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Alles, alles, alles

Zwei Zentner Leben schleppe ich durch die Gegend: Knochen, Sehnen, Muskeln, Fett, Organstrukturen…, am schwersten wiegt der Kopf, aus dem ich ständig wie blöde herausglotze, wenn ich nicht gerade döse oder schlafe, – wenn nicht gerade irre Träume meinen Geist bevölkern: zusammengewürfelter Schwachsinn wie Erbrochenes.
Nichts weiß ich von alldem, wenn ich an mir herabschaue, nur dass es mich schon ewig begleitet. Es ist nicht in Frage zu stellen. Die Nervenstränge verbinden alles und führen es hinter meiner Stirn zusammen. Unvorstellbar, wie aus einer befruchteten Eizelle all das erwachsen konnte. 55-mal drehte sich seit meiner Geburt die Erde um die Sonne. Und die Karussellfahrt geht weiter. Meine Eltern lösten das Ticket. Ich sehe, wie sie mir bei jeder Umrundung zuwinken. Ja, da sitze ich, der Wonneproppen, und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich schaue mich um und sehe, dass die Meisten Spaß dran haben, – und vorm Ticketschalter eine Menschenschlange.
Ich traue mich nicht, meine Mitmenschen zu fragen, wie sie… mit alldem klarkommen. Ich weiß auch gar nicht, wie ich es formulieren soll. Am Ende hält man mich noch für verrückt. Besonders verstanden habe ich mich von meinen Mitmenschen noch nie gefühlt. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit.
Die Mitte habe ich nun eindeutig überschritten. Die Uhr läuft ab. Im Kreis drehen macht alt. Zu meinen Eltern, die mir nach wie vor winken, gesellte sich Einstein. Macht er sich etwa an meine Mutter ran? Zornesröte steigt mir ins Gesicht. Seine Relativitätstheorie kann er sich relatief wohin stecken! Der soll sich bloß zurückhalten! (Ebenso wie dieser Weinstein!)
Wird Zeit, dass ich hier die Musik laut drehe… ZZ Top, „Cheap Sunglasses“.
Ich tanze nach alter Manier durch den Wohnraum und finde mich gut, saugut!

Sommer…

Staffelei erstmal weggepackt, und das „Wohnzimmer“ erstrahlt wieder in voller Größe vor mir. Ich bin zufrieden mit den zwei Schmierereien aus den letzten Wochen/Monaten. Nun Leinwände und Acrylfarben nachkaufen. Ich stelle fest, dass ich ziemlich verschwenderisch mit den Farben umging. Platz an den Wohnungswänden habe ich für neue Werke kaum. Ich will nicht alles vollhängen. Also werde ich immer mal ein paar Bilder austauschen. Heute bin ich zu faul dazu. Kommt Zeit, kommt Wandlung. In den Schränken entdeckte ich immer noch Kram, der mich an „sie“ erinnert – also weg damit in den Abfallsack! Ich leide nach wie vor unter den Folgen des Trennungs-Schocks. Sieht so aus, als müsste ich einen verdammten Berg überwinden, um dann endlich auf der anderen Seite die Geschichte endgültig hinter mir lassen zu können.
Im Büro läuft inzwischen alles weiter wie gehabt. Frust und Lust halten sich gerade so die Waage. Jeden Tag ein Kampf hin zum Feierabend. Kaum aufbauende Momente, – immerhin eine gute Kollegin, die nur selbst ziemlich frustriert ist, und am liebsten die verbleibenden zwei Jahre bis zu ihrer Rente abkürzen würde. Sie erinnert sich an bessere Zeiten in der Tumordokumentation, als die Arbeit noch sinnträchtiger erschien. Ich kenne die alten Zeiten nicht, von denen sie redet, und bin bisher froh, dass sich der Leistungsdruck in Grenzen hält. Es gibt für das Gehalt, das wir bekommen, bei weitem schlimmere Jobs. Auch wenn ich zurzeit ganz schön in den Seilen hänge, will ich durchhalten. In ein paar Wochen wartet außerdem mein Jahresurlaub. Eine Fahrradreise ist geplant. Diesmal über Hamburg an die Nordseeküste.

Zwischen dem Sommer, der sich dieses Jahr wirklich ganz schön ins Zeug legt, und mir, steht eine riesige Mattscheibe. Ich komme nicht zu ihm durch…, schaffe es nicht, die Mattscheibe zu umgehen, um mich in seine Arme fallen zu lassen, um ungezwungen das schöne Wetter und die sommerliche Kulisse zu genießen. Ich packe es einfach nicht. Ich bin noch lange nicht über den Berg.

Finale, Sommerpause, scheinheilige Moral und Rätsel

Wetten können noch angenommen werden. Frankreich gegen Kroatien. Danach ist der WM-Spuk auch wieder vorbei, und das Sommerloch kann sich ungehindert ausbreiten: keine Events und Spektakel, 50% der Deutschen auf Mallorca oder sonst wo (vielleicht auch etwas weniger), kein Polithorror, nur das übliche Tagesgeschäft mit abgeschobenen Flüchtlingen und einigen, die auf dem Weg ins geheiligte Europa im Mittelmeer ertrinken… nichts, worüber man sich noch aufregen müsste, schon gar nicht im Urlaub. Auch Trump könnte sich und uns dann mal eine Auszeit gönnen. Obwohl ich seinen Unterhaltungswert inzwischen schätze. Kann man sich noch eine Welt ohne Donald vorstellen?
Auch gut, dass diese thailändische junge Fußballmannschaft inzwischen aus der Höhle befreit werden konnte. Mann o Mann! Solche Aufregungen braucht man nicht in der Sommerpause. Die ganze Welt fieberte mit ihnen. Nun soll gar ein Film über die spektakuläre Rettungsaktion gedreht und aus der Höhle eine Touristenaktion gemacht werden. Das ist doch was! Hoffentlich kriegen die Familien der Fußballer etwas ab vom Braten – dann müssen sie nicht nach Europa auswandern…
Was las ich kürzlich in einem Artikel der Süddeutschen: „Es fällt uns leicht, mit den in der Höhle eingeschlossenen thailändischen Jungen mitzuleiden. Für Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer steht die Empathie dagegen infrage. Das ist ein gefährlicher Zivilisationsverlust.“ 
Wo er recht hat, hat er (Matthias Drobinski) recht, oder? Wir westlichen Wohlstandsbürger sind schon ziemlich pervers. Aber gut, neu ist das auch nicht. Ein Wunder jedoch, dass solche moralischen Diskrepanzen überhaupt noch jemandem auffallen.
Also, wie sieht`s aus? Deutschland – Kroatien… Ach, was schreibe ich! Frankreich – Kroatien natürlich. Spielten die Deutschen überhaupt mit bei dieser WM?
Mal sehen, wo ich mir das Endspiel nachher 17 Uhr angucke. Biergarten wäre nicht schlecht. Ich tippe, dass Frankreich gewinnt. Aber knapp. Die Kroaten werden kämpfen wie die Löwen. Nur die Franzosen sind abgebrühter, denke ich, und verfügen insgesamt über mehr spielerisches Potential. Ich hoffe einfach auf ein spannendes und gutes Finale mit `ner Menge Torszenen.
Hier mein Tipp: 2 zu 1 für die Frenchmen.
Zuletzt noch eine Frage, die mich schon lange beschäftigt. Ich muss sie endlich mal loswerden, auch weil`s thematisch gut passt. Wer mich kennt, der weiß, dass mich Mysterien faszinieren. So vieles auf der Welt entbehrt jeglicher Vernunft und lässt sich in meinen Augen nicht erklären. Kurz und gut: Warum rotzen/spucken Fußballer ständig? Was ist mit diesen Typen los? Kann man dieses Phänomen auch beim Damenfußball beobachten? Gibt es dazu Untersuchungen oder nachvollziehbare Erklärungen?

Detlef

Hat der Anteil der Arschlöcher auf der Welt zugenommen? Nein, kann eigentlich nicht sein in solch kurzer Zeit. Die Wahrnehmung liegt wahrscheinlich daran, dass es auf der Welt immer enger zugeht und einem so die Arschlöcher dichter auf den Pelz rücken. Sowieso sind Arschlöcher meist am lautesten. „Hey Mann, Platz mache, Arschloch kommt!“ Ich lernte in meinem Leben nur wenige liebenswerte Arschlöcher kennen. Eines davon entstammt Walter Moers passend betitelten Comic „Das kleine Arschloch“. Auch real begegneten mir vereinzelt Arschlöcher, die die Quadratur des Kreises schafften und sympathisch rüberkamen. Ich nenne sie die „harmlosen Arschlöcher“ *. Eines davon war Detlef. Er fiel mir sogleich auf, als ich meine Stammkneipe betrat. Er hob sich augenscheinlich von den anderen Gästen ab mit seinen Einsneunzig, den dunklen Haaren, der Strähne die ihm ins markante Gesicht fiel. Auf seiner hohen furchigen Stirn prangte eine Narbe, die unterstrich, dass er schon einiges durchlebt hatte. Ich fand, dass er etwas Ähnlichkeit mit Falco hatte, nur sah er viel interessanter aus als dieser österreichische Pop-Fuzzi. Keine Frage, er war ein Frauentyp und hatte trotz seines lasziven Auftretens nie Probleme, eine Dame für die Nacht aufzureißen. Normalerweise mag ich solche Typen nicht, weil sie widerwärtige Arschlöcher sind: arrogant, selbstgefällig und schleimig. Detlef war da ganz anders. Ihn umgab eine gewisse Aura – schwer zu erklären. Er nahm sich nicht ernst. Wir tranken an der Bar, spielten Billard und machten Blödsinn. Ab einem bestimmten Alkoholpegel, konnte er nicht mehr an sich halten und brüllte in den Raum: „Ihr kleinen Arschlöcher!“ Ich wartete schon immer auf diesen Moment. Auf Fremde wirkte er einschüchternd, aber wer ihn kannte, wusste, dass man ein großes Kind vor sich hatte, welches einem niemals an den Kragen gehen würde. Ich mochte ihn und konnte ihm nicht wirklich böse sein, auch wenn sein Verhalten mich dann und wann in Verlegenheit brachte. So rauchte er im vollbesetzten Kino, und es blieb freilich nicht aus, dass er verbal ausfällig wurde. Ich konnte ihn immerhin dazu überreden, das Rauchen zu unterlassen. Meine Freundin und ich hatten ihn mit in den Film „Hanussen“ geschleppt. Keine Ahnung, wie es dazu kam. Wir überlebten es.
Ob Detlef noch lebt? Sein Lebenswandel war selbstzerstörerisch. Nicht immer kam er ohne Blessuren davon. Eines Tages traf ich ihn ziemlich ramponiert in Heidelberg. Er war in einer Disco zusammengeschlagen worden, wegen einer Frau… Mit Frauen flirten kann mitunter gefährlich sein. Wir leben in einer Welt voller Arschlöcher. Detlef wusste es. Niemals würde ich über die Theke einer Kneipe hinweg brüllen: „Ihr seid alle kleine Arschlöcher!“ Nicht mal besoffen. Eher würde ich in die Ecke kotzen. Ich bewunderte diesen besonderen Kerl, diesen enthemmten, kindlichen Hünen mit dem Herz auf dem rechten Fleck.

 

* harmlose oder liebenswerte Arschlöcher sind äußerst selten – gewissermaßen ein Antidot zu den echten ätzenden Arschlöchern

Es bleibt nicht aus

Frauen betrügen ihre Männer mit mir, und irgendwann bin ich dann an der Reihe. Ein ewiger Ringelreih und Lügensumpf in Sachen Liebe. Was hatte ich mir vorgestellt? Dass der Tanz diesmal bei mir aufhört? Alles wiederholt sich, und man darf es im Laufe der Jahre aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Mal als der Neue, und mal als Hahnrei. Freilich kann es Frauen genauso gehen. Die Geschlechter stehen sich in Sachen Untreue in nichts nach, auch nicht im Erfinden von Ausreden. Kommt es zum Schlussakkord, wird dem Gehörnten die Schuld zugewiesen, dass erst sein Verhalten zur Abtrünnigkeit des Partners bzw. der Partnerin führte. Oder man streitet schlichtweg alles ab und wirft dem anderen kompromittierendes Verhalten vor. Ich erlebte Frauen in dieser Hinsicht als äußerst erfindungsreich, berechnend, heimtückisch und egoistisch. Natürlich bin ich auch nicht ohne Fehl, aber niemals derart hinterfotzig. Meine Ehrlichkeit gereichte mir im Leben nicht gerade zum Vorteil. Ich weiß, dass ich mich ab und zu zum Narren mache. Ich sehe die Dinge eben relativ ungeschminkt.
Niemand kommt umhin, in einen der Scheiße-Tröge zu fassen, welche auf dem Lebensweg positioniert sind. Kein Mensch bleibt sauber. Es tut mir sehr leid, wenn ich anderen Unrecht tue. Was weiß ich schon von meinen Mitmenschen?
Am besten zieht man auf eine einsame Insel. Dort bleibt man von alldem unbeschadet…, – wird vielleicht von einem Krokodil gefressen, dem man deswegen nicht böse sein kann.