Erledigt

Die Sonne will es nochmal wissen, aber natürlich hat sie verloren wie ich. Man kann halt nicht einfach aus seiner Haut. Ich mixe mir einen Drink nach dem anderen und registriere, dass der Vorrat im Kühlschrank schmilzt. Im Großen und Ganzen habe ich alles Notwendige für heute erledigt: Wäsche gewaschen, Kartoffeln gekocht und mir einen runtergeholt. Alles geklappt. Nur ein paar Worte zu schreiben, schaffte ich noch nicht. Ich überlegte hin und her, wartete auf Inspiration, las die Nachrichten und einige Beiträge von Bloggern, surfte im Internet: Trump hat sich in Kim Jon Hig Un verliebt erfuhr ich u.a. … Sowas aber auch. Eine Arschlochliebe, – soll`s geben. Lindner appelliert, die AFD-Wähler nicht schlechter zu machen, als sie sind. Oder so ähnlich. Logo Pogo. Schließlich ist die AFD inzwischen zweitstärkste politische Kraft im Lande. Lindner ist ein echt heller Kopf. Er kann Eins und Eins zusammenzählen. Aber ich mag ihn nicht. Ich mag ihn noch weniger als Westerwelle, falls sich noch jemand an den Schwuli erinnert. Nein, ich habe absolut nichts gegen Homosexuelle. Ich habe gegen gar keine Minderheit nichts, und auch nichts gegen Juden, solange sie sich nicht wie Arschlöcher aufführen. Ich bin da ganz ehrlich und schere mich einen Dreck drum, ob meine Aussagen politisch korrekt sind. Ich verabscheue die heutige Politikerklasse, die nur noch konfus im Sinne ihres jeweiligen politischen Machtstrebens zwischen unterschiedlichen Haltungen herumeiert und keinerlei Rückgrat mehr zeigt. Trotzdem würde ich niemals die AFD wählen. Eine echte Arschloch-Partei das. Offenbar haben Arschlöcher gute Chancen, gewählt zu werden. Auch nichts Neues. Kacke aber auch. Was mache ich eigentlich noch auf der Welt, wenn ich alles so zum Kotzen finde? Nicht nur die Politik. Fast dasselbe gilt für die Liebe. Man verliebt sich meist in die größten Arschlöcher… Ist es nicht so?
Man kann halt nicht aus seiner Haut. Die Sonne schreit mich von der Seite an. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich weiß nicht, was ich von dem Leben halten soll, von alldem, was mir jeden Tag wie eine Welle „Irgendwas“ entgegenschwappt.

Donnerstag

Der Himmel strahlt blau zwischen den Hausdächern. Ich nahm mir für heute kurzfristig einen Tag Urlaub. Einfach so. Wieso nicht den Freitag, oder noch den Freitag dazu? wurde ich von meinen Kollegen/Kolleginnen und auch von O. gefragt. Was für eine Frage?! Ich brauchte einfach diesen Tag. Überhaupt wäre die Woche im Büro erträglicher mit einem Tag Frei dazwischen. Wegen mir auch der Mittwoch.
Zurzeit ist der Krankenstand hoch. Umso mehr fehlen, desto besorgter aber auch freundlicher tritt die Chefin auf. Jedenfalls empfinde ich`s so. Sie meinte: „Hauptsache, Sie kommen zurück. „Na klar“, grinste ich roten Kopfes, „ich werde nicht weit weg gehen…“
Ich hatte meine Bitte um den Tag Urlaub damit unterstrichen, dass ich etwas Dringendes erledigen müsse. Freilich eine Lüge.
Ich habe vor, zum Frisör zu gehen, und danach eine Runde mit dem Fahrrad nach Kreuzberg. Dort ist eine Kneipe, die mir gefällt, und ein Shop, in dem es schöne Hanf-Shirts gibt. Ich mag die Ecke Oranienstraße/Heinrichplatz. Man entwickelt so seine Vorlieben. Meist einem Zufall geschuldet. Ob ich in diese Szene nun passe oder nicht – egal. Alle paar Wochen zieht es mich dorthin.

Ein schöner Tag für alles, denke ich. Aber erst muss ich die Wäsche aufhängen.

Genug

Wie fuckin` gut es mir doch geht, dachte ich insgeheim. Wir saßen vor einem Restaurant Ecke Pohlstraße-Potsdamerstraße und streckten unsere Nasen in die Sonne. Vor uns standen zwei frisch gezapfte Pils, O. schmauste eine Gulaschsuppe, die beste von Berlin, wie sie sagte, das heißt, außer der anderen besten im Marcus-Bräu. O. redet gern in Superlativen. Ich bin zurückhaltender (was wohl meinem schwermütigen Wesen geschuldet ist). Es braucht einige Bemühungen, um mich aus meiner Höhle zu locken. Der gestrige Tag tat sein Bestes dazu. Beruhigt stellte ich fest, dass der Frühling meine Säfte noch in Wallung bringt. Das Jahr kommt langsam in Schwung. Da war es eine große Freude, dass ich wegen Wartungsarbeiten am Dokumentationssystem bereits um 13 Uhr Feierabend machen konnte. Wieder war Freitag und die inzwischen vierte Woche am neuen Arbeitsplatz geschafft. O. und ich genossen den Nachmittag an Sonnenplätzen. Wir kamen wiedermal nicht umhin zu erwähnen, wie gut wir es doch mit unserer Wohnung im Potse-Kiez getroffen hatten. Zwei schöne Parkanlagen liegen quasi vor unserer Haustür. Und inzwischen kennen wir genügend Supermärkte, Kneipen und Restaurants, die allesamt gut zu Fuß, mit Bus oder U-Bahn in wenigen Minuten zu erreichen sind. Mit dem Fahrrad bin ich in weniger als zehn Minuten am Potsdamerplatz oder in Kreuzberg… Zum Zoo sind es nur zwei U-Bahnstationen. Und das Beste: in fünf Minuten bin ich mit dem Fahrrad an der Arbeit!
Ich nippte am Pils und blinzelte in die Sonne, betrachtete die Hausfassaden, die vorbeieilenden Menschen…, die hübsche und intelligente Frau an meiner Seite. „Die Konsistenz ist anders“, sagte sie, „diese und die Gulaschsuppe im Marcus-Bräu sind die besten Berlins.“ Ich meinte dagegen: „Bestimmt gibt es in Berlin noch andere beste Gulaschsuppen, die du bloß noch nicht kennst.“ O. lachte hell und kindlich. Ihr Lachen kann mich auf die Palme bringen. Ich habe das Gefühl, dass sie sich über mich lustig macht. Doch sie betont stets, dass es pure Lebenslust ist. „Ich freue mich“, sagt sie, und ich grummele skeptisch.
Als sich die Sonne unter die Hausdächer duckte, wurde es sehr schnell kühl und wir verzogen uns ins Restaurant. Der Kellner flötete ein Lied. Wegen dem herrlichen Wetter, sagte er. Kaum hatten wir uns gesetzt, hatte ich es plötzlich eilig. Ich spürte einen Drang nach Rückzug… Rückzug in meine Höhle. Ich war satt: genug Bier, genug Sonne und lachende Frau.