Verkehrtes Märchen

An Märchen lieben wir, dass in ihnen mitunter die Welt auf den Kopf gestellt wird, dass allerlei wunderliche, phantastische Dinge passieren, und dass es am Ende ein Happy End gibt. Wir alle kennen den Satz: Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute glücklich und Blabla… Letztlich siegt das Gute immer über das Böse. Der Held findet seine Angebetete. Alle Schwierigkeiten wurden überwunden. Der Lohn für die durchgemachten Torturen sind Liebe und Glück bis in alle Ewigkeit. Nein, niemand nimmt Märchen für bare Münze. Obwohl es auch im realen Leben Geschehnisse gibt, die zumindest märchenhaft anmuten. Z.B. die ein oder andere Liebesgeschichte.

Wirklich – ich erlebte es. Ich muss nur an die wundersame Begebenheit meiner letzten Liebe denken. Ein unglaublich schönes Märchen. Anfangs.
Anders als in einer Märchenerzählung begann es bereits mit dem unfassbaren, wundersamen Glück und glitt nach und nach ab in das Tal der Mühe und Traurigkeit. Natürlich gibt man wegen ein paar Schwierigkeiten nicht gleich auf. Man will das Märchen der Liebe retten, will die bösen Mächte vertreiben, die einem das Glück madig machen. Leider reichen dazu in der Realität nicht unbedingt die Kräfte. Warum konnte es nicht einfach märchenhaft weitergehen? Am Ende warten Schmach und Einsamkeit. Die schöne Prinzessin entpuppte sich als böse Hexe. Alles für die Katz.
Die Schatten holen sich das Glück. Immer. Von wegen Happy End. Der Protagonist töricht und ahnungslos. Hinter der Kulisse wurde längst über sein Schicksal entschieden. Scheiß Drehbuch! Und ich wusste es – warf alle Bedenken über Bord. Schließlich war sie das Beste, was mir damals passieren konnte – ein Engel, der vom Himmel fiel. Mir quasi vor die Füße. Doch war es eben nur ein Märchen. Ein verkehrtes Märchen.

Das ganze Leben ist in gewissem Sinne ein solch „verkehrtes Märchen“… Am Schluss ist man nämlich am Arsch. Und weil wir ganz genau wissen, was auf uns zukommt, erliegen wir der Märchenwelt, wo zwar auch jede Menge Mist passiert – aber hinterher wenigstens 100% alles gut ist. Wie in unseren ersponnenen Ideologien und Religionen. Wie in der Hoffnung auf Liebe, Reichtum, Macht. Wie in unserer Sehnsucht nach Friede und Gerechtigkeit. Wir kämpfen ein Leben lang wie die Blöden – für ein Märchen.
Auch ich. Ich komme nicht raus aus dieser Nummer.


Der Himmel über Berlin sagenhaft blau. Die Mädchen und Frauen tanzen in bunten Sommerkleidern durch die Straßen. Das Leben stimmt seinen verführerischen Singsang an. Die Kerle spitz wie Nachbars Lumpi. Die ganze Stadt brummt wohlig vor sich hin. Die Schattenwelt weggesperrt. Den Tod – vergessen. Das Leid – vergessen. Wir glauben an das Märchen. Hier und jetzt. Für einen Tag oder eine Stunde oder nur für einen Moment. Das kann alles andere wettmachen. So schön. Die Liebe. Auf einem Auge blind. Und das andere kneifen wir zu.

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Allein in Berlin

Der Frühling ist in vollem Gange. Die Bäume schlagen aus. Es treibt die Menschen vor die Tür. Die warme Jahreszeit, respektive der Sommer, winkt bereits. In den Innenstädten, auf den Plätzen und in den Parks, nimmt die Betriebsamkeit von Tag zu Tag zu. Berlin ist eine Stadt, die viele Menschen anzieht – aus den unterschiedlichsten Gründen. Die einen interessieren sich für die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten, die anderen kommen wegen dem einzigartigen Flair der Stadt, seinen Kneipen, den Events, den vielfältigen kulturellen Angeboten. Berlin ist längst ein Mythos. Hier spielt die Musik. Das Leben blüht. Multikulti neben Biedermann. Urbane Weltläufigkeit trifft auf den Kiez des Kleinen Mannes. Berlin hat Ecken und Kanten. An dieser Metropole kann man sich reiben…
Enttäuschung und Verheißung, Liebe und Hass, Verzweiflung und Freude, Einsamkeit und soziales Miteinander, Furcht und Tollkühnheit, bitterste Armut und überbordender Reichtum – das alles schwappt einem in der Flut der Menschen auf den Straßen entgegen, unaufhörlich und mitunter unerträglich. Ich stelle mir vor, dass ich verloren mittendrin stehe und lauthals brülle: „Das Alles ist zu viel!!“ Kein Mensch nimmt Notiz von mir. Einige Passanten schauen im Vorbeigehen kurz – wieder so ein Spinner, denken sie. Ich brülle gegen die Wand des Verkehrslärms an. „Ihr Zombies!! Was macht ihr hier!!“ Nach kurzem ist meine Stimme heiser. Ich reihe mich zurück in den Strom der Fußgänger ein. Der Supermarkt ist nicht weit. „Alles ist egal“, – wiederhole es auf meinem Weg wie ein Mantra. Und zwischendurch wechsele ich auf „Alles ist gut“. Ich switche hin und her: „Alles ist gut – alles ist egal – alles ist egal – alles ist gut…“ Als ich an der Kasse stehe, bemerke ich, dass mein Einkaufswagen noch leer ist. Im Regal neben mir steht ein kleiner Karton voll mit Schnapsfläschchen. Ich greife wahllos hinein und lege ein Dutzend davon auf das Kassenband. „Haben Sie eine Payback-Karte? Sammeln Sie Punkte?“ fragt mich die Kassiererin. Ich schüttele den Kopf und lächele. Eigentlich will ich ihr sagen, dass ich sie unglaublich schön finde, aber ich bezahle zügig und packe die Fläschchen in meinen Rucksack. Zwei davon stecke ich in meine Jackentasche. Vor der Tür reiche ich eines davon der Bettlerin, die dort jeden Tag sitzt. Sie jammert mir flehend hinterher: „Etwas Geld, mein Herr… etwas Geld!“ Das zweite Fläschchen trinke ich an der Fußgängerampel. Die Sonne scheint. Ein wunderbarer Frühlingstag. Der Himmel über den Straßenschluchten in leuchtendem Babyblau – wie ein Strampelanzug, sinniere ich belustigt. „Alles ist gut…“

Abschiedsessen

Auf dem Teller Wildschweinbraten, Rosenkohl und Salzkartoffeln. Die Sonne im Nacken. Sie sitzt mir mit einer großen weißumrandeten Sonnenbrille gegenüber. Ich hatte in einem Anfall von Sehnsucht die törichte Idee zu dem Treffen bei Mutter Hoppe, das erste Lokal, in das wir einkehrten, als ich sie damals in Berlin besuchte. Vor gut vier Jahren. Unser Gespräch verläuft stockend. Die Fronten wie gehabt. Sie will an der Situation nichts ändern, trotzdem an der Beziehung zu mir festhalten. Ich sage, dass ich unter diesen Umständen keine Grundlage mehr für eine Beziehung sehe, wenigstens eine Perspektive bräuchte. Ich spüre die Sinnlosigkeit meiner Worte. Mein Innen verhärtet sich. Kein Weiterkommen. Was ist mit uns passiert? Das gute Essen steht im Widerspruch zur Situation. Sozusagen eine Henkersmahlzeit, denn ich beschließe, sie nicht wiederzusehen. Es tut verteufelt weh.
Sie umarmt mich zum Abschied, küsst mich. Ich drehe mich zur Seite. Nur mühsam kann ich die aufsteigenden Tränen zurückhalten. Die Wunde ist offen. Nur weg, denke ich. Konsterniert radle ich den Weg zurück, mitten durch Berlin, wo fast alles mit ihr verknüpft ist. Könnte ich doch nur die Erinnerungen abtöten.

Südlicher als der Südpol

Südlicher als der Südpol geht nicht. Stephen Hawking hat recht. Es kann kein Vorher geben, wenn die Raumzeit aus dem Nichts heraus startete. Ebenso verhält es sich mit unserem Leben. Vorher gab es mich nicht, und danach wird es mich nicht geben. Ich komme aus dem Nichts und gehe dahin zurück… Ich habe ein gutes Verhältnis zum Nichts. Wenn ich mir überlege, mit wieviel nichtigen Dingen ich mich Tag für Tag beschäftigen muss. Dann doch lieber gar nichts tun. Ich liebe es, einfach nur rumzusitzen und mir Gedanken um nichts zu machen. Ich sehe das als eine Form der Emanzipation von den Automatismen, Selbstverständlichkeiten und Traditionen an, in denen wir alle wie in einem Sumpf feststecken. Viele merken das gar nicht, oder wollen es nicht wahrhaben. Ihr Interesse an unabhängiger geistiger Erkenntnis hält sich in Grenzen. Schade, denn ich mag Diskussionen mit Menschen, die ihren eigenen Kopf haben.
Ich weiß, viele behaupten, einen eigenen Kopf zu haben, sind aber bei genauerer Prüfung (eingebildete) Blödiane und ziemlich weit davon entfernt. Zu dieser Gruppe gehöre ich hoffentlich nicht (- mit der Selbsteinschätzung ist das bekanntlich so eine Sache).

Heute Mittag zur Aussprache mit O. verabredet. Am Potsdamer Platz in einer Gaststätte. Süffiges bayrisches Bier gibt`s, und vor allem hat man seine Ruhe. Es war mein Wunsch. Ich will endlich wissen, woran ich bin. Eine vierjährige Beziehung schüttet man nicht einfach wie eine abgelaufene Konserve ins Klo.
Ganz schön bitter das Ganze. Große Hoffnung hege ich keine. Aber es wäre gut, wenn sie mir ihre Beweggründe näher erläuterte. Auch will ich gern wissen, wie sie sich die Beziehung zu mir unter den neuen Gegebenheiten vorstellt.

Warum platzt das ganze Universum nicht einfach wie eine Seifenblase? Warum muss sich alles endlos wiederholen? Auch die Varianten leiern sich mit der Zeit aus. Wozu so viele Tage leben, wenn man den Unsinn in einer einzigen hellen Sekunde erfassen kann?

Ich frage mich, wie O. mich lieben konnte.

Samstagvormittag zuhause

Mir gefällt meine Berliner Bude. Sie liegt zwar nicht in Kreuzberg und auch nicht im Bezirk Prenzlauer Berg, aber ich fühle mich mittendrin. Drinner geht`s kaum, ohne wehzutun. Nach drei Jahren lebte ich mich halbwegs ein im Potse-Kiez.
Die Wohnung selbst ist weder zu groß noch zu klein. Für eine Person gemütlich, für zwei Personen aber auch noch machbar. Leider nicht ganz günstig. Die Miete durch zwei zu teilen, war angenehm. Das ist nun vorbei. Auch die ganzen Erinnerungen, die ich mit der Wohnung verbinde, sind schmerzhaft. Vorerst habe ich aber nicht vor umzuziehen. Da ist vor allem der kurze Arbeitsweg, der eine große Bequemlichkeit darstellt. Darum werde ich immer wieder von den (Büro-) Hühnern beneidet.
Also, ich würde es mal so formulieren, was meine Zukunft hier angeht: Nichts Genaues weiß man nicht. Es kommt ganz drauf an, wie es beruflich und privat weitergeht. Bevor ich zur Mumie werde, würde ich gern ausbrechen.

Ein Zuhause zu verlassen und zu sagen, dass sich damit nichts ändert… Ich glaube, sowas sagen Teenager, wenn sie aus dem Elternhaus ausziehen. Sie wollen damit Mamma und Papa trösten. Wie aber ist eine solche Aussage zu interpretieren, wenn sie vom Partner kommt?
Ich weiß nicht. Ich krieg`s nicht in die Birne. Resultat: Ich fühle mich verarscht.

Berliner Krankheit

Alles fing mit Anomalien an, welche man einer schlechten Verarbeitung der Werkstoffe zuschrieb. Dinge verformten sich, bekamen Beulen oder zerfielen in ihre Bestandteile. Diese Erscheinungen wurden bei nahezu allen Gebrauchsgegenständen beobachtet. Nach einiger Zeit waren selbst größere Objekte wie Autos, Bahnen und schließlich ganze Häuser und Straßen betroffen. Eine Art Virus schien die Dinge anzugreifen und zu beschädigen. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass sich die Struktur der Materie auf molekularer Ebene veränderte. Die werkstoffspezifische Differenzierung ging verloren. Die Materie verwandelte sich nach und nach zu einem sich ausbreitenden amorphen Brei. Das Phänomen erinnere stark an das Verhalten von Krebszellen, sagten einige Forscher. Doch die meisten hielten solche Vergleiche für an den Haaren herbeigezogenen Blödsinn, ein Bioorganismus sei etwas völlig anderes als eine Stadt…
Seltsamerweise waren diese Veränderungen bis dato nur in Berlin beobachtet worden. Jenseits des sogenannten Speckgürtels wurden sie nicht gesichtet.
Inzwischen mussten ganze Häuserzüge evakuiert und Straßen gesperrt werden. Der Nahverkehr brach fast vollständig zusammen. In einer außerordentlichen Krisensitzung des Senats wurde beschlossen, die Stadt unter eine Art Quarantäne zu stellen, bis die Ursache des Zerfalls geklärt sei. Wer Berlin verlassen wollte, musste sich nackig machen. Es durften absolut keine Dinge mitgenommen werden, nicht mal die Kreditkarte, geschweige denn Geld. Da man das Herausschmuggeln von Wertsachen befürchtete, wurden die Menschen an den eingerichteten Grenzstellen akribisch untersucht. Viele fühlten sich an DDR-Zeiten erinnert, aber nun sei es noch viel schlimmer. Die stolze Hauptstadt verwandelte sich zusehends in ein Trümmerfeld. Auch dieses Bild kannte man aus der Geschichte.
Die Wissenschaftler standen vor einem Rätsel: So etwas hätte es noch nie gegeben – nicht im ganzen Universum; die Materie mache, was sie wolle, als wären Atome und Moleküle nicht mehr von dieser Welt. Gott sei Dank betraf es nur von Menschenhand produzierte Dinge. Im Zuge der schrecklichen Ereignisse stellten sich viele Fragen: Wo nahmen die Veränderungen ihren Anfang? Waren künstliche, wie auch immer geartete Viren aus einem geheimen Forschungslabor entwichen? Handelte es sich dabei um einen neuentwickelten Kampfstoff, der nur tote Materie angriff? War das Ganze ein heimtückischer Anschlag? Wurde der Bevölkerung mal wieder etwas vorenthalten? Lässt sich diese „Epidemie“ aufhalten? Ist Berlin noch zu retten?
Im Internet kursierten jede Menge Theorien. Da wurde von Materie-Krebs gesprochen, von einem Unfall in einem Geheimlabor, von einem Terrorakt, von der Berliner Krankheit (was auch immer das heißen mag), von einem Angriff Außerirdischer… Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.
Obwohl man alles zurücklassen musste, verließen immer mehr Berliner ihre geliebte Stadt. Ein normales Leben war unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Es grenzte an ein Wunder, dass überhaupt noch was ging. Früher oder später würde sicher auch das Stromnetz zusammenbrechen. Niemand wollte in einer Ruinenstadt leben. Selbst die Gauner hatten keinen Spaß mehr. Die Sachen, die sie klauten, waren nur noch in Berlin von Wert, und das auch nur, solange sie heil blieben. Einige hofften freilich, dass der Spuk einfach eines Tages aufhörte, wie er begonnen hatte, und harrten aus.
Möglicherweise wachte man eines Morgens auf und registrierte erleichtert: …nur ein böser Traum! Der Blick aus dem Fenster zeigte das vertraute, funktionierende Berlin. Alles stand an seinem Platz, kein Ding war absonderlich, der Verkehr staute sich wie üblich in den Straßen, Waschbecken und Klo unverformt, und die Wände hatten keine Beulen… Es herrschte wieder der ganz normale Wahnsinn – ungeheuer beruhigend!

Böse Nachbarn

Donnerstags sage ich zu meiner Kollegin: „Das Schöne am Donnerstag ist, dass morgen Freitag ist.“
Viele Kolleginnen machen freitags bereits gegen Mittag Feierabend. Sie sammeln sich dafür Plusstunden unter der Woche an. Daraus wurde ein regelrechter Sport. Einige beginnen sechs Uhr morgens mit der Arbeit, um möglichst früh gehen zu können.
Ich bin meist unter den letzten, die ins Wochenende starten, und finde es ziemlich demoralisierend, wenn eine nach der anderen in der Bürotür erscheint und sich verabschiedet.
Schließlich ist auch für mich Wochenende! Beschwingt flitze ich die Treppen hinunter zum Ausgang zur Potsdamer Straße, wo mein Fahrrad wartet.

Gestern freute ich mich besonders auf den Feierabend und die zwei Tage ohne Tumordokumentation. Ich war müde und hatte einfach genug. Vor der Haustüre traf ich auf einen Nachbarn, ein Pole, der in der ersten Etage wohnt. Er kann ziemlich aufdringlich sein. Ich bat ihn, vor mir hineinzugehen, weil ich mein Fahrrad im Schlepptau hatte. Aber er zog mich aus Höflichkeit an ihm vorbei in den Hausflur. Jetzt standen wir beide in beengten Verhältnissen, und er wollte noch an den Briefkasten, wofür ich umständlich mit dem Fahrrad rangieren musste. Ich war von dieser Aktion sichtlich genervt. Wäre er doch besser zuerst ins Haus gegangen und hätte mich kurz draußen warten lassen, wie es mein erster Gedanke war – aber nein, er musste ein Riesending daraus machen!
„Bist du Deutscher?“ fragte er in dieser Situation, was eindeutig eine Provokation war, denn er wusste, dass ich deutsch bin.
„Ja, dummerweise“, antwortete ich trotzig.
Darauf er: „Manche Menschen denken einfach zu kurz…“
„Ich denke bestimmt nicht zu kurz!“ Verärgert wuchtete ich mein Fahrrad in die kleine Kammer unter dem Treppenaufgang, welche mir als Abstellplatz dient. Kann sein, dass er darauf eifersüchtig ist, weil er für sein Fahrrad nicht diese Möglichkeit hat. Ausserdem glaube ich, dass er mir O. nicht gönnt.
Der Typ geht mir auf den Keks. Ich begegne ihm viel zu häufig. Immer hat er ein paar blöde Bemerkungen auf Lager. Er ist auf eine sehr unangenehme Weise kommunikativ und neugierig. Ich mag solche Menschen nicht, und er spürt das…
Aber gut, ich lasse mir die Laune nicht von einem Maulhelden verderben. Nachbarn kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Doch wie weit würden sie gehen, wenn sie einen auf dem Kieker haben? Diesen Polen schätze ich noch als harmlos ein. Ein anderer Mieter über uns macht mir mehr Kopfzerbrechen…

1 Uhr in der Nacht klingelte es an unserer Wohnungstür. Erst wollte ich gar nicht aufstehen. O. war gerade heimgekehrt. Sie geht mit ihren Kolleginnen/Kollegen nach der Arbeit gerne noch ein Bier trinken. Wer kann das zu dieser nächtlichen Zeit sein? fragte ich mich und lauschte.
O. erblickte durch den Türspion einen Nachbarn, der uns seit längerem nicht ganz geheuer ist. „Mache nicht auf“, flüsterte sie mir zu. Aber nachdem er immer wieder klingelte und klopfte, legte ich die Kette vor und öffnete die Tür einen Spalt.
„Bitte sagen Sie Ihrer Frau, dass Sie das zukünftig hier im Hausflur unterlassen soll!“
„Wie bitte?! Um was geht es denn?“ fragte ich schlaftrunken.
„Ihre Frau weiß schon, worum es geht. Sie kam doch vorhin nach Hause? Ich sah, wie sie hier hineinging.“
Ich war total irritiert: „Was hat sie denn gemacht??“
„Das will ich Ihnen nicht sagen. Aber sie weiß es schon.“
„Meinen sie diese Frau?“
O. stand inzwischen neben mir und mischte sich ein: „Was soll ich denn gemacht haben?!?“
„Gegenüber Ihrem Mann will ich das nicht sagen.“
Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film. Um was ging es hier überhaupt? Dieser Nachbar war uns bereits früher aufgefallen, weil er oft mit ständig wechselnden Luxusautos mitten auf dem Gehsteig parkte. Strafzettel kassierte er trotzdem selten. Auch sein Umgang war, soweit ich es beurteilen kann, nicht gerade vertrauenserweckend. Es ist bekannt, dass in Berlin einige verbrecherische Klans zu Gange sind… Mir wurde immer unbehaglicher zumute.
Warum erklärte er mir nicht, um was es ging?
„Sagen Sie bitte Ihrer Frau, dass sie das zukünftig unterlassen soll“, wiederholte er, „Sie sind doch erst neu eingezogen.“
„Wir wohnen seit drei Jahren hier… Was soll meine Frau denn angeblich getan haben?!?“
Aber er beantwortete mir diese Frage nicht, und O. beteuerte, dass sie selbst nicht wisse, was der Stein des Anstoßes war. Sehr ominös das Ganze. Wie so oft in meinem Leben hatte ich das dumme Gefühl, dass etwas total an mir vorbei ging…
Warum können die Menschen nicht einfach sagen, was Sache ist? Scheiße!

Unnötig zu erwähnen, dass wir danach mit ziemlich unguten Gefühlen schlafen gingen. O. hatte Angst, und ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte.