Will man die Gastronomie zugrunde richten?

Der Wirt schimpfte über die Regierung, monierte u.a., dass er nicht verstehe, warum sich die Menschen für die Außengastronomie freitesten müssen, währenddessen viele hundert Menschen in den Parks ungetestet aufeinander hocken. Will man die Gastronomie in Deutschland zugrunde richten?
Ich musste an seine Worte denken, als ich gestern im Park mein Bier trank. Er konnte einem echt leidtun, hatte er doch stets alles Mögliche getan, um die Hygienevorgaben zu erfüllen.
Inzwischen schießen die Testzentren in Berlin wie Pilze aus dem Boden, wobei nicht alle lautere Geschäftspraktiken verfolgen. Dem Betrug wird durch die derzeitigen Bestimmungen Vorschub geleistet.
Die Sonne hatte mich in den Park gelockt. Vor der Kupferkanne sitzt man nachmittags im Schatten. Auch gebe ich offen zu, dass ich keinen Bock auf den Test hatte. Ich tankte Vitamin-D und erfreute mich an der Vitalität und Ausgelassenheit in meinem Blickfeld. Um dem Corona-Irrsinn zu entfliehen, ist der Park (neben der eigenen Wohnhöhle) der beste Ort.

Lieber einen Sprung in der Platte als gar keine Platte

Es verging einige Zeit, bis im Universum biologische Lebensformen im Pool der Möglichkeiten auftauchten. Damit auch die Lebensform, die sich Mensch nannte und sich anschickte, seiner Unbedeutsamkeit zu entfliehen, sich auf seinem Heimatplaneten zur Krönung der Schöpfung kürte und lange glaubte, alles würde sich um ihn, den Homo sapiens, drehen…  Veni, vidi, vici.
Tja, das Universum bringt nicht nur sympathische Erscheinungen hervor. Ein Kommen und Gehen.
Ich sitze in der Sonntags-Tristesse fest. Der Tag zeigt sich grau und düster. Nur wenige Spaziergänger vorm Fenster… Wie ich als Kind die Sonntagsspaziergänge hasste! Ich ließ mich in meiner Bockigkeit immer weiter hinter den Eltern zurückfallen, bis meine Mutter genötigt war, nach mir zu schauen… Lange ist`s her. Ein halbes Jahrhundert. 50-mal flitzte die Erde um die Sonne. Dabei legte ich 50 x 940 Millionen Kilometer zurück. Ganz ohne blöde Sonntagsspaziergänge… Aber was bedeuten schon Zahlen? Ich könnte auch ausrechnen, wie viel Liter Bier ich in den letzten 50 Jahren trank, oder wie viele Fischbrötchen ich aß. Zumindest überschlägig.
Nein, das mache ich jetzt nicht.  
Heute ist so ein Tag, an dem ich froh wäre, wenn ich ins Pub gehen könnte: Den Wirt grinsend begrüßen. Mit ihm einen Korn trinken und seinen Geschichten lauschen. Und Thorsten zapft mir selbstverständlich ein Bier, und fragt in seiner stoischen Art, wie`s mir geht. Und ich nicke und sage: „Na ja. Schön, mal wieder hier zu sein.“


Ich trinke auf Euch

An Tagen wie heute fehlt mir `ne offene Kneipe. Ich sitze im Halbdunkel meiner Bude mit dem Waschmaschinen-Blues in den Ohren. Ostermontag – die freien Tage sind durch, eine Bürowoche wartet auf mich. „Bleiben Sie gesund“, sagte die Chefin, als ich vor Ostern in den Feierabend ging. Ja-Haha… Ich bin das blühende Leben – oder bestehen darüber Zweifel? Ich blühe nach innen.
Sei`s drum. Es geht immer weiter. Die Tretmühle des Lebens. Mit und ohne Corona.
Ich vermisse das Pub, den Wirt und all die anderen (mehr oder weniger) liebenswerten Suffköppe. Eine tragikomische Gemeinschaft, die sich gemeinsam-einsam durch den Tag soff. Ein letzter Ankerplatz der Versager und Vergessenen… Hier hatten sie noch Namen. Einige waren regelrechte Kneipen-Legenden.
Und nun seit Wochen alles dicht. Ich hoffe, der Wirt überlebt`s.

 

Wo der Spaß aufhört

Gespenstische Sonntagsruhe. Vielleicht auch Einbildung. Viel schneller noch, als sich das Corona-Virus ausbreiten kann, nahm ein schwer zu beschreibendes ungutes Gefühl kollektiv Besitz von den Einwohnern der Stadt.
Wie immer tätigte ich gestern Mittag meinen Wochenendeinkauf. Viele luden ihre Einkaufswägen randvoll. Einige Regale waren tatsächlich leergeräumt. Als ich zum Wein kam, griff auch ich zu. Zwei Flaschen Müller-Thurgau statt der üblichen einen. Anschließend im Pub mit der Vernichtung meiner Gehirnzellen weitergemacht. Meine Lieblingsbeschäftigung. Neben mir an der Bar saß Rainer, ein siebzigjähriger Hüne aus Münster, dem die untere Zahnreihe fast komplett fehlte. Wir fanden schnell ins Gespräch über die Virus-Panik, das Altwerden, den Trottel Trump und die trottelige Welt im Ganzen. Er hatte ein wildes Leben hinter sich. Ein Alt-Achtundsechziger, der nicht total zum Spießer mutiert war. Wir witzelten über das Virus, was der Wirt so gar nicht lustig fand, denn der hatte einen dicken Hals. Ab Dienstag sollen alle Berliner Bars, Kneipen und Clubs schließen. (Heute las ich in den Internetnachrichten, dass es wohl schon ab sofort gilt.) Scheiße. Was mache ich den lieben langen Tag, wenn Berlins Kneipen dicht sind? Was für öde Wochen stehen mir bevor?! Das ist nun wirklich nicht mehr lustig! Am Ende geht der Wirt pleite, und mein gestriger Pub-Besuch war für alle Zeiten mein letzter… Und ich dachte, ich könnte den Weltuntergang im Pub oder in irgendeiner anderen Kneipe begießen… Das Leben ist hart.
Die Sonne lacht. Wenigstens sie hat den Humor noch nicht verloren. Gute alte Sonne. Trinkst du einen mit? Nachher auf der Parkbank. Ich kann dir ein paar Geschichten erzählen. Ja, aus meinem Leben. Mann o Mann. Wir Menschen sind schon… speziell.

 

Alles nicht so einfach

Ich warte auf die Post, genaugenommen den DPD Paketlieferdienst. Ja, scheiße, ich hab`s gemacht. Ich gehöre zu den vielen Idioten, die sich ab und zu etwas bei dem Drecksverein Amazon bestellen.
In der Besenkammer stehen seit meinem Einzug gerahmte Aquarelle und Zeichnungen, altes Zeug. Die Bilder will ich aufheben und die vergammelten Rahmen entsorgen. Zur Aufbewahrung der alten Bilder benötige ich eine großformatige Kunstmappe, also schaute ich bei Amazon danach, weil`s so schön bequem ist und es da fast alles gibt. Ich bestellte mir gleich zwei (610 x 810). Heute Vormittag machte ich mich an die Arbeit, die Bilder aus den Rahmen zu nehmen. Das alte Gelump steht nun zum Wegschmeißen im Flur. Fehlen nur noch die Kunstmappen… Laut Sendungsverfolgung sollten sie bereits gestern Abend kommen.
Wieder etwas Ballast weniger, was auch gut für den nächsten Umzug ist. Ich mache mir Sorgen, dass die sowieso schon hohe Miete, die ich hier löhne, bald aufgestockt wird. Scheiß Gentrifizierung! Wenn man in Sachen Mieten die Nachrichten verfolgt, kann einem wirklich angst und bange werden. Besser nicht drüber nachdenken. Schon gar nicht über meine Zukunft mit einer Rente kaum höher als die Grundsicherung. Aber ob ich überhaupt noch zehn Jahre überstehe… Ich fühle mich manchmal unendlich müde. Gestern z.B. quälte ich mich zum Feierabend hin. Alles fiel mir unsäglich schwer. Ich wollte nur noch raus. Die Büro-Maloche macht mich total mürbe…

Der Wirt vom Pub war besser drauf als letzten Freitag. Die freitägliche Säuferliga lag in den letzten Zügen. Ich blätterte an der Bar in einer Illustrierten von der BVG mit dem sagenhaften Titel „Berlin lieben“. Offenbar wollen die Berliner Verkehrsbetriebe ihr Image aufpolieren. Ich guckte mir also die Bilder an – zum Lesen war ich zu faul. Auch interessierte mich das wenigste. Aus Mangel an anderer Stammkundschaft stellte sich der Wirt zu mir und laberte wie üblich über seine alltäglichen Befindlichkeiten. Er nuschelte. Ich verstand nicht alles. Ich nickte einfach und sonderte ein paar Bemerkungen ab, die zu allem passten wie „Alles nicht so einfach…“ oder „Da kann man nichts machen“. Er stellte Überlegungen an, wie er in zwei Jahren seinen Sechzigsten feiern sollte. Schon bei seinem Fünfzigsten waren über zweihundert Gäste gekommen. Es soll auf einem geeigneten Gelände im Freien stattfinden. „Und eine Band wird auch spielen?“ fragte ich. „Klar!“ meinte der Wirt. Ich nickte anerkennend und schaute ihn mir an, wie er hinter der Theke stand, einem Käppi auf dem wuscheligen Kopf, dem knittrigen T-Shirt mit irgendeinem lustigen Aufdruck, das über seinem Bauch spannte; wie er mit seinen großen glasigen Augen hin zur Potsdamer Straße und dem vorüberlaufenden Gewürm blickte. Sicher stellte er sich seinen großartigen sechzigsten Geburtstag vor…
In drei Jahren bin ich auch Sechzig – unglaublich! Was wird dann sein? Werde ich immer noch Tumorfälle dokumentieren, oder werde ich bis dahin selbst an Krebs erkrankt -, vielleicht krepiert sein? Werde ich noch hier wohnen? Und wie sieht`s mit den Frauen aus? Kommt da noch was?
Der Wirt spendierte mir einen Feierabend-Korn. Den konnte ich nicht ausschlagen. Er hoffte, dass Ramona diesmal etwas pünktlicher zur Ablösung da sein würde. Ich war zu müde, um bis zu ihrem Erscheinen zwischen 17 und 18 Uhr auszuharren. Dabei hätte ich ihr gern mal wieder in den Ausschnitt geguckt.

Am Beckenrand

Jeder Mensch glaubt erstmal, dass es ganz normal ist, was er um sich herum wahrnimmt. Er stellt seine Existenz nicht in Frage. Warum auch? Sein Gehirn ist in der Hauptsache aufs Überleben und die Fortpflanzung ausgerichtet. Nun wäre der Mensch aber nicht Mensch, wenn er sich nicht darüber hinaus Gedanken machen würde. Die menschliche Kultur zeugt davon, dass wir es nicht beim Herumficken von Generation zu Generation beließen, sondern außerdem Religion, Philosophie und Naturwissenschaft entwickelten. Frag mich nicht, warum. Fluch und Segen können verdammt dicht beieinander liegen. Ich tendiere zum Fluch. Nein, es ist eindeutig ein Fluch… Die Vielzahl an Indizien, warum wir besser nicht zum Homo sapiens geworden wären, sind erdrückend. Ich will jetzt aber nicht ausholen. Viel zu klar liegt alles vor mir. Man lebt einige Jahrzehnte, beobachtet die Welt und zieht seine Schlüsse. Eigentlich ganz einfach.
Gestern begoss ich meinen Feierabend im Pub. Ich hatte eine mittelschwere Woche hinter mir. Ich musste mich durchbeißen. Von Tag zu Tag. Vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte es satt, wie in einer Endlosschleife zu funktionieren. Wozu der ganze Dreck? Welcher Idiot hat das Schwimmbecken so tief gemacht, dass man keinen Grund unter den Füßen hat? Gut, ich hatte es wiedermal bis zum Beckenrand geschafft… Das Pils stand bereits vor mir auf der Theke. Der Wirt kennt mich. Ich finde es super, wie unsere nonverbale Kommunikation funktioniert. Einfach easy. Ab und zu wechseln wir aber doch ein paar Worte, d.h. er redet, und ich mache so, als ob ich zuhöre. Er hat nun mal diese Kneipe am Hals mit den immer selben Suffköppen an der Bar. Na wenn man da nicht auf Dauer was an der Waffel kriegt! Er gießt mir einen Korn ein und sagt: „Läuten wir das Wochenende ein!“ Natürlich trinkt er einen mit. „Danke“, grunze ich, „so ist das Leben.“
Neben mir sitzen noch ein paar andere Figuren. Sie berlinern, dass die Schwaden krachen. Ich verstehe nicht alles. Wenn sie lachen, grinse ich auch. Wir sitzen alle im selben Boot.
„… ein Betrunkener tastet sich an einer Litfaßsäule entlang, immer rundherum, und ruft: Wo ist denn hier die Tür??“ Alles lacht! Der Wirt kriegt sich fast nicht mehr ein. Lachtränen laufen ihm übers Gesicht. Auch mir gefällt das Bild des Betrunkenen, der um eine Litfaßsäule herumtorkelt und verzweifelt (nicht den Eingang, sondern) den Ausgang sucht. Richtig philosophisch finde ich das. Ganz stark. Und deswegen schrieb ich jetzt davon.

Das Fernsehen im Pub und „Köpfe fangen“

Rein wettertechnisch die Wiederholung von letztem Samstag. Der Biergarten ruft. Ich schlief lange und unruhig – ganze Romane geträumt, darunter die Idee für ein Spiel unter Todeskandidaten. „Köpfe fangen“ nannte ich es. Zuerst wird ein Streichholz gezogen, wer für den „Ball“ zu sorgen hat. Der Delinquent mit dem kurzen Hölzchen muss unter die Guillotine. Die anderen Delinquenten stellen sich im Kreis darum auf und müssen sich nun den Kopf des soeben hingerichteten zuwerfen. Wer ihn nicht fängt oder fallen lässt, verliert als nächster seinen Kopf und stellt somit den „Ball“…, bis am Ende nur noch der Glückliche übrigbleibt, der mit seiner Begnadigung belohnt wird. Ein Aufseher passt während des Spiels auf, dass alles ordentlich vonstattengeht. Wer z.B. den Kopf so wirft, dass er unmöglich zu fangen ist, wird kurzerhand erschossen.
Ich schielte zum Wecker. Sechs Uhr, es dämmerte bereits. Ich dachte an die bevorstehende Zeitumstellung, dass uns nächste Nacht eine Stunde geklaut wird…, drehte mich noch mal um und träumte den nächsten Unsinn.

Best idea ever, gestern nach der Arbeit noch zum Haarschneider zu gehen. So habe ich heute volle Planungsfreiheit. Ich verknüpfte meinen Frisörbesuch mit einem Feierabendbier im Pub. Das liegt quasi nebendran. Aus dem einen Bier wurden dann doch mehrere. Der Wirt spendierte mir einen Korn. Da musste ich mich revanchieren. Jeden Freitagnachmittag hängen im Pub einige gut angesoffene ab. Ich mag die Knilche, wenn ich mich auch nicht in ihre Gespräche einmische. Ich sitze ein paar Meter weg an der Bar und grinse in mein Bier. Wir saßen also an der Bar, und es lief, wie es jeden Freitag läuft, als so ein paar Heinis vom Fernsehen hereinschneiten. Sie wollten ein Interview mit dem Wirt. Der sagte nicht nein. Die Kamera zielte direkt in den schmalen, düsteren Schankraum. Ich griff mir mein Bier und drehte mich weg. So ein Scheiß! Dürfen die das einfach so – einen filmen, ohne zu fragen?!? Es ging, wie ich am Rande mitkriegte, um die Veränderungen in der Potsdamer Straße. Das Pub ist eines der wenigen Relikte, welches über die Jahrzehnte überdauerte. Der Wirt war bereits ganz schön angeschickert. Zu viele Korn, die er seinen Gästen ausgab und immer mittrank. Aber er fand sich wohl geehrt durch die Anwesenheit des Fernsehens. Wer denn so bei ihm reinkomme, fragte der Heini vom TV. Die Besoffenen hinter mir grölten und lachten. Lass den Kelch an mir vorübergehen, dachte ich. Außerdem war mein Bier leer. Ich weiß nicht, was die TV-Leute dachten, aber sie waren plötzlich so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Uff! Ich hasse nichts mehr, als in irgendeiner Form abgelichtet zu werden. War schon schlimm genug, beim Frisör vorm Spiegel zu sitzen… Man hat halt so seine Macken.
Kurz nach 17 Uhr löste Ramona den Wirt ab. Ich hatte mich warmgetrunken und genoss ihren Anblick. Allzu viele Frauen bekam man hier sonst nicht zu Gesicht. Ramona ist eine schwarze Schönheit, jedenfalls aus Trinkerperspektive. Sie nennt mich immer Tomas. „Wie kommst du auf Tomas?“ fragte ich sie. Sie zeigte mit dem Finger auf den Wirt. „Na gut, dann nenne mich eben Tomas“, lachte ich. Auch Ramona gab einen Korn aus, und ich bestellte mir noch ein Bier…
(Nein, ich versackte nicht. Bekanntlich geht man am besten dann, wenn es am Schönsten ist.)

 

 

Von Parasiten und anderen Tieren

„Ein Parasit ist ein Organismus, der sich von anderen Lebewesen (Wirt) ernährt oder diese zu Fortpflanzungszwecken befällt. Er kann den Wirt schädigen, indem er seine Organfunktionen beeinträchtigt, Zellen zerstört und ihm wichtige Nährstoffe entzieht. Ist ein Parasit an einen Wirt angepasst, ist der Befall für den Wirt zumeist nicht tödlich.“
(Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/Parasit)

Wenn man das Ökosystem der Erde als Lebewesen ansieht, dann sind wir Menschen lt. obiger Definition Parasiten par excellence. Und wir geben uns nicht gerade als an unseren Wirt angepasst (oder?). Das Ökosystem Erde wurde durch den Parasiten Mensch bereits erheblich geschädigt.

Vom Menschen mal abgesehen sind Parasiten besser als ihr Ruf.
„Nach Ansicht vieler Ökologen spricht vieles dafür, dass Ökosysteme mit Parasiten besser funktionieren als ohne. Ein gesundes Ökosystem ist in der Regel auch reich an Parasiten. Die Schmarotzer der Welt mögen ja einen schlechten Ruf haben. Doch es ist trotzdem gut, dass es sie gibt.“ (Quelle: http://www.spektrum.de/news/die-heimliche-macht/1200043)

Wir reden an Stammtischen oft vom Sozialschmarotzertum und meinen dabei immer die anderen, denn wenn wir Leistungen vom Staat beziehen, ist das natürlich okay.
Besonders ausländische Mitbürger und Flüchtlinge haben wir mit unseren verächtlichen Reden im Visier, – was daran liegen mag, dass einheimische Parasiten nur schwer Konkurrenten auf ihrem Terrain dulden.

„Leben ohne Geld verdienen zu MÜSSEN klingt nicht nach Kapitalismus sondern nach Parasitismus.“ (Quelle: http://abendglueck.twoday.net/stories/1022629019/#comments)
Ich entgegne: Der Kapitalismus ist die maßgebliche Antriebskraft des Parasitismus, welcher das Ökosystem Erde auf kurz oder lang zerstören wird.
Leben, ohne Geld verdienen zu müssen, stellt in meinen Augen eine große ideelle Herausforderung dar und hat nichts mit Parasitismus zu tun. Im Gegenteil will sich derjenige von der Abhängigkeit zum Wirt (= Wirtschaftssystem) lösen.
Außerdem habe ich nichts gegen einen Parasiten in einem parasitären System einzuwenden. Ich kann nichts Verwerfliches daran entdecken, wenn Menschen ihre Rechte auf Sozialleistungen ausschöpfen oder sich Almosen erbetteln. Sie machen damit doch nichts anderes als Manager – bloß eben am anderen Ende der Fahnenstange.
Bei Diebstahl und Betrug hört dann allerdings auch meine Toleranz auf.

Wir müssen dabei auch an jene denken, die aufgrund von Krankheit, Schicksalsschlägen, Alter und körperlicher oder geistiger Hinfälligkeit nicht in der Lage sind, ihr Leben aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Niemand käme auf die Idee, diese Menschen Parasiten zu nennen. Die Solidargemeinschaft trägt selbstverständlich die Kosten, die zur Lebenserhaltung ihrer wie auch immer benachteiligten Mitmenschen, notwendig sind. Das Dritte Reich mit seinen Euthanasiegesetzen liegt Gott sei Dank hinter uns.

Eines der größten Verbrechen der Menschheit, der Holocaust, wurde mithilfe des seit dem 18. Jahrhunderts gängigen antisemitischen Stereotypen des „Jüdischen Parasiten“ legitimiert.
Dazu ein Zitat v. 1860: „Der Jude bleibt Jude, eine Parasitenrasse, Feind der Arbeit, der allen Gepflogenheiten des anarchischen und lügnerischen Handels, der Börsenspekulation und der Wucherei frönt. Der gesamte Handelsverkehr ist in der Hand der Juden; vielmehr als die Könige oder die Kaiser sind sie die Souveräne der Zeit.“ (Pierre-Joseph Proudhon, Frühsozialist)

Zusammenfassend:

Wir sollten nicht leichtfertig von Parasiten oder Parasitismus reden, jedenfalls nicht, wenn es um einzelne Menschen oder Gruppen von Menschen geht.

„Parasiten sind besser als ihr Ruf.“

Im ökologischen Sinne kann man die Menschheit als zerstörerischen Parasiten auf dem Planeten Erde ansehen.

Der Kapitalismus brachte den Parasitismus der Menschheit erst richtig in Schwung.