Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Es war schön, die Hühner wiederzusehen. Besonders meine Bürokollegin. Ich mag das Menscheln und Lachen unter uns. Der innerbetriebliche Hickhack läuft leider nach wie vor auf Hochtouren, was äußerst anstrengend, frustrierend und ermüdend ist. Besonders meine Bürokollegin leidet darunter, weil sie sich allzu gerne in die Dinge verbeißt. Sie findet nicht immer den gesunden Abstand. Dazu private Sorgen. Sie ist Mutter einer fast erwachsenen Tochter – die Betonung liegt auf „fast“.
Also ich bin wieder mittendrin und ließ die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub mit zwei Homeoffice-Tagen ausklingen. Etwas zwiespältig meine Gefühlslage: Zum einen fühle ich mich menschlich wohl unter meinen Kolleginnen und Kollegen, zum anderen ist die Tumordokumentation sehr mühevoll und unbefriedigend mit ihren vielen Ungereimtheiten, SOPs und ewigen Diskussionen, wobei kein Ende abzusehen ist, im Gegenteil… Das Ganze ist vergleichbar mit einer Riesenbaustelle mit zig Teilbaustellen, wo einem schwindelig wird, wenn man über die Dimensionen nachdenkt. Die Dokumentation mutet dabei an wie ein riesiges Puzzle, wo Teile fehlen oder nicht zusammenpassen… Es ist zum Haare raufen. Ich bin sicher, dass ein Außenstehender nur Bahnhof verstehen würde, wenn er z.B. einer unserer Dienstbesprechungen lauschte. Selbst ich frage mich nach dreieinhalb Jahren nicht selten: Worum geht es hier eigentlich?? – Wahrscheinlich bin ich zu doof für diesen Scheiß. Zu viele parallele Strukturen und Formalismen, die beachtet werden müssen, zu viele Daten, die sich nicht einfach zuordnen lassen. Das ist alles nicht gerade die Arbeit, die ich mir für die verbleibenden Jahre bis zur Rente vorstellen mag.
Nächste Woche habe ich mein jährliches Mitarbeitergespräch… Hoffentlich finde ich die richtigen Worte zu ihren Fragen.



Das Logbuch

Das Logbuch ist auf ihrem Mist gewachsen. Die Chefin will uns eine innerbetriebliche Fortbildung ihrer Gnaden angedeihen lassen. Alle Dokumentationsassistenten/-assistentinnen sind dazu eingeladen. Die Teilnahme ist freiwillig. Am Ende werden wir damit belohnt, dass wir als (vollwertige) Dokumentare eingestuft werden. Für mich bedeutet das im Monat ca. 10 – 15 Bier mehr, die ich mir im Pub leisten kann. Ich hielt das für keine schlechte Idee, als ich vor einem Jahr damit anfing. Etwas mehr medizinisches Wissen kann nicht schaden. Und die Hühner, die allgemein ehrgeiziger sind, ermutigten mich. Nun ist das Logbuch recht umfangreich. Alle Tumorentitäten sind enthalten und darüber hinaus noch eine Menge formalistischer Schwachsinn. Insgesamt bedeutet dies ca. 30 persönliche Sitzungen mit der Chefin à 90 Minuten. Was für ein hanebüchener Zeitaufwand! Ich glaube, ich habe inzwischen etwa ein gutes Drittel hinter mir. Wenn ich in dem Tempo weitermache, bin ich mit dem Logbuch in eineinhalb Jahren durch. Auch von den Hühnern höre ich ob des Logbuch-Umfangs viele Unmutsäußerungen. Die Sitzungen haben Prüfungscharakter, und die Hühner machen sich eine Menge Stress. Meine Bürokollegin Uli war nach einem ihrer letzten Termine so fertig, dass sie in Tränen ausbrach.
Die Chefin kommt aus der Strahlentherapie und hebt stets auf ihr Fach ab. Sie verliert sich in Details, die ich mir gar nicht vorstellen kann, und die mit meiner Arbeit wirklich null zu tun haben. Sie gefällt sich augenscheinlich in der Rolle der Lehrerin. Ich glaube, dass sie das Ganze mehr für sich macht als für uns. Oft denke ich: Soll sie sich doch das fuckin` Logbuch sonst wohin schieben!
Trotz allem nahm ich mir erstmal vor, bei der Stange zu bleiben. Ich zeige damit meinen guten Willen. Außerdem sind die vielen Stunden, die ich bei der Chefin hocke, eine kleine Abwechslung zum sonst öden Arbeitsalltag. Ich kann ja soooo nett sein!

 

Nix los in der Hos

Uli ist ins Büro eingezogen. Sehr schön, nicht mehr allein vor mich hinzubrüten. Wir lachten viel. Zwei Tage war ich im Büro, drei Tage im Homeoffice. Die Arbeit selbst bietet wenig bis gar keinen Spaßfaktor. Ich bin die ewige Tumordokumentation leid. Zumal der Druck wegen unseres immensen Rückstandes zunimmt. Aber gut. Ich sehe keine Alternative. Wahrscheinlich fehlt überhaupt etwas Entscheidendes in meinem Leben… Ich schlurfe so durch die Tage. Das Leben mehr ein Müssen als ein Wollen. Aufstehen, Arbeiten, Einkaufen, Essen und Trinken – man muss halt. Und der diesjährige Sommer kriegt auch nicht recht die Kurve. Jedenfalls nicht hier.
Was für eine Woche. Der Himmel grau in grau, die Temperaturen um die 15° am Tage. Düsterkeit und Regen. Heute Morgen endlich mal wieder blauer Himmel… Ich träumte von Sonne und Fahrradfahren. Fast 12 Stunden geschlafen mit nur wenigen Pinkelunterbrechungen. Ich frage mich, woher diese Erschöpfung kommt. Vielleicht leide ich unter einem chronischen Erschöpfungssyndrom… oder mittlerweile unter einer waschechten Depression. Allerdings halte ich von solcherlei Psychodiagnosen nicht viel. Ich bringe die Dinge lieber auf den Punkt. Auf mich bezogen würde ich sagen: Nix los in der Hos.
Nein, alles in Ordnung. Als geborener Durchhänger kann ich ganz zufrieden sein, wenn ich mir überlege, was ich in meinem Leben trotz allem schaffte. Nicht, weil ich es unbedingt wollte, sondern weil ich musste. Das, was man soziale Hängematte nennt, ist nämlich alles andere als bequem und außerdem entwürdigend. Dann doch lieber tagein tagaus Tumoren dokumentieren und als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein Feierabendbierchen genießen… Mein Gott, was für eine Luftnummer das Dasein doch ist!

 

Der letzte Urlaubstag

… beginnt mit Sonne und Morgenfernsehen. Etwas klamm ist mir mit der Aussicht, ab Morgen wieder über Tumorfällen zu brüten. Eine Weiterbildung wartet auf mich. Dann die Verabschiedung meiner lieben Bürokollegin in die Rente. Ich bin gespannt, was so alles an Mails auflief – hoffentlich keine negativen Geschichten. Vorerst weiter Homeoffice?

Vor einer Woche noch Strandkorb und Meer… (Seufz!)

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Was man nicht alles macht – und die Haare sind schon grau

Ich saß geschlagene zwei Stunden bei der Chefin im Büro. Der Termin stand seit Wochen fest, und nun war es soweit. Dazu muss ich sagen, dass die Chemie zwischen der Chefin und mir nicht die Beste ist. Eigentlich von Anfang an. Meiner Meinung nach hängt sie ihren Doktor zu sehr heraus. Sie gehört zu den Medizinern, die das Fachchinesisch ohne Rücksicht auf ihr Gegenüber beibehalten. Okay, es gibt schlimmere dieser Sorte, aber mir reicht`s. Denn wenn man mit ihr redet, entsteht augenblicklich ein Gefälle. Aber gut, das ist meine subjektive Sicht. Einige meiner Kolleginnen kommen mit ihr bestens klar – auf Hühnerart. Es entsteht sowieso der Eindruck, dass die Chefin manche Mitarbeiter bevorzugt. Und das meine nicht nur ich. Der größte Hammer war, als sie in meiner Gegenwart einen Kollegen volle Kanne zusammenstauchte… ätzend und peinlich sowas. Kurz und gut: Ich bin immer froh, wenn ich sie nicht sehe.
Besonders angetan war ich also nicht von diesem Termin, wie man sich leicht vorstellen kann. Und darum isses gut, dass ich ihn hinter mir habe. Nein, so schlimm wurde es gar nicht. Es ging ausschließlich ums Fachliche. Betriebsintern dürfen sich die Dokumentationsassistenten weiterbilden. Alles ganz freiwillig, was immer wieder betont wird. Und wenn sie ein paar solcher Sitzungen hinter sich gebracht haben, werden sie als vollwertige Dokumentare geführt. Einige der Hühner legten sogleich fleißig los, während ich mich noch bedeckt hielt. Doch schließlich sprang ich über meinen Schatten und sagte mir: „Was soll`s? – Nicht zu verachten ist, dass man am Ende in der Vergütung eine Stufe höherrückt. Außerdem wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn ich auf diese Weise Engagement zeige und mein Verhältnis zur Chefin normalisiere.“
Als erstes Thema hatte ich Mammakarzinom ausgewählt. Umso mehr ich darüber in der Vorbereitung las, desto mehr schwirrte mir der Kopf. Es ist das eine, den Tumor zu dokumentieren, was im Großen und Ganzen nur ein Übertragen von Daten ist, etwas anderes ist es, sich mit den medizinischen Hintergründen auseinanderzusetzen. Ein paar Wichtigkeiten konnte ich noch in meinem Dickkopf unterbringen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viel ich in medizinischen Dingen während der letzten zweieinhalb Jahre aufrüstete. Da kann ich mir getrost auch mal selbst auf die Schulter klopfen.
Es war im Prinzip nicht anders als bei einem Zahnarzttermin. Natürlich weiß man, dass man ihn überleben wird, und in den meisten Fällen ist einem damit sogar geholfen, trotzdem ziert man sich im Vorfeld… Man muss den Zahnarzt nicht unbedingt mögen, Hauptsache er versteht was von seinem Fach. So jedenfalls meine Denke.
Als ich das Büro der Chefin verließ, hatte ich meinen ersten Stempel. Sie überredete mich gleich zum nächsten Termin Ende Oktober. Prostata dann. Ganz so eilig hatte ich es gar nicht. Auf der anderen Seite ist es vielleicht gut, wenn ich am Ball bleibe.

So ist er

Meine Bürokollegin zieht mich bei jeder sich anbietenden Gelegenheiten damit auf, dass ich jeden erstmal in Schutz nehme. Sie dagegen hetzt schon mal gern gegen andere Hühner, weil die aus ihrer Sicht schlecht arbeiten. Vielleicht kann sie das aus ihrer Erfahrung heraus besser beurteilen als ich. Ich rutsche dann schnell in die Position, dass ich sage „Jeder macht mal Fehler“ oder „Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag“ oder „Sie macht das doch nicht absichtlich“. Dass meine Kollegin nicht nur sachlich, sondern vor allem emotional wertet, merke ich daran, dass sie sich über den Mist, den ich baue, nicht aufregt – im Gegenteil findet sie noch vor mir Entschuldigungen für meine Fehler. So nimmt sie jene Personen in Schutz, die sie mag, kritisiert aber übermäßig jene, die nicht zu ihrem Dunstkreis gehören.
Ich mag eine solch sympathiegeleitete Grüppchenbildung am Arbeitsplatz nicht. Sowas schafft nur Unruhe und Feindschaft. Muss das eigentlich sein, dass es in größeren Gruppierungen immer diese Aufspaltungen mit den damit verbundenen Animositäten gibt? Wenn ich merke, dass Vorurteile mit im Spiel sind, steuere ich automatisch dagegen. So war ich schon immer. In der Schule hielt ich zu den Außenseitern, wurde zwischenzeitlich selbst zu einem. Aber ich biss mich irgendwie durch. Zum regelrechten Mobbing-Opfer wurde ich nie. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass man mich als Person meist respektiert.

Ab und zu redet man auf Arbeit auch mal über gesellschaftliche Themen. Gabi, echt Berliner Schnauze und von uns geachtete Kollegin, war gerade zum Plausch. Es ging um die Flüchtlinge, die nach Europa und insbesondere nach Deutschland strömen, und ich machte meiner Meinung Luft. Ist es nicht unsere christliche und zivilisatorische Pflicht, Menschen in Not Asyl zu geben? Stattdessen nehmen wir es hin, dass diese Menschen an den europäischen Außengrenzen abgewiesen oder unter dubiosen Umständen zurückgebracht werden. Wir nehmen es hin, dass jeden Tag Menschen quasi vor unserer Haustür im Mittelmeer ersaufen. Was ist nur mit unseren Werten?
Meine Kollegin und Gabi schauten sich kurz an und lachten. „So ist er“, meinte meine Kollegin lapidar. Ich schwieg und setzte meine Tumordokumentation fort. Alles Todesmeldungen.

 

Man macht sich so seine Gedanken

Wo bleiben die Außerirdischen? Rein statistisch gesehen müsste es in der Milchstraße von dem Alien-Gelumps geradezu wimmeln. Mir kam vor kurzem eine Idee dazu – wahrscheinlich nicht ernst zu nehmen, weil mein IQ viel zu niedrig ist. Aber ich mache mir halt so meine Gedanken. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich mir diese Theorie ausdachte. Nur nicht im Büro, denn dort ist mein Gehirn in Sachen Fantasie seltsam verkleistert, als würde auf meinem Kopf eine Zecke sitzen und fast alles außerhalb der Tumordokumentation absaugen… Im Büro bin ich einfach zu verkrampft, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ständig glotzen mich die zwei Bildschirme vor mir an und fordern mich auf, mit dem nächsten Fall weiterzumachen. Zwischendurch suchen meine Augen den Himmel, nur, um nicht ständig auf die Bildschirme und die Dokumente zu starren – in meinem Kopf indessen stumpfe Leere… Wie wäre es, wenn ich plötzlich ein echtes UFO sähe? Endlich käme etwas Schwung in die Sache. Aber da werde ich wohl lange warten müssen. Das mit den UFO-Sichtungen finde ich schon einigermaßen geheimnisvoll, – aber warum gibt es dafür bis dato keine Beweise? UFOs hin oder her, ich habe nun meine eigene Theorie, warum wir offenbar so alleine im All sind – jedenfalls in dem für uns sichtbaren. Und genau darin besteht die Krux: Wie inzwischen jedes Kind weiß, blicken wir von unserem Standort aus in die Vergangenheit. Inzwischen können wir mit dem Hubble-Teleskop fast bis zum Urknall gucken. Wir können nachverfolgen, wie das Universum wuchs und sich bis zu den heutigen physikalischen Strukturen und Erscheinungen entwickelte, welche auch für uns verantwortlich sind. Das Beste kommt eben immer am Schluss… (Ha-Ha, ein Scherz freilich). Aber es könnte durchaus sein, dass die Bedingungen im früheren Universum die Evolution von Leben noch nicht zuließen, schon gar nicht von so motherfuckin` intelligentem Leben wie uns Menschen. Ich denke einfach, dass in der Vergangenheit des Universums, welche unser Sichtfeld ausmacht, derartiges wie uns noch nicht stattfand – oder äußerst selten und vor allem zu kurz. Wir scheitern an den wahnsinnigen Größenverhältnissen des Universums. Eine Eintagsfliege sind wir aber nicht. Das gegenwärtige Universum dürfte vor Leben geradezu explodieren – jedenfalls nach meiner Theorie. Alles hat eben seine Zeit. Als Allegorie stelle ich mir eine kosmische Wiese vor, die auf einen Schlag voller blühender Blumen erstrahlt. Aber nur ein Beobachter von außen kann dieses Bild wahrnehmen.
Falls wir wirklich Besuch von Außerirdischen bekommen, dann nicht aus dem für uns sichtbaren Universum, sondern durch Wurmlöcher aus einem relativ gegenwärtigen Universum. Ich könnte mir vorstellen, dass sie uns sporadisch besuchen, um nachzugucken, wie ihre Ableger gedeihen…
Die Fantasie stirbt zuletzt.

Das Wetter ist auch heute wieder geil. Pollen schwirren wie Miniraumschiffe durch die Gegend. Auf der gegenüberliegenden Seite unseres Blauen Planeten sieht es dagegen jahreszeitlich eher düster aus – muss mich aber nicht interessieren. Ich lebe hier und jetzt! Allen Aliens einen schönen Sonntag!

Geil

Kurz vorm Aufwachen träumte ich von einem Typen, dessen Frau ihm zu seinem Geburtstag einen runterholen wollte. Aber ständig störten ankommende Gäste. Auch war die Frau nicht richtig bei der Sache. Der Typ stand ziemlich frustriert da mit seinem Geburtstagsständer…

Gut, dass ich nicht Geburtstag habe und keine Frau, die`s nicht gebacken kriegt.
Yeah – Wochenende! Was steht sonst noch an? Soll hier in Berlin ganz goldig werden das Wetter. Die sogenannten Frühlingsgefühle kitzeln.
Gestern mit ein paar Kolleginnen und Kollegen beim Mexikaner gespachtelt. Eigentlich liegt mir solch nachfeierabendliches Zusammenklönen nicht. Aber ich befinde mich derzeit in einer Situation, wo ich besser Kontakte pflegen und/oder ausbauen sollte. Es war eine nette kleine Runde, und es uferte nicht aus. Ich trank gepflegte drei Bier während des Essens. Kein Vergleich mit den Betriebsfeiern damals im Altenheim, wo gesoffen wurde, bis das Licht ausging.
Wie viele Tage hocke ich eigentlich jedes Jahr im Büro? Kann man natürlich googeln… In Berlin sind es 251 Arbeitstage für 2019, minus 30 Tage Urlaub bleiben 221. Das heißt, ich muss rund 60% des Jahres malochen. Ich saß an meinem Schreibtisch bei der Dokumentation und dachte: FUCK – much too much! Ab und zu suche ich krampfhaft nach ein paar Themen, mit denen ich mich von der Tumorscheiße ablenken kann. Du wirst blöde im Kopf, wenn du stundenlang Diagnosen, Pathobefunde und Behandlungen ins Dokumentationssystem kloppst. Gut, dass meine Kollegin wieder aus dem Krankenstand zurück ist, und ich nicht mehr alleine im Zimmer sitze. Ein Wortwechsel und ein paar Lacheinheiten zwischendurch sind Gold wert.
Okay, aber jetzt ist erstmal Wochenende. Ich freue mich auf die Sonne und den Biergarten. Eine verrückte Idee wäre auch nicht schlecht. Irgendwas, wo ich sagen könnte: Wow! Das ist der Hammer! Das verändert alles! Warum ist mir das nicht schon früher eingefallen?!
Ich denke dabei an nichts bestimmtes. Es wäre sowas wie die Geburt von etwas grundlegend Neuem – eine Erleuchtung! Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit ich mit Grübeln verbringe… Ein paar geile Gedanken sind immer mal wieder dabei, letztlich blieb es aber eine endlose Wichserei ohne durchschlagenden Orgasmus.

Zwischenstaging

Mit den Büro-Hühnern komme ich zurzeit ganz gut klar. Ich würde sogar sagen, dass ich sie ins Herz geschlossen habe – ähnlich wie damals die Alten im Altenheim. Dass ich in ihrer Mitte angekommen bin und auch in Sachen Tumordokumentation einige Fortschritte machte, sehe ich an den Neuen, die sich wie ich damals durch einen dichten Wald von Fragezeichen zu kämpfen haben, während ich die Tumorfälle mit meiner erfahrenen Kollegin inzwischen auf Augenhöhe diskutiere. Nein, ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen – ganz durchsteigen werde ich in diesem Job wohl nie. Man muss nicht alles haarklein verstehen. Sowieso kommt ein gewisses Verständnis ganz von allein. Einfach am Ball bleiben… Das größte Wissen nutzt nichts, wenn man`s nicht kapiert und daraus keine Lehren ziehen kann. Ich halte unsere überbordende Wissensgesellschaft für äußerst verwirrend und belastend für den Einzelnen. Alles wird durcheinander geschmissen. Kein Schwein blickt mehr durch. Jeder hockt auf der Insel seines seeligen Spezialwissens und spricht in Sieben Siegeln. Überhaupt wird viel zu viel gequatscht (vor allem aneinander vorbei). Unglaublich dieser tagtägliche verbale Dünnschiss!
Was ich aber sagen wollte: Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dass mir die Arbeit Spaß macht, habe ich mich doch unleugbar ein Stück weit akklimatisiert. Viel mehr muss gar nicht sein. Wenn ich mich dann noch privat von der Trennung erhole und ein paar nette Bekanntschaften mache, kann ich mich als rettungslos glücklichen Menschen betrachten.

Rührei in der Mikrowelle

Man kann eine Menge machen im Leben, z.B. Rührei in der Mikrowelle. Da unser Büro unweit der Kaffeeküche liegt, kriege ich solcherlei Ereignisse am Rande mit. Der junge Kollege mit den strahlenden Augen erklärt das Rezept. Er ist ein großer schlaksiger Kerl, ein echter Sonnenschein mit tiefer sonorer Stimme. Regelmäßig veranlasst er die Hühner zu Lachtiraden. Alle mögen ihn. Er gehört zu den Menschen, denen man schwer was krummnehmen kann. Wenn er die nötige Kohle hätte, würde er ein Fitnessstudio aufmachen, erzählte er, das sei sein Traum. Wenigstens hat er einen Traum…, dachte ich bei mir, – beneidenswert. Was man nicht alles macht. Vor ein paar Jahren hatte ich null Ahnung von Tumordokumentation, und nun verbringe ich wöchentlich 40 Stunden damit. Hätte ich wie mein junger Kollege einen Traum, würde es mir vielleicht nicht so schwerfallen. Wirklich, ich kann mir keinen Traumjob vorstellen. Mein beruflicher Ehrgeiz hält sich somit stark in Grenzen. Immerhin mache ich mit der Tumordokumentation was halbwegs Sinnvolles. Oder? Meiner Kollegin und mir kommt es immer häufiger so vor, als ob wir ohne Sinn und Verstand die Daten ins Dokumentationssystem kloppen. Das zugrundeliegende Konzept erscheint mir verworren und unzureichend durchdacht. Politischer Aktionismus? Mehr Schein als Sein? Hat überhaupt jemand den Durchblick – Krankenkassen, Ärztekammer, Senat? Die Onkologischen Zentren? – Unglaublich, wie viele Organisationen und Parteien involviert sind. Man kann nur hoffen, dass in den Leitungsebenen sehr gescheite Köpfe sitzen. Unsere Arbeit wird schon von Nutzen sein, sonst würde doch nicht solch ein Aufwand betrieben werden…
Das Wochenende steht wie immer im Zeichen des Blues. Jetzt nicht mehr über den Job nachdenken. Morgen geht`s bereits wieder ran an die Buletten. Tausende Tumorfälle warten in den Stahlschränken.

Die Fußball WM lief an. Heute Deutschland gegen Mexiko. Der Fußball bedeutet etwas Ablenkung – von der Arbeit, vom Schwarzen Hund, von allem. Ich glaube, es geht nicht nur mir so. Die Kneipen und Pubs voller Leute. Und ich mittendrin. Mal sehen, – weil zu voll mag ich es nicht. Vielleicht besser im Biergarten. Dort bauten sie eine Leinwand auf. Das Wetter scheint auch zu passen. Nur kein Stress. Notfalls schaue ich mir das Drama zuhause auf der Couch an. Nach den jüngst abgelieferten Leistungen der Deutschen Mannschaft bei den zwei Testspielen, bin ich einigermaßen besorgt. Ein Tipp fällt mir schwer. Aber Löw wird schon wissen, was er tut. Oder? Wie stark ist Mexiko? Das Ballspiel hat dort eine lange Tradition… noch aus Zeiten der Mayas. Aber natürlich hat der moderne Fußball mit den damaligen Bräuchen gar nichts zu tun. Heute steht der Spaß im Vordergrund. Na ja, und das Geld. Bei solch internationalen Turnieren auch Völkerverständigung. Ein Spiel erobert für vier Wochen die Welt. Selbst der ein oder andere Fußballignorant wird von der Stimmung mitgerissen. Das rätselhafte Wesen Mensch findet sich affenmäßig zusammen, um auf einen Bildschirm zu glotzen, wo zwei Mannschaften auf einem Spielfeld 90 Minuten lang einem Ball nachjagen, welchen sie nach gewissen Regeln in den Kasten des Gegners befördern müssen. Oder so ähnlich. Was man nicht alles macht. Mehr oder weniger leidenschaftlich. Wie Rührei in der Mikrowelle…