Was man nicht alles macht – und die Haare sind schon grau

Ich saß geschlagene zwei Stunden bei der Chefin im Büro. Der Termin stand seit Wochen fest, und nun war es soweit. Dazu muss ich sagen, dass die Chemie zwischen der Chefin und mir nicht die Beste ist. Eigentlich von Anfang an. Meiner Meinung nach hängt sie ihren Doktor zu sehr heraus. Sie gehört zu den Medizinern, die das Fachchinesisch ohne Rücksicht auf ihr Gegenüber beibehalten. Okay, es gibt schlimmere dieser Sorte, aber mir reicht`s. Denn wenn man mit ihr redet, entsteht augenblicklich ein Gefälle. Aber gut, das ist meine subjektive Sicht. Einige meiner Kolleginnen kommen mit ihr bestens klar – auf Hühnerart. Es entsteht sowieso der Eindruck, dass die Chefin manche Mitarbeiter bevorzugt. Und das meine nicht nur ich. Der größte Hammer war, als sie in meiner Gegenwart einen Kollegen volle Kanne zusammenstauchte… ätzend und peinlich sowas. Kurz und gut: Ich bin immer froh, wenn ich sie nicht sehe.
Besonders angetan war ich also nicht von diesem Termin, wie man sich leicht vorstellen kann. Und darum isses gut, dass ich ihn hinter mir habe. Nein, so schlimm wurde es gar nicht. Es ging ausschließlich ums Fachliche. Betriebsintern dürfen sich die Dokumentationsassistenten weiterbilden. Alles ganz freiwillig, was immer wieder betont wird. Und wenn sie ein paar solcher Sitzungen hinter sich gebracht haben, werden sie als vollwertige Dokumentare geführt. Einige der Hühner legten sogleich fleißig los, während ich mich noch bedeckt hielt. Doch schließlich sprang ich über meinen Schatten und sagte mir: „Was soll`s? – Nicht zu verachten ist, dass man am Ende in der Vergütung eine Stufe höherrückt. Außerdem wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn ich auf diese Weise Engagement zeige und mein Verhältnis zur Chefin normalisiere.“
Als erstes Thema hatte ich Mammakarzinom ausgewählt. Umso mehr ich darüber in der Vorbereitung las, desto mehr schwirrte mir der Kopf. Es ist das eine, den Tumor zu dokumentieren, was im Großen und Ganzen nur ein Übertragen von Daten ist, etwas anderes ist es, sich mit den medizinischen Hintergründen auseinanderzusetzen. Ein paar Wichtigkeiten konnte ich noch in meinem Dickkopf unterbringen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viel ich in medizinischen Dingen während der letzten zweieinhalb Jahre aufrüstete. Da kann ich mir getrost auch mal selbst auf die Schulter klopfen.
Es war im Prinzip nicht anders als bei einem Zahnarzttermin. Natürlich weiß man, dass man ihn überleben wird, und in den meisten Fällen ist einem damit sogar geholfen, trotzdem ziert man sich im Vorfeld… Man muss den Zahnarzt nicht unbedingt mögen, Hauptsache er versteht was von seinem Fach. So jedenfalls meine Denke.
Als ich das Büro der Chefin verließ, hatte ich meinen ersten Stempel. Sie überredete mich gleich zum nächsten Termin Ende Oktober. Prostata dann. Ganz so eilig hatte ich es gar nicht. Auf der anderen Seite ist es vielleicht gut, wenn ich am Ball bleibe.

Wer ehrlich ist, lügt

Halb Berlin ist ständig alkoholisiert und/oder unter Drogen, vermute ich, – nicht weil ich von mir ausgehe. Ich schaue mich um und zähle eins und eins zusammen. Eine ganze Indizienkette zeigt sich mir. An jeder Hausecke oder Eingang stehen leere Bier- oder Schnapsflaschen und auf den Gehwegen und Straßen Scherben, so dass ich vom Pub bis nach Hause Slalom fahren muss…
Ein Grund, warum ich trinke: ich bin von der Welt traumatisiert. Nicht von den ganzen Trinkern. Nein. Sondern von denen, die vorgeben, nüchtern zu sein (- dabei das Leben lieben?)… Es ist nämlich keinesfalls so, dass die schlimmen Dinge immer von den Betrunkenen ausgehen. Man muss sich nur mal die Moslems ansehen, die per se nicht saufen dürfen. Ich kann bislang nicht entdecken, dass sie die besseren Mitmenschen sind. Ich meine jetzt nicht die ganzen Clans, Verbrecher und Extremisten – sind das überhaupt Moslems? Nein, ich meine die echten Gläubigen, die sich aber auch in einem fort kloppen. Z.B. im Nahen Osten. Gut, ich muss nicht alles verstehen. Auch darum trinke ich… – jedenfalls lieber, als dass ich an Gott oder sonst was religiös-ideologisches glaube.
Doch lassen wir das. Es hat einen guten Grund, warum man in Kneipen und auf der Arbeit besser nicht über Politik, Religion oder den Zustand der Gesellschaft redet. Das endet nämlich oft im Streit. Und hernach kann man sich nicht mehr leiden. Ist doch klar, dass es Mitmenschen gibt, die so gar nicht meiner Meinung sind. Dem ein oder anderen sehe ich es sofort an. Also, besser Schnauze halten oder blöde lachen. Noch ein Bier bestellen, und alles ist gut. Im Pub ist man mit Korn ganz vorn. Wer an der Theke zum Korn eingeladen wird, gehört dazu. Es gibt Tage, an denen ich mich diskriminiert fühle…
Egal. Ich bin autark und stark. Ich ruhe in mir. Wer offensichtlich Scheiße schwätzt, den klammer ich nicht gleich aus. Mein Herz ist groß. Vielleicht würde ich sogar Erdogan und Trump mögen, wenn wir uns in einer Kneipe träfen. Es käme auf einen Versuch an. Ich kann mir vorstellen, dass sie sehr umgängliche Typen sind, solange man sie beim Blödsinnlabern nicht unterbricht.
Als Sita gestern Nachmittag die Schicht übernahm, hatte ich bereits genug. Schließlich bin ich inzwischen (fast) ein alter Sack. Wenn man einen Menschen mit einer Jeans vergleicht, dann befinde ich mich in dem Übergangsstadium von verwaschen-sexy und ausgebeult-cool hin zu untragbar. Leider kann niemand diesen Verfall aufhalten. Immerhin: Im Gegensatz zu früheren Zeiten, weiß ich inzwischen, wann ich besser gehe. Dauerte lange genug, bis bei mir der Groschen fiel.
Nachdem ich mich von meinen Fans im Pub verabschiedet hatte, machte ich mein Brompton vom Verkehrsschild los, an welches ich es gekettet hatte (andere Möglichkeiten, sein Fahrrad zu sichern, gibt`s dort nicht), und radelte nach Hause… Ich war noch nicht weit gekommen, stand an der Ampel Ecke Potsdamer Straße/Kurfürstenstraße, wo mir der Gedanke kam, den ich im ersten Satz beschrieb. In meinem halbtrunkenen Zustand fand ich ihn erstaunlich gut – er hatte beinahe Erleuchtungscharakter -, und darum nahm ich mir vor, am nächsten Tag (also heute), daraus einen Blog-Beitrag zu entwickeln.
Vielen Dank fürs Lesen.

Joker

Sehr düster. Und realistisch. Eine präapokalyptische kranke Gesellschaft, in der sinnlose Gewalt an der Tagesordnung ist. Gotham City könnte jede Metropole sein. Im Mittelpunkt ein psychisch angeschlagener Typ, der sich mit Clown-Jobs über Wasser hält. Die vielen kleinen und großen Demütigungen im Alltag verkraftet er bald nicht mehr. Hinzu kommt, dass er auf der Suche nach seiner Vergangenheit und Herkunft seelisch einbricht. Statt Erlösung und menschliche Wärme erfährt er Abstoßung und Kälte. Nach einem gescheiterten Comedian-Auftritt macht sich sogar sein großes Fernsehidol über ihn lustig. Er verliert seinen Job und fühlt sich von aller Welt betrogen. Schließlich löst er sich von den letzten Refugien, die ihm etwas bedeuteten und lieb waren. Er erstickt seine kranke Mutter mit dem Kopfkissen und erschießt sein Fernsehidol in dessen Show. Draußen wütet der Mob auf den Straßen. Ohnmacht, Wut und Verzweiflung brechen sich zügellos Bahn… Der dämonische „Joker“ ist geboren. Die Verwandlung abgeschlossen. Endlich befreit! Befreit von den Lügen, der Doppelmoral, der Selbstgefälligkeit… Der „Joker“ tanzt auf der Motorhaube eines Polizeiwagens, zieht mit den Fingern seine blutigen Mundwinkel hoch und lacht in die tobende Menge. Besser an den Antichristen glauben als an nichts. Endlich mal einer, der Schluss mit alldem macht. Der „Joker“ ist authentisch und keine Abziehfigur. Dafür wird er verehrt. Eine kranke Gesellschaft hat den passenden (Anti-)Helden gefunden.
Joaqin Phoenix spielt die gebrochene Hauptfigur hervorragend! Besser geht`s kaum. Der Film ist in sich stimmig und konsequent. Passt alles: Kamera, Licht, Maske, Filmmusik. Die Nebenrollen verblassen freilich neben der allgegenwärtigen und dramaturgisch bestens vorgetragenen Katharsis des Hauptprotagonisten.
Ich hatte nicht unbedingt vorgehabt, ins Kino zu gehen. Ich wollte den Nachmittag unter freiem Himmel verbringen. Leider verabschiedete sich die Sonne während meiner Biersitzung im Park, und so entschloss ich mich kurzfristig, die Sitzung ins Kino zu verlagern. Der Film lief im großen Kinosaal. Um mich herum ein Haufen junge Türken und Araber, die Mädels mit Kopftuch… Überhaupt viel Popcorn schmausendes junges Publikum. Ich war bis zum Filmbeginn (nach gefühlt einer Stunde Werbung) nicht sicher, ob ich im richtigen Saal saß. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses pubertäre, kichernde Volk den Grips für diesen Film hatte. Wahrscheinlich gingen die meisten mit falschen Erwartungen in die Vorstellung. Ich machte mir einen Spaß daraus, an Stellen, die wirklich nicht zum Lachen waren, jokermäßig loszulachen – hahaha! Da hat sich sicher die ein oder andere Kopftuchmaus an ihrem Popcorn verschluckt.
Als ich das Kino verließ, war es dunkel. Der Potsdamer Platz, die vielen Menschen, der Verkehr, die Lichter, die riesigen Werbebanner… Ich fühlte mich wie in Gotham City. Man sollte hier auch mal aufräumen, dachte ich bei mir und radelte flugs nach Hause.

Frischer Wind und warme Temperaturen

Sita, eine junge Schweizerin, macht seit zwei Monaten Berlin unsicher. Sie verdingte sich als Bedienung im Pub und hängt dort ab, auch außerhalb ihrer Schicht. Vielleicht will sie sich unentbehrlich machen. Dem Wirt kann`s recht sein, und bei den alten Säcken, also dem Stammpublikum am Tresen, punktet sie mit ihrem frischen Lachen, den strahlenden Augen im hübschen Gesicht. Auch ihr Ausschnitt ist nicht von Pappe. Hinzu kommt ihr exotisches Äußeres – ein paar Kilos weniger, und sie wäre in meinen Augen perfekt. Sie lacht über die blöden Witze der Stammgäste und spricht sie mit Namen an. Auf den Mund gefallen ist sie nicht. Ihre Art sorgt für frischen Wind in der Räucherhöhle.
Was sie wohl nach Berlin trieb, und für wie lange? Ich kam noch nicht dazu, sie zu fragen. Sie möge keinen Schnee, hörte ich sie sagen, ob es hier in Berlin im Winter schneien würde? „Kann schon mal vorkommen“, meinte ich, worauf sie das Gesicht zu einer grauslichen Grimasse verzog.
Schnee ist erstmal keiner in Sicht. Die Temperaturen laden sogar (wir haben Mitte Oktober!) in den Biergarten ein, vorausgesetzt, dass noch einer offen ist. Falls nicht, werde ich mich mit ein paar Dosen Bier in den Park setzen. Im Pub arbeitet Torsten, den ich sehr schätze, aber er ist eben nicht Sita. Sowieso wäre es töricht, bei dieser Wettervorhersage in der Räucherhöhle Maulaffen feilzuhalten. Auch das Kino könnte mich reizen. Mit „Joker“ endlich mal wieder ein Film, der mich sicher nicht enttäuschen wird. Aber der läuft mir nicht weg.
Ich schwanke noch etwas hinsichtlich meiner Wochenend-Unternehmungen. Helles Licht flackert zu mir in die Bude. Ich höre Bluesmusik von meinem Lieblingsbluessender, öffne die Fenster… Das Leben kann leicht sein. Das Leben kann schön sein.

 

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und eine schöne Handschrift hat Sita auch