Antimaterie

Wir leben also alle in einer Computersimulation, weil sich Materie- und Antimaterieteilchen nicht gegenseitig auslöschten, was sie aber nach heutigem Stand der Physik hätten tun müssen – damals beim Urknall. Das Universum, wie wir es heute sehen, dürfte es gar nicht geben. Gut. Ich wusste schon immer, dass irgendwas faul an der Sache ist. Aber eine Computersimulation? Nicht, dass ich so ein Leben in der Matrix für unmöglich hielte, aber wer oder was hat sie konstruiert? – und wozu der ganze Scheiß? Gott als Cyber-Freak?

Sonntag. Meine Waschmaschine läuft. Ich stelle mir vor, sie wäre eine Art Miniatur-Teilchenbeschleuniger, komme aber mit dem Gedanken nicht recht weiter… Ich habe ein Fantasieproblem. Vielleicht liegt es an der Hitze. Vielleicht habe ich noch nicht genug Drinks intus. Der Tag liegt vor mir wie ein offenes Scheunentor ohne Ideen. Das Pub öffnet erst 17 Uhr. Der Wirt ist in Urlaub. Bleibt freilich der Biergarten, der aber am Nachmittag brechend voll sein wird. Raus will ich auf alle Fälle. Vielleicht mit ein paar eisgekühlten Getränken in den nahen Park setzen und lesen: „Omon hinterm Mond“ von Wiktor Pelewin. Den Autoren kann ich nur empfehlen – sehr gut, wenn man ein Fantasieproblem hat.
Nur nicht zu früh starten, sonst kacke ich ab – wie gestern. Ich unterschätzte das Gemenge von Hitze, Sonne und Alkohol. Als ich am späten Nachmittag im Pub ankam, strich ich bereits nach einem Bier wieder die Segel. Normalerweise verlasse ich den Laden nicht unter drei. Es war mir fast peinlich – schließlich hat man seine Trinkerehre.

Wie aus dem Nichts kommt mir die Idee für einen Cocktail, den ich „Antimaterie“ nenne und im Schleudergang meiner Waschmaschine mixe. Geil.
Allen einen schönen Sonntag!

Brot und Brötchen

Wow! Ich ziehe den Rollladen hoch und sehe blauen Himmel über Berlin!
Auf Gran Canaria hatte ich diesen Ausblick jeden Morgen zehn Tage lang. Die Sonne ging gegen 7 Uhr in der Früh auf, da öffnete auch das Frühstücksbuffet. Ich also raus aus den Federn, um vor der großen Welle der alten Säcke dort zu sein. Gegen 8 Uhr wurde es voll. Ich setzte mich in die Nähe der großen Glasfront zur Terrasse. Dort konnte man schon etwas Tageslicht einfangen, und weil es dort etwas frischer war, verzogen sich die alten Säcke, vornehmlich die Damen, lieber in den hinteren Bereich. Ich hatte also weitgehend während des Frühstücks meine Ruhe. Am ersten Tag suchte ich Brötchen und Brot, und als ich nichts fand, sprach ich die weibliche Servicekraft an. „Sorry, where ist the bread? … Wo sind Brötchen, Brot?“ Die junge Frau schaute verwirrt, und ich wiederholte die Frage. Ich kam mir ziemlich dämlich vor. Das nächste Mal nehme ich ein Wörterbuch mit auf Reisen. Da die junge Frau nicht weiterwusste, wollte sie bei der Rezeption nachfragen, was ich wollte. Ich folgte ihr auf dem Absatz…, und was sahen meine müden Äuglein auf halbem Wege? Natürlich den Tisch, auf dem Brot und Brötchen angerichtet waren. Ich zeigte mit dem Finger darauf und sagte lächelnd: „I have found it…. This ist bread/Brot.“ Mein Gott, wie peinlich, dachte ich, das klang jetzt bestimmt oberlehrerhaft. Warum sah ich das scheiß Brot nicht? Ich hatte nur auf der Seite des Buffets gesucht.
Nebenbei war die Servicekraft ein echter Blickfang. Sie hatte einen kleinen festen Hintern in der tadellos sitzenden schwarzen Hose. Ihr langes pechschwarzes Haar fiel auf einen schlanken, beinahe kindlich-zierlichen Rücken. Sie bewegte sich mit der grazilen Körperhaltung einer Fado-Tänzerin. Jedenfalls stellte ich mir sie als solche vor. Ihr Gesichtsausdruck stolz – selten verzog sie eine Miene, lächelte nur höflich, wenn sie von den alten Säcken angequatscht wurde. Während ich meinen Teller Rührei verspachtelte, schaute ich immer wieder zu ihr hin, wie sie putzte, an der Bar aufräumte oder das ein oder andere am Buffet richtete. Ein visueller Leckerbissen, diese kleine Spanierin!
Nach dem Frühstück verzog ich mich auf mein Zimmer, schaute Deutsches Frühstücksfernsehen und schmiedete bei ein paar Drinks Pläne für den Tag. Gegen 10 Uhr verließ ich den Bau, hinaus in die Sonne, die mir dann schon recht kräftig auf den Pelz knallte.

Genau, was mache ich eigentlich heute? Ich sollte meine Nase unbedingt in die Sonne strecken, sonst bin ich bald wieder so käsig als wie zuvor. Bis zu 17° Celsius sind für Berlin angesagt. Da lässt es sich auf einer Parkbank und/oder in einem Biergarten aushalten. Also Lektüre einpacken (Sonnenbrille nicht vergessen!), was zum Süffeln besorgen und los geht`s!

Schuld

Das Wochenende gut begonnen, indem ich mir Finger- und Fußnägel schnitt. Ich mache das immer fein mit der Nagelschere und nicht mit einem Nagelknipser. Trotzdem fällt bei der Prozedur schon mal ein Nagel zu Boden. Wo ist der nur wieder hin? Mit meinem Adlerblick suche ich den Boden ab. Nichts zu sehen. Dann streiche ich mit der flachen Hand über den Boden… und hab ihn! Aber nicht immer. Manchmal muss ich die Suche aufgeben. Fingernagel vermisst, irgendwo in der unendlichen Weite vor oder unter dem Schreibtisch. Es ist wirklich so, dass es Dinge gibt, die einfach so verschwinden, nicht nur kleine Dinge wie Fingernägel, Schrauben oder Unterlegscheiben von Schrauben. Seit einem Jahr vermisse ich eine Haushaltschere. Ich zweifelte bereits an meinem Verstand.
Ich denke besser nicht weiter drüber nach, was auf nicht nachvollziehbare Weise schon alles aus meinem Leben verschwand. Es ist nicht so sehr der Verlust, der mich nachhaltig wurmt, sondern dass ich nicht hinter das Verschwinden komme. Wieso? Habe ich nicht aufgepasst? War`s meine Schuld?
Womit ich endlich beim Thema dieses Beitrags wäre: Schuld. Ein sehr schweres Thema. Ich spüre, wie ich mich innerlich verkrampfe, wenn ich drüber nachdenke. Schuld. Besser noch einen Drink nehmen, bevor ich weiterschreibe…

Jegliches Sein lädt per se Schuld auf sich. Das Sein steht immer in Konkurrenz zum ihm umgebenden Sein. Sein gegen Sein. Aktion und Reaktion. Alle tragen wir ein Riesenpaket Schuld auf unseren Schultern, stehen unter einem permanentem Rechtfertigungsdruck. Ausnutzen tun dies diejenigen, die an der Macht sind. Sie liefern uns scheinheilig die Absolution, nach der wir lechzen. Dafür wollen sie lediglich unsere Seelen. Ein guter Deal für Menschen, die von der Seele wenig Ahnung haben. Sie tappen arglos in die Falle. Weltweit zu sehen. Religionen und Ideologien entstehen. Menschen wie du und ich erklären sich zu Moralwächtern über die gesamte Menschheit. Wir generieren eine Hitparade der Schuld. Diejenigen mit den besten Entschuldigungen stehen dabei besser da als die Menschen, die zu ihrer Schuld stehen.
Keine Seele ist ohne Schuld. Die Schuld verbindet uns mehr als alles andere auf der Welt. Es ist töricht, vor ihr wegzulaufen. Funktioniert sowieso nicht. Freilich können wir eine Mauer der Ignoranz und Selbstlüge errichten. Aber die hat ihren Preis…

Eines Tages wird die Menschheit von der Erde verschwunden sein. Die Sonne macht ein Nickerchen, wacht auf, reibt sich die Augen und denkt verwundert: Wo sind denn die Menschen hin? Wo sind diese wunderlichen Geschöpfe auf dem Planeten Erde geblieben? Bin ich etwa daran schuld?

 

Wo bleibt der Plakatierer?

Die Handballer sind mir sympathisch – ganz andere Typen als diese Fußballer. Schon rein äußerlich keine solchen Schmalbrüste. So stelle ich mir eine Horde Wikinger vor. Echte Kerls halt! Gefällt mir gut, was die Deutschen Handballer bisher bei der WM ablieferten. Ich wünsche ihnen, dass sie ins Halbfinale oder gar ins Finale kommen. Wenn sie weiterhin Spiel für Spiel so fokussiert sind, haben sie gute Karten. Ich bin gespannt, was sie heute Abend gegen die Wikingertruppe der Isländer zeigen.

Ganz vergessen, wie das ist: in die Sonne blinzeln. Wenn auch bitter kalt. Die Sonne bringt nicht nur Licht in die Außenwelt, sondern auch in die Seele. Sie kitzelt die paar Lebensgeister, die ich noch habe. Ich laufe mit dem Handstaubsauger durch die Wohnung und jage Wollmäuse. Auch das Staubtuch kommt mal wieder zum Einsatz.

Nachher ein Paket abholen in meiner Abholfiliale, dem Kiosk nur 150 Meter die Straße runter. Vor kurzem träumte ich von Scheiße, was Reichtum bedeuten kann. Ich könnte bei dieser Gelegenheit Lotto spielen. Irgendwo liegt ein vor Monaten ausgefüllter Lottoschein…
Ich finde ihn nicht. Werde wohl einen neuen ausfüllen müssen. Oder auch nicht. Sowieso Quatsch. Obwohl, man weiß nie. Und wie wähle ich die Zahlen? Blind? Einer geheimen Eingebung folgend?
Nur mal angenommen, ich hätte wirklich sechs Richtige, – wäre ein solcher Lottogewinn tatsächlich ein Segen? Ich komme ins Grübeln. Bei meiner letzten Partnerin dachte ich auch, sie sei sowas wie ein Sechser im Lotto für mich. Heute weiß ich, dass sie der größte Scheiß war.

Die Litfaßsäule auf der anderen Straßenseite ist immer noch nackt. Wo bleibt der Plakate Ankleber? Ich googelte inzwischen, dass es „Plakatierer“ heißt. Also, wo bleibt der Plakatierer? Würde gern mal wissen, ob sich noch jemand außer mir für diese Litfaßsäule interessiert. Am Ende existiert sie nur in meinem Kopf… Ich sollte nachher überprüfen, ob sie da wirklich steht. Am Besten ein Foto machen.

 

Erledigt

Die Sonne will es nochmal wissen, aber natürlich hat sie verloren wie ich. Man kann halt nicht einfach aus seiner Haut. Ich mixe mir einen Drink nach dem anderen und registriere, dass der Vorrat im Kühlschrank schmilzt. Im Großen und Ganzen habe ich alles Notwendige für heute erledigt: Wäsche gewaschen, Kartoffeln gekocht und mir einen runtergeholt. Alles geklappt. Nur ein paar Worte zu schreiben, schaffte ich noch nicht. Ich überlegte hin und her, wartete auf Inspiration, las die Nachrichten und einige Beiträge von Bloggern, surfte im Internet: Trump hat sich in Kim Jon Hig Un verliebt erfuhr ich u.a. … Sowas aber auch. Eine Arschlochliebe, – soll`s geben. Lindner appelliert, die AFD-Wähler nicht schlechter zu machen, als sie sind. Oder so ähnlich. Logo Pogo. Schließlich ist die AFD inzwischen zweitstärkste politische Kraft im Lande. Lindner ist ein echt heller Kopf. Er kann Eins und Eins zusammenzählen. Aber ich mag ihn nicht. Ich mag ihn noch weniger als Westerwelle, falls sich noch jemand an den Schwuli erinnert. Nein, ich habe absolut nichts gegen Homosexuelle. Ich habe gegen gar keine Minderheit nichts, und auch nichts gegen Juden, solange sie sich nicht wie Arschlöcher aufführen. Ich bin da ganz ehrlich und schere mich einen Dreck drum, ob meine Aussagen politisch korrekt sind. Ich verabscheue die heutige Politikerklasse, die nur noch konfus im Sinne ihres jeweiligen politischen Machtstrebens zwischen unterschiedlichen Haltungen herumeiert und keinerlei Rückgrat mehr zeigt. Trotzdem würde ich niemals die AFD wählen. Eine echte Arschloch-Partei das. Offenbar haben Arschlöcher gute Chancen, gewählt zu werden. Auch nichts Neues. Kacke aber auch. Was mache ich eigentlich noch auf der Welt, wenn ich alles so zum Kotzen finde? Nicht nur die Politik. Fast dasselbe gilt für die Liebe. Man verliebt sich meist in die größten Arschlöcher… Ist es nicht so?
Man kann halt nicht aus seiner Haut. Die Sonne schreit mich von der Seite an. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich weiß nicht, was ich von dem Leben halten soll, von alldem, was mir jeden Tag wie eine Welle „Irgendwas“ entgegenschwappt.

Donnerstag

Der Himmel strahlt blau zwischen den Hausdächern. Ich nahm mir für heute kurzfristig einen Tag Urlaub. Einfach so. Wieso nicht den Freitag, oder noch den Freitag dazu? wurde ich von meinen Kollegen/Kolleginnen und auch von O. gefragt. Was für eine Frage?! Ich brauchte einfach diesen Tag. Überhaupt wäre die Woche im Büro erträglicher mit einem Tag Frei dazwischen. Wegen mir auch der Mittwoch.
Zurzeit ist der Krankenstand hoch. Umso mehr fehlen, desto besorgter aber auch freundlicher tritt die Chefin auf. Jedenfalls empfinde ich`s so. Sie meinte: „Hauptsache, Sie kommen zurück. „Na klar“, grinste ich roten Kopfes, „ich werde nicht weit weg gehen…“
Ich hatte meine Bitte um den Tag Urlaub damit unterstrichen, dass ich etwas Dringendes erledigen müsse. Freilich eine Lüge.
Ich habe vor, zum Frisör zu gehen, und danach eine Runde mit dem Fahrrad nach Kreuzberg. Dort ist eine Kneipe, die mir gefällt, und ein Shop, in dem es schöne Hanf-Shirts gibt. Ich mag die Ecke Oranienstraße/Heinrichplatz. Man entwickelt so seine Vorlieben. Meist einem Zufall geschuldet. Ob ich in diese Szene nun passe oder nicht – egal. Alle paar Wochen zieht es mich dorthin.

Ein schöner Tag für alles, denke ich. Aber erst muss ich die Wäsche aufhängen.

Genug

Wie fuckin` gut es mir doch geht, dachte ich insgeheim. Wir saßen vor einem Restaurant Ecke Pohlstraße-Potsdamerstraße und streckten unsere Nasen in die Sonne. Vor uns standen zwei frisch gezapfte Pils, O. schmauste eine Gulaschsuppe, die beste von Berlin, wie sie sagte, das heißt, außer der anderen besten im Marcus-Bräu. O. redet gern in Superlativen. Ich bin zurückhaltender (was wohl meinem schwermütigen Wesen geschuldet ist). Es braucht einige Bemühungen, um mich aus meiner Höhle zu locken. Der gestrige Tag tat sein Bestes dazu. Beruhigt stellte ich fest, dass der Frühling meine Säfte noch in Wallung bringt. Das Jahr kommt langsam in Schwung. Da war es eine große Freude, dass ich wegen Wartungsarbeiten am Dokumentationssystem bereits um 13 Uhr Feierabend machen konnte. Wieder war Freitag und die inzwischen vierte Woche am neuen Arbeitsplatz geschafft. O. und ich genossen den Nachmittag an Sonnenplätzen. Wir kamen wiedermal nicht umhin zu erwähnen, wie gut wir es doch mit unserer Wohnung im Potse-Kiez getroffen hatten. Zwei schöne Parkanlagen liegen quasi vor unserer Haustür. Und inzwischen kennen wir genügend Supermärkte, Kneipen und Restaurants, die allesamt gut zu Fuß, mit Bus oder U-Bahn in wenigen Minuten zu erreichen sind. Mit dem Fahrrad bin ich in weniger als zehn Minuten am Potsdamerplatz oder in Kreuzberg… Zum Zoo sind es nur zwei U-Bahnstationen. Und das Beste: in fünf Minuten bin ich mit dem Fahrrad an der Arbeit!
Ich nippte am Pils und blinzelte in die Sonne, betrachtete die Hausfassaden, die vorbeieilenden Menschen…, die hübsche und intelligente Frau an meiner Seite. „Die Konsistenz ist anders“, sagte sie, „diese und die Gulaschsuppe im Marcus-Bräu sind die besten Berlins.“ Ich meinte dagegen: „Bestimmt gibt es in Berlin noch andere beste Gulaschsuppen, die du bloß noch nicht kennst.“ O. lachte hell und kindlich. Ihr Lachen kann mich auf die Palme bringen. Ich habe das Gefühl, dass sie sich über mich lustig macht. Doch sie betont stets, dass es pure Lebenslust ist. „Ich freue mich“, sagt sie, und ich grummele skeptisch.
Als sich die Sonne unter die Hausdächer duckte, wurde es sehr schnell kühl und wir verzogen uns ins Restaurant. Der Kellner flötete ein Lied. Wegen dem herrlichen Wetter, sagte er. Kaum hatten wir uns gesetzt, hatte ich es plötzlich eilig. Ich spürte einen Drang nach Rückzug… Rückzug in meine Höhle. Ich war satt: genug Bier, genug Sonne und lachende Frau.