Entenjagd mit Rennboot

Auf dem Weg blies mir eine steife Brise entgegen… Ich hockte mich mit einer Pulle Bier an den Ententeich im Nelly-Sachs-Park. Nach Kneipe oder Biergarten war mir nicht. Der Wind spielte mit meinem Haar, das Wasser des kleinen Sees kräuselte sich und funkelte in der Sonne. Gefühlsmäßig ein kleiner Vorgeschmack auf meine Radreise in 2 Wochen – Am Wasser sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, eins werden mit dem Wind, der Sonne, der Landschaft, den Wesenheiten um mich herum.

Nelly-Sachs-Park


Bumm!

Das Wochenende bringt etwas Abkühlung. Tagestemperaturen um die 20°C reichen mir völlig.
Ein paar Pfützen im Hof zeugen vom gestrigen Gewitterregen, die Straße ist bereits wieder abgetrocknet.

Meine Hausbank schickte mir ihre neuen Geschäftsbedingungen (127 Seiten kleingedruckt) verbunden mit einer Erhöhung der Kontogebühren. Sie benötigen meine Zustimmung… Wie sagt man redensartlich? – Sie nehmen es von den Lebenden.

Seit langem wieder mal eine Bierflasche im Eisfach vergessen. „Bumm!“ machte es irgendwann. Nun ja, ich springe nicht wegen jedem seltsamen Geräusch aus dem Bett. Stunden später, als ich eine Schlafpause einlegte, fiel mir die Bierflasche ein. Na super! dachte ich.

Und sonst: In 2 Wochen habe ich Urlaub. Eine kleine Fahrradreise ist geplant: Nach Hamburg mit dem Zug, mit Fahrrad und Zelt die Elbemündung bis Brunsbüttel, von dort am Nord-Ostseekanal quer durch Holstein bis Kiel, dann die Ostseeküste entlang Richtung Lübeck/Wismar/Rostock, solange ich Bock habe, meine Kräfte reichen, das Wetter mitmacht…, schlussendlich mit dem Zug zurück.

Sicher gibt es noch dies und das, was ich erzählen könnte. Aber das ist auch nicht interessanter.

2 – 1

Die Zeit schreitet unaufhörlich voran und kümmert sich nicht um mich. In meinem Leben passiert nicht viel. Ich hänge fest in der Tretmühle. In meiner Freizeit packt mich oft die Lethargie und ich halte mich vor dem Bildschirm am Leben. Immerhin darf ich mittlerweile (als Ungeimpfter) wieder mein Feierabendbier in der Kneipe oder im Biergarten genießen… Gestern wollte ich zur Kupferkanne. Auf dem Programm stand Fußball „Dortmund – Hertha“. Ein entscheidendes Spiel für die Hertha von wegen Klassenerhalt. Vorweg, ich bin kein Fußballfan – aber zum Zeit totschlagen…, zumal ich es genieße, ab und zu in Gesellschaft zu sitzen. In den meisten Berliner Kiezkneipen kommt man eh nicht um den Fußball herum. Ich mag diese althergebrachte Kneipenszene irgendwie, wo sich die einfachen Leute auf ein Bier treffen. Okay, da hocken jede Menge Scheintote (so langsam gehöre ich auch zu denen)… Aber inzwischen entdecken auch die jüngeren Generationen (hauptsächlich Studenten) diese alten Kneipen für sich, weil dort die Getränke noch relativ billig sind, weil der Wirt (meist) umgänglich ist und auf die Wünsche seiner Gäste eingeht, weil diese Kneipen Originalität/Nostalgie verströmen.
Also ich kam dann doch nicht mehr raus aus meiner Wohnhöhle und verbrachte den Nachmittag träge auf der Couch. Die Lust auf Gesellschaft war verpufft… Wozu rausgehen? fragte ich mich, ich habe doch alles hier, was ich brauche. Die Lethargie zog mich runter. Mal sehen, ob ich heute den Abflug schaffe. Wenigstens für 2-3 Stündchen. Park und Biergarten liegen quasi vor der Tür. Ein sonniger Sonntag wartet auf mich.
Wie ging eigentlich das Spiel für die Hertha aus? Ich googele das jetzt…

   

Noch

Noch gibt es Bücher – ich meine Bücher zum Anfassen, Aufschlagen und dran riechen. Noch gibt es Bargeld. Noch gibt es Kneipen, Begegnungsstätten, wo sich Menschen leibhaftig treffen, um sich zu unterhalten (ohne Werbung und Zensur). Noch gibt es zwischen den Mauern, Zäunen und Grenzen Land, auf dem ich mich frei bewegen kann, nicht Eintritt zahlen muss, nicht gefragt werde, wer ich bin und wohin ich will.
Vielleicht ist diese Restfreiheit lediglich Fiktion, vielleicht lebe ich bereits in einer Art Zoo. Und die Wärter machen mir vor, dass die Gitter zu meinem Schutze da seien, zu nichts anderem. Die Wärter sorgen für alles: für Essen und Trinken, für die medizinische Versorgung, für die Hygiene… sogar für Unterhaltung, damit ich nicht depressiv werde. Sie kümmern sich hingebungsvoll um mich. Ich darf nur keinen Ärger machen. Ich darf ihr Narrativ nicht anzweifeln.
Einige Führer und Technokraten reden davon, dass die Menschen in der Zukunft weder Besitz noch ein Anrecht auf Privatheit haben werden (natürlich abgesehen von den Privilegierten/Eliten/Wärtern). Es wird die beste aller Welten sein, schwärmen sie.
Mir schaudert vor solcherlei Zukunftsaussichten. Wie weit sind wir von solchen Verhältnissen entfernt? Blicken wir nach China…  Ist der Menschenzoo nicht bereits grausame Wirklichkeit?
Auch hier im (noch) freiheitlichen* Westen haben wir sehr „fürsorgliche“ Wärter…


*die Corona-Krise zeigt exemplarisch, wie schlecht es um Menschenrechte und Freiheit bestellt ist

Es war gestern und ist doch heute (22)

Schwarz-Weiß


Wenn ich alte Filme schaue und die jungen Schwarz-Weiß-Gesichter sehe, denke ich fasziniert, dass die meisten davon inzwischen tot sind… Dieses ewige Nachwachsen macht mich mürbe. Geschichten entstehen, werden Geschichte. Wie viele Geschichten passen in ein Leben? Wie schnell ist heute gestern?
Auch die Verliebtheit unterliegt der Korrosion der Zeit mit ganz unterschiedlichen Halbwertszeiten. Es gibt Lieben, die schnell vergehen, und Lieben, die unendlich langsam dahinschmelzen. Manche Lieben dauern an, während ich längst wieder neu liebe.
Ich öffne meine Seele und schaue auf Ruinen, überwuchert vom Efeu des stetig Nachwachsenden, bedeckt vom Staub der Zeit-Winde, niedergemacht vom Ego der Gegenwart… Die Gegenwart ist brutal. Wir suchen sie sehnsüchtig auf. Wir verzweifeln an ihr. Wir scheitern an ihr.
Der Schwarz-Weiß-Film fasziniert. Robert Mitchum in einer Paraderolle. Er hatte diesen Schlafzimmerblick – wie geschaffen für die Rolle des Detektivs Marlow.
Ich träume. Ich träume mich in eine Schwarz-Weiß-Welt, in eine Gut-Und-Böse-Welt, in eine Welt der Helden und der Anti-Helden – von gestern, von heute, von morgen… bis das Licht ausgeht.

13.06.2003
(redigiert am 08.05.2022)