Vom geistigen Abstand halten

Das neue Jahr fing an, wie das alte aufhörte. Mehr oder weniger. Für mich privat und im Job.
Die Hühner wie immer fleißig am Gackern und Dokumentieren. Zu fleißig für meinen Geschmack. Ich komme nicht immer hinterher. Ich will auch gar nicht hinterherkommen. Anrufe wie „Können wir Dir etwas abnehmen?“ nerven mich. Ich hasste schon immer den Wettbewerb. Das Hervorgetue ist nicht meine Welt. Am Schlimmsten fand ich es in der Altenpflege. Wie abscheulich, damit anzugeben, wie viele Bewohner(innen) man bis zum Frühstück schaffte. Ich konnte da nie mithalten. Wurde halt hinter meinem Rücken getuschelt. Scheiß drauf! Es waren ja nicht alle so arschgeigenhaft drauf. Irgendwie brachte ich es hin, dass man mich meist in Ruhe ließ. Einige dagegen bekamen die volle Breitseite des kollegialen Unmuts ab, – wurden z.B. bei der Pflegedienstleitung angeschwärzt im Sinne von: „Wir sehen nicht ein, dass wir für diese Schlaftablette mitarbeiten“. Ich fand so was immer extrem mies… Von den Rädelsführern hielt ich geflissentlich Abstand.
Solch niederträchtiges menschliches Verhalten begegnete mir nicht nur in Schule und Beruf, sondern auch im Privaten. Ich gehe so weit zu sagen, dass alle Bereiche menschlichen bzw. gesellschaftlichen Lebens durchseucht sind von solch kleingeistigen Umtrieben. Mehr oder weniger. Man muss nur mal in den jetzigen Corona-Zeiten genau hinschauen… Ehrlich, ich mache mir mehr Sorgen um den gesellschaftlichen Frieden als um Covid-19.

 

Im Corona-Knast

Ich vermisse das Bier in der Kneipe
Ich vermisse die Intimität mit dem anderen Geschlecht
Ich vermisse das Reisen

Von Risikogebieten umgeben
Kneipen und Laufhäuser seit Monaten
Geschlossen
Bleiben nur
Wichsen und Trinken
Zuhause
Dazu Homeoffice in Unterhosen
Bis zur Vergasung

Wenn das noch lange so weitergeht
Entwickle ich eine homoerotische Beziehung
Zu Meinem Kühlschrank


Wegducken bringt nichts

Diese ewige Addition von Jahren finde ich albern. Könnte man doch getrost mit aufhören: Statt 2021 einfach 2020+. Beim Lebensalter macht man das auch: So gehöre ich beispielsweise zur Generation 50+. Genauer brauche ich es nicht. Aus dem Alter, dass ich an der Kinokasse meinen Ausweis vorzeigen musste, bin ich Gott sei Dank raus. Es interessiert mich nur noch ein Alter, und das ist mein Renteneintrittsalter… Ich denke an meine alte Bürokollegin, die Mitte 2020 den verdienten Ruhestand antrat. Wie sehr hat sie sich diesen Tag herbeigesehnt! Endlich frei von den Querelen und Pflichten der Erwerbsarbeit!
Ich muss noch ein paar Jahre den Arsch zusammenkneifen. Auf der Schlussgeraden werde ich hoffentlich nicht schlappmachen. Ist ein kritisches Alter…

   

Der verrückte Traum

Die Tage gingen dann doch ziemlich schnell rum im Eintönigkeits-Blues. Als hätte ich Weihnachten verpennt. Nun nur noch Silvester. Bleibt das vermaledeite Corona. Wie schön wäre das: ich wache auf: die Kneipen haben geöffnet, kein Mensch redet über Corona, Lockdown, Impfungen und Verschwörungstheorien – als wäre 2020 nur ein schlechter Traum gewesen. Und keine fuckin` Masken!

Thorsten stellt das Bier vor mich auf die Theke. „Und wie geht’s so“, fragt er mich.
„Ganz gut. Allerdings hatte ich einen verrückten Traum…“
Es ist erst kurz nach Mittag. Außer mir sind nur wenige Gäste im Pub. Thorsten hat nicht viel zu tun. Ich erzähle ihm also von meinem Traum.
„Und alle Kneipen mussten dicht machen während dieses… äh…“
„Lockdowns“, ergänze ich und nehme einen großen Schluck von meinem Berliner Kindl, „… alles hatte zu außer den Supermärkten.“
„Das geht doch gar nicht“, Thorsten schaut ungläubig.
Ich lache: „Klar – war ja auch ein Traum… Allerdings war der wie echt. Weißt du, was ich meine?“
„Hm… Hinterher ist man sich nicht sicher, was real und was Traum ist. Das sind die gruseligsten Träume.“
Ich nicke und blicke durch die Fensterfront auf die Potsdamer Straße. Menschen aller Couleur hasten vorbei, sich stauende Autos, Hupen… der ganz normale großstädtische Moloch.
„Und das Verrückteste“, bricht es aus mir hervor, „wir mussten alle Masken tragen!“
„Karnevalsmasken – oder was?“
„Du nun wieder… Natürlich nicht! Ich meine solche Schutzmasken, wie sie die Chinesen in ihren Großstädten tragen. Du weißt schon.“
Thorsten grinst breit und blickt fragend auf mein fast leeres Glas.
„Logo. Damit ich mir ganz sicher bin, dass es nur ein Traum war.“
Neue Gäste kommen ins Pub, und Thorsten ist erstmal beschäftigt. Ich halte mich am Bier und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Ich sollte diesen Traum aufschreiben, denke ich bei mir. Er war so real. Unglaublich.

Welchen Tag haben wir? Ich reibe mir die Augenbutter aus den Augen. In der Gemengelage von Feiertagen und Wochenende verliere ich leicht den Überblick. Zeit aufzustehen, signalisiert mir meine innere Uhr, obwohl noch dunkel ist. Ich lag lange genug in den Federn. Was war das für ein verrückter Traum, den ich hatte? – Ich war im Pub. Thorsten bediente…


Unter Viren

Der Mensch sollte sich mit Viren gut auskennen, denn er selbst ist eine Art Virus auf der Erde. Innert der letzten 200 Jahre verachtfachte sich die Weltbevölkerung. Dummerweise gibt`s für unseren „geliebten“ Planeten weder eine Intensivstation noch eine Impfung. Unsere Mitgeschöpfe im Tier- und Pflanzenreich werden zunehmend verdrängt und ausgebeutet. Wir Menschen brachten unsägliches Leid über die Erde. Wir machen in Kriegen nicht einmal vor uns selber halt. Es sträuben sich mir regelmäßig die Haare, wenn wir uns als intelligente Lebensform selbstbeweihräuchern oder als die Krönung der Schöpfung bezeichnen. Feiern wir also auch im Corona-Jahr 2020 brav Weihnachten, fressen uns voll und sprechen vom „Fest der Liebe“… Rülps! – So soll es sein.
Es gibt Tage, an denen denke ich: Schade, dass Covid-19 relativ harmlos ist… Bitte nicht falsch verstehen. Ich wünsche niemandem den Tod. Aber unserer Erde täte eine Dezimierung der Viruslast Mensch ganz gut. Wir denken immer nur an uns. Unglaublich, wie rücksichtslos wir auf diesem Planeten agieren – der Vergleich mit Viren, die einen Organismus befallen, ist nicht von der Hand zu weisen.
Es erstaunt mich, wie willfährig die meisten unter uns seit Monaten in den Tenor der Corona-Maßnahmen einstimmen. Dabei geht es um nichts Geringeres als um ziemlich herbe Einschränkungen der Grundrechte, um eine zunehmende Überwachung bis hin in den privaten Bereich… Sehr viele Menschen leiden durch die restriktiven Corona-Maßnahmen wirtschaftlich und menschlich Not… Okay, die Gesundheit steht über allem, und natürlich ist es erste Bürgerpflicht, sich solidarisch mit den Schwachen, Kranken und Alten zu zeigen, welche durch das Virus besonders bedroht sind… (Lach!)* Wie kommt das?!? – Sind wir in Corona-Zeiten plötzlich zu besseren Menschen mutiert??
Dann bitte weiter so, wenn es um den Schutz der Tiere und Pflanzen geht! Dann bitte weiter so, wenn es um die Bewahrung der Schöpfung auf dem Planeten Erde geht! Dann bitte weiter so bei der Ächtung von Krieg und Gewalt! Schluss mit Ausbeutung und sozialer Ungerechtigkeit!
Endlich nehmen wir Menschen uns kollektiv zurück, finden zu einer neuen Demut und leben mit der Natur in Einklang…

Hach! – was trinke ich eigentlich da!? – Haut gut rein, das Gesöff!



* Nach 30 Jahren in der Altenpflege musste ich an dieser Stelle einfach laut in mich hinein lachen – Weinen geht nicht mehr.

Es war gestern und ist doch heute (4)

Weihnachten 1994

Die Eltern bringen mir eine Kiste Fressalien und einen Fuffi in einem Briefumschlag. Ich lege die sentimentalste Alkoholbeichte meines Lebens ab, und was alles dran hängt.
Wir lassen dich nicht hängen, sagen die Eltern, und schauen betreten. Ich will sie wieder aufheitern mit meiner alkoholverschleierten Durchsicht.
Wie wirklich ist die Sentimentalität? Warum gibt es Plastikweihnachtsbäume?
Ich langweile mich mit mir selbst. Die Klamotten stinken nach Kneipe, Schweiß und Urin – es fühlt sich nach Verwesung an. Der nahe Tod ist wie ein leer stehendes Haus mit wild wucherndem Vorgarten.
Meine Nachbarin ist nicht da. Es herrscht Mucksmäuschenstille. Feiertagsgediegenheit.
Seit Stunden höre ich Rockmusik. So lässt sich der erste Weihnachtsfeiertag an, mit einem Fuffi im Briefumschlag und dem Rest von 10 Dosen Bier.
Armin speist mit Eltern und Großeltern. Unerreichbar. Alles Gute, alter Freund!
Ich muss mich irgendwie loseisen. Ich bin wie festgefroren.


Ich bin mir selbst die schwerste Geburt

Gestern begann das große „Frohe Weihnachten-rutsche gut ins Neue Jahr- (trotz Corona) -und bleibe gesund-Wünschen“ unter den Hühnern. Man kommt aus dem Wünschen gar nicht mehr raus. Selbst ich konnte mich nicht ganz entziehen. Ich gehöre zu den wenigen Hanseln, die die Stellung halten. Wobei ich von den verbleibenden 6 Werktagen 4 im Homeoffice verbringen werde. Das Jahr wird sehr gemütlich ausklingen… Viel Muße zum in der Nase bohren, oder fürs Bloggen. Ich könnte gegen die Leere in meinem Kopf anschreiben. Die moderne Physik lehrt, dass es keine absolute Leere gibt. Das lässt hoffen. Und dann schlummert in meinem Rucksack immer noch Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“. Ich schaffte es erst etwa bis zur Mitte, bis zum Kapitel „Frjasewo – Kilometer 61“. Der Ich-Erzähler und ein Mitreisender stoßen gerade auf den großen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe an… Im Weiteren philosophieren sie betrunkener Weise übers Trinken. Ich überfliege ein paar Zeilen und merke, dass ich noch zu nüchtern zum Weiterlesen bin. Dumm nur, dass mir, wenn ich das nötige Level hätte, nicht mehr der Sinn nach Lesen steht, meistens jedenfalls. Die Lektüre dieses Schmökers kann also noch dauern, wie so vieles. Da steht z.B. noch dieses angefangene Bild „Eine Taube, die aus dem Bild fliegt, in Puerto de Mogán“ auf der Staffelei… Warum male ich nicht einfach weiter daran? Auf was warte ich?


Es ist eine Weile her

Februar 1962 wurde Norddeutschland von der schwersten Sturmflut ever heimgesucht. Als Krisenmanager sammelte der damalige Hamburger Polizeisenator Helmut Schmidt Punkte für seine politische Karriere. Ich selbst befand mich noch im Niemandsland, oder besser: mich gab es da noch nicht. Es sollte aber nicht mehr lange dauern, dass durch ein Ereignis, welches man gemeinhin als „Kindermachen“ bezeichnet, mein Schicksal seinen Lauf nahm. Von Marilyn Monroes tragischem Tod und der Kubakrise kriegte ich trotzdem nichts mit. Ich strampelte im Bauch meiner Mutter vor mich hin, bohrte schon damals gern in der Nase und harrte der Dinge, die da kommen. Ich hatte es nicht eilig. Der Kinderarzt aber schon, weil er in seinen Skiurlaub wollte. Und so verpasste er meiner Mutter kurzerhand eine Spritze, welche die Geburt beschleunigte. Ich war keine leichte Geburt, erzählte mir meine Mutter später. Und die doofe Spritze hatte zur Folge, dass die Muttermilch schlecht wurde und abgepumpt werden musste. Meine Mutter hätte eine Menge Milch für mich gehabt. Sie bedauerte sehr, dass sie mich nicht säugen konnte. C`est la vie. Mutter ist inzwischen tot, an der Flasche hänge ich immer noch. Auch mein Dickschädel, welcher ihr die Geburt so schwer und schmerzhaft machte, sitzt noch auf meinem Hals. In vielen grundlegenden Dingen veränderte sich in den vergangenen 58 Jahren nichts oder nicht viel. So fragte ich mich auch heute, als ich erwachte: Was soll das?!?


Hatschiii!

Über mir zog ein junges Paar mit Kleinkind ein. Gerade hörte ich sie im Treppenhaus, als die Mutter mit dem Kinderwagen die Stufen hinunterpolterte. „Rumms, rumms, rumms…“ Das Kind scheint brav zu sein. Selten höre ich es schreien oder weinen… Der Tag beginnt trübe. Ohne Schreibtischlampe würde ich die Tastatur kaum erkennen. Ich tippe so vor mich hin… als klimperte ich auf einem Piano Versatzstücke von Melodien, planlos… Für die Gemütlichkeit könnte ich ein paar Kerzen anzünden. Der Sonntag-Blues – O Yeah! Morgen winkt mal wieder ein Bürotag. Ich werde ein paar der Hühner wiedersehen. Schön, schön. Trotzdem wird die Zeit mit der Tumordokumentation lang werden. Schon komisch das alles (Leben, Welt und Trallala). Heute Morgen nach dem Aufstehen hatte ich das Bild vor Augen, dass das Nichts nieste und damit die Welt erschuf… Ich muss oft niesen, vor allem, wenn ich ins Büro komme oder vom Kalten ins Warme. Wer weiß, warum das Nichts niesen musste. Kinder entstehen auch durch eine Art Niesen. Der Penis des Mannes niest in die Muschi der Frau. Und schon nimmt das Elend seinen Lauf…


Keine Panik auf der Titanic

Der Sessel auf dem Gehsteig vor meinem Fenster bekam Zuwachs von einem Fahrradrahmen, einem Tintenstrahldrucker, einem großen Pappkarton und einem Kofferbett. Die Sonne steht knapp überm Horizont. Der Himmel schimmert hinter Dunstschleiern bläulich. Sieht kalt aus draußen. Auf den geparkten Autos bildete sich über Nacht Raureif… Meine Woche ließ ich im Homeoffice ausklingen. Die Arbeit am Rechner ist stupide. Nichts als Tumordiagnosen, Tumorbehandlungen, Tumorverläufe, Tumor-Histologien… Mammakarzinome, Lungenkarzinome, Kolonkarzinome, Nierenkarzinome, Harnblasenkarzinome, Prostatakarzinome, Pankreaskarzinome, Leberzellkarzinome, Melanome, Sarkome, Hirntumoren, Gynäkologische Tumoren, HNO-Tumoren, Lymphome, Leukämien… Nach bald vier Jahren bin ich der Tumordokumentation langsam aber sicher überdrüssig. Das Einzige, was meinen Arbeitsalltag aufhellt, sind die sozialen Kontakte, welche sich durchs Homeoffice stark reduzierten… Und von wegen Ausgleich: Im Zuge der Kneipenschließungen begegne ich oft tagelang keiner einzigen vertrauten Seele, abgesehen von der netten Supermarktkassiererin… Aber gut, ich will nicht jammern. Wenigstens habe ich einen sicheren Job. Die Maläsen halten sich in Grenzen, und in meinen vier Wänden finde ich es heimelig. Ich pflege meinen Corona-Speck und glotze die Mediathek rauf und runter. Dazu kommen die reizenden Kontakte mit den Bloggerinnen und Bloggern auf WordPress. (Huhu!)

Ohne dass ich es merkte, schob sich ein dicker Umzugslaster vor mein Fenster. Im Treppenhaus begegne ich immer wieder fremden Gesichtern. Die Umzugstätigkeit war in diesem Jahr rege. Ob das mit Corona zusammenhängt(?) Umziehen wäre ziemlich das Letzte, was ich jetzt wollte. Ich hoffe doch nicht, dass in naher Zukunft die Miete steigt… Scheiß Zukunftsängste, die wie lästige Fruchtfliegen im Kopf herumschwirren und denen nicht beizukommen ist. Was haben die nur alle mit Corona? – als gäbe es keine anderen Bedrohungen im Leben.  

Schätze, ich hänge im Dauerblues fest. Nicht tragisch, denn ich mag Blues. Nicht nur als Musik, sondern auch als Lebensgefühl. Da habe ich all denen was voraus, die mit Blues-Zeiten nicht so gut klarkommen. Ich freundete mich schon früh mit meinem verkorksten Leben an. Was nicht ist, das ist eben nicht… (Nr. 50437 meiner persönlichen Lebensweisheiten) oder: Keine Panik auf der Titanic.