass er kein Mitgefühl zeigt und gefühlskalt wirkt. Ein herzloser Mensch hat kein Auge für die Gefühle, Ängste und Nöte seiner Mitmenschen und sieht wahrscheinlich die gesamte Welt mehr als eine Sache an, etwa wie Geld. Alles lässt sich für ihn zu Geld machen. Aber wahrscheinlich gibt es solch extrem herzlose Menschen gar nicht, denke ich und drehe meinen Kopf zum Fenster: blicke auf das nasse Pflaster der Straße, die parkenden Autos, die Fassade des Wohnblocks gegenüber. Feiner Nieselregen füllt die Luft aus – wie feine Nadeln, die nur kitzeln. Ein Paketzusteller quert mein Sichtfeld. Tausende Pakete werden täglich in die Hauseingänge geliefert. Und hinter jedem Hauseingang schlagen erwartungsvoll die Herzen…

Wenn wir im nicht anatomischen Sinne vom Herzen eines Menschen sprechen, dann denke ich an ein Auge. Mir rutscht das Auge ins Herz, und danach erst in die Hose. Wieder muss ich grinsen. Meine Gedanken hüpfen wie die Spatzen. Die umherhüpfenden Spatzen auf der Straße sind allerdings weg. Mir fehlen sie ein wenig, was wahrscheinlich Einbildung ist. Kommen Einbildungen auch aus dem Herzen?
Unvorstellbar, was man sich alles einbilden könnte, wenn man es denn wollte. Da geht es nicht mehr um Spatzen, sondern um ganz andere Dimensionen. Sehr viele Menschen bilden sich z.B. Gott ein. Ihre Herzen sehen Gott. Ich frage mich, warum mein Herz Gott nicht sieht.
Groll steigt in mir hoch und entlädt sich in einem kurzen Statement: „Mir macht keiner mehr was vor!!“
Zu viele Verführer und Schwätzer, zu viele Ausbeuter und Geschäftemacher, zu viele Scharlatane und Heilsversprecher!

Eins A

Das erste Mal war`s reine Neugierde. Inzwischen stapeln sich bei uns die Papiertüten des Lebensmittellieferdienstes. Es ist aber auch verflucht bequem, sich Getränke und andere schwere und sperrige Sachen nach Hause bringen zu lassen – wir haben kein Auto. Ich besorgte vorher die Kisten Bier auf dem Gepäckträger des Fahrrads, was mitunter ziemlich wackelig anmutete, besonders im Winter auf vereisten Wegen. Okay, das kam nur selten vor. Ich gebe es unverhohlen zu: die Faulheit siegte. Und die Lieferkosten sind zu verkraften.

Gestern Nachmittag nach Feierabend wartete ich mal wieder auf eine Lieferung. Zwei Stunden sind das Zeitfenster. Ich hoffe immer, dass sie möglichst bald kommen, also zu Beginn der zwei Stunden. Aber das ist freilich Wunschdenken. Ich griff mir also mein Feierabendbier aus dem Kühlschrank und legte mich zur Entspannung auf die Couch. In der Glotze liefen Serien aus den Achtzigern. Ich mag diesen leicht antiquierten TV-Schrott, weil ich bei ihm so schön abschalten kann. Die Helden dieser Serien sind vorbildlich standhaft. Eins A. Egal, was kommen mag, sie kriegen immer die Kurve.
Zwischendurch blickte ich zum Fenster. Ich würde den Lieferwagen sehen, wenn er vorfährt. Aber er kam und kam nicht. Die Minuten verstrichen, während ich mein letztes Bier anbrach, und im TV Texas Ranger Walker ein paar böse Buben vertrimmte. Schließlich klingelte das Telefon.
„Ich komme etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde später“, sagte die Stimme.
„Schon gut“, antwortete ich.
„Bis gleich.“
„Jep.“
Mein Nachmittag war gelaufen. Ich hatte mir ausgerechnet, nach der Lieferung noch eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Daraus würde nun nichts mehr werden. Zu spät. Die Lust dazu war weg.

Als er kam, hatte ich mehr als drei Stunden gewartet. Na ja, was soll`s. Ich war nicht in der Stimmung, mich zu ärgern. Er war vielleicht die Hälfte von mir und mühte sich redlich damit ab, die Sackkarre mit den Waren durch die Haustüre in den Flur zu bugsieren. Wahnsinn, der arme Kerl! Bei seinem Anblick empfand ich Mitleid und Scham. Eine erbärmliche Situation. Der junge Mann wirkte wie ein gehetztes Tier. Er hatte den Tunnelblick eines Verzweifelten.
„Mal kurz durchatmen“, lächelte ich ihn an, während ich meine Barschaft nach einem ordentlichen Trinkgeld durchforstete. Mir wurde bewusst, in welcher privilegierten Position ich mich befand. Zwar hatte ich auch nicht gerade meinen Traumjob, aber verglichen mit dem, was dieser Typ durchmachte, war ich mehr als gut dran. Ich fühlte mich mies – wenigstens ein, zwei Minuten lang. So richtig wie ein Ausbeuter.
Nachdem ich die Waren in Kühlschrank und Regalen verstaut hatte, legte ich mich zurück auf die Couch. Mittlerweile lief meine frühabendliche Lieblingsserie M*A*S*H …

Von Baum zu Mensch

Der Sonntagvormittag zog sich. Menschen strömten in den Park. Das Wetter war eher bescheiden, aber es regnete wenigstens nicht. Durchs gekippte Fenster drang Kindergeschrei vom nahen Spielplatz an meine Ohren, unterbrochen von den vorbeirollenden Blechmonstern. Wenn ich rausschaute, guckte ich nicht nur auf die Straße und die Hausfassade gegenüber, sondern auch auf die in mein Blickfeld ragenden Äste zweier Bäume, welche mit sommerlichem Grün die Kulisse einrahmten.
Ich hing in meinem Zimmer relativ leblos ab und schaute immer wieder hinaus. Meine Gedanken malten mit eintönigem Pinselstrich die vorgegebenen Minuten und Stunden aus. Spaßhalber fragte ich den Baum rechterseits vom Fenster: „Wie geht`s denn so, Old Boy?“ Ich fand diesen Baum, an dem ich fast täglich vorbeikam, wenn ich das Haus verließ, sehr sympathisch. Sein Gleichmut und seine Unaufdringlichkeit beeindruckten mich. Er strahlte in gewisser Weise eine ungeheure Abgeklärtheit den Dingen und der Welt gegenüber aus. Und das auch noch vollkommen authentisch.

„Bullshit!“
„What?“
„Ja, Mensch, ich bin`s, der Baum, an den du gerade dachtest.“
„Na klar“, sagte ich ungläubig und erhob mich von meinem Schreibtischplatz, um nachzuschauen, ob mir vielleicht ein Idiot auf dem Gehweg einen Streich spielte. Aber dort war im Moment niemand.
„Du kannst mir ruhig glauben. Ich höre oft den Gedanken der Menschen zu. Ganz selten mische ich mich ein. Deinen Gedanken lausche ich bereits eine ganze Weile, Mensch. Und heute konnte ich nicht anders…“
„Na dann“, meinte ich leicht trotzig. Ich glaubte immer noch nicht recht daran, dass ich gerade mit einem Baum sprach.
„Also erstens bin ich aus Baumsicht kein Old Boy, und zweitens gar nicht so abgeklärt, wie du meinst.“
„Entschuldige. Natürlich habe ich keine Ahnung, was einen Baum am Straßenrand so umtreibt. Ich finde es einfach schön, dass du da bist. Ich bezeichne mich inzwischen selbst als einen Old Boy. Ich meinte das nicht abschätzig. Im Gegenteil.“
„Schon gut. Das war Baum-Humor.“
„Haha!“
„Straßenrand war übrigens ein gutes Stichwort, Mensch. Würdest du gern wie ich Tag für Tag an meinem Platz stehen? Ich habe keine Beine wie du, um wegzulaufen. Meinst du, dass es mir hier besonders gefällt?“
„Weiß nicht. Woher soll ich das wissen, Baum?“
„Du kannst mich ruhig weiter Old Boy nennen – haha – denn ich fühle mich gar nicht als Baum…, also in dem Sinne, in dem die Menschen von Bäumen reden.“
„Okay. Dann nenne mich bitte auch nicht Mensch, sondern…“
„Ich werde dich Grübler nennen“, fiel mir der Baum ins Wort.
„Von mir aus. Ich wollte sagen, dass ich mich auch nicht unbedingt als Mensch fühle – also, wenn ich so das Treiben meiner Mitmenschen betrachte. Verstehst du das?“
„Ja, wie gesagt, ich lausche deinen Gedanken schon lange. Du fühlst dich wie ich am falschen Platz. Du kannst wie ich nicht weglaufen. Du bist wie ich dazu verdammt auszuharren…“

Plötzlich mischte sich eine andere Stimme ein, etwas heller als die von Old Boy:
„Höre nicht auf diesen Miesepeter! Dieser alte Sack zieht alles und jeden runter! Er sieht überall nur das Schlechte…“
Offenbar hatte sich der Baum links von meinem Fenster zu Wort gemeldet. Ich ging zum Kühlschrank und goss mir Weißwein ins Glas nach. Unglaublich, diese Bäume. Ich wusste gar nicht, dass sie so gesprächig sind.