Im Büro gewesen

1 Tag pro Woche ist erlaubt. Will man öfter ins Büro kommen, muss man das vor der Chefin explizit begründen. Wir waren zu sechst. Wenn alle kommen, sind wir ca. 30.
Ich genoss die Begrüßung am Morgen und die Gespräche mit den Kolleginnen, die da waren. Nach ein paar Stunden kam die Sonne raus. In meiner Mittagspause marschierte ich um den Block. Auf der Sonnenseite schmolz der Schnee.
Zum Feierabend war die Sonne weg. Die Wege vereist. Ebenso mein Fahrrad, das ich im Hof abgestellt hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als es zu schieben.
Ich traf Necip, den Wirt der Kupferkanne, auf dem Heimweg. Fast erkannte ich ihn nicht, wie er in dicker Winterjacke und mit Mütze daherkam. Wir beklagten, dass die Politik beschlossen hatte, den Lockdown zu verlängern. Wenigstens waren wir bisher gesund geblieben. Schmerzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich die Kneipen vermisse: die menschliche Wärme und Nähe, die kleinen/kurzen „Aufsteller“, maskenlose lachende Gesichter…
In meinem Briefkasten fand ich einen Brief von der „Bundesregierung“. Darin 2 Berechtigungsscheine für jeweils 6 Schutzmasken, die ich mir in der Apotheke abholen kann. 2 Euro Eigenanteil pro Berechtigungsschein. Warum sie das in zwei Zeiträume splitteten – keine Ahnung.
Ich packte meinen kleinen Einkauf aus, während mein Fahrrad im Wohnungsflur auftaute. Danach fläzte ich mich mit einem Bier auf die Couch und schaltete die Glotze an… einfach damit etwas lief.


und nein – das Damenrad auf dem Bild rechts oben ist nicht meins

Wie von selbst

Die Zweige der Stadtbäume schaukeln im eisigen Wind. Der Himmel grau. Kaum eine Menschenseele vor der Tür. Zwischendurch eingemummelte Gassi-Gänger. Eine Polizeistreife kreuzt meinen Blick. Ich zünde eine Kerze an. Es ist wirklich düster.
Mein Lieblingsbluessender läuft. Die Heizung aufgedreht. In den eigenen vier Wänden ist es behaglich. Ich kontempliere vor mich hin. In den letzten Tagen stieß ich auf den bemerkenswerten Thomas Campbell (Physiker und Bewusstseins-Forscher). Auf YouTube kursieren einige Gespräche/Interviews zu seinen Büchern und Thesen über die Welt und das Dasein. Seine außerkörperlichen Erfahrungen und Experimente brachten ihn zu „seiner großen Theorie von allem“. Wirklich faszinierend, was er zu sagen hat… Und nein, ich glaube nicht so recht an Astralreisen oder das Remote Viewing. Aber eine reizvolle Vorstellung. Dieser Campbell hat was. Er sieht ziemlich genau so aus, wie ich mir als Kind Gott vorstellte.
Inzwischen schneit es draußen leicht vor sich hin. Bei den jetzigen Minustemperaturen wird es liegenbleiben. Mal sehen, was der Himmel über Berlin in petto hat. Ich würde mich über eine Winterlandschaft freuen… Eine These Campbells ist, dass man durch „Absichten“ auf der „Seins-Ebene“ die Wirklichkeit beeinflussen kann. Z.B., wenn es also nur geringfügige Effekte braucht, um eine ganz andere Wetterlage herbeizuführen oder das Ergebnis eines Münzwurfs tendenziell zu beeinflussen. Als Jugendlicher verschlang ich Bücher, in denen es um solche parapsychologische Phänomene ging… Campbell betont dabei immer wieder, dass es nicht genügt, sich etwas zu wünschen. Man könne sowas nur von der „Seins-Ebene“ aus bewirken… Okay – vielleicht ist er einfach ein guter Märchenerzähler. Es gibt viele Menschen, die sich die Welt nach ihren Modellen zurechterklären, mehr naturwissenschaftlich oder mehr religiös/spirituell… Jeder aus dem Kontext seiner Realitätsblase heraus. An eine große Theorie von allem kann ich schwer glauben.

Ich stelle mir vor, jetzt über den Dächern Berlins zu schweben und zuzusehen, wie die Stadt immer weißer wird… Ob meiner Schwerelosigkeit bin ich glücklich und lächele, überrascht, dass das ganz ohne Physis geht… Nach einer (undefinierbaren) Weile kehre ich schließlich zurück zu meiner Adresse. Ich sehe mich, wie ich am Schreibtisch sitze und irgendeinen Text tippe. Neugierig schaue ich mir über die Schulter… Dann berühre ich mich liebevoll, und Flupp! bin ich wieder drin in mir… That`s it. Und es schneit weiter, als wollte es nicht mehr aufhören. Ein Universum tanzender Schneeflocken – so schön.


Verpeilt

Ich duschte und rasierte mich unter den Achseln. Ein Haarschnitt sollte auch noch sein, also ging ich auf die Frisör-App, um mich anzumelden. Fluchend nahm ich zur Kenntnis, dass der Laden heute wegen Krankheit geschlossen bleibt. Mist im Quadrat! Ich hatte mich seelisch bereits darauf eingestellt. Klar, ich könnte hier auch zu einem der tausend Türkenfriseuren gehen, aber es gibt Dinge, bei denen ich relativ unflexibel bin. Ich lasse mir nicht gern von Fremden auf dem Kopf rumfummeln. Damit hier keine Missverständnisse entstehen, ich meine ganz allgemein mir fremde Menschen, egal ob Türken, Deutsche, Italiener oder Russen. Seit ich hier in Berlin bin, gehe ich zu diesem Friseurladen in der Potsdamer Straße, unweit einer Kneipe, wo ich mir das Warten bei einem Bier verkürze. Auf der App sehe ich, wann ich an der Reihe bin – praktische Sache… Was sagt Hannibal, der Chef des A-Teams, in einem solchen Fall? – „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ Genau! Aber heute funktionierte mein Plan nicht. Ich muss ein weiteres Wochenende mit den ungeschnittenen Fransen auf meinem Kopf aushalten. Na gut. Um trotzdem etwas in dieser Hinsicht nützliches zu machen, schneide ich mir die Zehennägel. Warum sind die schon wieder so lang? Die Wochen fliegen mir nur so um die Ohren. Die Bürotage reihen sich eintönig aneinander. „Und ewig grüßt das Murmeltier“, meinte ich zu einer meiner Kolleginnen am Morgen in der Kaffeeküche. Gerade letzte Woche, als die Hitze in den Büros stand, fieberten alle dem Wochenende entgegen. Inzwischen kühlte es etwas ab, dafür wurde es so schwül, dass alles an einem zu kleben scheint. Der Sommer kam dieses Jahr wie ein brüllendes Untier über die Stadt und verschluckte den Frühling fast vollständig. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. War nicht eben noch Winter – mit dem Kälteeinbruch im März? Ein brutaler Wechsel dieses Jahr beim Wetter fast synchron laufend mit dem Wechsel in meinem Leben aus einer Beziehung zurück zum Junggesellendasein. Mir ist immer noch ganz schlecht von dieser Sache. Aber gut.
Die Zehennägel sind wieder fein. Ich mag meine Füße. Hoffentlich wissen sie das.

Überstunden

Ich blicke aus dem Bürofenster in den Innenhof und den grauen Himmel darüber. Sind das wirklich Schneeflocken? Aus einem anderen Raum schallt die Stimme einer Kollegin: „Hey Leute, schaut mal raus!“ Ich schiebe freiwillig Überstunden. Es wurde uns von der Chefin nahegelegt. Wir hinken in der Bearbeitung gewaltig hinterher, was kein Wunder bei der Flut von Meldungen ist. Im Mitarbeitergespräch vor zwei Wochen nahmen sie mich in die Zange, die Chefin und die Oberchefin.
„Wären Sie bereit, in dieser Situation an einem der Samstage Überstunden zu leisten?“
„Eigentlich bin ich mit den täglichen acht Stunden Dokumentation schon an der Grenze…“, druckste ich herum, „aber wenn`s sein muss…“
„Sie würden also nur Überstunden machen, wenn sie angeordnet werden?“ fragte die Oberchefin und hatte mich damit im Sack. Die andere Chefin betonte, wie wichtig ihnen das Attribut freiwillig dabei sei.
„Wir können Sie also auf die Liste setzen?“
„Ja“, ich lächelte gequält.
Am nächsten Tag stand ich auf der Liste, die zum Eintragen im Aufenthaltsraum bereitlag. Statt nur meinen Namen, las ich: „Herr Bonanza Margot erklärt sich prinzipiell bereit, Überstunden zu leisten.“

Nach vier Stunden Stammdatendokumentation und Posteingang streiche ich die Segel.
Draußen mehr Schneeregen als Schnee. Die Mittagsluft schlägt mir kalt und feucht ins Gesicht. Fluchend radele ich durch den Berliner Verkehr. Das Leben hat mich am Wickel (- erpresst und ausgepresst). Man könnte auch sagen: der ganz normale Wahnsinn. Und wozu das alles?

Zwischenhalt

Dieser Winter wird härter, als ich ihn mir vorstellte – wie eine schwere Geburt mit unsicherem Ausgang… Dabei hat sich gar nicht viel getan. Berlin blieb Berlin. Die Menschen in den U-Bahnen und auf den Straßen dieselben. Der Blues zuhause unverändert. Und ich sowieso. Auch der Winter wird nur ein Winter sein. Wie immer Weihnachten und Silvester und das Getöns darum.
Menschen sterben und werden geboren. Das Rad der Zeit walzt alles nieder. Die nächsten Generationen machen sich auf den Weg, um wiederum platt gemacht zu werden. Ich hänge verzweifelt an einer Liane, die in den Himmel reicht. Wie lange noch? frage ich mich.
Der Statist tritt vor und wird vom Regisseur zurechtgewiesen. Geh zurück in deine Reihe, brüllt der, wir brauchen hier keine Renegaten! Das Schauspiel ist ausgemachte Sache – Abtrünnige sind des Teufels! Ja, so kommt mir die Welt, seit ich denken kann, vor: als ausgemachte Sache. Selbst der Aussatz gehört dazu. Für die Dramaturgie ganz wichtig, dass es Nein- und nicht nur Ja-Sager gibt.
Ist die Welt nicht wahnsinnig, dann sind zumindest wir es. Oder wenigstens ich.
Der beginnende Tag blinzelt mir aus der Gegenwart zu. Er schickt mir arglos ein paar Sonnenstrahlen der Hoffnung. Erde, Sonne und Milchstraße machen ihren Job gut. Sie haben weder Boss noch Regierung. Sie brauchen weder Schule noch Fortbildungen und dürfen sein, was sie sind… ähnlich wie Kängurus, Maulwürfe oder Schnabeltiere. Warum zum Teufel wurde ich als Mensch geboren?
Wieder brüllt der Regisseur: Zurück in die Reihe! Und nach einer kurzen Pause etwas sanfter: Siehst du denn gar nicht, was du mit deiner destruktiven Haltung bewirkst? Du tust den Menschen weh, die dich lieben. Du zerstörst damit deine eigene Lebensperspektive.
Tatsächlich habe ich des Öfteren ein schlechtes Gewissen. Ich darf nicht sein, wie ich bin. Was denken die anderen Statisten des Lebens, denen ich auf der Straße, im Supermarkt oder in der U-Bahn begegne, was sie sind? Worin liegt ihre Motivation, in der Reihe zu bleiben…, oder aber auszuscheren?
Wie egoistisch darf man sein? Welchen Maßstab soll man dafür anlegen? Ich verstehe das Schauspiel um mich herum nicht. (Ich habe Angst.)

Im kleinen Konferenzraum der Klinik treffen sich die Tumordokumentarinnen (und ich) zur zweistündigen Besprechung. Auf der Tagesordnung steht hauptsächlich die Vereinheitlichung der Eintragungen ins Dokumentationssystem. Ich mache mir Notizen, soweit ich überhaupt die Inhalte verstehe. Es geht um ein möglichst effektives Arbeiten. Unterschiedliche Sichtweisen und Kompetenzen reiben sich auf der Suche nach einer adäquaten Lösung. Man scheitert an den Vorgaben der Software in Verbindung mit der Komplexität der Materie. Hinzu kommen Probleme im Organisatorischen und in der Kommunikation. Im Hintergrund steht (stumm) die Finanzierbarkeit… Ich fühle mich zurückerinnert an die Dienstbesprechungen im Altenheim. Tausend Jahre später werden wir noch dieselben Probleme wälzen, weil es letztlich nur ums Geld geht.
Mir brummt bald der Schädel vom Zuhören.
Der letzte (leider nicht) kurzgehaltene Tagesordnungspunkt Unterschiedliches wird für mich (und einige andere) zur Bewährungsprobe. Danach in einer Kreuzberger Gaststätte noch Weihnachtsfeier. (Natürlich muss man selbst bezahlen.) Ich sage, dass ich bereits verplant bin und gehe hinaus in die Nacht, die im Winter den frühen Abend annektiert.