Es war gestern und ist doch heute (11)

ABGEBRANNT

Ich habe keine müde Mark mehr im Sack, aber ich bin doch noch ein Mensch?! Zwei Tage und zwei Nächte schwitzte ich in meinem Bett, grübelte, was zu tun sei. Ich erniedrige mich in jedem Falle.
Das Beste wäre, einfach nicht daran zu denken. Was soll`s: Eine Woche oder zwei ohne Geld… Der Hunger verschwindet, und fließend Wasser habe ich allemal.
Ich dusche mir Schweiß und Gestank von Körper und Seele, bringe mich in Form. Danach fühle ich mich wieder halbwegs als Mensch.
Es drängt mich nach draußen.
Würde doch eine verheißungsvolle Nachricht oder ein WUNDERBRIEF im Briefkasten liegen. Oh, dass die Welt zu einem leeren Geldbeutel schrumpfen kann!
Ich schaue aus dem Fenster und verstehe nichts: Die Helligkeit des Tages, Geräusche emsiger Betriebsamkeit, ein leichter Wind, Nachrichten aus dem Radio, Nachrichten von weit her – Krieg in Europa. Alles durchdringt mich, schmerzt und lähmt, weil…, weil ich traurig bin über die Unabänderlichkeit, über die Kleinkariertheiten, über die vergangene Liebe, über diesen schwindeligen Kreislauf von Tag und Nacht – endlose Wiederholungen in den alltäglichen Verrichtungen.
Aber: Raffe dich auf! Zähme deine Gedanken! Du bist doch noch ein Mensch!
Draußen wartet die Welt.

Und ich bringe es, setze mich mit einer Lektüre in den Park. Das Panorama der Kleinstadt breitet sich vor mir aus, zur Mittagszeit eine friedliche Idylle – zu friedlich für meinen haltlosen Geist. Ich finde keine rechte Muße in dieser heilen Welt. Alle meine Gedanken drehen sich um die Zukunft: Was soll werden?
Ich überdenke die Situation immer und immer wieder, wie sich das abzeichnende Dilemma vermeiden ließe, die Erniedrigung!

Als ich nach Hause gehe, taumele ich – und dann plötzlich eine fixe Idee – ich greife zum Telefon. Es ist einen Versuch wert. Doch die niederschmetternde Auskunft folgt auf dem Fuße:
„P. ist in Urlaub“, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Und ich weiß nichts davon… Sie hatte bei unserem letzten Zusammentreffen nichts davon erwähnt. Mir schießen die Tränen in die Augen. Welche Auswege bleiben noch? Natürlich, sie hat ihre eigenen Angelegenheiten. Was erwarte ich noch von ihr?

Ich rolle mich in mein Bett. Mein Stolz…, mein Stolz, denke ich verwirrt und zittere vor Schmerz, winde mich, springe auf… zum Kühlschrank. Hungern muss ich noch nicht.
Ich stelle mir vor, wie du mich mitleidig beobachtest. Oft genug nervte ich dich mit meinen Tiraden, angetrunken, mit meiner Ablehnung gegen die Konventionen, meinem billigen Sarkasmus:
„… nur nichts Ungebräuchliches tun, gel?“
Ich ließ es dich spüren, dass ich dich davon nicht ausschloss, ebenso deine Familie, deine Freunde, einfach jeden, mit dem du Kontakt hattest.
War ich gut drauf, also fünf Bier aufwärts, wollte ich gegen die ganze beschissene Welt anrennen.
Wie gutmütig und geduldig ertrugst du meine menschenverachtenden Ausbrüche, die dich oft verletzen mussten… bis zuletzt.
Du hattest den Mut und betätigtest den Schleudersitz, um dich aus dieser schlingernden Maschine mit Triebwerksschaden herauskatapultieren zu lassen – um dich zu retten, wie du sagtest.

Langsam finde ich mich wieder. Was sind schon fünf Jahre?
Ich identifiziere meine Vergangenheit an meinen Gedichten und Bildern, an den Büchern meiner Lieblingsautoren, meinen Lieblingsschallplatten und meinen Freunden.
Ich bin noch derselbe. Habe ich die Demütigungen nötig, dass mein Stolz wie über Eis von mir schlittert und mit ihm meine ganze Kraft, mein Selbstbewusstsein?
Oh nein, ihr Dämonen, ihr zwingt mich nicht so schnell in die Knie, und ihr Menschen zweimal nicht! Ihr schmeckt nach Einheitskost. Eure Seelen habt ihr, pflichtbewusst, wie ihr seid, beim Eismann abgegeben…
Fünf Jahre Exkursion ins Innere intellektueller Spießer – da muss doch außer Entbehrungen noch was abfallen, oder? Ich weiß, P., du verstehst mich nicht… Du weißt dich bei allem, was ich sage, nur umso mehr bestätigt.

Ich trinke! Ich trinke auf unsere Unverbesserlichkeit!



(Sommer 1990)

Zweite Runde

Das Wochenende ist wie ein Karussell, das sich genau zwei Runden dreht und einen danach zurück in die Tretmühle schickt. In Corona-Zeiten dreht man seine Runden weitgehend zuhause. Zumindest als Alleinlebender wie ich. In Gemeinschaft mit einem oder mehreren anderen Menschen würde ich schnell eine Fluchttendenz entwickeln… Aber vor mir selbst kann ich schlecht wegrennen. Da ist es im Großen und Ganzen wurscht, ob ich zuhause alleine rumhänge oder außerhalb der Wohnung. Jedenfalls solange die Kneipen zuhaben. Auch wenn etwas Bewegung an der frischen Luft allgemein Geist und Körper nicht abträglich ist… Vielleicht sollte ich mir einen Hund vorstellen, der neben dem Schreibtisch sitzt und mich flehend anschaut: „Bitte, bitte, Gassi gehen!“ … Und weil ich ein Herz habe, würde ich meinem Hund an der Leine auf den Wegen hinterherstolpern. Oder im Park Stöckchen Apportieren mit ihm spielen. Und die Leute würden mit dem Finger auf mich zeigen, weil ich mir den Hund ja nur vorstelle.

Inzwischen beschloss der hohe Rat meiner cerebralen Wurstigkeit, dass ich die zweite Runde des Wochenendes zuhause verbringen werde. Das Ergebnis war nahezu einstimmig. Der Kühlschrank ist voll. Es sollte mich weder dürsten, noch sollte ich Hunger leiden. Zum Einlullen Wintersport im Ersten… Meine Wohnzimmercouch guckt mich augenzwinkernd an: „Na los, fläze dich auf mich! War ich schon mal schlecht zu dir?“


Ich finde mich kacke

O Mann! Es gibt nichts schönzureden. Kurzentschlossen nahm ich die Haarschneidemaschine aus ihrem Futteral und machte, was längst überfällig war. Besser wie ein kurzgeschorener Idiot aussehen als wie ein Zausel. Mit dem Trost in der Hinterhand: Sie wachsen wieder. Und ich muss ja nicht so oft in den Spiegel schauen… Vielleicht sollte ich erstmal ausschließlich Homeoffice machen.
Anfühlen tut sich mein kurzgeschorenes Haar schön flauschig… Ich streiche mir mehrmals mit der Hand über den Kopf. Angenehme sinnliche Erfahrungen sind für einen Alleinlebenden immens wichtig: zärtliche Selbstberührungen oder sich selbst tätscheln.

Die Morgensonne lacht. Irritiert blinzele ich in den Tag. Vom Schnee sind auf der Straße nur noch krustige, schmutzige Inselchen übrig. Der Himmel tiefblau über Berlin…

  

Aaaaargh!

Das Schöne am Alleinleben ist, dass man in allen Ausprägungen vor sich hin stöhnen (und jammern) kann. Niemand fühlt sich gestört, keinen nervt`s – weil es keinen Arsch interessiert, ob es einem gerade schlecht oder gut geht. Hach! Was für ein Leben! sagte ich mir kurz nach dem Aufstehen und streckte parallel zu meiner Stöhn-Attacke meine alten Glieder – Aaaaargh! Ich blickte hinaus auf die Straße in die Morgendämmerung… Verrückte Welt! Gar seltsame Tiere sind wir Menschen… Dann schlurfte ich durch die Wohnung, hielt meinen Kopf unter den Wasserstrahl, riss das Küchenfenster auf, schnupperte die Morgenluft, schloss das Fenster wieder, mixte mir am Kühlschrank den ersten Drink…
Da sitze ich also. Am Schreibtisch. Suche meinen Kopf ab (von innen). Man kann ja nicht nur vom Input leben. Ab und zu muss auch mal was das Selbst verlassen. Nicht die kleinen und großen Geschäfte. Ich meine den geistigen Bullshit. Am besten aus originär eigener Produktion. Ich brauche das. Zeugnis ablegen davon, dass ich ein geistiges Wesen bin. Schön. Cogito ergo sum.  Je pense, donc je suis. Ich denke, also bin ich. Ich muss mir das ab und zu beweisen und rülpse also auch heute einige Worte in den unendlichen Äther. Anderen möge es reichen, wenn sie sich regelmäßig im Spiegel betrachten, Selfies machen oder vor einer Kamera posieren… Das wiederum vermeide ich weitgehendst – wen oder was sehe ich da schon? Da schaue ich mir lieber meine Mitmenschen an, insbesondere das schöne Geschlecht. Die Natur wollte es, dass ich als Mann mein Dasein friste. Meine Lust an der weiblichen Anmut/Grazie kann und will ich nicht verhehlen. Der Sexus ist immanent mit meinem Sein auf Erden verflochten… Darauf erstmal einen Drink!
Vorm Kühlschrank ein paar Dehnübungen und eine Schattenboxeinlage… Aaaaargh! Ein kurzer Blick nach draußen. Es regnet. Der Tag beginnt düster. Irgendwie werde ich ihn hinter mich bringen wie all die anderen Tage vorher. Tage, die sich aneinanderreihen wie Zahlen auf einem Zahlenstrahl. Die meisten davon total unbedeutend.

  

Es war gestern und ist doch heute (4)

Weihnachten 1994

Die Eltern bringen mir eine Kiste Fressalien und einen Fuffi in einem Briefumschlag. Ich lege die sentimentalste Alkoholbeichte meines Lebens ab, und was alles dran hängt.
Wir lassen dich nicht hängen, sagen die Eltern, und schauen betreten. Ich will sie wieder aufheitern mit meiner alkoholverschleierten Durchsicht.
Wie wirklich ist die Sentimentalität? Warum gibt es Plastikweihnachtsbäume?
Ich langweile mich mit mir selbst. Die Klamotten stinken nach Kneipe, Schweiß und Urin – es fühlt sich nach Verwesung an. Der nahe Tod ist wie ein leer stehendes Haus mit wild wucherndem Vorgarten.
Meine Nachbarin ist nicht da. Es herrscht Mucksmäuschenstille. Feiertagsgediegenheit.
Seit Stunden höre ich Rockmusik. So lässt sich der erste Weihnachtsfeiertag an, mit einem Fuffi im Briefumschlag und dem Rest von 10 Dosen Bier.
Armin speist mit Eltern und Großeltern. Unerreichbar. Alles Gute, alter Freund!
Ich muss mich irgendwie loseisen. Ich bin wie festgefroren.


Keine Panik auf der Titanic

Der Sessel auf dem Gehsteig vor meinem Fenster bekam Zuwachs von einem Fahrradrahmen, einem Tintenstrahldrucker, einem großen Pappkarton und einem Kofferbett. Die Sonne steht knapp überm Horizont. Der Himmel schimmert hinter Dunstschleiern bläulich. Sieht kalt aus draußen. Auf den geparkten Autos bildete sich über Nacht Raureif… Meine Woche ließ ich im Homeoffice ausklingen. Die Arbeit am Rechner ist stupide. Nichts als Tumordiagnosen, Tumorbehandlungen, Tumorverläufe, Tumor-Histologien… Mammakarzinome, Lungenkarzinome, Kolonkarzinome, Nierenkarzinome, Harnblasenkarzinome, Prostatakarzinome, Pankreaskarzinome, Leberzellkarzinome, Melanome, Sarkome, Hirntumoren, Gynäkologische Tumoren, HNO-Tumoren, Lymphome, Leukämien… Nach bald vier Jahren bin ich der Tumordokumentation langsam aber sicher überdrüssig. Das Einzige, was meinen Arbeitsalltag aufhellt, sind die sozialen Kontakte, welche sich durchs Homeoffice stark reduzierten… Und von wegen Ausgleich: Im Zuge der Kneipenschließungen begegne ich oft tagelang keiner einzigen vertrauten Seele, abgesehen von der netten Supermarktkassiererin… Aber gut, ich will nicht jammern. Wenigstens habe ich einen sicheren Job. Die Maläsen halten sich in Grenzen, und in meinen vier Wänden finde ich es heimelig. Ich pflege meinen Corona-Speck und glotze die Mediathek rauf und runter. Dazu kommen die reizenden Kontakte mit den Bloggerinnen und Bloggern auf WordPress. (Huhu!)

Ohne dass ich es merkte, schob sich ein dicker Umzugslaster vor mein Fenster. Im Treppenhaus begegne ich immer wieder fremden Gesichtern. Die Umzugstätigkeit war in diesem Jahr rege. Ob das mit Corona zusammenhängt(?) Umziehen wäre ziemlich das Letzte, was ich jetzt wollte. Ich hoffe doch nicht, dass in naher Zukunft die Miete steigt… Scheiß Zukunftsängste, die wie lästige Fruchtfliegen im Kopf herumschwirren und denen nicht beizukommen ist. Was haben die nur alle mit Corona? – als gäbe es keine anderen Bedrohungen im Leben.  

Schätze, ich hänge im Dauerblues fest. Nicht tragisch, denn ich mag Blues. Nicht nur als Musik, sondern auch als Lebensgefühl. Da habe ich all denen was voraus, die mit Blues-Zeiten nicht so gut klarkommen. Ich freundete mich schon früh mit meinem verkorksten Leben an. Was nicht ist, das ist eben nicht… (Nr. 50437 meiner persönlichen Lebensweisheiten) oder: Keine Panik auf der Titanic.



Der Schuhkarton

An meinem Nachttisch steht ein Schuhkarton meiner Ex. Er hat genau die richtige Höhe, um darauf das Tablet zu stellen. Ich gewöhnte es mir an, im Bett Filme aus der Mediathek zu schauen oder YouTube-Videos. Ich gehe ziemlich früh zu Bett. Ich mache mir was zu essen und igele mich ein. Es gibt sonst nichts.
Ich schmiss fast alles von meiner Ex in die Tonne. Diesen einen Schuhkarton behielt ich. Er passt genau. Meine Ex hat die richtige Schuhgröße. Dazu muss man wissen, dass mein Bett nur aus Lattenrost und Matratze besteht, also ziemlich niedrig ist. Der Nachttisch überragt das Bett wie ein kleiner Turm. Zu hoch, um darauf das Tablet zu positionieren.
Meist gucke ich Krimis. Also erstmal einen Krimi oder zwei, drei Folgen einer Thriller-Serie. Und danach wechsele ich auf YouTube. Am Liebsten ziehe ich mir dort ein Hörspiel oder Hörbuch rein. Da muss ich nicht mehr hingucken, kann mich wegdrehen und mich ins Kissen kuscheln. Oft schlafe ich dabei ein.
Die Nächte sind lang, weil ich so früh zu Bett gehe. Ich schlafe sehr viel. Die meisten Träume sind passabel und beunruhigen mich nicht. Ich träume gern. Leider kann ich mir wenig davon merken.
Ich wundere mich über mich selbst, dass ich jeden Morgen aufstehe, einen neuen Tag beginne – ein Tag, von dem ich nichts erwarte, als ihn rumzubringen.


Es war gestern und ist doch heute (3)

Er hatte einen Wahn. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
„Sag mir, dass ich was ganz Besonderes bin!“ rief er in die Muschel.
Er spazierte in den Wald, in menschenleere Zonen; er schaute zu den Wipfeln empor und schrie wie ein Irrsinniger.
Wenn er in der Kneipe saß, verwickelte er die Bedienung in ein Gespräch. Er hörte sich reden und wartete auf einen Satz der Anerkennung.
Er schrieb Gedichte, die in seinem Regal verstaubten. Die Gedichte zeugten von seiner Lethargie und seinem Wahn. Er hatte seit Jahren keine Frau geliebt. Er strengte sich nicht an auf dem Gebiet. Außerdem war er außer Form.
Er lebte zurückgezogen und war nicht gerade glücklich, aber auch nicht unglücklich damit. Er wollte schon immer was ganz Besonderes sein.
Er fühlte sich wie eine leere Batterie, die von Elektrizität träumt.
Die Post, die er erhielt, und die Telefonanrufe waren dienstlich.
Manchmal meldeten sich auch seine Eltern. Er mochte seine Eltern, aber er war zu sehr in seinem Wahn, so dass ihm niemand wirklich wichtig war.
Er fragte nach dem Sinn des Ganzen und kam dabei nicht weiter.
Er wurde älter. Er wurde vorsichtiger. Darum schenkte er sich nicht mehr so viel nach, wenn er trank.
Er konnte seinen Wahn nicht loswerden, um einfach zu leben, wie er die Anderen leben sah. Er war nicht gerade glücklich, aber auch nicht unglücklich damit.

(01.10.2000)