Wortlos

Töne brauchen einen Resonanzboden. Auch Worte klingen nicht überall. Milliarden Stimmen drehen sich im Kreis und verhallen im Nichts. Ich verschwinde in gedachten Höhlen. Wenn ich zurück an die Oberfläche komme, ist alles futsch. Es bleibt noch nicht mal die Sehnsucht nach irgendwas. Ich presse einen Text wie letzte Reste aus einer Zahnpastatube.

Ich bin so gut wie die Erde, die sich um ihre Achse dreht und um die Sonne kreist. Ich bin so gut wie ein Steppenwolf, der durch die Gegend streift, bis die Last der Einsamkeit ihm das Rückgrat bricht. Die Dunkelheit verschluckt meine Erinnerungen. Meine Geburt ist eine Verschwörungstheorie.
Ich warte auf das Ende des Liedes.

  

Im Goldfischglas

Nach längerer Zeit mal wieder aus dem Büro und nicht aus dem Homeoffice ins Wochenende gegangen. Wir waren eine nette kleine Gesellschaft von 5. Ich fühlte mich wohl unter meinen Kolleginnen. Wenn nur jeder Arbeitstag so entspannt verliefe.

Die Betriebsamkeit der Stadt dagegen ereilte mich nach wenigen Metern wie ein Raubtier, das mich von allen Seiten angriff. Die Sonne stand tief, würde bald die Dächer der hohen Wohnhäuser schrammen. Ich radelte an den Parkbänken vorbei… Ich wusste nicht, wonach mir der Sinn stand.

In der Wohnung angekommen, streckte ich mich auf der Couch aus und schaltete den Fernseher ein. Es gab nichts. So ähnlich musste sich ein Fisch im Goldfischglas fühlen…

 

Anarchie des Wartens

Ich warte auf den Frühling, aber noch ist die Sonne kalt, zumindest hier im Osten Deutschlands.
In den Nachrichten gibt es kaum etwas anderes als Krieg, die Corona-Zahlen und den Wetterbericht.
Die gekalkten Zimmerwände schmiegen sich an mich wie eine zweite Haut. Ich kann die Stunden nicht zählen, die ich auf der Couch und im Bett verbringe.
Ich wundere mich über meine Tränen.
Die Welt ist ein Film. Mein eigenes Leben verblasst.
Ich stehe morgens auf, ich gehe zur Toilette, ich wasche mich, ich esse und trinke, ich gehe zu Bett, ich schlafe.
Ich atme. Mein Herz schlägt.
Meine Haare und Nägel wachsen unaufhörlich. Sie sind ziemlich anarchistisch.
Ich warte auf den Frühling oder sonst was. Oder ich warte auf eine wärmende Umarmung. Alles muss irgendwann aufgeladen werden, selbst wenn es nur nichtsnutzig herumliegt.


E-Mail von der Ex

Eine E-Mail meiner Ex verhagelt mir den Sonntagmorgen. Ich soll ihr bitte einen Brief von der RV nachsenden, der wohl fälschlicherweise an ihre alte Adresse bei mir geschickt wurde. Ich antworte knapp. Danach lösche ich ihre Mail aus dem Posteingang. Allein der Anblick ihres Namens reizt die alte Wunde. Um mein Herz wird`s mir schwer. Natürlich sende ich ihr diesen Brief, sobald er bei mir angekommen ist…, am besten so schnell wie möglich. Wenn ich diese Frau schon nicht ganz aus meinen Erinnerungen tilgen kann, will ich wenigstens jegliche Berührungspunkte mit ihr in meiner Gegenwart und Zukunft vermeiden. Oder anders ausgedrückt: Sie soll bleiben, wo der Pfeffer wächst! … Ich weiß, sie musste wegen dieses verdammten Briefes mit mir Kontakt aufnehmen. Am Besten bereite ich schon mal den Briefumschlag mit ihrer aktuellen Adresse vor.

Im Haus ist alles ruhig. Viele schlafen in den Sonntag hinein. Ich höre Musik aus meiner Mediathek. Der Lieblingsbluessender hat Sendepause. Schon den zweiten Tag. Ich sitze im Düsteren. Die Sonne verbirgt sich hinter einer dichten Wolkendecke. Das Kopfsteinpflaster glänzt feucht. Ich reibe mir die Augen. Sie sind noch verklebt von der Nacht. Ich sitze fest auf einem Ödland. David Bowie singt „Love Is Lost“.

 

Grüße an die Unendlichkeit

Ich bin zwei Parallelen, die sich in der Unendlichkeit schneiden. Ich bin der Mülleimer, der vorige Woche geleert werden sollte und überquillt. Ich bin die Katze in Schrödingers Gedankenexperiment. Ich kam um die Lügen nicht herum. Ich legte meine Liebe fälschlicherweise auf eine Waagschale. Ich verlor die Liebe. Ich sehe mich inmitten auf dem Meer der Einsamkeit. Ich verdurste langsam. Ich lächele. Ich will meine Arme ausbreiten, aber schaffe es nicht. Ich will zu dir, aber du bist zu weit weg.
Ich verlor den Kontakt zur Welt. Ich verlor mich in dem Irrgarten meiner Gedanken und Gefühle. Ich forderte zu viel und gab zu wenig. Ich wurde gerufen und hörte nichts. Ich wollte dich vergessen aber konnte es nicht.
Ich denke mich weit weg. Ich komme nie an.

Wohin gehen als in mich selbst

Das Vertrauen in die Leuchttürme schwindet zusehends. Die Küstenlinien verschoben sich. Zu viele falsche Leuchtfeuer werden gezündet. Die Wissenschaften gelten als das tragende Leuchtfeuer der Moderne und Postmoderne… Daneben die Ruinen der alten Religionen. Die Herzen der Menschen wechseln von einem Käfig in den anderen. Es ist ein einziges Orientierungsdesaster. Der menschliche Geist scheitert an den Klippen seiner Ideen. Abermillionen Seelen folgen den falschen Lichtern und gehen unter – gestern wie heute.
Auch die Elfenbeintürme der Intelligenzia werden einstürzen. Sie bescheinen nur sich selbst. Die Wissenschaften verzetteln sich im Spezialistentum.
Und die Politik kann sich noch so strecken, sie erreicht die Herzen der Bürger nicht. Demokratie und Grundgesetz verlieren an Strahlkraft, – werden auf das Schlachtfeld der Meinungen geschleift, bis sie stumpf und abgewetzt erscheinen.

Seit Jahrzehnten hüte ich mein eigenes kleines Licht. Das Vertrauen in die Leuchttürme dieser Welt verlor ich bereits in der Schule. Meine Fragen wurden an diesem hehren Ort der Wissensvermittlung belächelt und weggewischt. Der Lehrplan sah nicht vor, das Herz zu bilden. Stattdessen wurden die Köpfe der Schüler mit allerlei Wissen zugemüllt. Es hieß, wir sollten auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet werden. Unsere Zukunft schien vorgezeichnet.
Mein kleines Licht ging nie aus. Ich schreibe in jedem Gedicht und Text davon. In jedem Bild, das ich male, leuchtet mein eigenes kleines Licht… Und obwohl es mich in die Einsamkeit führte, halte ich eisern daran fest.

   

Es war gestern und ist doch heute (18)

DAS BROT DES ALTERS

Die Jahre vergehen
Man bekommt krumme Zehen
Man wird müde, auch ein bisschen prüde
Die Rente ist karg
Die Ängste sind stark
Es gehen die Jahre, man sieht sich schon auf der Bahre
Ist unendlich träge
Demnächst kommt die Pflege
Die Eltern sind tot, man liegt im eigenen Kot
Es ist niemand da
Das ganze Leben…
Es ist irgendwie nicht wahr, wie es einst war
Die glücklichen Zeiten
Wie saftig waren damals die Weiden
Man liebte wie irre und war vom Leben ganz kirre
Aber die Jahre vergingen
Keine Macht kann sie wiederbringen
Man ist nur noch Last, das Leben ist Knast
Gewindelt, gefüttert
Von nichts mehr erschüttert
Doch das Ende kommt nicht, Leben ist Pflicht
Alles verging
Und man ist nur noch Ding
Der Geist wird dement, die Träume Zement
Wer schrieb dieses Buch?
Warum wird das Leben zum Fluch?
Ein Geschenk wär` der Tod
Wie für den Hungernden Brot

(20.10.2009)

Heiligabend 2021

…ist ein Pisstag (in Berlin). Ich war noch mal kurz Einkaufen, damit ich am Wochenende nicht auf dem Trockenen sitze. Natürlich war der Nahkauf ziemlich voll. Die Bediensteten trugen Weihnachtsmannmützen. (Oder wie nennt man die noch?) Eigentlich gehöre ich nicht zu jenen, die auf den letzten Drücker vor Feiertagen einkaufen. Aber Einkaufen ist für einen alleine lebenden mehr als nur das Auffüllen seiner Regale und des Kühlschranks. Es bedeutet eine Gelegenheit für echte menschliche Kontakte, auch wenn man dabei nicht viel redet. Man grüßt sich, wird kurz beachtet. Wenigstens ein paar Minuten am Tag. Weihnachten ist mir schnuppe, aber für viele, die ebenso alleine in ihrer Wohnhöhle hausen wie ich, ist diese Zeit besonders deprimierend. Noch schlimmer trifft es die Obdachlosen. Die durch die Corona-Maßnahmen der Regierung hervorgerufene Vereinzelung in der Gesellschaft verschärft die Lage zusätzlich. Eine schöne Bescherung ist das, wenn man sich am sogenannten Fest der Liebe besonders einsam und gesellschaftlich abgewiesen fühlt… Nein, bei mir ist alles noch relativ okay. ich bin seit ewigen Zeiten Weihnachtsverweigerer. Gott sei Dank gibt es keine Weihnachtspflicht.

Der Bürotag war mein Highlight der Woche. Auf meinem Schreibtisch fand ich ein kleines Geburtstagsgeschenk. Das rührte mich. Ich kam sogar mal wieder zu einer Umarmung. Dann führte ich noch ein langes Telefonat mit meiner Bürokollegin (die an dem Tag im Homeoffice arbeitete). Es hatte zwischen uns in den letzten Monaten eine Verstimmung gegeben. Die konnten wir endgültig ausräumen. Sie erzählte mir, warum sie sich kommunikativ zurückgezogen hatte. Es lag nicht daran, dass ich mit der Corona-Impfung auf Kriegsfuß stehe. Es hatte mit anderen Problemen zu tun und Blablabla. Uff! – ich war echt glücklich. In der Mittagspause ging ich raus, holte mir ein Bier bei einem nahen Kiosk (Spätkauf), setzte mich in den Kleistpark und lächelte vor mich hin. Was für eine verrückte Welt!
Die Zeit verging an diesem Tage wie im Fluge. Wie wunderbar ist es doch, sich angenommen und wertgeschätzt zu fühlen! – So sollte es sein zwischen uns Erdenbürgern: nicht gegenseitig aufstacheln lassen, sondern zusammenhalten. Es geht nicht darum, dass man in allen Dingen übereinstimmt. Es geht um Mitgefühl, gegenseitiges Verständnis und Menschlichkeit.  

Allen Bloggern und Lesern schöne Feiertage!

    

Im Tunell

Wer kennt dieses Gefühl nicht, wenn es einem immer enger ums Herz wird – weil es in der Partnerschaft kriselt, weil es am Arbeitsplatz nicht rund läuft, weil sich Freunde abwenden, weil man keine Unterstützung erfährt… Selbstzweifel kommen auf, und man denkt automatisch: Was mache ich falsch? Was habe ich nur an mir? Konflikte hat freilich jeder mal. Da muss man durch. Danach klart sich der Himmel wieder auf. Aber es gibt Lebensabschnitte, wo man beim besten Willen kein Licht am Ende des Tunells aufglimmen sieht. Trotzdem bleibt man im Zug sitzen und harrt aus – schließlich hat jedes Tunell nicht nur einen Eingang, sondern auch einen Ausgang. Die Notbremse zu ziehen und auszusteigen, könnte ein verhängnisvoller Fehler sein. Finde ich überhaupt wieder aus dem Tunell heraus? Noch sitze ich in Sicherheit, wenn mir auch unbehaglich zumute ist. Jetzt nur nicht den Verstand bzw. die Kontrolle verlieren! Immer wieder starre ich zur Notbremse und male mir im Geiste aus, was auf mich zukäme, würde ich sie ziehen… Wenn ich doch wenigstens durch das Zugfenster eine schöne Landschaft sehen würde, um mich abzulenken. Aber da sind nur die endlosen Mauern. Wie ein Tiger im Käfig schreite ich in meinem Abteil auf und ab oder wandere durch den Gang und blicke in die anderen Abteile. Ich traue mich nicht, jemanden anzusprechen. Ich habe Angst vor den Blicken, die mir zurufen: Was hat denn der für ein Problem?! Vielleicht gesellt sich jemand zu mir ins Abteil. Doch gleich darauf verwerfe ich den Gedanken wieder. Wieso sollte jemand seinen Platz verlassen und sich zu mir setzen? Manchmal sehe ich Fahrgäste vorbeigehen und zu mir reinglotzen. So wie ich es auch mache, wenn ich mir die Beine vertrete. Wir glotzen alle nur.
Tage, Wochen, Monate vergehen, und noch immer rattert der Zug durch das Tunell.