Ich bin zu alt für den Scheiß

Wie hypnotisiert starre ich auf die Sanduhr. Der Sand füllt nach und nach das untere Glas. Längst ist unten mehr als oben.
Ich kotze meine Seele in die Kloschüssel und spüle den Scheiß weg.

Vorgestern standen eine junge Frau und ein junger Mann in dunkelblauen Jacken von Gasag vor meiner Wohnungstür. Äußerst wichtigtuerisch. Sie wollten meine Stromrechnung einsehen. Die Frau laberte sofort auf mich ein. Ich stand in Unterhosen im Türspalt und starrte sie an. Gingen die Zeugen Jehovas unter die Stromanbieter?
„Sie haben wohl nicht verstanden, worum es geht?“ sagte die Frau mit ernster Miene, „die Strompreise werden immens ansteigen.“
„Klar, davon habe ich gehört“, sagte ich müde.
„Wir wollen anhand ihrer Rechnung prüfen, wo Sie zu viel bezahlen.“
„Sie wollen, dass ich zu Ihrem Verein wechsele. Aber ich bin schon groß – ich kümmere mich selbst um solche Angelegenheiten.“

Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Begegnungen und Gesprächen der Sand besonders schnell von der oberen in die untere Hälfte der Sanduhr rieselt. Fremde Menschen und Institutionen mischen sich in Sachen ein, die sie nichts angehen. Es geht niemanden was an, wo ich meinen Strom oder meine Unterhosen kaufe, und wie viel Geld ich dafür ausgebe.

     

Im Tunell

Wer kennt dieses Gefühl nicht, wenn es einem immer enger ums Herz wird – weil es in der Partnerschaft kriselt, weil es am Arbeitsplatz nicht rund läuft, weil sich Freunde abwenden, weil man keine Unterstützung erfährt… Selbstzweifel kommen auf, und man denkt automatisch: Was mache ich falsch? Was habe ich nur an mir? Konflikte hat freilich jeder mal. Da muss man durch. Danach klart sich der Himmel wieder auf. Aber es gibt Lebensabschnitte, wo man beim besten Willen kein Licht am Ende des Tunells aufglimmen sieht. Trotzdem bleibt man im Zug sitzen und harrt aus – schließlich hat jedes Tunell nicht nur einen Eingang, sondern auch einen Ausgang. Die Notbremse zu ziehen und auszusteigen, könnte ein verhängnisvoller Fehler sein. Finde ich überhaupt wieder aus dem Tunell heraus? Noch sitze ich in Sicherheit, wenn mir auch unbehaglich zumute ist. Jetzt nur nicht den Verstand bzw. die Kontrolle verlieren! Immer wieder starre ich zur Notbremse und male mir im Geiste aus, was auf mich zukäme, würde ich sie ziehen… Wenn ich doch wenigstens durch das Zugfenster eine schöne Landschaft sehen würde, um mich abzulenken. Aber da sind nur die endlosen Mauern. Wie ein Tiger im Käfig schreite ich in meinem Abteil auf und ab oder wandere durch den Gang und blicke in die anderen Abteile. Ich traue mich nicht, jemanden anzusprechen. Ich habe Angst vor den Blicken, die mir zurufen: Was hat denn der für ein Problem?! Vielleicht gesellt sich jemand zu mir ins Abteil. Doch gleich darauf verwerfe ich den Gedanken wieder. Wieso sollte jemand seinen Platz verlassen und sich zu mir setzen? Manchmal sehe ich Fahrgäste vorbeigehen und zu mir reinglotzen. So wie ich es auch mache, wenn ich mir die Beine vertrete. Wir glotzen alle nur.
Tage, Wochen, Monate vergehen, und noch immer rattert der Zug durch das Tunell.

 

Irrgarten der Oberflächlichkeiten

Wir Menschen kleben an der Oberfläche. Das gilt nicht nur für unser Wandeln und Wirken auf der Erde, sondern auch im geistigen und spirituellen Kontext. Unsere Reden sind oberflächlich. Unseren Alltag verbringen wir meist mit banalen, oberflächlichen Dingen. Selbst in Liebesdingen sehe ich oft nur Oberflächlichkeiten. Bereits als junger Mann empfand ich die meisten Menschen um mich herum für äußerst oberflächlich, was ihre Interessen und Gesprächsthemen anging. Auch Menschen, die sich als religiös oder spirituell ausgaben, entpuppten sich bei näherem Hinschauen als oberflächlich. Sie beteten nach, woran sie einen Narren gefressen hatten. Ein tieferes Hinterfragen fand nicht statt.
Diese Pan-Oberflächlichkeit mache ich für die desaströsen Zustände auf der Welt verantwortlich. Wir leben als Egomanen gegen die Natur und auch gegen einen Teil unserer Mitmenschen – den Teil, den wir aus Macht- oder Geltungssucht zu unseren Feinden erklären. Ich verstand nie, warum so wenig unserer Lebensweise hinterfragt wird, egal ob Technokratie, Materialismus, Ideologien, Religionen. Wir kratzen lediglich an der Oberfläche, als hätten wir Angst davor, auf unangenehme Wahrheiten zu stoßen, wenn wir etwas tiefer schürften. Wenn es allerdings um die Ausbeutung von Bodenschätzen geht, sind wir ganz groß im Löcher bohren und buddeln.
Bald sonderte ich mich ab von der oberflächlichen Gesellschaft um mich herum, führte streckenweise ein Zwitter-Dasein, um nicht total zu vereinsamen. Ich war immer auf der Suche nach Seelenverwandten, wenigstens im Ansatz. Mir geht es nicht um eine 1:1-Übereinstimmung. Es braucht nicht vieler Worte. Es reichen Blicke, gemeinsames Lachen und Trauern, Mitgefühl, das sich Wohlfühlen in der Gegenwart des anderen. Auch Gegensätze im Denken oder in der Lebenseinstellung müssen einer Freundschaft nicht im Wege stehen, wenn man eine Metaebene des menschlichen Verständnisses findet. „Leben und Leben lassen“ war die Devise Armins, eines meiner engsten Freunde. Trotzdem trennten sich unsere Wege nach ca. 25 Jahren. Wir waren eher ein ungleiches Paar, hatten recht unterschiedliche Interessen. Aber in seiner Gegenwart konnte ich alles erzählen, ohne mich dafür schämen zu müssen. Ich besuchte Armin gern in seiner Bude, die immer so aussah, als wäre er gerade eingezogen. Wir tranken Bier, standen auf seinem Balkon und redeten allerlei Blödsinn… Ich hoffe, es geht ihm gut, wo er jetzt ist. Seine Spur verliert sich in Hamburg. Er folgte der Liebe.

Ich finde, dass das Leben zu kurz ist, um es fast ausschließlich mit Oberflächlichkeiten und Nachgeplapper zu verbringen. Das ist selbstverständlich nur meine bescheidene Meinung. Jeder Mensch befindet sich auf originär seinem Weg. Wahrscheinlich reicht ein Leben gar nicht, um besonders weit zu kommen – um den Irrgarten, der sich vor einem auftut, ganz zu durchwandern. Sieht so aus, als befände ich mich gerade in einer Sackgasse…

    

Wer macht hier Probleme?

„Hat Necip mit dir noch nicht geredet?“ fragte die alte Gabi spitz.
„Nein – wieso?“ gab ich zur Antwort, wobei ich natürlich wusste, worauf sie anspielte.
„Weil du ungeimpft bist.“
„Ach so… Ich will keine Probleme machen.“
„Wir kriegen die Probleme.“
„Kein Problem, ich setze mich raus.“

Ich wartete, bis die alte Gabi das Bier fertiggezapft hatte, zahlte sofort und verließ den Schankraum. Außer mir war nur ein weiterer Gast in der Kupferkanne gewesen. Aber wir Deutschen sind eben Regel-Fuzzies wie aus dem Bilderbuch.
Zügig trank ich mein Bier, denn es war ganz schön kühl. Eine gute Gelegenheit, gleich mal zum Pub zu radeln, dachte ich, um zu testen, wie streng dort die Regeln ausgelegt werden.

Im Pub bediente eine kleine Russin mit immensem Busen, die ich nicht kannte. Nur Edgar, ein alter Stammgast, saß an einem Tisch und las ein Buch, das er dicht vor seine Nase hielt. Ich setzte mich an die Bar und bestellte ein Bier. Mir wurden keine Fragen nach meinem Impfstatus gestellt. Beim 2. Bier entspannte ich mich ein wenig. Einige andere kamen herein und wurden auch nicht gefragt und wiesen sich auch nicht coronaregelgerecht aus (soweit ich es mitkriegte). Ich bestellte ein 3. Bier.


im Pub

Kurze Vorgeschichte (2014 – 2021)

Als ich 2014 mit der Altenpflege (nach ca. 30 Jahren) aufhörte, wollte ich nie wieder zurück in diese Tretmühle. Es war wie ein Befreiungsschlag. Doch schon meine ersten Besuche bei der Bundesagentur für Arbeit holten mich zurück auf den Erdboden. Von einer Tretmühle wechselt man fast übergangslos in die nächste. Die Bundesagentur saß mir bereits im Nacken, als ich von ihnen noch gar kein Arbeitslosengeld bezog. Ich hatte selbst gekündigt, musste mich aber natürlich sofort arbeitslos melden… Wozu zahlte ich eigentlich jahrelang in die Arbeitslosenversicherung ein? dachte ich oft bei mir. Ständig machten sie mir Stress. Ich fühlte mich wie der letzte Arsch.
Nun gut, nach einigen Arztbesuchen und eingereichten Attests konnte ich sie wenigstens davon überzeugen, dass ich nicht mehr für die Altenpflege vermittelbar bin. In der Zwischenzeit zog ich nach Berlin, weil ich dort eine Liebe gefunden hatte. Und nach einigen mir von der Bundesagentur angewiesenen Zwangsterminen bei Sklavenhändlern, also Zeitarbeitsfirmen, die im Ergebnis fruchtlos blieben, wechselte man die Strategie in Richtung Umschulung bzw. Weiterbildung, um bald darauf festzustellen, dass man als Arbeitsagentur für mich nicht mehr zuständig wäre, sondern die Rentenversicherung. Mein Weg führte mich sodann in die Burg der Rentenversicherung. Und tatsächlich bewegte sich endlich was! Ich landete in einer Schule (in Neukölln), um mich zum Dokumentationsassistenten weiterbilden zu lassen. Ein Jahr war damit mein weiteres Auskommen gesichert, denn solange sollte die Weiterbildung dauern. Die Bundesagentur für Arbeit hatte ich damit erstmal von der Backe. Allerdings büßte ich damit auch einen guten Teil meiner in der Arbeitslosenzeit (wenigstens 1 Jahr lang) genossenen Freiheit ein. Die Tretmühle zeigte sich nun per Schulbank und Prüfungen. Doch was blieb mir anderes übrig? Lange war mir klar, dass wir alle Gefangene des Systems sind. Also zumindest all jene, denen der Weihnachtsmann keine Millionen schenkte. Es ging darum, dass man sich irgendwie durchwurschtelte und dabei nicht die Nerven verlor. Bestenfalls hat man ein paar Kameraden und Kameradinnen, so dass man sich gegenseitig stützen kann. Ich bin eher der Einzelgänger-Typ. Immerhin hatte ich damals noch eine Liebe.
Der langen Rede kurzer Sinn: Ich schloss die Weiterbildung ab und ergänzte diese mit einer spezielleren Fortbildung zur Tumordokumentation. Wenn schon denn schon, dachte ich – und so kam ich zu dem Job, den ich derzeit mache.
März 2017- seitdem bin ich wieder Vollzeitmitglied in der Tretmühle. Oder: Willkommen zurück im Club der Arbeits-Zombies! … Von Anfang an heische ich nach Teilzeit, welche aber von der Geschäftsleitung nicht erwünscht ist. Ich will wenigstens ein kleines Stück Freiheit zurück. Das kann doch nicht so schwierig sein, dachte ich. Ich bin bloß ein kleines Rädchen im Getriebe. Wen interessiert es, ob ich 100 oder 75% am Arbeitsplatz bin? Wo ist das Problem? Bin ich das Problem, weil ich mir etwas Unmögliches wünsche?

Es war gestern und ist doch heute (15)

Abbruch

Ich las Henry Millers „Nexus“ während der Alkoholtherapie
Und drückte mich vor dem Schneeschippen
Ich las Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“
Mein Zimmergenosse heulte, weil seine
Frau ihn verlassen wollte
Die Therapie war seine letzte Chance
Als wir nach Wochen das erste Mal für wenige
Stunden Ausgang hatten, wurde er
Rückfällig
Er vertraute sich mir an
Ich konnte ihn nicht verraten
Lieber ging ich selbst
Die Therapeutin war eiskalt
Ich hoffe, er hielt durch
Er weinte, als ich meine Sachen packte
Nach 6 Stunden Zugfahrt erwartete
Mich eine Frau
Mit allem Drum und Dran
Fürs Erste war das genug

(ca. 1994)

Vorsicht Satire!

Ach ja, gestern wählte ich. Per Briefwahl. Hoffentlich beging ich keine Formfehler beim Ausfüllen und Eintüten. Okay, ist nur eine Stimme. Wie viele Wahlberechtigten gibt es denn in Deutschland?
Ich kreuzte an, was ich vorgehabt hatte anzukreuzen, soweit ich mich erinnern kann. Sollte man nicht besser bei einer Wahl nüchtern sein? Schließlich geht es um die Zukunft des Vaterlandes. Wieso keine Promillegrenze? Bei einer Briefwahl natürlich nicht umsetzbar. Da kann ich unbeobachtet volltrunken mein Kreuzchen machen. Ansonsten: „Zeigen Sie mir bitte ihren Ausweis, und dann bitte hier noch reinblasen… Okay, danke.“ – Ich meine, was sind Wahlstimmen von Besoffenen wert? Oder von Dementen… Die sollte man auch aussieben. Wenn schon, denn schon. Sowieso müsste den vielen Volksschädlingen, die sich trotz aller Empfehlungen und Bitten nicht impfen lassen, das Wahlrecht entzogen werden. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Depp eine Stimme erhält? Und dann die Behinderten und Frauen.
Vorsicht Satire!
Warum dürfen eigentlich Haustiere, der Menschen beste Freunde, nicht wählen? Also per Briefwahl wäre das doch machbar. Ich wüsste schon, wen mein Hund wählen würde. Also, falls ich einen Hund hätte… (Wenn sich nicht bald mal was in Sachen Liebe ergibt, wäre ein Hund nicht die schlechteste Lösung gegen Vereinsamung. Ein Hund ist treuer und auch intelligenter als so manche Frau, schätze ich. Gibt`s dazu Studien?)
Schade, dass man nur einmal wählen darf. Ich finde, dass intelligente Menschen mehr Stimmen verdient haben als dumme. Vor jeder Wahl sollte ein Intelligenztest gemacht werden. Zusätzlich zum Alkoholtest. Je höher der IQ, desto mehr Stimmen würde man erhalten. Bei meinem IQ hätte ich mindestens 2 Stimmen, wenn nicht 3… Selbst besoffen.

Bis zum endgültigen Tod

In Anlehnung an die Viele-Welten-Theorie und Schrödingers Katze überlegte ich mir heute Morgen zwischen Bettkante und Schreibtisch, dass ich in meinem Leben möglicherweise bereits viele Male starb. Vielleicht sterbe ich just in diesem Moment an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt, aber ich bekomme davon nichts mit, da sich mein Tod in einer anderen Welt manifestiert. Hier lebe ich weiter und weiter und weiter, während ich in anderen Welten längst unter der Erde liege, gestorben an diversen Krankheiten, verunglückt oder als Opfer eines Gewaltverbrechens. Und andersherum leben meine Mitmenschen, die ich sterben sehe, in anderen Welten weiter. So könnte ein jeder eigentlich unendlich weiterexistieren, wäre da nicht die Endlichkeit des Lebens – es wird unweigerlich der Tag kommen, an dem jegliche Option des Weiterlebens wegfällt. Wie jedes Blatt irgendwann vom Baum fallen muss, gibt es auch für unsereins den endgültigen Tod. Doch bis dahin bleibt noch etwas Zeit, denke ich – Schrödingers Katze lebt in dieser Welt, während sie in einer anderen tot ist.
Mir gefällt mein Gedankengang. Ich gehe in die Küche und mixe mir den ersten Drink.
Der Tag eröffnet sich mir als trüber und kühler Spätsommertag. Ist noch Spätsommer oder bereits Frühherbst? Bestimmt gibt es eine Parallelwelt, in der heute besseres Wetter ist. Wir kriegen eben nie alles. Der Blues hämmert im Hintergrund. Ich zünde eine Kerze an.

Für die beste aller Welten (nur für Geimpfte)

Jeder Mensch wünscht sich Sicherheit. In allerlei Belangen. Wobei die Schwerpunkte voneinander abweichen können. Auch gibt es Menschen, die risikofreudiger sind als andere. Risiko ist nicht gleich Risiko. Jeder Mensch schustert sich selbst zusammen, welchen Schutz er sich wo wünscht, oder wo er welches Risiko in Kauf nimmt. Die Versicherungen und das Gesundheitssystem verdienen daran – nicht wenig, behaupte ich. Man schwatzt uns überflüssige Versicherungen auf. Ebenso soll es für jedes Zipperlein Medikamente bzw. Behandlungen geben. Wie sinnvoll oder verhältnismäßig es im konkreten Fall ist, soll möglichst nicht hinterfragt werden. Wir liefern uns einer Maschinerie aus, die angeblich nur für unser Wohl arbeitet. So wird es uns jedenfalls verkauft. Wir dürfen uns in sicheren Händen fühlen. Kritisches Nachfragen ist dabei Sand im Getriebe. Für alles gibt es Fachleute, die schon wissen werden, was sie tun oder empfehlen. Und seit Neuestem vertrauen wir quasi blind der Politik sowie den Leitmedien. Ist es nicht wunderbar, wenn sich so viele kompetente Geister zusammenschließen, um das Beste für uns alle zu bewirken?! – Wow! – Sogar die Multi-Milliardäre (Dagobert Duck vornean) opfern sich altruistisch für den Segen der Menschheit auf. Es kommt mir fast so vor wie die Wiederkehr Jesu auf Erden. Endlich siegen Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe – länderübergreifend! Dass es dafür die ein oder andere Impfung braucht, ist nebensächlich. Oder? Das ist doch nicht zu viel verlangt – für Liebe und Freiheit auf der ganzen Welt! Und auf dem Mond! Und noch viel weiter!
Demütig falle ich als dummer kleiner Mensch in den Staub und finde zurück zum Glauben. Ich bin nur einen Piks oder zwei oder drei oder vier oder fünf… Pikse entfernt davon, ein vollkommener und guter Mensch zu werden. Für das Glück und die Sicherheit der gesamten Welt! Ich danke Herrn Lauterbach. Ich danke Herrn Drosten. Ich danke Herrn Wieler. Ich danke Frau Merkel. Ich danke den vielen anderen, die unermüdlich für die richtige Sache kämpfen und sich von Wirrköpfen, Querdenkern und Verschwörungstheoretikern nicht beirren lassen. Vor meinen Augen tut sich das Paradies auf…

Es war gestern und ist doch heute (14)

Ich war in Südfrankreich. Auf dem Camping Platz von Cassis, 15 km östlich von Marseille. Der Boden war hart wie die letzten Male. Ich sah auf die Felsenküste und fuhr zu den Calanques. Ich hatte mein Fahrrad im Zug von Karlsruhe bis Marseille mitgenommen. Früh morgens kam ich in Marseille an. Es war schön. Der kalte Wind war schön. Ich brannte innerlich.
Ich erinnere mich an den Campingplatz. Und ich erinnere mich an Cassis, an den kleinen Hafen, die Bucht, den Strand, die Felsen, die Calanques…, den wunderbaren Sternenhimmel.
Eine Woche Cassis, Altweibersommer am Mittelmeer, das Meer glitzerte kalt… Um mir die Zeit zu vertreiben, fuhr ich mit dem Rad zu den Calanques und den Nachbarorten Richtung Toulon.
Ich weiß nicht mehr, wie ich es mitbekam. In den Cafés mit TV waren plötzlich alle ganz aufgeregt. Ich sah die Bilder der einstürzenden Türme, ich hörte die Diskussionen und die Betroffenheit in der fremden Sprache. Mein Gott, dachte ich, was ist da passiert?! Am nächsten Morgen kaufte ich mir die „Daily Mail“ mit den schockierenden Bildern als Aufmacher. Das Ganze war irgendwie unreal. Ich schaute aufs Meer. Es war nach wie vor herrlich, und doch lag etwas Unbestimmtes in der Luft. Ich war allein. Ich hatte niemanden. Zuhause war nur meine Ex, die mit ihrem neuen Freund rumbumste. Meine Reise ans Mittelmeer war eine Flucht gewesen. Und während ich einsam und melancholisch die mediterrane Schönheit genoss, passierte diese grauenhafte Geschichte mit den Twin Towers – am anderen Ende der Welt. Wie unheimlich ist doch die Vorstellung, dass wir (die westliche Welt) von arabischen Terroristen bedroht werden. Als ich in den Cafés saß, beobachtete ich die Menschen und versuchte zu  unterscheiden, ob sie erschrocken auf den Anschlag reagierten oder gegenteilig eine gewisse Genugtuung, gar Freude empfanden. Letzteres war durchaus bei einigen der Fall.
Ich saß manche Stunden auf dem Mäuerchen, das den Bowlesplatz umschränkte. Viele Erinnerungen flogen mich an. Doch war alles anders. Ich war anders. Der Ort Cassis dagegen schien in all den Jahren stillgestanden zu haben. Im Kern hatte sich kaum etwas verändert.
Nach einer Woche brach ich mit dem Fahrrad nach Marseille auf. Ich wollte über Avignon zur Rhône fahren, dann den Fluss hoch bis Lyon… Doch riss mir die Kette in den Banlieues von Marseille. Es war Sonntag. Ich war fix und fertig. Die Spätsommersonne blendete mich, und die Einsamkeit nagte an mir. Noch am selben Tag fuhr ich mit dem Zug zurück in die Heimat.

Vor acht Jahren – wo stehe ich heute? Wo steht meine Angst?
Was wissen wir wirklich von der terroristischen Bedrohung? Schauen wir nicht nur voyeuristisch auf solche monströsen Geschehen wie am 11.09.01? Haben wir uns damit psychologisch auseinandergesetzt? Was passiert heute noch im Namen dieses Terroranschlags?
Gibt es eine realistische Bedrohung von islamistischen Terroristen auf unsere westlichen Werte, die einen Kampfeinsatz  deutscher Soldaten in Afghanistan rechtfertigt?

(verfasst am Jahrestag 11.09.2009)