Einfach umsetzen

Ich mag den Morgen, bevor die Welt in den Tag pisst. Die Zeiger auf dem Wecker rückten auf Sechs Uhr. Mit offenen Augen lag ich da und starrte in die schemenhafte Dunkelheit des Zimmers. Warum kann ich mich nicht wegdenken? Eher könnte man die Welt wegdenken als sich selbst. Warum gibt es etwas, was unmöglich erscheint? Ich habe solche Momente, da kommen mir Welt und Existenz absolut unmöglich vor. Wenn aber alles existiert, kann es nicht unmöglich sein. Ich drehte mich nochmal auf die andere Seite. Vielleicht ist alles nur ein Traum. Fragt sich dann, in was man aufwacht, wenn die Wirklichkeit bereits ein Traum ist…
Einer Eingebung gleich hatte ich plötzlich das Bild eines Menschen vor Augen, der mit dem Kopf verkehrt herum auf dem Hals herumlief. So ist es – wir sitzen entgegen der Fahrtrichtung im Zug der Zeit. Wir sehen die Landschaften, die am Zugfenster gerade vorbeihuschen und sogleich in die Vergangenheit entschwinden. Am Besten kann man Dinge ins Auge fassen, die schon ein Weilchen zurückliegen (aber nicht zu weit). In die Zukunft können wir aus unserer Position nicht blicken, – nur aus dem Augenwinkel erkennen, was sogleich auf uns zukommt. Wenn wir richtig in die Zukunft schauen wollten, müssten wir uns in Fahrtrichtung umsetzen. Einfach umsetzen…
Ich schaute erneut auf den Wecker. Die Zeiger rückten gegen Halb Sieben. Samstag – ich hätte getrost liegenbleiben können. Doch mauserte ich mich, spätestens seitdem ich wieder arbeite, zum Frühaufsteher. Und, wie ich anfangs sagte, schätze ich den Morgen, besonders den frühen. Er ist noch nicht vollgepisst von dem ganzen Unsinn, welchen das Leben auf Lager hat. Von mir aus könnte der Zug jetzt abbremsen – oder noch besser für ein Päuschen anhalten. Ich würde aussteigen und in die Morgendämmerung schauen. Welch gute Luft! Welch weiche Schönheit in den Farben!

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Unsere Zeit

Vor ein paar Tagen hatte ich die verrückte Vorstellung, eine Stubenfliege, einen Menschen und eine Schildkröte zu ihrem Zeitempfinden zu befragen. Ich dachte mir dazu eine Art Talksendung aus. Es gibt nämlich nichts, was mich mehr interessiert als die Zeit…, wie sie vergeht… in mir, mit mir und ohne mich. Wenn wir die Zeit verstünden, würden wir alles in einem anderen Licht sehen.
Also, ich sehe die Stubenfliege, den Menschen (einfach ein normaler Mensch, geschlechtlich gesehen uninteressant) sowie die Schildkröte zu Gast bei BONANZAMARGOT.
Folgendermaßen läuft die Sache ab:
Die Stubenfliege nimmt in der Bescheidenheit ihrer Größe augenblicklich Platz. Kamerazoom auf die Stubenfliege…
„Ein herzliches Willkommen für Frau Stubenfliege, die uns immer einen Schritt voraus ist in der Zeit!“
Verhaltener Studioapplaus. Inzwischen setzt sich der Mensch. Er wird in der Mitte sitzen.
„Hallo Mensch! Prima, dass du dabei bist. Du wirst uns sicher viel über die neuesten Forschungen in Sachen Zeit Auskunft geben können.“
Der Studioapplaus schwillt an.
Die Schildkröte bewegt sich gemächlich Richtung ihres Platzes.
„Alles braucht seine Zeit, meint unser nächster Gast. Ein herzliches Willkommen für die Schildkröte!“
Die Kamera verfolgt den Weg der Schildkröte. Es kann sich nur noch um Stunden handeln. Der Mensch steht auf und trägt sie zu ihrem Platz.
Das Studiopublikum applaudiert…
„Danke.“
„Gern geschehen.“
Kameraschwenk auf den Moderator BONANZAMARGOT.
„Liebe Gäste, liebes Publikum, wir diskutieren heute die Zeit. Alle sind wir Zeitbürger. Ein jeder lebt in seiner Zeit, empfindet sie auf seine Weise schneller oder langsamer. Doch eines haben wir alle gemeinsam: Unsere Zeit ist endlich… Der berühmte Gelehrte und Dichter Goethe sagte: Die Zeit ist selbst ein Element. Gerne möchte ich dazu meinen hier anwesenden Artgenossen, den Menschen, fragen: Hat Goethe mit seiner Aussage Recht? Wie fassbar ist die Zeit?“
Die Kamera zeigt den Menschen in typischer Denkerpose. Der setzt zu einer Antwort an…

Soweit so gut. Liebe Leser und Leserinnen. Ich halte Sie allesamt für Menschen. Wie würde Ihre Antwort ausfallen?

Mittwochs-Mattheit

Da mir mit dem Älterwerden vieles zunehmend dumm und abgedroschen erscheint, entsteht die Herausforderung, einer geistigen Ermattung entgegenzuwirken. Ich beschloss: einmal nicht gegen den Weihnachtswahnsinn anreden, wo doch alles hinreichend gesagt ist – so auch bei anderen Themen, bevor man in dieselbe Leier wie immer verfällt.
Liebe Leute, ich kann euch gar nicht sagen, wie öde ich die ständigen Wiederholungen finde. Nicht die im TV, sondern die im Leben, in der Welt. Wie schön wäre es, eine unbeschriebene Seite aufzuschlagen, die verheißungsvoll neues verspräche…

Zeit für die Wahrheit

Mir ist klar, dass die Wahrheit oft unbequem ist. Viele werden sie nicht hören wollen. Andere wiederum ahnten die Wahrheit sicher und werden nicht besonders überrascht sein. Bestimmt aber werden die meisten aus allen Wolken fallen. Sei`s drum. Meine Wahrheitsliebe verpflichtet mich dazu, Euch hier und jetzt mitzuteilen, was Sache ist.

Nein, das ist keine Show. Vor zwei Stunden, fünf Minuten und 23 Sekunden wurde mir aus sicherer Quelle die Wahrheit aller Wahrheiten zugespielt. Fragt mich nicht, warum ausgerechnet ich auserwählt wurde. Ich bin nur ein simpler Informant. Ich habe mich nicht um diesen Job gerissen. Auf der anderen Seite gehöre ich zu denen, die es schon lange ahnten.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn ich Euch die Wahrheit einfach so aufs Brot schmiere. Was sollte sich danach ändern? Die Mehrheit wird mich für verrückt erklären. Kann ich sogar gut verstehen. Aber da ich weiß, dass es die Wahrheit ist, werde ich nicht davon abrücken. Seid ihr also bereit?

Okay. Die Wahrheit ist… Wie jetzt?… Ich soll nicht mehr?!?… Wieso, verdammt!?… Aber Du sagtest… Scheiß Spiel!… Das lasse ich nicht zu!… Nein, auf keinen Fall… Ich sage jetzt die Wahrheit!!… Fuck!… Wieso soll das plötzlich nicht mehr die Wahrheit sein??… Verarschen kann ich mich selbst!… Noch nicht der richtige Zeitpunkt?…

Entschuldigt. Wir verschieben das. Ich kenne mich nicht mehr aus. Gott und Teufel. Sie lassen mich im Regen stehen mit der Wahrheit. Kalt abserviert. Bestimmt Methode. Passt nur auf – ich bin sicher nicht der einzige, den sie linkten und noch linken werden. Dabei erschien es mir echt plausibel: Die Welt ist die Hölle, und wir verdienen es, hier zu sein…

November, du Hund

Es ist derart trist, dass ich ein paar Kerzen und Teelichter anzündete. Die Luft, die durch das geöffnete Fenster in die Wohnung strömt, klebt vor Feuchtigkeit. Beinahe sonntäglich still an diesem verregneten, düsteren Samstagvormittag – er erhält von mir den Hauptpreis für Hässlichkeit 2017. Die Bluesmusik aus dem Internetradio passt wie die Faust aufs Auge. Ich habe kein Problem damit, den Blues zu zelebrieren, ein totes Pferd zu reiten oder einfach in die Röhre zu gucken. Die Schwermut ist für mich mehr als ein guter Bekannter. Sie steckt mir wie Blei im Blut. Einsamkeit und Schwermut – eine köstlichere Verbindung gibt`s nicht.
Eigentlich ganz gemütlich alleine in der Bude. Ich blicke auf das flackernde Licht auf dem Couchtisch. Wenn man jetzt noch was mit sich anzufangen wüsste.

Wer stinkt am meisten?

Eine Wasserleiche nach Luftkontakt? Ein saufender Russe? Ein Nazi? Ein Igel vor dem Zelt? Ein Pole in einem gestohlenen Auto? Ein Stinktier? Trump? Vier Aborigines beim Zerlegen eines Kängurus? Heidi Klum? Der alte Schwede? Arabische Flüchtlinge? Inder? Kinder nach einem Kindergeburtstag in Mac Donalds? Fünfzig Rentner auf einer Kaffeefahrt? Wladimir Klitschko nach einem Boxkampf? Ein Indianer auf Kriegspfad? Ein deutscher Soldat vor Stalingrad? Ein sterbender Elefant im Zirkus? Ein verfaulender Mensch im Altenheim? Angela Merkel? Eine chinesische Reisegruppe im Bierzelt? Die Katze meines Nachbarn? Ein Asylbewerber? Kim Jong-un? Ein Jude? Die Türken in Neukölln? Alle Türken? Ein deutscher Spießer? Harvey Weinstein? Die Nutte nach einem Blow-Job? Ein Zigeuner? Fünf Zigeuner? Dreißig tote Zigeuner? Mein Hund, wenn er furzt? Mein Kind, wenn es Blähungen hat? Politiker bei Sondierungsgesprächen? Mein Arbeitskollege? Ein Anarchist? Der Papst? Bill Gates? Der liebe Gott? Ich?

Selbsterkenntnis

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich absolut lern-resistent bin. Nichts lernte ich aus meinen Verfehlungen im Leben! Diese Erkenntnis kam über mich wie eine Eingebung. Ich empfand Scham. Wieso war ich solch ein Arschloch geworden? Ich konnte doch sehr gut zwischen Gut und Böse unterscheiden. War es ein Fehler gewesen, aus der Kirche auszutreten? Warum ignorierte ich all jene, die mich auf den Pfad der Tugend führen wollten? Meine Eltern bemühten sich redlich. Und auch die Lehrer in meiner Schulzeit – alle meinten es doch gut mit mir?!
Ich bin ein Versager. Ich dachte immer nur an mich. Und das fatale dabei: Niemals werde ich mich ändern. Niemals werde ich auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurückfinden.

Ich mache mir einen Gin-Tonic und öffne die Nachrichten-App meines Computers. Immer und überall derselbe Scheiß. Die ganze Menschheit scheint ziemlich lern-resistent zu sein. Soll ich mich nun besser fühlen?