Der Tag wird kommen

Nachdem wir unzählige Weltuntergänge verpassten, wird ein Tag kommen, an dem es wirklich so weit ist. Ebenso wie der individuelle Tod eines jeden Lebewesens von Stunde zu Stunde näher rückt – die Sanduhr des Lebens läuft unweigerlich ab. (Wer versteht den Sinn dahinter?) Die Menschen flüchten in Religion und Ideen. Pflanzen und Tiere suchen nicht nach einem Sinn. Das Muster ist immer dasselbe: Geburt – Wachstum – Reife – Fortpflanzung – Vergehen. Evolution durch Rivalität, Auslese, Überlebenskampf, Anpassung. Die Natur braucht keine ordnende Hand – sie trägt alles in sich. Die Natur braucht keine Gesetze und keine Moral. Sie existiert selbstverständlich.
Nur wir Menschen entwickelten unsere ganz eigenen Ideen, durchschnitten die Nabelschnur zu unserer Allmutter. Wir entwickelten Sprache, Bewusstsein, Geist, Technik… Und da gibt es die einen, die Bewusstsein und Geist als ein Geschenk ansehen, in Frieden mit sich und ihrer Umwelt leben wollen; und es gibt die anderen, die in ihrem Größenwahn Kriege gegen die Natur und gegen sich selbst führen. Deren Gier kennt keine Grenzen. Sie glauben, dass sie alles beherrschen können. Dieser Menschenschlag hat sich im Zeitalter des Materialismus und Kapitalismus durchgesetzt.
Der Wahnsinnige wird sein Ende finden wie alles andere auch. Aber mit dem Unterschied, dass der Wahnsinnige in Unfrieden und Unverstand auf sein Ende zusteuert. Dass er zuvor die Hölle auf Erden erzeugt.

   

Es war gestern und ist doch heute (12)

Kängurus trinken Havana

Wer reitet zu später Stund durch die Nacht?
Es ist der Tiger auf seinem Bike…
Ich denke immer mal über das Leben nach
in der Küche.
Es ist viel zu kompliziert.
Die Moderne reißt dem Menschen den Arsch auf.
Wir sind heute pränatal
unselbstständig.
Wir können ohne den ganzen Scheiß gar nicht mehr leben.
Ihr wisst schon, welchen Scheiß ich meine.
Wir erleben einen Weltuntergang zweiter Klasse,
wenn das Klopapier alle ist,
oder das Auto nicht anspringt.
Wir mutierten zu Hybridwesen,
zu Maschinenmenschen.
Wir funktionieren wie Maschinen.
Wenn etwas kaputt ist, lassen wir uns von
den Weißkitteln reparieren.
Und wenn wir durchdrehen, mischt sich der Seelenklempner ein:
„Sie fühlen sich als Känguru?“
„Nein, eigentlich als Tiger.“
„Seit wann haben Sie das Gefühl, ein Tier zu sein?“
„Ich kann mich nicht erinnern. Es muss schon lange her sein.“
„Wie viel trinken Sie?“

Manche Antworten spare ich mir, sonst muss ich noch mehr trinken.


(14.05.2009)

Es hilft nichts

Lebbe geht weiter – es tröpfelt vor sich hin, Tag für Tag… In manchen Orten Deutschlands wurden die Menschen aus ihrem Alltag gewaltsam herausgerissen. Das Leben verdichtete sich zu Momenten der Verzweiflung und Todesangst. Straßen, Autos, Häuser mit Mann und Maus versanken in den Fluten, wurden von den Wassermassen fortgerissen. Viele Menschen verloren nicht nur Hab und Gut, sondern auch ihr Leben.
Einmal mehr wird uns bewusst, dass das Leben lebensgefährlich ist. Es kann keine 100%ige Sicherheit vor Naturgewalten und Krankheiten geben. Zu viele leben in dem Irrglauben, dass mithilfe von Wissenschaft und Technik alles kontrollierbar sei und sitzen dabei dem faustischen Wahn auf. Selbst an sich gute Vorsätze werden durch die Allmachtsfantasien des Menschen zum Wahnsinn. So gereichen Errungenschaften von Wissenschaft und Technik uns niemals nur zum Guten. In der Geschichte zeigt sich stets die Janusköpfigkeit des Menschen. Er will das Gute und schafft dabei das Böse (– im Gegensatz zu Mephistopheles in Goethes Faust).
Ich will niemals meine Freiheit als Mensch für vermeintlich mehr Sicherheit aufgeben. Ich will nicht den Verführungskünsten eines Mephistopheles auf den Leim gehen… Egal, ob er als Kapitalist, Technokrat, Politiker, Priester oder Ideologe daherkommt.
Im zarten Alter von 16 schrieb ich meiner ersten großen Liebe folgendes Gedicht:

So seicht, so zart im Scheine einer Kerze
Träume ich von einem Sinn
Ohne Eile, Angst und Hetze
Will ich wissen, wer ich bin
Immer dieses Suchen und Erstreben
Das will ich nicht
Was ich will, ist leben
Einfach so im Kerzenlicht

Damit ist alles gesagt – bis heute. Ich stand schon immer auf Kriegsfuß mit unserer durch und durch technokratischen Welt, welche den Menschen entmenschlicht und zu einem Teil einer monströsen Maschinerie werden lässt. Ich wollte dabei nie mitmachen.

  

Sommer, Fußball und Politik

Regenbänder ziehen seit Tagen über Stadt und Land. Der Sommer dümpelt vor sich hin. Die Homeoffice-Pflicht wurde aufgehoben. Die Büros füllen sich wieder. Die Stadien füllten sich im Zuge der EM. Frenetischer Jubel bei den Gewinnern, Tränen bei den Verlierern. In den Nachrichten immer noch Angstmache. Wehe, wenn die Delta-Variante zuschlägt. Die Impfkampagne erreicht zu wenige – mich übrigens auch nicht. Politik und Medien sollten sich an die indianische Weisheit halten „Wenn ein Pferd tot ist, dann steig ab“…
In 11 Wochen ist Bundestagswahl. Eine neue Regierung muss sich formen. Der Souverän wird an die Wahlurnen gerufen. Erstaunlich wenig an Wahlkampf ist im Gange. Als wäre das Ergebnis Schwarz-Grün bereits in Stein gemeißelt. Irgendwie will man das angeschlagene „Corona-Schiff“ hinüber in die nächste Legislaturperiode retten. Jetzt nur nicht das Wahlvolk durch inhaltliche Auseinandersetzungen verunsichern… Schließlich lauert der böse Wolf AfD nur auf Gelegenheiten, um Stimmen von den etablierten Parteien abzugreifen. Lieber weiter auf die bisherige Angst- und Schwarzweiß-Politik setzen. Unbequeme Wahrheiten dürfen nicht aufploppen. Kritiker werden geschasst oder isoliert. Die Taktik kennen wir auch im Fußball: Die führende Mannschaft mauert und verzögert den Spielablauf, um das Ergebnis bis Spielende zu halten. Man zittert sich zum Sieg. Nicht immer gewinnen die besseren. Der Frust kann groß sein.
Am Sonntag das EM-Endspiel „Italien – England“. Necip wird vor der Kupferkanne noch mal den Grill anwerfen. „Zum Abschluss der EM“, sagte er mir. Ich wünsche ihm Glück mit dem Wetter. Natürlich werde ich auch dort sein… zumindest am Nachmittag. Warum werden solche Top-Spiele eigentlich erst 21 Uhr angepfiffen?! Seit wann ist das so?

Erschöpft

Ich befinde mich seit geraumer Zeit in einem Erschöpfungszustand. Die physischen Symptome sind Müdigkeit, Schwäche/Mattheit, Trägheit – die psychischen Symptome Antriebslosigkeit, Depression, Angst, Stumpfheit/innere Leere. Es ist wie durch Morast waten. Jeder Schritt ein Kraftakt, wo andere leichtfüßig daherkommen. Nun bin ich seit jeher eine eher schwermütige Seele und gewöhnte mich an die damit verbundenen Schwierigkeiten im sozialen Zusammenleben und an die Last im persönlichen Empfinden sowie im Geiste… Auch als unverbesserlicher Grübler und Zweifler war ich doch im Grunde dem Leben gegenüber immer positiv eingestellt. All die Lebensfreude, die ich erleben durfte, vor allem in der Liebe oder in anderen innigen sozialen Bindungen, ebenso meine Faszination am Mysterium Dasein/Leben/Universum halfen mir stets wieder auf die Beine. Man könnte fast sagen, dass ich die Lebenskunst beherrschte, mich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen… with a little help from my friends. Diese kleine Hilfe soll man nicht unterschätzen, wie ich besonders in den letzten Jahren feststellen musste. Ein Leben alleine ist ungeheuer kräftezehrend, selbst wenn man wie ich eine ausgeprägte eigenbrötlerische Seite hat.

In der vergangenen Woche rebellierte mein Körper: Gliederschmerzen, Fieber… Kurz: Ich war platt! 36 Stunden lang verließ ich das Bett nur zum Pinkeln. Vielleicht hätte ich besser noch länger im Krankenstand verharren sollen, aber krank sein kann man nicht wirklich genießen, wenn da niemand ist, der sich sorgt und einen verwöhnt.

    

Die Rattenfänger

Die Rattenfänger hatten ihm nach und nach all seine Träume ausgetrieben. Erwachsensein heißt nichts anderes, als seine Träume an der Garderobe abzugeben und brav in der Vorführung zu sitzen – zu lachen, wenn man lachen soll, und zu klatschen, wenn man klatschen soll. Wer nicht mitmacht, riskiert ärgerliche Blicke. Und wer gar an der unrechten Stelle lacht oder klatscht, wird nicht selten des Platzes verwiesen. Er verstand schnell, dass Erwachsensein nicht mehr viel mit Spaß zu tun hatte. Es ging fortan um hehre Begriffe wie Pflichtbewusstsein und Verantwortung. Die Rattenfänger hatten ganze Arbeit geleistet. Generation für Generation wurden nach dem gleichen Muster erzogen. Der Vater sagte: „Solange du deine Füße unter meinem Tisch stellst, hast du gefälligst zu gehorchen!“. Ein paar Jahre später setzte Vater Staat die Erziehung nach ähnlichem Duktus fort. Es hieß dann: „Nur wer etwas leistet, kann sich etwas leisten.“ Und: „Wer Rechte hat, hat auch Pflichten!“ Er war angekommen, wo er nie hinwollte. Gegen die Rattenfänger hatte er keine Chance. Niemand hatte eine Chance – nicht einmal die Rattenfänger selbst. Sie glaubten an das, was sie predigten. Oder sie mussten es sich wenigstens vormachen. Sie hatten nur diese eine Melodie gelernt. Sie konnten nicht anders.

   

Die Stepptänzer

Die Stepptänzer erobern die Welt in höllischem Tempo. Sie steppen sich die Wahrheit zurecht – und die Massen tanzen mit. Egal ob Religion oder Politik. Egal ob Wissenschaft oder Philosophie. Egal ob Gerechtigkeit oder Moral. Sie tanzen wunderbar auf der Klaviatur der Propaganda. Sie tanzen absolut alles in Grund und Boden. Die Stepptänzer haben es drauf. An ihnen kommt niemand vorbei. Sie stoßen jeden von der Tanzfläche, der ihren Rhythmus stört.
Sie verfeinern ständig ihre Kunst. Keine Macht wird sie aufhalten…

Ich wachte auf

… und alles erschien mir völlig unmöglich – wie die Welt ist, wie die Welt geformt ist mit ihren Dingen und Kräften. Es war, als ob ein Kartenhaus zusammenbricht, und ich plötzlich verzweifelt in einer absoluten Leere stehe, haltlos und verloren… Was ist das Leben? Was soll das alles?!
Ich versuchte zurückzufinden in die vertraute Ordnung, in die Selbstverständlichkeiten, die plötzlich wegbrachen. Kann es sein, dass hinter der Wirklichkeit nichts ist… gar nichts? Ist, was ich täglich schaue, lediglich eine fragile Fassade?
Es dauerte ein gutes Weilchen, bis sich der Schrecken der absoluten Nicht-Verortung (in dieser Welt) wieder legte. Die steife scheinbar unabänderliche Normalität stellte sich langsam wieder her. Ich glitt zurück in den Kokon meines Lebens…
Ein gruseliger Schauer blieb, der sich kaum in Worte fassen lässt.

 

Heil Corona!

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Mutter vor Angst, sie könne Brustkrebs haben, fast verrückt wurde. Damals schrieben alle Blätter über die Krebsgefahr. Irgendwann wurde es ruhiger darum.
Ich erinnere mich noch gut daran, als alle über Aids sprachen, und wie HIV-positive Menschen ausgegrenzt und geächtet wurden. Irgendwann wurde es ruhiger darum.
Ich erinnere mich gut an die multiresistenten Krankenhauskeime, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Immer mal wieder wird vor ihnen gewarnt. Und dann wird es wieder ruhiger um diese Gefahr – es geschieht in Wellen.
Ich erinnere mich noch gut an Schweine- und Vogelgrippe. Die übliche Angstkampagne wurde gestartet. Doch man hatte sich wohl verrechnet. Es wurde schnell ruhiger darum.
Ich erinnere mich gut daran, als es 2020 mit Corona losging. Seitdem gibt es kaum noch ein anderes Thema. Die Freiheitsrechte der Bürger wurden eingeschränkt. Die mediale Angstmaschine läuft auf Hochtouren. Man glaubt an die Rettung durch den „Pieks“. Währenddessen wird weiterhin an Krebs, Aids und anderen Krankheiten gestorben. Währenddessen passieren Kriege und Katastrophen. Währenddessen werden Menschen bedroht, weggesperrt und gefoltert, bloß weil sie den Herrschenden widersprechen. Währenddessen vergiften wir weiter die Umwelt und damit unsere Lebensgrundlage… Doch wen interessiert`s? – wir haben jetzt Corona auf immer und ewig!

Abgebrannt II

Beim Wiederlesen eines alten Textes traf ich auf mein vergangenes Ich. Es sprach mich aus dem Text heraus an.

„Bist du es wirklich?“
„Glaubst du, dass außer mir, irgendwer Interesse an deinen Texten und Gedichten hat?“
„Ha-ha-ha, unverkennbar ich! Wie weit lebst du in der Zukunft?“
„Juni 2021.“
„Himmel, Arsch und Zwirn! Da bist du – äh – bin ich bald schon 60! – Nein erzähle mir nichts, will ich gar nicht wissen!“
„Du wirst es ja erleben.“
„Hey Alter, kannst du etwas Kleingeld rüberwachsen lassen? Wie du bestimmt gelesen hast, bin ich abgebrannt. Oder bin ich etwa 2021 immer noch pleite?“
„Nein.“
„Prima! Also, wie sieht`s aus?“
„Schätze, das klappt nicht. Du kennst doch das Großvater-Paradoxon.“
„Klar kenne ich das. Ich bin doch du. Erinnerst du dich noch, wie dreckig es dir damals ging?“
„Dunkel. Aber jetzt, wo ich deinen Text las, kommen mir einige Bilder wieder ins Bewusstsein aus der Zeit nach der Trennung von P.  – da kackte ich ganz schön ab.“
„Worauf du einen lassen, kannst, Alter! Die Narbe an deinem rechten Handgelenk wird ja wohl nicht verschwunden sein.“
„Das hättest du besser anstellen können.“
„Sorry – nach einer Flasche Bacardi…“
„Schnee von gestern.“
„Für mich noch nicht! … Es tut so verflucht weh!“
„Wird noch öfter wehtun.“
„Halt die Klappe! – will ich gar nicht wissen! Helfe mir lieber aus der Patsche – scheiß auf dieses Großvater-Paradoxon!“
„Selbst wenn es ginge, würdest du mit meiner Kohle nichts anfangen können.“
„Wieso das denn?“
„Die D-Mark ist nicht mehr. Wir haben den Euro… Du wirst es auch ohne meine Hilfe packen.“
„Soll mich das beruhigen? – Aber danke fürs Lesen, Alter. Darf ich dich noch was fragen?“
„Nur zu.“
„Wo hängst du… hänge ich 2021 so ab?“
„Berlin.“
„Wow! Als alter Sack in Berlin – ich glaub, ich träume. Wie geht`s mir denn so in Berlin?“
„Gut genug, um dir jeder Zeit ein Bier leisten zu können.“
„Dann habe ich`s wohl noch zu was gebracht?“
„Mache dir keine Illusionen, was deine Zukunft angeht.“
„Schade. Hätte mich auch gewundert, wenn ich mich wesentlich ändern würde… Aber vielleicht habe ich ja bis dahin wenigstens einen Gedichtband rausgebracht oder einen Roman geschrieben?“

„Dein Schweigen sagt mehr als tausend Worte.“
„Du wolltest doch gar nicht so viel über deine Zukunft wissen.“
„Du hast recht – ich sollte mich wieder der Gegenwart zuwenden. Habe da so`ne Idee, wen ich noch anschnorren könnte.“
„Mach das!“
„Ciao Alter! Man sieht sich!“

Ich verabschiedete mich von meinem vergangenen Ich, korrigierte den alten Text und stellte ihn auf meinen Blog. Mein vergangenes Ich hat es verdient gelesen zu werden.