Der Bauch denkt mit

Wir haben etwa so viele Neuronen im Bauch wie ein Hundehirn. Daran kann man denken, wenn man Gassi-Gehern im Park begegnet. Erst ein Blick auf den Hund, dann auf das Herrchen/Frauchen: Tja, der Bauch führt… so oder so.
Als ich vor Kurzem eine Doku zum Thema Bauchhirn sah, war ich sogleich fasziniert von der Vorstellung eines zweiten Hirns in unseren Eingeweiden, – schätze ich mich doch selbst als einen Bauch-Typen ein. Wenn ich z.B. ein Bild male oder ein Gedicht schreibe, schalte ich den Kopf (weitgehend) ab, um mich frei von lästigen Gedanken und Vorstellungen zu machen. Ich lasse mich dann von meinem Bauchgefühl leiten. Ja, ich glaube, die Intuition ist Bauchsache. Wir wissen sehr wenig über all die geheimnisvollen unterbewussten Vorgänge… Wie`s aussieht, kommunizieren Kopf und Bauch sehr rege miteinander:

Den ganzen Tag erzählt der Bauch dem Kopf Geschichten. Er kreiert das „emotionale Profil“. Jede Minute des Lebens wird im Gehirn ein „Gefühlsbett“ bereitet – auch für die Nacht, wie Studien nahelegen, in der sich das ständige Bombardement durch die Träume entlädt: Erzeugt das Darmhirn während der Tiefschlafphasen eher sanfte rhythmische Wellenbewegungen, beginnen die Innereien während der traumreichen REM-Phasen des Schlafes aufgeregt zu zucken. Die intensive Stimulierung der Eingeweide und ihrer Serotoninzellen erfolgt parallel zu den nächtlichen Bildern im Kopf…
(Quelle: http://www.geo.de/wissen/13364-rtkl-neurologie-wie-der-bauch-den-kopf-bestimmt)

Ich denke: Der Bauch träumt/fühlt/denkt mit. Und zwar aktiv.
Gespannt warte ich auf die Ergebnisse zukünftiger Forschung. Einiges könnte uns überraschen, sagt mir mein Bauchgefühl.

Nicht schlecht

Gesichter strengen mich an. Augen wie leuchtende Sterne aus anderen Gedankenwelten, anderen Galaxien des Daseins. Ich bin scheu. Es fällt mir schwer, den Blicken standzuhalten. Ich sehe den Menschen ungern ins Wohnzimmer. Woher diese Beklemmung?
Wenn ich dann unter ihnen weile, relativiert sich mein Unbehagen. Es ist nur noch halb so schlimm. Womöglich merkt man`s mir nicht mal an, wie ich denke. Ich zeige mein übliches Lächeln, ein Mischmasch aus Wohlwollen und dem Übertünchen eigener Unsicherheit. Den anderen geht`s unter Umständen ähnlich, denke ich. Plötzlich fühle ich mich sogar euphorisch und komme ins Erzählen. Nicht lange. Ich will mich einfach menschlich geben. Kurz scheine ich aufzugehen in diesem Teig von Zwischenmenschlichkeit. Ob am Arbeitsplatz oder in der Kneipe, sonst wo.
Aber am liebsten bin ich allein. Ich versinke wie ein schwerer Brocken Irgendwas im Schlamm des Seins. Da sitze ich nun mehr oder weniger regungslos und warte… auf einen Impuls, etwas Neues, einen frischen Wind. Das Drumherum, die vielen Gesichter, die vielen Welten, den Trubel, das Gerede, das Lachen, die Juxe… ermüden mich. Auch das Trinken ermattet. Viel zu viel trinke ich – kann jedoch nicht anders, als der Sucht zu folgen. Als wäre das Leben eine Operation an den Eingeweiden… Ich muss mich betäuben, um den Anblick und die Schmerzen zu ertragen. Wie halten das meine Mitmenschen aus? Sind sie alle süchtig? Wie lenken sie sich von ihrem Selbstbewusstsein ab, den Fragen, die sich drängend daraus ergeben? Verhalten sie sich deswegen noch wie Tiere?
Führen sie Kriege, weil sie sich selbst nicht ertragen können? Ist der Terror nichts anderes als ein verzweifelter Aufschrei der Ohnmacht gegenüber der Gewalt des Daseins?
All die Erklärungsversuche der Religionen sind doch Bullshit! Aber anscheinend sind sie für viele besser als nichts.

Der Tag heute ist zu schön für solch düstere Gedanken. Die Natur lockt mit warmen Temperaturen und Sonne. Die Macht aus dem All ist stärker als alles, worüber wir uns den Kopf zerbrechen. Wir Menschen sind die Typen, die den Planet Erde bewohnen und uns gegenseitig ins Jenseits bomben… Nicht schlecht für ein Wunder (oder gar die Krönung) der Schöpfung.

Kopfkrebs

 

Lange lag ich wach und dachte über den Unsinn von Träumen nach. Nicht angestrengt, ich ließ einfach die Gedanken plätschern, wies ihnen nur bedingt den Weg. Es scheint, dass Träume keine Logik brauchen. Sie sind wie ein unaufgeräumter Schreibtisch. Alles liegt durcheinander herum, aber der Träumer findet es in Ordnung. Unwillkürlich kam mir noch ein anderer Vergleich in den Sinn: Träume sind der Krebs des Geistes, undifferenzierte Wucherungen aller möglichen Ausartung. Und umgekehrt: die Träume unseres Körpers manifestieren sich als Krebsgeschwulste…

Alles das, was unser Körper über die Übung der Sinne
hinaus tut, bleibt unwahrgenommen. Von den lebens-
kräftigen Funktionen (Blutzirkulation, Verdauung usw.)
wissen wir nichts. Ebenso ist es mit unserem Geist:
Wir wissen nichts von all seinen Bewegungen und
Veränderungen, seinen Krisen usw., außer der
oberflächlichen, schematisierenden Begriffsbildung.
Erst eine Krankheit enthüllt uns die funktionellen
Tiefen unseres Körpers. So ahnen wir auch die des
Geistes erst, wenn wir aus dem Gleichgewicht gebracht
sind.

…schreibt Cesare Pavese in Handwerk des Lebens über die Allegorie von Körper und Geist. Eines meiner Lieblingszitate, welches in diesem Zusammenhang gut passt.
Bleibt zu hoffen, dass die Träume nach dem Aufwachen zurückweichen und der Krebs sich im Körper nicht ausbreitet.

Abschaffen!

Am unangenehmsten finde ich Typen, die ihren Dödel auspacken und gleich drauflos pullern können. Wenn sie sich dann auch noch genau neben mich stellen, könnte ich im Boden versinken. Während ich es neben mir plätschern höre, spiele ich an meinem Ding herum, um mich zur Miktion zu stimulieren. Zum Erfolg komme ich meist aber erst, wenn sich der Kumpel neben mir verabschiedete. Drum benutze ich inzwischen lieber die Kabine und nicht die Urinale. In aller Ruhe im Sitzen pinkeln ist wesentlich entspannter…
Auf der Arbeit gibt`s nur zwei Männer außer mir. Der eine ist IT-Beauftragter, der andere ein Dokumentar wie ich. Letzterer hat Mundgeruch und brilliert unter den Damen als Sprücheklopfer. Ihm begegne ich unverhältnismäßig oft auf der Toilette. Es scheint ihm Spaß zu machen, beim Pinkeln zu furzen. Ein typisches Alpha-Männchen. Wir befinden uns noch in der Phase gegenseitigen Abtastens. Ich glaube, er weiß nicht recht, wie er sich mir gegenüber positionieren soll… Gut so.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wieso schafft man diese Urinale für Männer nicht ab? – das erzieht sie doch nur zu Stehpinklern. Soweit ich weiß, ist die Frauenwelt (meist) gar nicht davon begeistert. Die Emanzipation sollte auch auf der Toilette ankommen!

Wind of Change

Erstens anders, zweitens als gedacht. Ich denke, dies gilt für alle Veränderungen und jeden Wechsel im Leben. Ganz egal ob Beziehungs- oder Wohnungswechsel, ob ein anderer Arbeitsplatz, eine Reise, Veränderungen durch Krankheit oder Unfall, durch den Tod liebgewonnener Menschen, durch Veränderungen in Glauben und Lebenseinstellung…
Niemals kann man sich vorher genau ausmalen, wie es unter den anderen Lebensumständen sein wird. Verständlich darum Unsicherheit und Ängste im Vorfeld. Es ist gut, dass wir nicht leichtfertig ins Ungewisse aufbrechen. Auf der anderen Seite ist es auch nicht gut, am Alten und Gewohnten unwiderruflich festzukleben. Es gibt Phasen im Leben, wo der Wind der Veränderung kräftiger bläst als in anderen. Manchmal wissen wir gar nicht, wie uns geschieht. Nicht alles ist vorhersehbar und planbar. Die Seele setzt die Segel…

Auf dem Weg zum Büro komme ich an einer Schule vorbei, kurz vor Unterrichtsbeginn. Die Halbwüchsigen, junge Frauen und Männer stehen in Grüppchen zusammen, plaudern und rauchen. Ich radle weiter die Steinmetzstraße entlang, vorbei an der Eckkneipe, wo ich in der Mittagspause mein Bier trinke, mache einen Schlenker nach rechts zur Potsdamer Straße, auf der sich bereits Millionen Tonnen Blech entlang wälzen. Ich fahre eine Strecke auf dem breiten Gehsteig, und der Duft von frischen Backwaren steigt mir (neben den Abgasen) in die Nase. Das Monster Großstadt ist aufgewacht. Der junge Tag weicht ängstlich zurück. Zielstrebig hasten wir Menschen zur Schule, zur Arbeitsstätte… kreuz und quer.
In einer Nische neben dem Haupteingang parke ich das Fahrrad. Eine Menge Kippen liegen auf dem Boden, den Zigarettenpausen der Angestellten geschuldet. Der alte wuchtige Gebäudekomplex beherbergt auf fünf Etagen mehrere Firmen, von deren Aufgaben und Funktionen ich keinen blassen Schimmer habe. Man begegnet sich anonym im Fahrstuhl und fährt zu den Etagen, wo jeder zu seiner „Was-auch-immer-Arbeit“ aussteigt.

Artig begrüße ich meine Kolleginnen in ihren Bürozellen. Die meisten beginnen schon etwas früher. Eigentlich hatte ich mir das auch vorgenommen, um am Nachmittag nicht so lange sitzen zu müssen, aber ich genieße zu gern den langen Morgen zuhause… alleine mit mir selbst.
Am Arbeitsplatz das übliche Prozedere des Ankommens: Computer hochfahren, tausendmal anmelden, das Arbeitszeug zurechtlegen, Kaffee zubereiten, die ersten Plaudereien… Schließlich hole ich mein Dokumentenpaket aus dem Panzerschrank im Büro der Oberdokumentarin. Aller Anfang ist schwer. Ich starre auf den Stapel der Dokumente, nehme mir zögerlich das erste vor. Eine Pathologie. Dickdarmkrebs. Allerdings ist nicht klar, ob Primärtumor oder Metastase. Ich ziehe meine erfahrene Kollegin zu Rate, die gegenüber am Schreibtisch über ihren Fällen brütet. Sie springt mir sogleich zur Seite. Eine nette Person. Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht mit einem Stinkstiefel oder einer Laberkanne das Büro teile. Insgesamt ist die Bürogemeinschaft ein recht lebendiger Haufen.

So vergeht Stunde um Stunde beim Brüten über Tumorfällen und deren Eingabe ins Dokumentationssystem. Was mache ich hier? frage ich mich zwischendurch und blicke sehnsüchtig aus dem Fenster in den Himmel.

Verwechslung

Heute Nacht die Träume eines anderen geträumt. Derart abstrus war alles, dass ich mich gar nicht mehr an Details erinnern kann. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich wieder zurück in meiner Realität bin. Das Erwachen war wie ein sanfter Schock. Alles beim Alten, wie`s aussieht. Oder bilde ich mir das nur ein? Jeden Tag aufs Neue… Ich reibe mir die müden Augen.
Der Tag wischte eins-zwei-drei die Dämmerung weg, und ein astrein blauer Himmel streckt sich über die Häuserzeilen Berlins. Die Arbeit im Büro derweil in Lauerhaltung. Unermüdlich tickt die Uhr. Selbst in den Träumen steht sie nicht still. Schon verrückt. Ich werde das unheimliche Gefühl nicht los, dass die Welt eine Inszenierung ist. Schon jetzt weiß ich, wie die nächsten Stunden ablaufen. Das Gerüst steht bereits.
Aber auf das heute Nacht Geträumte war ich nicht gefasst. Das kam unmöglich von mir. Vielleicht hatte dafür ein anderer meine Träume – wäre doch denkbar. Irgendwer sitzt jetzt ähnlich fassungslos wie ich im anbrechenden Tag, ist total durch den Wind und fragt sich: Was war denn das, verdammt!?

Verschwendung

Wir kaufen zu viele Lebensmittel ein und schaffen es nicht, sie im Zuge ihrer Haltbarkeit zu verzehren. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn ich den Kühlschrank ausmisten muss. Viele angebrochenen Sachen fliegen in den Müll, weil wir sie nicht zeitnah verbrauchen. Stattdessen kaufen wir neues nach. Weder meine Partnerin noch ich haben einen Überblick über den Lebensmittelbestand. O. leugnet gar, dass wir wirklich so viel wegwerfen.

Wie läuft das in anderen Haushalten? Verschwendung ist eine bequeme Sache, wenn man nicht jeden Euro umdrehen muss. Dummerweise rebelliert mein Gewissen. Wir sollten vor dem Einkauf auf unsere Bestände schauen und diesbezüglich genau überlegen, was wir essen wollen und dazukaufen müssen.
Die Realität sieht anders aus: Von Tag zu Tag entscheiden wir aus dem Bauch heraus und lassen uns nicht so gern von unserem Kühlschrank den Speiseplan vorschreiben. Vernünftig ist das nicht.

Eine weitere Sache ist, dass O. und ich immer seltener zusammen essen, weil unsere Tagesabläufe schon aufgrund der beruflichen Verpflichtungen stark voneinander abweichen. O. kommt an drei Tagen in der Woche erst am Abend nach Hause, wenn ich bereits im Bett liege. Gemeinsame Mahlzeiten nehmen wir fast nur noch am Wochenende ein, und dann gehen wir dazu in eine Gastwirtschaft – zu oft für meinen Geschmack. Im Kühlschrank vergammeln indes Käse, Wurst, Schinken…

In meinen Single-Zeiten ernährte ich mich überwiegend von Bier und Konserven. Über die wenigen frischen Produkte behielt ich leicht die Übersicht. Mein Kühlschrank kühlte in der Hauptsache Luft und Bier. Ich war in meinen Augen ein sehr genügsamer Mensch. Wenn ich unerwartet Besuch bekam, schämte ich mich allerdings wegen meines mageren Haushalts. Einen Kaffee konnte ich gerade noch anbieten, aber mit Milch konnte ich nicht dienen. Irgendwann besorgte ich deswegen eine Packung portionierte Kaffeesahne, – die nie angebrochen wurde.

Keine Ahnung, wie O. und ich das Problem der Verschwendung in den Griff kriegen wollen, ganz abgesehen von den anderen Problemen…