Zum Winterzauber reicht es nicht

Myriaden winziger Schneeflocken tanzen gen Boden. Die Blätter der Stadtbäume, die auf dem Pflaster darniederliegen wie verzuckert. Inseln des schmutziggrauen Pflasters sind weiß. Auch auf dem kalten Blech der parkenden Autos sammelt sich etwas Schnee. Das harte Realitätsgemälde verliert an Kontur, aber nur leicht. Zum Winterzauber reicht es nicht.
Die Fenster geschlossen vor dem unwirtlichen Draußen, die Augen offen vor dem Bildschirm des Computers suche ich nach Verknüpfungen. Der Schlaf ist noch nicht lange her, das Dunkel noch nicht lange dem Tageslicht gewichen. Ein diffuses Licht füllt den Stadtraum. Die Quelle versteckt sich am Himmel hinter einer Gardine aus Wolken und Dunst. Die Stadt schrumpft zur Spielzeuglandschaft. Über den Dächern taucht ein riesenhaftes Kindergesicht auf und blickt mit staunenden Kulleraugen auf uns herab.

Hand in Hand gehen Vater und Sohn durch eine Ausstellung von Miniaturwelten.
„Papa, er hat mich angeschaut“, sagt der kleine Mann. 
„Wer?“ fragt der Vater stirnrunzelnd.
„Ein Mann in einem Haus.“
„Das sind nur Figuren.“
Der kleine Mann macht einen Ausfallschritt nach vorne und ruft: „Aber es war wie echt! Echt wie echt!“
Der Vater lacht.

Nusslos

Ich werde nie ein guter Nussknacker sein. Trotzdem esse ich gern Nüsse. Ich werde nie ein guter Aufreißer sein. Trotzdem liebe ich Frauen. Ich werde nie ein guter Seefahrer sein. Trotzdem liebe ich das Meer. Ich werde nie ein guter Jäger sein. Trotzdem esse ich gern Fleisch. Ich werde nie ein guter Farmer sein. Trotzdem esse ich gern Brot, Kartoffeln und Kohl. Ich werde nie ein guter Fischer sein…
Ich werde nie ein guter Handwerker sein. Ich werde kein guter Ingenieur sein. Ich werde auch kein guter Raumfahrer sein. Aber ich wäre gern einmal auf dem Mond.
Stattdessen schreibe ich. Früher mit dem Stift. Heute schreibe ich auf der Tastatur eines Computers. Ich werde nie ein guter Computerfachmann sein.
Stattdessen trinke ich. Warum ich lebe, kann ich mir nicht erklären.
Ich bin nutzlos. Ich schaue aus meinem Fenster. Ich schaue in viele Fenster.
Ich stecke Gott in meine linke Hosentasche und das Universum in die andere
und vergesse sie.

Macht euch locker

Heute startet die so sehr in der öffentlichen Kritik stehende Fußball-WM in Katar.
Noch immer warte ich auf meinen normalerweise alljährlichen Katarrh der Atemwege. Den letzten hatte ich Ende 2019.
Ich werde mir bestimmt das ein oder andere Spiel der WM anschauen.

(Hatschiiiiiii! – Schneuz! – Ich schätze, das ist der Hausstaub… Entschuldigung.)

Wieso soll ich die WM durch Nichtgucken boykottieren? Viele reagieren meines Erachtens wie trotzige Kinder: „Gucke ich nicht! – Nein, ich gucke diese WM nicht!“ Der Suppenkasper lässt grüßen.
Wir Deutschen gefallen uns viel zu oft in der Rolle der Spaßbremse.  Okay, ich bin auch nicht gerade der große Gute-Laune-Verbreiter. Darum trinke ich gern Bier… um mich locker zu machen.
Nicht, dass ich was gegen moralische Einwände hätte. Aber: Schon vergessen, wohin Deutschland seine Waffen liefert? – Nur mal so als Nachdenkimpuls.

(Hatschiiiiiii! – Schneuz! – Ich schätze, das ist der Hausstaub… Enschuldigung.)

Unglaublich, was für ein Spaltpilz während der letzten Jahre um sich greift. Wir lassen uns in Geimpfte und Ungeimpfte spalten, in Richtigdenker und Querdenker, in Raucher und Nichtraucher, in verantwortlich Handelnde und Asoziale, in Ukrainefreunde und Russlandfreunde, in Weltretter und Klimaleugner, in WM-Boykotteure und WM-Gucker… und vieles mehr.
Macht euch mal locker, Leute. Ich beiße nicht. Ich bin ungeimpft, vor allem ungeimpft von Ideologie.

Heute ist Alles

Ich falle durch mein Leben zurück in die Vergangenheit. Ich durchquere 6 Jahrzehnte. Meine Erinnerungen wirbeln durcheinander. Es gibt kein Oben und kein Unten. Trotzdem fühlt es sich an, als würde ich fallen… wie durch Nebel. Bilder tauchen fetzenhaft auf und werden wieder verschluckt. Es ist, als würde ich durch 1000 TV-Programme zappen. Ich kann nicht anhalten. Mein Leben ist ein Puzzle, das in alle Richtungen auseinanderfliegt. Erinnerung und Verstand versuchen es krampfhaft in einen Rahmen zu pressen…
Heute ist heute, und heute ist Alles. Ich sitze an meinem Schreibtisch und falle. Meine Finger fallen auf die Tastatur, um festzuhalten, was nicht festzuhalten ist. Die Puzzleteile verlieren an Farbe. Lief nicht alles nach Wunsch? Mein Leben ist mein Leben ist mein Leben. Der beste Kampf ist der, den man nur verlieren kann und ihn trotzdem kämpft…

Ich treffe mich mit Sisyphos zum Bier in der Kupferkanne.
„Was geht ab, Alter?“ fragt mich Sisyphos.
„Nichts anderes als bei dir“, antworte ich und grinse, „ich mache einfach weiter.“
Gabi steht am Zapfhahn und sorgt dafür, dass uns nicht der Saft ausgeht.

Das letzte Interview

Krieg sei eine der ältesten Krankheiten in der Menschheitsgeschichte ähnlich der Pest oder der Cholera, sagte Professor Lari Fari, man müsse dagegen eine Impfung entwickeln, schließlich drohe der 3. Weltkrieg. Man dürfe keine Zeit verlieren.
Gesagt getan. Prof. Lari Fari entwickelte in Windeseile einen Impfstoff gegen Krieg, speziell gegen den 3. Weltkrieg. „Das ist mein Geschenk an die Menschheit“, sagte der geniale Forscher. Was für ein Durchbruch! – Diese Impfung versprach „peace forever“!!
Aber anstatt Jubel und Ehrungen, rauschten Bedenken durch den journalistischen Blätterwald. Prof. Lari Fari wurde der Scharlatanerie bezichtigt und war alsbald nicht mehr gesehen. Gerüchte gingen herum, nach denen er in einem Kerker schmachtete oder eliminiert wurde. Kein Wunder, denn die Mächtigen hatten kein Interesse an einer friedlichen Welt.
Hier nun exklusiv das letzte Interview mit dem Forscher:

„Prof. Lari Fari, Sie gelten als einer der klügsten Köpfe auf der Welt. Wieso kam vor Ihnen noch niemand auf die Idee, einen Impfstoff gegen Krieg zu entwickeln?
„Alles hat seine Zeit, das Verhängnisvolle, denken Sie an die Entwicklung der Atomwaffen, wie auch das für die Menschheit Segensreiche… Wer konnte sich vor 100 Jahre eine Welt wie die heutige vorstellen? Wir steuern im Sauseschritt auf den 3. Weltkrieg zu. Ich musste etwas tun.“
„Dafür sollte ihnen die gesamte Menschheit danken, Professor. Stattdessen brandete von allen Seiten Skepsis auf. Sie wurden von der wissenschaftlichen Gemeinde ausgeschlossen und gelten inzwischen als Persona non grata. Können Sie sich diese Ablehnung erklären? – und wie gehen Sie damit um?“
„In der Tat rechnete ich eher mit dem Friedensnobelpreis“, Prof. Lari Fari lachte und fuhr fort, „nein, im Ernst: Es gibt Kräfte auf dieser Welt, die kein Interesse an meinen Forschungstätigkeiten für den Frieden haben. Trotzdem konnte ich die Entwicklung des Impfstoffs erfolgreich beenden. Dafür danke ich meinem Team und allen Unterstützern. Es war uns klar, dass es nicht leicht werden würde, die Impfung den Menschen zuzuführen…“
„Aber Sie mussten handeln, weil ein 3. Weltkrieg womöglich das Ende der Menschheit besiegelt.“
„Ganz genau – Gefahr in Verzug. Selbst die minimalste Möglichkeit, durch den Impfstoff die Welt zu retten, musste gewahrt werden. Schließlich will man abends noch in den Spiegel schauen können, oder nicht?“ und wieder lachte der Professor.
„Ihnen scheint das Lachen nicht vergangen zu sein.“
„Womit ich beantwortet habe, wie ich mit all den Anfeindungen umgehe. Wissen Sie, ich bin bald 60. Niemand lebt ewig. Es wäre mir eine Ehre gewesen, den künftigen Generationen den Frieden zu schenken.“
„Und diese Impfung würde tatsächlich wirken?“
„Worauf Sie einen lassen können.“


Wie ich zum Atheismus kam

Gott kam daher wie der Großvater von Heidi, also wie ein Bergbauer aus den Schweizer Alpen. Der Teufel erschien im Nadelstreifenanzug, sah aus wie geleckt. (Keine Frage, zu wem ich mich mehr hingezogen fühlte.)
Gott bot mir frische, saubere Luft und ein sagenhaftes Naturerlebnis. Der Teufel versprach mir viel Geld und sagenhaften Erfolg.
Dem Teufel ging ich zwar nicht auf den Leim, aber in den Schweizer Alpen landete ich auch nicht. Wie die meisten von uns lebe ich in einer Welt dazwischen.
Gott saß stoisch in seiner Berghütte, und ich wuchs in einem System auf, welches bereits vom Teufel infiltriert war… Weder die Welt Gottes, die einer Traumwelt über den Wolken gleichkommt, noch die Welt des Teufels mit ihrem überbordenden Materialismus und Konsum, ist mir geheuer.
Beelzebub hat die Menschheit eh im Sack. Der alte Bergbauer verkackte es, als er Adam und Eva aus dem Paradies schmiss.
Am Besten glaube ich an nichts. Gott und Teufel können mich mal kreuzweise. Beide überzeugen mich nicht, egal wie sie sich verkleiden, in welchen Religionen und Ideologien sie erscheinen. Ich kann auch ohne Indoktrination zwischen Gut und Böse unterscheiden.
Okay, es ist nicht immer einfach…

Falls es Gott gibt, dann ist er ein ziemlich guter Betrüger

Umso dreister die Lüge, desto mehr Erfolg – kleines Betrüger-Einmaleins.
Zur Untermauerung des Lügennarratives hilfreich sind: Hinhaltetaktik, (emotionale) Erpressung, Abhängigkeit, Verschleierung, Täuschung, Verlockung/Anreize, Tatsachenverdrehung, Einschüchterung…
Die Kunst des erfolgreichen Lügners/Betrügers besteht darin, dass er diese Instrumente je nach Vorhaben auswählt, miteinander abstimmt und geschickt einsetzt.

Ich meine: Betrug ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Auch im Tierreich und in der Pflanzenwelt wird ständig betrogen. Der Betrug war schon immer eine Überlebensstrategie. Gibt es überhaupt ehrliche Kreaturen?
Ist Gott ehrlich?

Leben wir vielleicht in einer Matrix? Mich überkommt oft das Gefühl, dass irgendwas so gar nicht stimmt auf der Welt. Und ich meine damit nicht die Politiker mit ihren doofen Lügen… Ich meine das Leben/Dasein an sich mit Geburt und Tod, mit all seinen Phänomenen. (Wo bin ich? – Wer bin ich?)

Die Hinhaltetaktik klappte bisher ganz gut. Auch die Abhängigkeit wird mir perfekt vermittelt. Dann die Verlockungen und Anreize wie Liebe, Sex und Genuss… hat funktioniert. Nicht ganz so gut funktionierten (bei mir) Verschleierung, Tatsachenverdrehung und Einschüchterung.

Im Alltag versinken wir im Sumpf unserer kleinen und großen Betrügereien. Wir verlieren uns im Selbstbetrug. Ein jeder auf seine Weise.
Ich will der Betrugs-Matrix nicht folgen, auch wenn ich davon als angekettete Kreatur nicht loskomme. Ich kann mich niemals damit zufriedengeben, dass mein Geist im Radius eingeschränkt ist. Ich zerre wie ein Wilder an der Kette… bis ich erschöpft niedersinke.

Es war gestern und ist doch heute (26)

Es regnete Tag und Nacht. Die Blätter fielen zuhauf, abgerissen von schweren Tropfen und Hagel. Ein Wolkenheer in grauem Rüstzeug zog über das Land. In der Nacht donnerten und blitzen seine Geschütze in einer fernen, unwirklichen Schlacht. Am Morgen blies ein heftiger Wind. Viele Blätter waren gefallen und leuchteten rot und gelb in der Sonne. Immer wieder lösten sich neue und tanzten gen Boden. Dem Herbstwind gefiel das Spiel, und er rief die Sonne: „Komme hervor und lasse die Erde leuchten!“ Und die Strahlen der Sonne brachen durch die Wolken und fielen auf das nasse Laub. Das war eine Farbenpracht! Daneben der Alltag der Menschen und die Hektik der Stadt in gleichgültigem Grau. Und der Wind rief auch die Menschen, aber nur wenige hatten gefallen an dem Spiel. Der Wind war wie ein Kind, und auch die Sonne vergaß ihren mütterlichen Ernst. Die zwei scherzten – ei! – ein Hut machte sich davon, Papierbällchen strauchelten über das Pflaster, Blätter tanzten Ringelreih, bis sie schließlich irgendwo klebenblieben: unter dem Schuhabsatz eines Passanten, in einer Pfütze, zertreten, verrottend.
Dieses Spiel wiederholt sich jedes Jahr, jedes Jahr dieselben Zeichen der Vergänglichkeit im Rhythmus eines schlagenden Weltherzens. Das Leben ist kurz. Nur kurz wirbelt das Blatt durch die Luft, um dann eins zu werden mit der Erde, und macht sie fruchtbar.

(1985)

Egal an was du stirbst, du stirbst auf jeden Fall

Im Allgemeinen stirbt jeder. Zumindest sind mir keine Highlander, Vampire, Unsterbliche oder hunderte Jahre alte Menschen bekannt, was nicht heißt, dass es die nicht gibt. Ich bin mittlerweile zur Überzeugung gekommen, dass ich zu den normalen Sterblichen gehöre. Ich sehe meine Tage dahinschmelzen. Das Leben ist eine Art Knast, in dem man sitzt und nicht rauskommen will…
Früher mochte ich den Herbst. Das änderte sich, seit ich mich selbst im Herbst meines Lebens befinde. Frühling und Sommer sind unwiederbringlich vorbei. Und während sich die Natur nach dem Winter wieder erholt und im Frühling des folgenden Jahres neu erblüht, wird mich der Tod zur letzten Ruhe betten. Nein, nicht unbedingt in diesem Winter. Möglicherweise fahre ich noch ein paar Runden mit auf dem Karussell. Vater und Mutter warten auf mich. Ich sehe sie winken. Keine Ahnung, warum das Karussell eine solche Anziehungskraft auf mich ausübt, so dass ich gar nicht mehr runterwill. Es ist zum Heulen.

Das Loslassen vom Leben und von der Liebe ist das Schwierigste. Das kann man nicht üben. Manche glauben an ein Leben nach dem Tod. Sie glauben an den Himmel oder an die Wiedergeburt. Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Ich muss noch ein wenig Geduld haben. Es ist so, als würde ich in einer langen Reihe stehen, in welcher sich die Anstehenden Geschichten darüber erzählen, was denn am Ende auf sie wartet. Ich frage: „Warum stehen wir überhaupt wie Blödiane hier rum?!“ Von den vor und hinter mir Stehenden höre ich „Psst!“. Einige blicken mich mahnend an. Offenbar verletzte ich mit meiner Frage ein Tabu.

Ich denke: Das Leben ist nicht nur Knast, sondern explizit eine Todeszelle.