Wer macht hier Probleme?

„Hat Necip mit dir noch nicht geredet?“ fragte die alte Gabi spitz.
„Nein – wieso?“ gab ich zur Antwort, wobei ich natürlich wusste, worauf sie anspielte.
„Weil du ungeimpft bist.“
„Ach so… Ich will keine Probleme machen.“
„Wir kriegen die Probleme.“
„Kein Problem, ich setze mich raus.“

Ich wartete, bis die alte Gabi das Bier fertiggezapft hatte, zahlte sofort und verließ den Schankraum. Außer mir war nur ein weiterer Gast in der Kupferkanne gewesen. Aber wir Deutschen sind eben Regel-Fuzzies wie aus dem Bilderbuch.
Zügig trank ich mein Bier, denn es war ganz schön kühl. Eine gute Gelegenheit, gleich mal zum Pub zu radeln, dachte ich, um zu testen, wie streng dort die Regeln ausgelegt werden.

Im Pub bediente eine kleine Russin mit immensem Busen, die ich nicht kannte. Nur Edgar, ein alter Stammgast, saß an einem Tisch und las ein Buch, das er dicht vor seine Nase hielt. Ich setzte mich an die Bar und bestellte ein Bier. Mir wurden keine Fragen nach meinem Impfstatus gestellt. Beim 2. Bier entspannte ich mich ein wenig. Einige andere kamen herein und wurden auch nicht gefragt und wiesen sich auch nicht coronaregelgerecht aus (soweit ich es mitkriegte). Ich bestellte ein 3. Bier.


im Pub

Ein Wiedersehen

Unwillkürlich kniete ich mich neben Karl-Heinz, der im Rollstuhl saß. Seine Augen groß und matt im blassen Gesicht, sein Körper ausgezehrt. Er gehört zu den alten Stammis im Pub. Ich drückte seine Hand und umarmte ihn. Ich verstand kaum, was er sagte, nur, dass er wohl lange im Krankenhaus gewesen war. Er lächelte mich an, guter alter Karl-Heinz… vom Tode gezeichnet.
Pünktlich zum Marathon-Event schien die Sonne. Der unausweichliche Abschied vom Sommer legte eine kleine Pause ein – gut für die Besucher des Pubs, gut für die Musiker, die neben uns wunderbar aufspielten, gut für die Läufer… Die Profis waren längst im Ziel. Es folgte die langgezogene Masse der Freizeitläufer, die mitmachten, um mal dabei gewesen zu sein, oder um sich selbst etwas zu beweisen, oder vor Familie und Freunden anzugeben.
Ich freute mich über die vielen bekannten Gesichter. Fast ein Jahr lang hatte ich das Pub nicht mehr besucht. Aber man kannte sich noch. Ein schönes Wiedersehen. Im Sommer saß es sich vor der Kupferkanne besser als an der verkehrsreichen Potsdamer Straße. Es ist auch die Frage, wie eng ein Wirt die Corona-Regeln auslegt. Dahingehend muss ich Puschel noch auf den Zahn fühlen. An diesem herrlichen Sonntag verlor niemand ein Wort darüber.

    

Lieber einen Sprung in der Platte als gar keine Platte

Es verging einige Zeit, bis im Universum biologische Lebensformen im Pool der Möglichkeiten auftauchten. Damit auch die Lebensform, die sich Mensch nannte und sich anschickte, seiner Unbedeutsamkeit zu entfliehen, sich auf seinem Heimatplaneten zur Krönung der Schöpfung kürte und lange glaubte, alles würde sich um ihn, den Homo sapiens, drehen…  Veni, vidi, vici.
Tja, das Universum bringt nicht nur sympathische Erscheinungen hervor. Ein Kommen und Gehen.
Ich sitze in der Sonntags-Tristesse fest. Der Tag zeigt sich grau und düster. Nur wenige Spaziergänger vorm Fenster… Wie ich als Kind die Sonntagsspaziergänge hasste! Ich ließ mich in meiner Bockigkeit immer weiter hinter den Eltern zurückfallen, bis meine Mutter genötigt war, nach mir zu schauen… Lange ist`s her. Ein halbes Jahrhundert. 50-mal flitzte die Erde um die Sonne. Dabei legte ich 50 x 940 Millionen Kilometer zurück. Ganz ohne blöde Sonntagsspaziergänge… Aber was bedeuten schon Zahlen? Ich könnte auch ausrechnen, wie viel Liter Bier ich in den letzten 50 Jahren trank, oder wie viele Fischbrötchen ich aß. Zumindest überschlägig.
Nein, das mache ich jetzt nicht.  
Heute ist so ein Tag, an dem ich froh wäre, wenn ich ins Pub gehen könnte: Den Wirt grinsend begrüßen. Mit ihm einen Korn trinken und seinen Geschichten lauschen. Und Thorsten zapft mir selbstverständlich ein Bier, und fragt in seiner stoischen Art, wie`s mir geht. Und ich nicke und sage: „Na ja. Schön, mal wieder hier zu sein.“


Der verrückte Traum

Die Tage gingen dann doch ziemlich schnell rum im Eintönigkeits-Blues. Als hätte ich Weihnachten verpennt. Nun nur noch Silvester. Bleibt das vermaledeite Corona. Wie schön wäre das: ich wache auf: die Kneipen haben geöffnet, kein Mensch redet über Corona, Lockdown, Impfungen und Verschwörungstheorien – als wäre 2020 nur ein schlechter Traum gewesen. Und keine fuckin` Masken!

Thorsten stellt das Bier vor mich auf die Theke. „Und wie geht’s so“, fragt er mich.
„Ganz gut. Allerdings hatte ich einen verrückten Traum…“
Es ist erst kurz nach Mittag. Außer mir sind nur wenige Gäste im Pub. Thorsten hat nicht viel zu tun. Ich erzähle ihm also von meinem Traum.
„Und alle Kneipen mussten dicht machen während dieses… äh…“
„Lockdowns“, ergänze ich und nehme einen großen Schluck von meinem Berliner Kindl, „… alles hatte zu außer den Supermärkten.“
„Das geht doch gar nicht“, Thorsten schaut ungläubig.
Ich lache: „Klar – war ja auch ein Traum… Allerdings war der wie echt. Weißt du, was ich meine?“
„Hm… Hinterher ist man sich nicht sicher, was real und was Traum ist. Das sind die gruseligsten Träume.“
Ich nicke und blicke durch die Fensterfront auf die Potsdamer Straße. Menschen aller Couleur hasten vorbei, sich stauende Autos, Hupen… der ganz normale großstädtische Moloch.
„Und das Verrückteste“, bricht es aus mir hervor, „wir mussten alle Masken tragen!“
„Karnevalsmasken – oder was?“
„Du nun wieder… Natürlich nicht! Ich meine solche Schutzmasken, wie sie die Chinesen in ihren Großstädten tragen. Du weißt schon.“
Thorsten grinst breit und blickt fragend auf mein fast leeres Glas.
„Logo. Damit ich mir ganz sicher bin, dass es nur ein Traum war.“
Neue Gäste kommen ins Pub, und Thorsten ist erstmal beschäftigt. Ich halte mich am Bier und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Ich sollte diesen Traum aufschreiben, denke ich bei mir. Er war so real. Unglaublich.

Welchen Tag haben wir? Ich reibe mir die Augenbutter aus den Augen. In der Gemengelage von Feiertagen und Wochenende verliere ich leicht den Überblick. Zeit aufzustehen, signalisiert mir meine innere Uhr, obwohl noch dunkel ist. Ich lag lange genug in den Federn. Was war das für ein verrückter Traum, den ich hatte? – Ich war im Pub. Thorsten bediente…


Betr. heutige Pressekonferenz zur Corona-Lage

Der Ernst der jetzigen Lage sei der Sorglosigkeit einiger Menschen zu verdanken, meinte RKI-Chef Wieler in der heutigen Pressekonferenz zur Corona-Lage. (Was für eine scheiß Aussage ist denn das!?!!) Indirekt machte Wieler in seinem Redebeitrag die „sorglosen“ Bürger unter uns für die Zunahme der Corona bedingten Sterbefälle verantwortlich, im Besonderen in Alten- und Pflegeeinrichtungen… Natürlich kein Wort darüber, wen er mit den „einigen sorglosen“ meint. Kein Wort über die eigenen Versäumnisse, als hätte das RKI die Weisheit gepachtet, als hätte die Regierung in der Pandemie immer richtig gehandelt. Die Schuldigen lassen sich besser diffus als eine Gruppe der „Sorglosen“ benennen. Vielen Dank, Herr Wieler, für Ihre weisen Worte. Sie retten meinen Tag. Statt nach meinem Feierabend vorm TV abzuhängen, brachten Sie mich derart in Rage, dass ich mir erstmal Luft machen musste!

Wenn das Pub geöffnet hätte, würde ich mir heute ordentlich einen hinter die Binde gießen…, zumal ich morgen Urlaub habe… Zuhause will ich mir lieber nicht die Kante geben. Am Ende saufe ich mich ins Koma und keiner kriegt`s mit.

Prost!


Mit welchem Ergebnis endete eigentlich das gestrige Spiel „Hertha gegen Stuttgart“?


Ich ging nicht wegen Fußball gucken ins Pub. Ich wollte meinen Wochenend-Einkauf mit einem Bierchen in Gesellschaft verknüpfen. Als ich ankam, waren noch nicht allzu viele Gäste anwesend. Edgar und Ingo saßen direkt an der Fensterfront, und ich nahm am Tisch daneben Platz. Ich lauschte ihrem Gespräch, wie man das eben so tut, wenn man für sich in der Kneipe sitzt und nichts anderes zu tun hat. Edgar ereiferte sich über die Fahrradfahrer, die ihn als Fußgänger belästigten und schon tausendmal fast umgefahren hatten. Die Fahrradfahrer seien im Verkehr die Schlimmsten, sagte er aufgeregt…, noch schlimmer als die SUVs. Da ich in der Stadt hauptsächlich per Bike unterwegs bin, konnte ich seine Aussagen nicht unkommentiert stehen lassen.  
„Das sagst du aus deiner Perspektive als Fußgänger und aufgrund deiner negativen Erfahrungen. Aber unter allen Verkehrsteilnehmern existiert Rücksichtslosigkeit, egal ob sie mit Auto, Fahrrad, Rollern oder als Fußgänger unterwegs sind.“
„Nein!“, beharrte Edgar hasserfüllt, “Die Fahrradfahrer sind die Schlimmsten!“
„Quatsch, Edgar, du bist doch viel zu klug für eine solch einseitig verengte Sichtweise…“
Aber Edgar hörte nicht auf, auf die Fahrradfahrer zu schimpfen: „Vor allem hier in Berlin!“ Ich merkte schnell, dass die Diskussion nur weiteren Unmut bei ihm hervorrief und ließ es gut sein. Irgendein fußballverrücktes Weib kreischte irre im Hintergrund. In den Tiefen des Pubs lief noch eine andere Fußballpartie. „Mein Gott! lachte ich, zu diesem Organ würde ich gern das Gesicht sehen.“ Wir grinsten. Das Pub hatte sich gefüllt. Die meisten kamen wegen dem Spiel „Hertha – Stuttgart“. Ich fühlte mich ein wenig deplatziert unter den Fußballkennern. Stuttgart führte schnell 1:0. Inzwischen war ich auf meinem Platz eingemauert von Gästen. Ich fühle mich ungern belagert, aber ich hielt an meinen obligatorischen drei Pils fest. Das dritte stürzte ich fast hinunter. „Die reißen es heute nicht mehr“, sagte ich zu meinem Sitznachbarn in Bezug auf die Hertha, und der nickte. Die Zeit schien stillzustehen, und meine Blase drückte.
Tief sog ich die kühle Herbstluft ein, als ich vorm Pub auf mein Fahrrad stieg und losdüste…, im Geiste Edgar umnietete und ausrief: „Hey! Kannst du nicht besser aufpassen!“


Feierabendbier mit Harry und Reinhard

Auch diesen Freitag war Brandy-Harry zur Feierabendzeit im Pub. Wobei ich sagen muss, dass ich mal wieder früher in den Feierabend ging. Das Büro und die Hühner ätzen mich derzeit ziemlich an.
Harry hatte einen Bolzenschneider mittlerer Größe dabei, und er fragte Thorsten, der hinter der Theke arbeitete, ob Reinhard schon aufgetaucht sei. Just in diesem Moment erschien Reinhard im Pub. Die beiden waren verabredet. Reinhard brauchte den Bolzenschneider, weil er die Schlüssel zu seinem Fahrradschloss verloren hatte. Nun saßen wir zu dritt am Tisch und quatschten über dies und das. Reinhard, ein siebzigjähriger Alt-Achtundsechziger mit einer wilden Biografie fragte mich, ob ich zufällig mit Namen „Abraham“ hieße. Er kenne einen Architekten, der mir zum Verwechseln ähnlichsähe. „So was soll vorkommen bei 8 Milliarden Menschen auf der Erde“, antwortete ich ihm, „und das hast du mich schon mal gefragt, ist einige Zeit her, noch vor Corona. Wir saßen an der Bar.“ Reinhard musterte mich prüfend, als könne er es nicht glauben. „Wirklich eine täuschende Ähnlichkeit.“ Harry sagte nicht viel. Reinhard war eindeutig redseliger. Wie ältere Leute es gern tun, sprach er vergangene Erlebnisse aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit an, die in seinem Kopf herumschwirrten, brach aber nach wenigen Sätzen mit einem tiefen Seufzer ab… „Lange her.“
„Die Welt ist heute eine andere“, sagte Harry und nippte an seinem Brandy.
„Schon, aber diese Ereignisse prägten mein Leben…“
Ich lauschte aufmerksam den Worten dieser beiden Kneipen-Fossile, die sicher ein abenteuerliches Leben hinter sich hatten und viel in der Welt herumgekommen waren. Diesbezüglich würde ich sie wahrscheinlich nicht mehr einholen.
Als Harry wie nebenbei erwähnte, dass er Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs habe, schwieg Reinhard erstmal perplex und fragte dann, ob Harry einen schlechten Scherz machte. Ich dagegen hatte ja bereits vermutet, dass es mit Harrys Gesundheit nicht zum Besten stand – seine ungesunde Gesichtsfarbe und die auffällige Gewichtsabnahme. Harry erzählte kurz, wie es zur Diagnose im Hedwigs-Krankenhaus gekommen war. Eine Zufallsdiagnose. Ein Armleuchter von Arzt fragte ihn, warum er so lange gewartet habe… „Als hätte ich das absichtlich gemacht. Man spürt doch erstmal nichts“, sagte Harry kopfschüttelnd. Wir fragten nicht weiter nach. „Reden wir lieber über etwas Erfreulicheres“, meinte Reinhard, und Harry sagte, dass es ihm soweit ganz gut ginge. Später wolle er Miesmuscheln essen gehen…
Das Knacken des Fahrradschlosses klappte mithilfe Harrys Bolzenschneider. Ging wie durch Butter. Nun müsse er sich ein neues Schloss für seinen alten Bock kaufen – Reinhard verabschiedete sich. „Nicht, dass dir ausgerechnet jetzt dein Fahrrad geklaut wird“, lachte ich.
Wenig später ging ich auch. Der Nachmittag war grau. Von draußen winkte ich noch mal Harry, und er winkte zurück.



Nass

Ins jährliche Mitarbeitergespräch ging ich mit langen Hosen. Nach ca. fünf Monaten zwängte ich mich erstmalig wieder in die Jeans. Am Morgen regnete es Hunde und Katzen, und es war dementsprechend kühl. Bereits nach wenigen Minuten war ich bis auf die Haut nass. Der Parka war den Regenmengen nicht gewachsen. Freilich hätte ich vom Fahrrad absteigen und den Schirm, den ich extra dabeihatte, aufspannen können. Aber sei`s drum, ich fuhr durch.
Als die Hühner über mein nasses T-Shirt witzelten, entgegnete ich keck: „Ich dachte, hier wäre heute ein Wet-T-Shirt-Contest.“
Im Büro trocknete ich alleine vor mich hin, da sich meine Kollegin ein verlängertes Wochenende gönnte. Gedanklich war ich auch schon im Wochenende.
Den Termin zum Mitarbeitergespräch hatte ich 1 Uhr. T-Shirt und Jeans waren inzwischen getrocknet. Die zwei Chefinnen und ich trafen uns im Konferenzraum. Ich mag solche gezwungenen Situationen auf den Teufel nicht: Eine Mischung aus Prüfung, Bewerbungsgespräch und Arztbesuch. Ich muss dabei stets gegen eine gewisse innere Aufgeregtheit ankämpfen und empfinde das Ganze als emotional sehr anstrengend. Darum folgt hinterher die glückliche Entspannung, zumal es sowieso nie schlimm kommt.
So auch diesmal. Als ich auf die Uhr schaute, war ich erstaunt, dass eineinhalb Stunden vergangen waren. Freudig verabschiedete ich mich von den Chefinnen ins Wochenende. Ich hatte mir den Feierabend verdient – aber sowas von!


Den Feierabend begoss ich im Pub. War kaum was los. In einer Ecke saß der alte Freddy, der immer stärker abbaut. Beim Drehen einer Zigarette fällt ihm die Hälfte des Tabaks auf den Boden. Eine Unterhaltung mit ihm ist zwecklos. Er nuschelt derart, dass niemand nicht ein Wort versteht. Und wenn er aufsteht, muss man Angst haben, dass er beim ersten Schritt umkippt.
Ich hatte das erste Bier hinter mir, da kam Brandy-Harry auf seinem gelben Motorroller angerauscht. Er setzte sich neben mich und versuchte sich an einem Silbenrätsel in der Berliner Zeitung.
„Freddy baute in den letzten Monaten ganz schön ab“, meinte er.
„Ja, das fiel mir auch schon auf. Wird ein schlimmes Ende nehmen.“
Ich fand, dass auch Harry zunehmend schlechter aussah. Sein Gesicht fahl und knochig, und ich glaubte, eine ungesunde gelbe Tönung wahrzunehmen. Wird wohl dem Brandy geschuldet sein.
Wir redeten noch über dies und das, Corona, den vergangenen Sommer, und blickten versonnen hinaus auf die Potsdamer Straße, auf die Passanten, den Verkehr, die gegenüberliegenden Hausfassaden, die Stadtbäume, deren Blattwerk noch grün leuchtete…