Be(f)reit

Ich genieße den Ausblick auf die Potsdamer Straße, wenn ich im Pub sitze. Drum setze ich mich am liebsten auf den ersten Platz an der Bar, wo´s auch noch hell genug zum Lesen ist. Finde ich immer blöd, wenn der besetzt ist. Gestern Nachmittag hatte ich Glück. Genaugenommen doppelt Glück, denn es regnete. Bei Regen genieße ich den Ausblick besonders. Zwischenzeitlich kam es ganz schön runter. Neben mir saß ein Spanier, der nervte, weil ich bei jedem zweiten Wort nachfragen musste. Er konnte einfach nicht die Klappe halten. Aber ich wollte nicht unhöflich werden… und bemühte mich, ihn zu verstehen.
Hinter der Theke arbeitete eine neue Bedienung, ein Wonneproppen aus der Schweiz, indischer Typ mit einem Faible für Rammstein. Wenn sie Rammstein hörte, würde das Putzen zuhause wie von alleine gehen. „Nicht schlecht“, meinte ich und wollte sie schon fragen, ob sie nicht mal meine Wohnung putzen könne… Ich verbiss es mir.
Es war einfach herrlich, dem Regen zuzuschauen, Poesie pur. Am Besten gefiel mir, wie das Wasser in Rinnsalen von den Markisen floss. Aber auch die Spritzfontänen der vorbeifahrenden Autos waren nicht zu verachten, sowieso nicht das bunte Volk der Passanten, das vorbeihastete: die Jacke schützend über den Kopf gezogen, in Regenmontur mit Kapuzen oder unterm Regenschirm. Das Treiben der unterschiedlichsten Figuren in der Potsdamer Straße fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Ich blickte von meinem Platz an der Bar wie gebannt auf das Multimediaereignis vor meiner Nase. Regen in der Großstadt hat einfach was…
Der Herbst richtet sich ein. Ich beginne, mich mit ihm anzufreunden. Braucht halt seine Zeit. Es gab Jahre in meinem Leben, da war der Herbst eine gute Zeit für die Liebe. Wer weiß. Ich wäre jedenfalls bereit.

Das Fernsehen im Pub und „Köpfe fangen“

Rein wettertechnisch die Wiederholung von letztem Samstag. Der Biergarten ruft. Ich schlief lange und unruhig – ganze Romane geträumt, darunter die Idee für ein Spiel unter Todeskandidaten. „Köpfe fangen“ nannte ich es. Zuerst wird ein Streichholz gezogen, wer für den „Ball“ zu sorgen hat. Der Delinquent mit dem kurzen Hölzchen muss unter die Guillotine. Die anderen Delinquenten stellen sich im Kreis darum auf und müssen sich nun den Kopf des soeben hingerichteten zuwerfen. Wer ihn nicht fängt oder fallen lässt, verliert als nächster seinen Kopf und stellt somit den „Ball“…, bis am Ende nur noch der Glückliche übrigbleibt, der mit seiner Begnadigung belohnt wird. Ein Aufseher passt während des Spiels auf, dass alles ordentlich vonstattengeht. Wer z.B. den Kopf so wirft, dass er unmöglich zu fangen ist, wird kurzerhand erschossen.
Ich schielte zum Wecker. Sechs Uhr, es dämmerte bereits. Ich dachte an die bevorstehende Zeitumstellung, dass uns nächste Nacht eine Stunde geklaut wird…, drehte mich noch mal um und träumte den nächsten Unsinn.

Best idea ever, gestern nach der Arbeit noch zum Haarschneider zu gehen. So habe ich heute volle Planungsfreiheit. Ich verknüpfte meinen Frisörbesuch mit einem Feierabendbier im Pub. Das liegt quasi nebendran. Aus dem einen Bier wurden dann doch mehrere. Der Wirt spendierte mir einen Korn. Da musste ich mich revanchieren. Jeden Freitagnachmittag hängen im Pub einige gut angesoffene ab. Ich mag die Knilche, wenn ich mich auch nicht in ihre Gespräche einmische. Ich sitze ein paar Meter weg an der Bar und grinse in mein Bier. Wir saßen also an der Bar, und es lief, wie es jeden Freitag läuft, als so ein paar Heinis vom Fernsehen hereinschneiten. Sie wollten ein Interview mit dem Wirt. Der sagte nicht nein. Die Kamera zielte direkt in den schmalen, düsteren Schankraum. Ich griff mir mein Bier und drehte mich weg. So ein Scheiß! Dürfen die das einfach so – einen filmen, ohne zu fragen?!? Es ging, wie ich am Rande mitkriegte, um die Veränderungen in der Potsdamer Straße. Das Pub ist eines der wenigen Relikte, welches über die Jahrzehnte überdauerte. Der Wirt war bereits ganz schön angeschickert. Zu viele Korn, die er seinen Gästen ausgab und immer mittrank. Aber er fand sich wohl geehrt durch die Anwesenheit des Fernsehens. Wer denn so bei ihm reinkomme, fragte der Heini vom TV. Die Besoffenen hinter mir grölten und lachten. Lass den Kelch an mir vorübergehen, dachte ich. Außerdem war mein Bier leer. Ich weiß nicht, was die TV-Leute dachten, aber sie waren plötzlich so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Uff! Ich hasse nichts mehr, als in irgendeiner Form abgelichtet zu werden. War schon schlimm genug, beim Frisör vorm Spiegel zu sitzen… Man hat halt so seine Macken.
Kurz nach 17 Uhr löste Ramona den Wirt ab. Ich hatte mich warmgetrunken und genoss ihren Anblick. Allzu viele Frauen bekam man hier sonst nicht zu Gesicht. Ramona ist eine schwarze Schönheit, jedenfalls aus Trinkerperspektive. Sie nennt mich immer Tomas. „Wie kommst du auf Tomas?“ fragte ich sie. Sie zeigte mit dem Finger auf den Wirt. „Na gut, dann nenne mich eben Tomas“, lachte ich. Auch Ramona gab einen Korn aus, und ich bestellte mir noch ein Bier…
(Nein, ich versackte nicht. Bekanntlich geht man am besten dann, wenn es am Schönsten ist.)