Am Brunnen

Es ist schön, vor der Kupferkanne zu klönen, das Plätschern des Brunnens in den Ohren und mit lecker Bier versorgt. Was mich für die Wirtsleute Necip und Rose freut, dass sie immer öfter von Gruppen junger Leute/Studenten besucht werden. Die traditionelle Kiezkneipe wird von der jungen Generation entdeckt. Nicht allen eingesessenen Stammgästen gefällt das. Manche rümpfen die Nase. Aber das sei deren Problem, meint Necip. Ich pflichte ihm bei. Mir gefällt die Weltoffenheit, die sich in den unterschiedlichen Gästen widerspiegelt. Oft komme ich mit Necip, Rose oder Gästen ins Gespräch, lausche Lebensgeschichten und Schicksalen. Oder ich hole meine Lektüre hervor und lese ein paar Seiten (aktuell Maren Gottschalks „Sophie Scholl“-Biografie). So lässt es sich aushalten, denke ich, und setze das frischgezapfte Pils an meine Lippen – wie mir das fehlte in den langen Monaten der Lockdowns! Ein Lustseufzer entfährt mir, und ich kehre zu meiner Lektüre zurück – hinein in andere Zeiten und Lebensverhältnisse: 1. Weltkrieg, Weimarer Republik – am Horizont braute sich einiges zusammen… als Freigeist sollte man es bald schwer haben.

Sommer, Fußball und Politik

Regenbänder ziehen seit Tagen über Stadt und Land. Der Sommer dümpelt vor sich hin. Die Homeoffice-Pflicht wurde aufgehoben. Die Büros füllen sich wieder. Die Stadien füllten sich im Zuge der EM. Frenetischer Jubel bei den Gewinnern, Tränen bei den Verlierern. In den Nachrichten immer noch Angstmache. Wehe, wenn die Delta-Variante zuschlägt. Die Impfkampagne erreicht zu wenige – mich übrigens auch nicht. Politik und Medien sollten sich an die indianische Weisheit halten „Wenn ein Pferd tot ist, dann steig ab“…
In 11 Wochen ist Bundestagswahl. Eine neue Regierung muss sich formen. Der Souverän wird an die Wahlurnen gerufen. Erstaunlich wenig an Wahlkampf ist im Gange. Als wäre das Ergebnis Schwarz-Grün bereits in Stein gemeißelt. Irgendwie will man das angeschlagene „Corona-Schiff“ hinüber in die nächste Legislaturperiode retten. Jetzt nur nicht das Wahlvolk durch inhaltliche Auseinandersetzungen verunsichern… Schließlich lauert der böse Wolf AfD nur auf Gelegenheiten, um Stimmen von den etablierten Parteien abzugreifen. Lieber weiter auf die bisherige Angst- und Schwarzweiß-Politik setzen. Unbequeme Wahrheiten dürfen nicht aufploppen. Kritiker werden geschasst oder isoliert. Die Taktik kennen wir auch im Fußball: Die führende Mannschaft mauert und verzögert den Spielablauf, um das Ergebnis bis Spielende zu halten. Man zittert sich zum Sieg. Nicht immer gewinnen die besseren. Der Frust kann groß sein.
Am Sonntag das EM-Endspiel „Italien – England“. Necip wird vor der Kupferkanne noch mal den Grill anwerfen. „Zum Abschluss der EM“, sagte er mir. Ich wünsche ihm Glück mit dem Wetter. Natürlich werde ich auch dort sein… zumindest am Nachmittag. Warum werden solche Top-Spiele eigentlich erst 21 Uhr angepfiffen?! Seit wann ist das so?

Summer in the city

Heute dürfen die deutschen EM-Mannen wieder ran und bei erneutem Heimvorteil gegen Portugal beweisen, was in ihnen steckt…, dass sie Biss haben! Schickt diesen Laffen Ronaldo in die Fußballwüste!
Am Nachmittag wird vor der Kupferkanne gegrillt – ein Kiez-Tipp! 18 Uhr das EM-Spiel. Ob ich bis dahin durchhalte? Alkohol und Hitze vertragen sich nicht gut. Nicht dass mein Kreislauf schlapp macht. Bin keine Zwanzig mehr.

Vor der Kupferkanne wird es voll werden.

EM-Eröffnungsspiel, Kupferkanne und Corona

Mein Wochenendeinläutbier (prima Wortschöpfung der Bloggerin noch1glaswein) genoss ich vor der Kupferkanne. Necip, der Wirt, hatte den Radius seines Außenbereichs aus gegebenem Anlass ausgebaut und einen großen TV auf einem Stehtisch platziert. Alles sollte für das EM-Eröffnungsspiel Italien – Türkei am Abend bereit sein. Seine Frau und Tochter waren auch zugegen, um bei der Bedienung der erwarteten Fußballfans mitzuhelfen. Ich war viel zu müde, um bis zum Spiel, das erst 21 Uhr angepfiffen wurde, durchzuhalten. Rose, Necips Frau, setzte sich zu mir an den Tisch. Seit letztem Oktober, als die Gastronomie wieder schließen musste, hatten wir nicht mehr miteinander geredet. Rose hatte vor kurzem ihre zweite Impfung, die sie gar nicht gut vertrug, bekommen. Eigentlich sei sie der Impfung auch skeptisch gegenüber eingestellt, erzählte sie, doch schließlich habe sie dem Druck nachgegeben. In der Gastronomie komme man um eine Impfung nicht herum, sie könne aber meine Bedenken gegenüber der Impfung gut verstehen. Nun ginge es darum, mit der Kupferkanne wieder auf die Füße zu kommen. Eigentlich wollten sie sich langsam aus dem Geschäft zurückziehen, die Kupferkanne an jüngere Leute übergeben – Corona warf ihre Pläne über den Haufen. Wir plauderten noch eine Weile über Sinn und Unsinn der Lockdowns und die resultierenden Schäden für Land und Leute. Das sei alles noch gar nicht abzusehen, meinten Rose und ich.

Das Fußballspiel verfolgte ich zuhause im Bett. Die Türken verteidigten ihren Kasten tapfer, so dass es trotz spielerischer Überlegenheit der Italiener zur Pause noch 0 : 0 stand. Vor der Kupferkanne ging es bestimmt heiß her. Schließlich knickten die Türken vor den übermächtig aufspielenden Italienern ein und verloren 0 : 3. Ein gutes Spiel – und für Rose und Necip endlich mal wieder ein gutes Geschäft.

   

Endlich

Schön, dass die Gastronomie wieder geöffnet hat. Draußen ohne Test, drinnen mit. Ich beehrte Necip, den Wirt der Kupferkanne, an meinen Bürotagen in der Mittagspause und nach Feierabend. Er freut sich natürlich über jeden Gast.
Und endlich Sommer! – strumpflos, nur mit Kurzen Hosen, T-Shirt und Schlappen unterwegs… Herrlich! Die Berliner Plätze, Parks und Biergärten werden am Wochenende proppenvoll sein. Ich freue mich für alle, die unter dem Lockdown-Marathon darbten. Fuck Corona! Fuck the politicians! Fuck the Großkotze! Wir sind das Volk! Wenn das Volk erstmal strömt, reißt es alle Mauern ein.

König Großkotz

Ihr, hier alle kennt ihn, den Boß.
Ja, wir alle kennen den Boß.
Ewig thront er oben im Schloß.
Refrain:
Ja – der König Großkotz lebt noch.
Aber einmal stürzt er doch.

Ja, er thront da mächtig und feist
und regiert wie eh, dumm und dreist.
Refrain:
Ja – der König Großkotz lebt noch.
Aber einmal stürzt er doch.

Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie
Beugen noch vor ihm das Knie.
Refrain:
Ja – der König Großkotz lebt noch.
Aber einmal stürzt er doch.

Weil: Es bleibt ja nichts wie es war.
Denkt nur an den persischen Schah.
Refrain:
Konig Großkotz lebt aber noch.
Aber einmal stürzt er doch.

Auch der dicke Faruk vom Nil
floh mit seinen Fraun ins Exil.
Refrain:
König Großkotz lebt aber noch.
Aber einmal stürzt er doch.

Selbst Haile Selassi: perdu.
König aller Könige.
Refrain:
König Großkotz lebt aber noch.
Aber einmal stürzt er doch.

Hussein und Bumipol
werden weggejagt -jawohl.
Refrain:
König Großkotz lebt aber noch.
aber einmal stürzt er doch.

Juan und Gustav, Papst und Hassan,
einmal sind sie alle dran.
Refrain:
König Großkotz lebt aber noch.
Aber einmal stürzt er doch.

Schließlich auch in England
rollt die Krone in den Sand.
Refrain:
Dann lebt König Großkotz nur noch.
Aber einmal stürzt er doch.

(Nachdichtung von Franz Josef Degenhardt
Nach „Le Roi“ von Georges Brassens)

Will man die Gastronomie zugrunde richten?

Der Wirt schimpfte über die Regierung, monierte u.a., dass er nicht verstehe, warum sich die Menschen für die Außengastronomie freitesten müssen, währenddessen viele hundert Menschen in den Parks ungetestet aufeinander hocken. Will man die Gastronomie in Deutschland zugrunde richten?
Ich musste an seine Worte denken, als ich gestern im Park mein Bier trank. Er konnte einem echt leidtun, hatte er doch stets alles Mögliche getan, um die Hygienevorgaben zu erfüllen.
Inzwischen schießen die Testzentren in Berlin wie Pilze aus dem Boden, wobei nicht alle lautere Geschäftspraktiken verfolgen. Dem Betrug wird durch die derzeitigen Bestimmungen Vorschub geleistet.
Die Sonne hatte mich in den Park gelockt. Vor der Kupferkanne sitzt man nachmittags im Schatten. Auch gebe ich offen zu, dass ich keinen Bock auf den Test hatte. Ich tankte Vitamin-D und erfreute mich an der Vitalität und Ausgelassenheit in meinem Blickfeld. Um dem Corona-Irrsinn zu entfliehen, ist der Park (neben der eigenen Wohnhöhle) der beste Ort.