Es war gestern und ist doch heute (27)

Der einarmige Billardspieler

Stolze Menschen ziehen mich an
Gestern Abend war es der
Einarmige Billardspieler
Das ganze Drumherum ist schuld an
Meinen Überlegungen
Man sollte alles auf das Wesentliche reduzieren
Die Poesie des Wesentlichen
Die Hände sind schweißig
Dein Lächeln entzückt mich
Aufrichtigkeit ist
Luftleer
Durchgezirkelte Räume und
Ordnungen befriedigen
Nicht
Die Überlegungen sind schuld
Das Gesicht brennt
Der Knochen Leben trägt dick auf



1990

Zum Winterzauber reicht es nicht

Myriaden winziger Schneeflocken tanzen gen Boden. Die Blätter der Stadtbäume, die auf dem Pflaster darniederliegen wie verzuckert. Inseln des schmutziggrauen Pflasters sind weiß. Auch auf dem kalten Blech der parkenden Autos sammelt sich etwas Schnee. Das harte Realitätsgemälde verliert an Kontur, aber nur leicht. Zum Winterzauber reicht es nicht.
Die Fenster geschlossen vor dem unwirtlichen Draußen, die Augen offen vor dem Bildschirm des Computers suche ich nach Verknüpfungen. Der Schlaf ist noch nicht lange her, das Dunkel noch nicht lange dem Tageslicht gewichen. Ein diffuses Licht füllt den Stadtraum. Die Quelle versteckt sich am Himmel hinter einer Gardine aus Wolken und Dunst. Die Stadt schrumpft zur Spielzeuglandschaft. Über den Dächern taucht ein riesenhaftes Kindergesicht auf und blickt mit staunenden Kulleraugen auf uns herab.

Hand in Hand gehen Vater und Sohn durch eine Ausstellung von Miniaturwelten.
„Papa, er hat mich angeschaut“, sagt der kleine Mann. 
„Wer?“ fragt der Vater stirnrunzelnd.
„Ein Mann in einem Haus.“
„Das sind nur Figuren.“
Der kleine Mann macht einen Ausfallschritt nach vorne und ruft: „Aber es war wie echt! Echt wie echt!“
Der Vater lacht.

Nusslos

Ich werde nie ein guter Nussknacker sein. Trotzdem esse ich gern Nüsse. Ich werde nie ein guter Aufreißer sein. Trotzdem liebe ich Frauen. Ich werde nie ein guter Seefahrer sein. Trotzdem liebe ich das Meer. Ich werde nie ein guter Jäger sein. Trotzdem esse ich gern Fleisch. Ich werde nie ein guter Farmer sein. Trotzdem esse ich gern Brot, Kartoffeln und Kohl. Ich werde nie ein guter Fischer sein…
Ich werde nie ein guter Handwerker sein. Ich werde kein guter Ingenieur sein. Ich werde auch kein guter Raumfahrer sein. Aber ich wäre gern einmal auf dem Mond.
Stattdessen schreibe ich. Früher mit dem Stift. Heute schreibe ich auf der Tastatur eines Computers. Ich werde nie ein guter Computerfachmann sein.
Stattdessen trinke ich. Warum ich lebe, kann ich mir nicht erklären.
Ich bin nutzlos. Ich schaue aus meinem Fenster. Ich schaue in viele Fenster.
Ich stecke Gott in meine linke Hosentasche und das Universum in die andere
und vergesse sie.

In der ersten WM-Woche

Tat echt weh, als die Deutsche Mannschaft gegen die Japaner verlor. Zwischendurch sah ich Gutes im deutschen Spiel aufblitzen. Aber zu einem Sieg gehören eben Tore. Nun wird es sauschwer gegen Spanien am Sonntag. Tut mir vor allem leid für den Hansi Flick – irgendwie mag ich ihn. Vielleicht liegt`s daran, dass er aus meiner alten Heimat (Heidelberg) stammt.
Egal, es kommt wie`s kommt. Ich werde mir die WM auch ohne deutsche Beteiligung anschauen, jedenfalls das ein oder andere Spiel. Wer wird letztendlich Weltmeister – Spanien, Portugal, England, die Niederlande, Frankreich, Senegal, Brasilien, Ecuador, Japan? – Ecuador gefiel mir ausgezeichnet gegen das Oranje-Team, und den flinken, fleißigen Japanern würde ich es auch gönnen. Es müssen nicht immer die Favoriten sein, die sich den Pokal holen.

Ansonsten: Alles läuft ganz normal weiter: Da und dort ein bisschen Krieg, ein paar Klima-Kleber, schwachsinnige Politik, unterirdische Fernsehunterhaltung, heuchlerische Moraldebatten, Energiekrise, Inflation, Black Friday, Konsumirrsinn, Vorweihnachtszeit…  Von Woche zu Woche geblitzdingst und das Leben ist lalalala-wunderbar.