Ein Wiedersehen

Unwillkürlich kniete ich mich neben Karl-Heinz, der im Rollstuhl saß. Seine Augen groß und matt im blassen Gesicht, sein Körper ausgezehrt. Er gehört zu den alten Stammis im Pub. Ich drückte seine Hand und umarmte ihn. Ich verstand kaum, was er sagte, nur, dass er wohl lange im Krankenhaus gewesen war. Er lächelte mich an, guter alter Karl-Heinz… vom Tode gezeichnet.
Pünktlich zum Marathon-Event schien die Sonne. Der unausweichliche Abschied vom Sommer legte eine kleine Pause ein – gut für die Besucher des Pubs, gut für die Musiker, die neben uns wunderbar aufspielten, gut für die Läufer… Die Profis waren längst im Ziel. Es folgte die langgezogene Masse der Freizeitläufer, die mitmachten, um mal dabei gewesen zu sein, oder um sich selbst etwas zu beweisen, oder vor Familie und Freunden anzugeben.
Ich freute mich über die vielen bekannten Gesichter. Fast ein Jahr lang hatte ich das Pub nicht mehr besucht. Aber man kannte sich noch. Ein schönes Wiedersehen. Im Sommer saß es sich vor der Kupferkanne besser als an der verkehrsreichen Potsdamer Straße. Es ist auch die Frage, wie eng ein Wirt die Corona-Regeln auslegt. Dahingehend muss ich Puschel noch auf den Zahn fühlen. An diesem herrlichen Sonntag verlor niemand ein Wort darüber.

    

Meine Wahlbenachrichtigung kam

Noch gut vier Wochen bis zur Bundestagswahl. Das Wahllokal liegt Luftlinie ca. 500 Meter Luftlinie westlich in einer Schule. Am selben Tag findet der Berliner Marathon statt. Die Strecke verläuft zwischen hier und dem Wahllokal. Das könnte zu gewissen Zeiten ein Hindernis darstellen. Aber auch kein großes.
Ich dachte über die Möglichkeit der Briefwahl nach, nicht weil ich mir den Weg sparen will, sondern um diese Option das erste Mal in meinem Leben auszuprobieren. Na ja, und ich würde mir die Corona-Regeln ersparen, Maske und trallala… Ich bin noch unentschlossen.
Unentschlossen, wem ich meine Stimme gebe, bin ich weniger. Alle Parteien, welche die Corona-Maßnahmen + Impfkampagne befürworten, kommen nicht in Frage. Die AfD fällt aufgrund ihres braunen Anstrichs per se weg. Seit geraumer Zeit liebäugele ich mit der vor einem Jahr gegründeten Partei Die Basis. Deren Leute setzen sich seit Monaten gegen die bornierte und verlogene Corona-Politik ein. Sie haben mehr Beachtung verdient. Am Samstag halten sie eine Wahlveranstaltung am Potsdamer Platz ab. Das ist quasi um die Ecke. Mal gucken.

  

Dann mal los

Wie die Zeit vergeht. Berlin-Marathon 2019. Kein Weltuntergang, kein Dritter Weltkrieg, kein Zombievirus…, obwohl ich mir bei letzterem nicht sicher bin. Man dümpelt vor sich hin nach dem Motto „Konsum forever!“. Warum nicht mal einen Marathon laufen? Sich 42 Kilometer wie ein Volltrottel mit Rückennummer auf einem festgesteckten Weg durch Berlin quälen und an den Streckenrand kotzen, dabei von Hunderttausenden begafft. Da gehört schon was dazu. Heißassa! Nachher mal ein paar Fotos von diesem Naturereignis schießen, wenn die Spitzenläufer lange durch sind und die taumelnde Zombiemasse am Pub vorbeikommt – dem ein oder anderen zuprosten: „Durchhalten! Nur noch schlappe 5 Kilometer! Die schaffst du auch noch!“
Gleich öffnet das Pub. Der Wirt engagierte eine Band zum Event. Ich glaube, es gibt sogar Grillfleisch… für uns Zuschauerzombies. Und natürlich jede Menge Korn und Bier. Hoffentlich schrecken mich die Menschenmassen nicht ab. Mal sehen, wie lange ich durchhalte. Durchs Ziel bin ich schon lange. Prost!

Gedanken zum Marathon

Heute ist ja Zombielauf! durchfährt es mich und meine damit den Berlin-Marathon. Soll ich Gaffen gehen? Am Ende kommt einer von den Zombies vom Weg ab und fällt mich an. Sicherheitshalber könnte ich die Machete mitnehmen. Wozu habe ich sonst die Machete?! Wenigstens ein paar von denen den Garaus machen, bevor sie einen am Boden haben…
Schon lange hege ich den Verdacht, dass unsere Gesellschaft von Zombies unterwandert ist. Schwer zu sagen, wer alles zu den lebenden Toten gehört, und wer nicht. Eine andere Theorie ist, dass die Körperfresser Besitz von den Körpern der Menschen ergriffen haben. Wie das genau geht, kann man heute auf Tele 5 im Spielfilm „Die Körperfresser kommen“ sehen. Ob nun Zombies oder von Außerirdischen gelenkte Marionetten spielt eigentlich keine Rolle. Jedenfalls stimmt etwas nicht mit dieser Welt, und es wird meiner Meinung nach immer schlimmer. Bereits als Kind fiel mir auf, dass die meisten Erwachsenen sich äußerst seltsam verhielten… Ziemlich gruselig die Erwachsenenwelt. Besser man wappnet sich. Von mir kann ich sagen, dass ich es irgendwie schaffte, nicht von innen ausgehöhlt werden. Aber ich spürte zwischenzeitlich schon, dass es da etwas gab, das mir meinen Willen und meine Seele rauben wollte. Offensichtlich gibt es einige Menschen, die wie ich dagegen immun sind. Nicht ganz einfach, die zu erkennen oder gar zu treffen, weil die sehr vorsichtig sind. Heute beim Marathon ist`s freilich ganz einfach, zumindest einige Zombies als solche zu identifizieren, denn da sind sie nummeriert. Und wenn du den Läufern in die Augen schaust, kannst du`s auch sehen: dieser abwesende Blick, wie in Trance. Ganz typisch für die Untoten.
Aber soll ich mir das Elend wirklich anschauen? Wenn ich ehrlich bin, tun sie mir leid. Schließlich können sie nichts dafür, dass eine fremde Macht Besitz von ihren Körpern ergriff. Nein, ich will nicht zu den Gaffern gehören. Das Gaffen ist auch so eine grassierende Unart. Keine Ahnung, wo ich das einordnen soll. Ebenso eine Form der inneren Leere. Lieber bleibe ich zuhause, da bin ich am sichersten. Der Kühlschrank ist voll. Genug Bier und Wein, und der Blues schallt durchs Zimmer. Jeden Tag feiere ich, dass meine Seele noch mir gehört.