Rückfall

Die erste Woche nach dem Urlaub zurück im Büro überstanden. Alles befand sich noch an seinem Platz. Lediglich eine Pflanze sah merklich mitgenommen aus. Bei meiner Kollegin konnte ich nicht nachfragen, weil die ihren Sommerurlaub antrat, kurz bevor ich zurückkehrte. Das heißt, ich werde noch einige einsame Bürotage vor mir haben. Ab und zu besuchen mich zwar die Hühner, oder ich besuche sie an ihren Wirkungsstätten, aber das ist nicht dasselbe. Ich vermisse meine Kollegin.
Und sonst? Zwei neue Hühner im Sortiment, um die Flut der Tumormeldungen zu bewältigen. Die Panzerschränke sind nach wie vor gestopfte voll. Wir hinken rettungslos mit der Dokumentation hinterher. Aber davon lassen sich die Hühner weitgehend die Laune nicht verderben, und das finde ich gut! Nach meinen von Einsamkeit geprägten Urlaubstagen hörte ich sie gern gackern und lachen.
Die Rückkehr an meinen Arbeitsplatz verlief also ganz passabel.

Alles gut soweit. Aber dann hatte ich einen Liebesrückfall. Ich saß am Computer, fing gerade mit dem Dokumentieren an (Mamma- und Colon-Karzinome), da erwischte mich eine warme Welle Sehnsucht nach ihr. Und ich gab nach. Ich warf meine Bedenken über Bord und kontaktierte sie. Das erste Mal… seit Monaten. Ich glaube, ich schrieb: „Ich habe furchtbar sehr Sehnsucht nach dir.“ Nach ein paar Stunden antwortete sie: „Ich auch.“ Die Kommunikation verlief schleppend, aber schließlich keimte etwas Hoffnung bei mir auf. Vielleicht war es nicht falsch gewesen, der Sehnsucht nachzugeben. Meine Ratio hatte ich in diesem Moment weitgehend ausgeschaltet. Ich vertraute einfach meinen Gefühlen, so wie damals, als ich sie auf Mallorca kennenlernte. Warum auch nicht? Alle Probleme und Hindernisse können sich in der Liebe auflösen, als gäbe es sie nicht. Ich saß nach Feierabend im Biergarten und simste mit ihr, und hinterher fanden wir beide, dass es ein gutes Gespräch war.
Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Wäre wohl auch zu schön gewesen – sowas wie eine Reunion. An mir lag`s nicht. Als ich nach einem baldigen Treffen fragte, kriegte ich gleich die erste Klatsche. Sie sei zurzeit total in die Arbeit eingespannt…, antwortete sie. Und bald darauf ließ sie durchblicken, dass das gut und wichtig für sie sei, vor allem finanziell, auch gesundheitlich, weil sie seitdem weniger Bier trinkt.
Sie schrieb: „Ich will nur Frieden.“
„Aber ich lasse dich doch in Frieden.“
„Ich meine den Frieden, den ich nur mit dir haben kann.“
Und da schafft sie es nicht, sich ein paar Stunden am Wochenende frei zu machen, um mich zu treffen? Sie liebt mich nicht mehr…, alles ist ihr wichtiger als ich, sie braucht mich nur um des lieben Friedens willen. Rumms! Ich ging (innerlich) in die Knie. Die Tränen schossen mir in die Augen. Was hatte ich mir nur eingebildet!? Wie dumm von mir, der Sehnsucht nachgegeben zu haben.
„Nein“, antwortete ich ihr, „es war ein Fehler, tut mir leid.“
Ich hatte die Deckung einen Moment lang aufgemacht, und schon hatte sich mein Herz eine blutige Nase geholt.

Mein Gedanke heute: Es hätte nie ein nach Mallorca für uns geben dürfen.

Sommer…

Staffelei erstmal weggepackt, und das „Wohnzimmer“ erstrahlt wieder in voller Größe vor mir. Ich bin zufrieden mit den zwei Schmierereien aus den letzten Wochen/Monaten. Nun Leinwände und Acrylfarben nachkaufen. Ich stelle fest, dass ich ziemlich verschwenderisch mit den Farben umging. Platz an den Wohnungswänden habe ich für neue Werke kaum. Ich will nicht alles vollhängen. Also werde ich immer mal ein paar Bilder austauschen. Heute bin ich zu faul dazu. Kommt Zeit, kommt Wandlung. In den Schränken entdeckte ich immer noch Kram, der mich an „sie“ erinnert – also weg damit in den Abfallsack! Ich leide nach wie vor unter den Folgen des Trennungs-Schocks. Sieht so aus, als müsste ich einen verdammten Berg überwinden, um dann endlich auf der anderen Seite die Geschichte endgültig hinter mir lassen zu können.
Im Büro läuft inzwischen alles weiter wie gehabt. Frust und Lust halten sich gerade so die Waage. Jeden Tag ein Kampf hin zum Feierabend. Kaum aufbauende Momente, – immerhin eine gute Kollegin, die nur selbst ziemlich frustriert ist, und am liebsten die verbleibenden zwei Jahre bis zu ihrer Rente abkürzen würde. Sie erinnert sich an bessere Zeiten in der Tumordokumentation, als die Arbeit noch sinnträchtiger erschien. Ich kenne die alten Zeiten nicht, von denen sie redet, und bin bisher froh, dass sich der Leistungsdruck in Grenzen hält. Es gibt für das Gehalt, das wir bekommen, bei weitem schlimmere Jobs. Auch wenn ich zurzeit ganz schön in den Seilen hänge, will ich durchhalten. In ein paar Wochen wartet außerdem mein Jahresurlaub. Eine Fahrradreise ist geplant. Diesmal über Hamburg an die Nordseeküste.

Zwischen dem Sommer, der sich dieses Jahr wirklich ganz schön ins Zeug legt, und mir, steht eine riesige Mattscheibe. Ich komme nicht zu ihm durch…, schaffe es nicht, die Mattscheibe zu umgehen, um mich in seine Arme fallen zu lassen, um ungezwungen das schöne Wetter und die sommerliche Kulisse zu genießen. Ich packe es einfach nicht. Ich bin noch lange nicht über den Berg.

Rührei in der Mikrowelle

Man kann eine Menge machen im Leben, z.B. Rührei in der Mikrowelle. Da unser Büro unweit der Kaffeeküche liegt, kriege ich solcherlei Ereignisse am Rande mit. Der junge Kollege mit den strahlenden Augen erklärt das Rezept. Er ist ein großer schlaksiger Kerl, ein echter Sonnenschein mit tiefer sonorer Stimme. Regelmäßig veranlasst er die Hühner zu Lachtiraden. Alle mögen ihn. Er gehört zu den Menschen, denen man schwer was krummnehmen kann. Wenn er die nötige Kohle hätte, würde er ein Fitnessstudio aufmachen, erzählte er, das sei sein Traum. Wenigstens hat er einen Traum…, dachte ich bei mir, – beneidenswert. Was man nicht alles macht. Vor ein paar Jahren hatte ich null Ahnung von Tumordokumentation, und nun verbringe ich wöchentlich 40 Stunden damit. Hätte ich wie mein junger Kollege einen Traum, würde es mir vielleicht nicht so schwerfallen. Wirklich, ich kann mir keinen Traumjob vorstellen. Mein beruflicher Ehrgeiz hält sich somit stark in Grenzen. Immerhin mache ich mit der Tumordokumentation was halbwegs Sinnvolles. Oder? Meiner Kollegin und mir kommt es immer häufiger so vor, als ob wir ohne Sinn und Verstand die Daten ins Dokumentationssystem kloppen. Das zugrundeliegende Konzept erscheint mir verworren und unzureichend durchdacht. Politischer Aktionismus? Mehr Schein als Sein? Hat überhaupt jemand den Durchblick – Krankenkassen, Ärztekammer, Senat? Die Onkologischen Zentren? – Unglaublich, wie viele Organisationen und Parteien involviert sind. Man kann nur hoffen, dass in den Leitungsebenen sehr gescheite Köpfe sitzen. Unsere Arbeit wird schon von Nutzen sein, sonst würde doch nicht solch ein Aufwand betrieben werden…
Das Wochenende steht wie immer im Zeichen des Blues. Jetzt nicht mehr über den Job nachdenken. Morgen geht`s bereits wieder ran an die Buletten. Tausende Tumorfälle warten in den Stahlschränken.

Die Fußball WM lief an. Heute Deutschland gegen Mexiko. Der Fußball bedeutet etwas Ablenkung – von der Arbeit, vom Schwarzen Hund, von allem. Ich glaube, es geht nicht nur mir so. Die Kneipen und Pubs voller Leute. Und ich mittendrin. Mal sehen, – weil zu voll mag ich es nicht. Vielleicht besser im Biergarten. Dort bauten sie eine Leinwand auf. Das Wetter scheint auch zu passen. Nur kein Stress. Notfalls schaue ich mir das Drama zuhause auf der Couch an. Nach den jüngst abgelieferten Leistungen der Deutschen Mannschaft bei den zwei Testspielen, bin ich einigermaßen besorgt. Ein Tipp fällt mir schwer. Aber Löw wird schon wissen, was er tut. Oder? Wie stark ist Mexiko? Das Ballspiel hat dort eine lange Tradition… noch aus Zeiten der Mayas. Aber natürlich hat der moderne Fußball mit den damaligen Bräuchen gar nichts zu tun. Heute steht der Spaß im Vordergrund. Na ja, und das Geld. Bei solch internationalen Turnieren auch Völkerverständigung. Ein Spiel erobert für vier Wochen die Welt. Selbst der ein oder andere Fußballignorant wird von der Stimmung mitgerissen. Das rätselhafte Wesen Mensch findet sich affenmäßig zusammen, um auf einen Bildschirm zu glotzen, wo zwei Mannschaften auf einem Spielfeld 90 Minuten lang einem Ball nachjagen, welchen sie nach gewissen Regeln in den Kasten des Gegners befördern müssen. Oder so ähnlich. Was man nicht alles macht. Mehr oder weniger leidenschaftlich. Wie Rührei in der Mikrowelle…

Verpeilt

Ich duschte und rasierte mich unter den Achseln. Ein Haarschnitt sollte auch noch sein, also ging ich auf die Frisör-App, um mich anzumelden. Fluchend nahm ich zur Kenntnis, dass der Laden heute wegen Krankheit geschlossen bleibt. Mist im Quadrat! Ich hatte mich seelisch bereits darauf eingestellt. Klar, ich könnte hier auch zu einem der tausend Türkenfriseuren gehen, aber es gibt Dinge, bei denen ich relativ unflexibel bin. Ich lasse mir nicht gern von Fremden auf dem Kopf rumfummeln. Damit hier keine Missverständnisse entstehen, ich meine ganz allgemein mir fremde Menschen, egal ob Türken, Deutsche, Italiener oder Russen. Seit ich hier in Berlin bin, gehe ich zu diesem Friseurladen in der Potsdamer Straße, unweit einer Kneipe, wo ich mir das Warten bei einem Bier verkürze. Auf der App sehe ich, wann ich an der Reihe bin – praktische Sache… Was sagt Hannibal, der Chef des A-Teams, in einem solchen Fall? – „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ Genau! Aber heute funktionierte mein Plan nicht. Ich muss ein weiteres Wochenende mit den ungeschnittenen Fransen auf meinem Kopf aushalten. Na gut. Um trotzdem etwas in dieser Hinsicht nützliches zu machen, schneide ich mir die Zehennägel. Warum sind die schon wieder so lang? Die Wochen fliegen mir nur so um die Ohren. Die Bürotage reihen sich eintönig aneinander. „Und ewig grüßt das Murmeltier“, meinte ich zu einer meiner Kolleginnen am Morgen in der Kaffeeküche. Gerade letzte Woche, als die Hitze in den Büros stand, fieberten alle dem Wochenende entgegen. Inzwischen kühlte es etwas ab, dafür wurde es so schwül, dass alles an einem zu kleben scheint. Der Sommer kam dieses Jahr wie ein brüllendes Untier über die Stadt und verschluckte den Frühling fast vollständig. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. War nicht eben noch Winter – mit dem Kälteeinbruch im März? Ein brutaler Wechsel dieses Jahr beim Wetter fast synchron laufend mit dem Wechsel in meinem Leben aus einer Beziehung zurück zum Junggesellendasein. Mir ist immer noch ganz schlecht von dieser Sache. Aber gut.
Die Zehennägel sind wieder fein. Ich mag meine Füße. Hoffentlich wissen sie das.

Boom! Boom! Boom!

Die Hühner sind nicht zu bremsen. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch. Wenn sie richtig in Fahrt sind, persifliert eines der Hühner ihre Kolleginnen und sich selbst, indem sie Hühner-Gegacker naturalistisch nachahmt „Gock! Gock! Gock!“. Womöglich kriegen sie gleich einen Orgasmus, denke ich bei mir. Die Bürotür steht offen. Ich bekomme einige Comedy-Einlagen der Hühner mit, wenn der Tag lang ist – und er ist fast immer lang. Ich schmunzele vor mich hin mit den Händen auf der Computertastatur – inzwischen arbeiten die Finger wie von selbst bei der Eingabe „Tack! Tack! Tack!“. Ein kurzer prüfender Blick, ob ich auch nichts vergaß: die wichtigen Felder ausgefüllt, Häkchen richtig gesetzt … Anzahl der befallenen Lymphknoten… besser noch mal nachsehen…
Meine Augen sind müde. Die Fälle werden nicht weniger. Wir sollen uns auf Colon und Mamma konzentrieren. Die Zentren brauchen Futter. Ich stelle mir vor, wie ich die Daten im Blues-Rhythmus in den Computer kloppe „Boom! Boom! Boom! – Hey! Hey! Hey“.
Der Frühling dreht auf. Durch die gekippten Fenster quillt der Lärm der Stadt in die Büroräume. Das Rad des Lebens befindet sich mal wieder auf der Überholspur. Eine Kollegin sagt, ich rieche gut, – ob ich ihr das Parfum verraten könne… für ihren Schatz. Ich schaue mal nach, sage ich verlegen.
Und wieder ist Wochenende. Die Zeit schüttet Konfetti über mein Haupt.

Alleinsein invasiv

Einer der Prüfärzte erklärt uns das Bindegewebe. Man müsse sich das wie einen Schwamm vorstellen, sagt er, ihm habe dieses Bild zum besseren Verständnis verholfen. Es ist der Prüfarzt mit dem Wuschelkopf, von dem meine Kollegin meinte, er wäre nicht richtig erwachsen geworden. Jedenfalls wirkte er so auf sie. Ich finde ihn sympathisch, alleine schon durch sein unprätentiöses Auftreten. Viel Kontakt zu ihm hatte ich bisher nicht. In dem bestimmten Fall ging es um einen Blasentumor, bei dem sich die Angaben des meldenden Pathologen widersprachen. Für einen Dokumentar keine gute Sache. Wie jetzt? Als was soll ich den Tumor dokumentieren? Ist er nun invasiv oder nicht? Wirklich konnte der Prüfarzt unser Problem auch nicht lösen, aber in Arztmanier schweifte er aus…, wobei ich das „Schwamm-Bild“ im Kopf behielt. Ohne das Bindegewebe würde alles in unserem Körper umeinander fliegen. Ein wichtiges Kriterium bei einem Tumor ist, wie tief er in das ihn umgebende Gewebe hineinwächst – je nachdem ist er als invasiv oder in situ zu klassifizieren.
Wir Dokumentare geraten allzu oft in Situationen, wo wir uns mit teils widersprüchlichen Informationen in den Histologien oder klinischen Berichten herumschlagen müssen. Nach dem Motto: Nichts Genaues weiß man nicht. Manchmal lassen wir dann einfach unseren Bauch entscheiden. „Also ich würde „in situ“ dokumentieren“, sage ich der Kollegin mit dem zwiespältigen Blasentumor nach einer viertel Stunde nutzlosem Herumdiskutierens. Mit Herumdiskutieren verbringen wir jede Menge Zeit, wobei wir hinterher nicht klüger sind als zuvor – eher verwirrter. Ja, die Hühner sind ein diskutierfreudiges Völkchen…
Wir wünschen dem Prüfarzt mit dem Wuschelkopf ein schönes Wochenende. Er war auf dem Sprung in den Feierabend, als er von uns auf das Problem angesprochen wurde.
Das war vorgestern. Freitagnachmittag. Die Vorfreude ist bekanntlich die schönste. Viel machte ich nicht aus meinem Wochenende. Ich fühlte mich wie gelähmt, – zurückgeworfen auf mein Alleinsein. Ich sackte förmlich in mich zusammen. Heute nun geht`s mir etwas besser. Aber es ist auch schon Sonntag. Ein paar Stunden bleiben. Wenigstens mal eine Runde durch den Kiez. Draußen sieht es gut aus.