Urlaub im Irgendwo

Gehe einmal im Jahr an einen Ort, an dem du noch niemals warst.
(Tenzin Gyatso, Dalai Lama)

 

So ist das mit dem Urlaub – plötzlich ist er da. Fast ein bisschen zu schnell. Man müsste wie auf einer warmen Welle hineingleiten können. Den Bürohühnern noch kurz erzählt, wo es hingeht, wann ich wiederkomme, und plötzlich stand ich draußen, in dem Bewusstsein die Arbeit für gut zwei Wochen hinter mich zu lassen. Kein so schlechtes Gefühl, aber irgendwie brutal.
Über Berlin braute sich etwas zusammen. Die Luft war schwül und aufgeladen. Ich konnte nicht weit denken. Erstmal ein Bier trinken gehen. Nein, erst Einkaufen, dann ein Bier trinken gehen. Im Pub saßen nur wenige Hansels. Schön. Ich setzte mich an die Bar und schaute hin zur offenen Eingangsfront. Allerlei menschliche Wesen strömten vorbei, der Verkehr eine einzige zähe Blechwalze im Kreislauf der Stadt. Ich liebe diesen Ausblick. Er hat was Magisches. Ich tauchte mit meinen Sinnen völlig ein in das Wesen der City, ohne mittendrin zu sein. Ich saß in einer Bucht des Friedens und der Gelassenheit, während ein paar Meter entfernt der Wahnsinn seinen unaufhaltsamen Gang nahm. Das kalte Bier war ein Segen.
Nach dem zweiten griff ich mir eine Zeitschrift. Der Himmel öffnete seine Schleusen. Wir warteten darauf. Alles wartete darauf. Berlin im Regen. Endlich. Ich saß im Trockenen und schaute hinaus auf das Naturspektakel…
Etwas bange wird mir, wenn ich an meinen Urlaub denke mit Fahrrad und Zelt. Doch das wichtigste eines solchen Urlaubs ist eben, sich wiedermal hinauszuwagen, weg vom Ort der Gewohnheit und Geborgenheit; und das schönste und intensivste Reisen ist in meinen Augen das Wandern zu Fuß oder mit dem Fahrrad*.

Noch sitze ich im Schutze meiner Wohnung und blinzele in den Tag. Ich träume mich auf die Strecke. Ich träume mich hin zum Horizont. Meine Heimat liegt dort (irgendwo).

 

*wobei ich das Fahrrad vorziehe

Antimaterie

Wir leben also alle in einer Computersimulation, weil sich Materie- und Antimaterieteilchen nicht gegenseitig auslöschten, was sie aber nach heutigem Stand der Physik hätten tun müssen – damals beim Urknall. Das Universum, wie wir es heute sehen, dürfte es gar nicht geben. Gut. Ich wusste schon immer, dass irgendwas faul an der Sache ist. Aber eine Computersimulation? Nicht, dass ich so ein Leben in der Matrix für unmöglich hielte, aber wer oder was hat sie konstruiert? – und wozu der ganze Scheiß? Gott als Cyber-Freak?

Sonntag. Meine Waschmaschine läuft. Ich stelle mir vor, sie wäre eine Art Miniatur-Teilchenbeschleuniger, komme aber mit dem Gedanken nicht recht weiter… Ich habe ein Fantasieproblem. Vielleicht liegt es an der Hitze. Vielleicht habe ich noch nicht genug Drinks intus. Der Tag liegt vor mir wie ein offenes Scheunentor ohne Ideen. Das Pub öffnet erst 17 Uhr. Der Wirt ist in Urlaub. Bleibt freilich der Biergarten, der aber am Nachmittag brechend voll sein wird. Raus will ich auf alle Fälle. Vielleicht mit ein paar eisgekühlten Getränken in den nahen Park setzen und lesen: „Omon hinterm Mond“ von Wiktor Pelewin. Den Autoren kann ich nur empfehlen – sehr gut, wenn man ein Fantasieproblem hat.
Nur nicht zu früh starten, sonst kacke ich ab – wie gestern. Ich unterschätzte das Gemenge von Hitze, Sonne und Alkohol. Als ich am späten Nachmittag im Pub ankam, strich ich bereits nach einem Bier wieder die Segel. Normalerweise verlasse ich den Laden nicht unter drei. Es war mir fast peinlich – schließlich hat man seine Trinkerehre.

Wie aus dem Nichts kommt mir die Idee für einen Cocktail, den ich „Antimaterie“ nenne und im Schleudergang meiner Waschmaschine mixe. Geil.
Allen einen schönen Sonntag!

Glück gehabt

Es gibt wenige Tage, an denen ich zu Fuß unterwegs bin. Mein Fahrrad hatte ich in die Werkstatt gebracht, und ich befand mich mit meinen Einkäufen auf dem Nachhauseweg. Bereits von weitem konnte ich sehen, dass sich etwas auf der Höhe meiner Wohnung tat. Mit jedem Schritt, den ich näherkam, erkannte ich deutlicher, was ich mir bereits gedacht hatte. Das Ordnungsamt war angerückt und kassierte Radfahrer ab. Wegen dem Kopfsteinpflaster benutzt hier fast jeder Radler unerlaubt den Gehweg, der dazu auch wegen seiner Breite (ca. 6 Meter) einlädt. Vier Stadtpolizisten und Politessen hatten sich pro Straßenseite in Stellung gebracht. Die erwischten Übeltäter mussten sich ihre Belehrungen anhören. Einige diskutierten herum. Was für eine Scheißwelt, dachte ich bei mir. Hier ist genug Platz für Radfahrer und Fußgänger. Wozu die Fahrradfahrer aufs Kopfsteinpflaster in den Autoverkehr schicken? Für die Sicherheit? Blödsinn – viele Wege, z.B. in Parkanlagen, müssen sich Fußgänger und Radfahrer teilen, und die sind nur halb so breit wie der Bürgersteig meiner Straße. Warum die Verkehrsteilnehmer in ein widersinnig enges Regelkorsett zwängen, welches pädagogisch kontraproduktiv ist? Wozu diese Entmündigung durch Behördengewalt? Freilich gibt`s immer Verkehrsrowdys, die Menschenleben gefährden, – egal ob als Fußgänger, Radfahrer oder im Auto unterwegs. Bei denen habe ich auch kein Mitleid, wenn sie ordentlich zur Kasse gebeten werden… Es geht um ein achtsames Miteinander auf den Straßen und Wegen der Stadt, nicht um eine dumme Abgrenzung und das Herumreiten auf Regeln, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Solche Ordnungsmaßnahmen haben sowieso null Effekt. Jedenfalls in Berlin. Gestern war gestern, und heute ist heute. Alles wie gehabt: Fußgänger und Radfahrer bewegen sich in vertrauter Lässigkeit vorbei an meinem Fenster*. Nachher hole ich mein (hoffentlich) repariertes Fahrrad ab. Mit geschärften Sinnen werde ich unterwegs sein, um rechtzeitig vom Bock zu springen…

*Die meisten Fußgänger sind so mit ihrem Smartphone beschäftigt, dass sie eh nichts mitkriegen.

Optimist in der Liebe – Schwachkopf im Leben

Ziemlich unsichere Sache mit der ausklappbaren Aluleiter im engen Bad – die beiden Glühbirnen in der Deckenlampe (noch die alten von Osram mit Glühdraht) hatten auf einen Schlag den Geist aufgegeben, und ich tauschte sie aus. Immerhin hielten sie seit meinem Einzug, also länger als meine letzte Beziehung. Frauen kann man dummerweise nicht einfach austauschen (außer man ist Popstar). Dabei wäre es langsam an der Zeit für eine neue, die etwas Licht in mein Leben bringt. Das alleine vor sich hindümpeln ist auf Dauer nichts für mich. Irgendwo da draußen ist sie sicher, nur weiß sie es noch nicht. Die Arme. Auf er anderen Seite kann auch ich der Arme sein, der auf sie reinfällt (– wie beim verhängnisvollen letzten Mal). So weit darf man aber nicht denken, sonst schrumpelt die Sehnsucht nach Zweisamkeit zusammen wie ein Hetero-Schwanz in der Männerdusche. Was die Liebe angeht, bin ich seltsamerweise gnadenlos optimistisch. Etwas Dummheit darf man sich doch leisten, oder? Ich meine die Dinge, die einen kaputt machen, aber ohne die man nicht leben will. Darum brauten die Mönche Bier und gruben einen Tunnel zum benachbarten Nonnenkloster. Sie haben meine Sympathie. Und die Heimlichtuerei hat den Reiz sicher tausendfach erhöht. Hach! – ich wäre gerne mal bei einer solchen unterirdischen Orgie dabei gewesen…
Viel wichtiger als der Sex ist mir aber die Liebe. Nichts Schöneres in meinem Leben gab es, als einen dieser weitentfernten Sterne vom Nachhimmel zu holen und zu küssen. Lege dich neben mich – wir halten uns gegenseitig.

Aufpassen!

Ich merke schon: mein Humor ist heute zu tiefsinnig. Kommt vor, dass ich mich krumm und schief lache, während um mich herum alles peinlich schweigt. Das erste Mal geschah es bei meiner Geburt… Ich hatte keine Wahl – wusste noch nichts von der Welt und äußerte mich einfach frei Schnauze: Bäääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääh! Schon damals erwartete ich von meinen Mitmenschen viel zu viel Selbstreflexion…
Man kann ungeheuer viel verkehrt machen im Leben. Würde man alles richtig machen, – wäre das Leben dann noch lustig? Wie lustig ist der Papst? (Immer noch keine Lacher?)
Gut, ich stelle mir also vor, dass ich nachher wählen gehe. Was wird heute eigentlich gewählt? Irgendwas mit Europa… Fragt mich bitte nichts Näheres. Ich mache also mein Kreuz und gehe wieder, in dem Bewusstsein als Staatsbürger und Europäer meine Pflicht getan zu haben. Beim Aufschließen des Fahrradschlosses komme ich ins Grübeln. Habe ich die richtige Partei angekreuzt? Eiskalt läuft es mir über den Rücken: Fuck! Fuck! Fuck! Ich vertat mich… Der Stress war einfach zu groß, und ich rutschte in die falsche Zeile… Ich muss sofort meine Stimme retten gehen, schoss es mir in den Kopf. Aber ist das überhaupt möglich? Ich ziehe also den Schlüssel wieder aus dem Fahrradschloss und eile zurück in die heiligen Gefilde des Wahllokals, eine fuckin` Berliner Gesamtschule übrigens.
Aufgeregt brülle ich: „Bäääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääh! – ich habe aus Versehen falsch angekreuzt!!!“ Und ein Typ, der aussieht wie der Weihnachtsmann ohne Bart antwortet: „Tut mir leid, junger Mann, eine Korrektur ist nicht mehr möglich. Gewählt ist gewählt…“
„Aber das kann doch nicht sein!!“ schimpfe ich völlig außer mir, „selbst eine Heirat kann man binnen 24 Stunden annullieren!“
„Wie sollen wir denn ihren Wahlzettel identifizieren? Das ist nicht machbar. Bitte stören sie nicht weiter den Wahlbetrieb.“
„Auf dem Wahlzettel müssen meine Fingerabdrücke sein“, sage ich schnell, und bin froh über diesen Einfall. „Ja, da hat er recht“, höre ich nun um mich herum einige Stimmen.
„Sowas ist nicht vorgesehen. Da könnte ja jeder kommen. Passen sie halt beim nächsten Mal besser auf… Gehen sie, oder ich lasse sie des Raumes verweisen!“ sagt der Weihnachtsmann ohne Bart und schaut inzwischen sehr verärgert aus der Wäsche.
Na gut, denke ich, ich will es nicht auf die Spitze treiben. Scheiß auf die Europawahl! Am Besten im Pub ein Bier trinken und runterkommen. Oder zuhause den Großen Preis von Monaco angucken – das sollte mich auch beruhigen.

Also liebe Leute, aufpassen, wo ihr heute Euer Kreuz macht…, und das ist mein voller Ernst!