Es war gestern und ist doch heute (23)

Wüstennacht

Mir ist es scheißegal, ob ihr nachempfinden könnt, welche unendliche Kälte uns umgibt – nichts als Wüste, die seit 14 Milliarden Jahren auseinanderdriftet. Möglicherweise gibt es uns nur deshalb, weil gewisse Naturkonstanten zur richtigen Zeit miteinander poppten… Immerhin schenkten sie uns den Mond und Jesus – somit sind wir nicht ganz allein, wenn sich das Licht der Sterne in unseren einsamen Augen spiegelt. Ich wünsche mir eine laue Sommernacht mit einem halben Mond, der sich durch die Wolken mogelt, mit dem Zirpen der Zikaden und einem fernen Lagerfeuer, den Stimmen meiner Vorfahren, während ich mich im Schutze eines Busches zusammenkauere und den Schlaf erwarte. Meine Haut brennt noch von der Hölle des Tages. Die Erde kühlt, ich küsse sie, als wäre sie meine Geliebte…
Warum hat alles Grenzen? – die Masse der Sonne, der Erde, des Monds, des Elektrons – wir Menschen sind Künstler des Ausmessens von den Quanten bis zu den Galaxien. Wir sind zum Messen verflucht. Selbst Gott würden wir vermessen. Unser Land haben wir längst verkauft, unsere Seelen klammern sich verzweifelt an die Ahnung von Liebe. Wir sollten endlich die Wüste, die Leere um uns herum erkennen…
Wir sind eine Familie und sitzen gemeinsam auf dieser wunderbaren Erde – it`s our home. Wir erzählen uns Geschichten von guten und schlechten Zeiten. Bevor wir uns schlafen legen, küssen wir uns, küssen die Erde.
Unser blauer Planet verschwindet im Sonnensystem, im Staub der Milchstraße, hinter Galaxienhaufen, Dunkler Materie und… und… und 10 weiteren Dimensionen, die allesamt nicht dazu taugen, die Liebe zu erklären, das Sein zu erklären und uns Halt zu geben. Ich genieße die Nacht, sie beruhigt mich hier und jetzt. Noch spähe ich manchmal zu euch herüber zum Lagerfeuer, sehe eure dämonischen Schatten tanzen…

03.04.2003

Bestimmt verfahren

So was kann passieren. Ein Tag ohne Licht. Das Heulen der U-Bahn im Ohr. Morgendlicher Blues. Die täglichen Nachrichten ertrage ich nicht mehr. Auf der Wodkaflasche das Emblem eines stattlichen Hirschs. Dafür, dass ich fast 6 Jahrzehnte im falschen Universum lebe, habe ich mich gut gehalten, denke ich und grinse innerlich. Ich meine, es könnte schlimmer sein. Es ist wie auf der Kirmes. Wenn man erstmal in der Achterbahn sitzt, gibt’s kein Zurück mehr. Okay, man kann sich krampfhaft festhalten, die Augen schließen und warten, bis es rum ist. Wieso haben die anderen eigentlich so viel Vergnügen daran? Was zum Teufel ist mit denen los?! – ich kann also nur falsch sein. Dieser Gedanke beruhigt mich etwas, denn ich will mich nicht unnormal fühlen. Falsch abgebogen oder falsch gelandet. So was kann schließlich passieren. Deswegen ist man noch lange nicht unnormal. Gott sei Dank sieht man mir das auch nicht an. (Oder doch?) Ich sehe im Großen und Ganzen aus wie alle anderen. Ich wollte nie auffallen. Lieber im Boden verschwinden. Intuitiv wusste ich schon immer, dass ich hier falsch war.
Der Tag ist noch in der ersten Runde. Sein Stoizismus überträgt sich auf mich. Er ist weder ein Sprinter noch ein Langstreckenläufer. Er kommt und geht. Tage sind Staffelläufer. Ich lasse mich fallen. Ich warte ab. Wie eine Spinne in einer Zimmerecke. Mit dem Unterschied, dass die dort genau richtig ist. Jedenfalls vermute ich es.

       

Erkenntnis

Das Universum ist ein gewaltiges Kunstwerk. Betrachtest du nur einen Farbklecks, wirst du es nicht erfassen. Zerlegst du es in seine Einzelteile, wirst du es nicht erfassen. Wir Menschen geben ihm einen Rahmen, obwohl es keinen Rahmen hat. Wir sind Teil dieses gewaltigen Kunstwerks. Jeder für sich, und alle miteinander. Die Erkenntnis kommt mit dem Loslassen. Die Erkenntnis kommt mit dem Durchschauen der selbstgeschaffenen Wände. Die Erkenntnis war schon immer da. Finde dein Drittes Auge. Öffne dein Drittes Auge. Träume dich in die Welt, und du erhältst Antworten.
Vergesse, dass es dich gibt.

Lieber einen Sprung in der Platte als gar keine Platte

Es verging einige Zeit, bis im Universum biologische Lebensformen im Pool der Möglichkeiten auftauchten. Damit auch die Lebensform, die sich Mensch nannte und sich anschickte, seiner Unbedeutsamkeit zu entfliehen, sich auf seinem Heimatplaneten zur Krönung der Schöpfung kürte und lange glaubte, alles würde sich um ihn, den Homo sapiens, drehen…  Veni, vidi, vici.
Tja, das Universum bringt nicht nur sympathische Erscheinungen hervor. Ein Kommen und Gehen.
Ich sitze in der Sonntags-Tristesse fest. Der Tag zeigt sich grau und düster. Nur wenige Spaziergänger vorm Fenster… Wie ich als Kind die Sonntagsspaziergänge hasste! Ich ließ mich in meiner Bockigkeit immer weiter hinter den Eltern zurückfallen, bis meine Mutter genötigt war, nach mir zu schauen… Lange ist`s her. Ein halbes Jahrhundert. 50-mal flitzte die Erde um die Sonne. Dabei legte ich 50 x 940 Millionen Kilometer zurück. Ganz ohne blöde Sonntagsspaziergänge… Aber was bedeuten schon Zahlen? Ich könnte auch ausrechnen, wie viel Liter Bier ich in den letzten 50 Jahren trank, oder wie viele Fischbrötchen ich aß. Zumindest überschlägig.
Nein, das mache ich jetzt nicht.  
Heute ist so ein Tag, an dem ich froh wäre, wenn ich ins Pub gehen könnte: Den Wirt grinsend begrüßen. Mit ihm einen Korn trinken und seinen Geschichten lauschen. Und Thorsten zapft mir selbstverständlich ein Bier, und fragt in seiner stoischen Art, wie`s mir geht. Und ich nicke und sage: „Na ja. Schön, mal wieder hier zu sein.“


Von Fruchtfliegen und Menschen

Die Fruchtfliege, die gerade auf meinem Schreibtisch sitzt, braucht keinen Urlaub. Nehme ich mal an. Sie muss auch kein Geld verdienen. Sie lebt ganz einfach ihr Fruchtfliegenleben. Wovon ich null Ahnung habe. Inzwischen schwirrt sie irgendwo herum. Natürlich weiß ich, worauf sie scharf ist. Ich sollte einen Bierdeckel auf das Glas legen…
Nicht dass ich mit ihr tauschen wollte. Womöglich haben auch Fruchtfliegen eine Klassengesellschaft. Oder sind sie Kommunisten?
Mein Gott, was für ein Tag heute. Die Fruchtfliege und ich wetteifern um mein Getränk. Ich sehe sie oft erst, wenn ich das Glas anhebe, weil sie dann wegschwirrt. Versoffenes Biest!
Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, ich hatte mir überlegt, was meine Meinung wert ist… Früher konnte ich nie verstehen, dass einige meiner Mitmenschen zu gewissen Themen anderer Meinung sein konnten. Dass man z.B. gegen Krieg, gegen Umweltverschmutzung, gegen Diskriminierung, gegen Rassismus sein müsse, erschien mir sonnenklar. Alle Menschen müssten somit Kriegsgegner, Umweltschützer und Menschenrechtsaktivisten sein. Zumindest im Geiste. Und da ich in der Zeit der 68er pubertierte und später mit Freude die Abrüstungs-, Antiatomkraft- sowie die Grüne Bewegung wahrnahm, hatte ich noch Hoffnung…

„Du bist ganz schön naiv.“
„Was!? Wer spricht zu mir?“
„Schau nicht so blöde aus der Wäsche. Ich bin`s, die Fruchtfliege, die sich an deinem Getränk labt… Danke übrigens!“
„Hau ab, du Biest!“
„Sei doch nicht so garstig. Warst du nicht in Gedanken bei einer friedlichen und gerechten Welt?“
„Du hast doch keine Ahnung. Kümmere dich gefälligst um dein Fruchtfliegenuniversum… Warum rede ich überhaupt mit dir?“
„Baby, wir leben in ein und demselben Universum.“

Wenn der Tag mit einem Delirium beginnt, kann`s eigentlich nur besser werden.  

 

 

Man macht sich so seine Gedanken

Wo bleiben die Außerirdischen? Rein statistisch gesehen müsste es in der Milchstraße von dem Alien-Gelumps geradezu wimmeln. Mir kam vor kurzem eine Idee dazu – wahrscheinlich nicht ernst zu nehmen, weil mein IQ viel zu niedrig ist. Aber ich mache mir halt so meine Gedanken. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich mir diese Theorie ausdachte. Nur nicht im Büro, denn dort ist mein Gehirn in Sachen Fantasie seltsam verkleistert, als würde auf meinem Kopf eine Zecke sitzen und fast alles außerhalb der Tumordokumentation absaugen… Im Büro bin ich einfach zu verkrampft, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ständig glotzen mich die zwei Bildschirme vor mir an und fordern mich auf, mit dem nächsten Fall weiterzumachen. Zwischendurch suchen meine Augen den Himmel, nur, um nicht ständig auf die Bildschirme und die Dokumente zu starren – in meinem Kopf indessen stumpfe Leere… Wie wäre es, wenn ich plötzlich ein echtes UFO sähe? Endlich käme etwas Schwung in die Sache. Aber da werde ich wohl lange warten müssen. Das mit den UFO-Sichtungen finde ich schon einigermaßen geheimnisvoll, – aber warum gibt es dafür bis dato keine Beweise? UFOs hin oder her, ich habe nun meine eigene Theorie, warum wir offenbar so alleine im All sind – jedenfalls in dem für uns sichtbaren. Und genau darin besteht die Krux: Wie inzwischen jedes Kind weiß, blicken wir von unserem Standort aus in die Vergangenheit. Inzwischen können wir mit dem Hubble-Teleskop fast bis zum Urknall gucken. Wir können nachverfolgen, wie das Universum wuchs und sich bis zu den heutigen physikalischen Strukturen und Erscheinungen entwickelte, welche auch für uns verantwortlich sind. Das Beste kommt eben immer am Schluss… (Ha-Ha, ein Scherz freilich). Aber es könnte durchaus sein, dass die Bedingungen im früheren Universum die Evolution von Leben noch nicht zuließen, schon gar nicht von so motherfuckin` intelligentem Leben wie uns Menschen. Ich denke einfach, dass in der Vergangenheit des Universums, welche unser Sichtfeld ausmacht, derartiges wie uns noch nicht stattfand – oder äußerst selten und vor allem zu kurz. Wir scheitern an den wahnsinnigen Größenverhältnissen des Universums. Eine Eintagsfliege sind wir aber nicht. Das gegenwärtige Universum dürfte vor Leben geradezu explodieren – jedenfalls nach meiner Theorie. Alles hat eben seine Zeit. Als Allegorie stelle ich mir eine kosmische Wiese vor, die auf einen Schlag voller blühender Blumen erstrahlt. Aber nur ein Beobachter von außen kann dieses Bild wahrnehmen.
Falls wir wirklich Besuch von Außerirdischen bekommen, dann nicht aus dem für uns sichtbaren Universum, sondern durch Wurmlöcher aus einem relativ gegenwärtigen Universum. Ich könnte mir vorstellen, dass sie uns sporadisch besuchen, um nachzugucken, wie ihre Ableger gedeihen…
Die Fantasie stirbt zuletzt.

Das Wetter ist auch heute wieder geil. Pollen schwirren wie Miniraumschiffe durch die Gegend. Auf der gegenüberliegenden Seite unseres Blauen Planeten sieht es dagegen jahreszeitlich eher düster aus – muss mich aber nicht interessieren. Ich lebe hier und jetzt! Allen Aliens einen schönen Sonntag!

Die Stille nach dem Furz

Stundenlang könnte ich dem Surren lauschen. Ich hänge mit dem elektrischen Nasenhaarschneider am heimischen Schreibtisch ab, drehe den Kopf zur Seite und schaue auf das werktägliche Treiben vorm Fenster, aber mehr so indirekt, wie wenn man aufs Meer blickt. Die Stadt atmet. Der Verkehr pulsiert in den Adern. Die Stadt funktioniert wie ein Lebewesen. Alles Definitionssache. Das Universum zerfällt in fraktale Muster. Alles lebt gewissermaßen. Oder auch nicht…
Normalerweise würde ich jetzt im Büro sitzen und einen Stapel Tumorfälle abarbeiten. Stattdessen sitze ich zuhause wie in einer Parallelwelt und rasiere mir die Nasenhaare. Die Sonne kommt kurz raus. Gut. Gut. Heute und morgen noch zum Auskurieren. Schwach fühle ich mich. Vielleicht würde ich die Krankmeldung verlängern, wenn da nicht die Reise wäre. Ich muss mich berappeln!
Ganz schön windig draußen. Ich mag den Wind an der See. Ich setze die Segel in meinem Kopf und lasse mich treiben… Wolken und Wind, Licht und Schatten im regen Wechsel, der Blues des Lebens, die Elemente, aus denen alles besteht, explodierende Sterne, Supernovae, Sternennebel… sich in irrwitzigen Größen verlierend… Und wir diskutieren bei Plasberg, was Heimat ist.

Südlicher als der Südpol

Südlicher als der Südpol geht nicht. Stephen Hawking hat recht. Es kann kein Vorher geben, wenn die Raumzeit aus dem Nichts heraus startete. Ebenso verhält es sich mit unserem Leben. Vorher gab es mich nicht, und danach wird es mich nicht geben. Ich komme aus dem Nichts und gehe dahin zurück… Ich habe ein gutes Verhältnis zum Nichts. Wenn ich mir überlege, mit wieviel nichtigen Dingen ich mich Tag für Tag beschäftigen muss. Dann doch lieber gar nichts tun. Ich liebe es, einfach nur rumzusitzen und mir Gedanken um nichts zu machen. Ich sehe das als eine Form der Emanzipation von den Automatismen, Selbstverständlichkeiten und Traditionen an, in denen wir alle wie in einem Sumpf feststecken. Viele merken das gar nicht, oder wollen es nicht wahrhaben. Ihr Interesse an unabhängiger geistiger Erkenntnis hält sich in Grenzen. Schade, denn ich mag Diskussionen mit Menschen, die ihren eigenen Kopf haben.
Ich weiß, viele behaupten, einen eigenen Kopf zu haben, sind aber bei genauerer Prüfung (eingebildete) Blödiane und ziemlich weit davon entfernt. Zu dieser Gruppe gehöre ich hoffentlich nicht (- mit der Selbsteinschätzung ist das bekanntlich so eine Sache).

Heute Mittag zur Aussprache mit O. verabredet. Am Potsdamer Platz in einer Gaststätte. Süffiges bayrisches Bier gibt`s, und vor allem hat man seine Ruhe. Es war mein Wunsch. Ich will endlich wissen, woran ich bin. Eine vierjährige Beziehung schüttet man nicht einfach wie eine abgelaufene Konserve ins Klo.
Ganz schön bitter das Ganze. Große Hoffnung hege ich keine. Aber es wäre gut, wenn sie mir ihre Beweggründe näher erläuterte. Auch will ich gern wissen, wie sie sich die Beziehung zu mir unter den neuen Gegebenheiten vorstellt.

Warum platzt das ganze Universum nicht einfach wie eine Seifenblase? Warum muss sich alles endlos wiederholen? Auch die Varianten leiern sich mit der Zeit aus. Wozu so viele Tage leben, wenn man den Unsinn in einer einzigen hellen Sekunde erfassen kann?

Ich frage mich, wie O. mich lieben konnte.

Schönes Wochenende

Seit Hubble wissen wir, dass sich das Weltall ausdehnt. Ausgangspunkt des Ganzen ist der ominöse Urknall. Ich frage mich in diesem Zusammenhang: Wohin soll sich etwas ausdehnen, wenn es nichts außenherum gibt?

Gestern tauten unter den Kollegen und Kolleginnen die Gemüter auf. Das Wochenende stand vor der Tür, und das Wetter dazu war vielversprechend. Die Stimmung im Büro wurde immer ausgelassener. Das erste Mal seit den mittlerweile drei Monaten, die ich dort arbeite, fühlte ich mich unter ihnen angekommen. Sie sind ziemlich vital mit dem Mundwerk. Ein Spruch jagte den nächsten, ganz Berliner Schnauze. Nächsten Freitag wollen wir nach Dienstschluss eine Sause zum Biergarten unternehmen…

In einer Region auf dem Mars, die als Schweizer Käse-Terrain bezeichnet wird, wurde ein kreisrundes Loch entdeckt. Die NASA rätselt, ich auch.

Ich freue mich auf ein entspanntes Wochenende in Berlin, d.h. in Schöneberg. Der Radius für Ausflüge ist beschränkt, da ich Rufbereitschaft habe – auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass ich z.B. wegen eines Einbruchs oder eines Defekts an der Alarmanlage tatsächlich antanzen muss.

Wie kommen diese irrsinnig großen Mengen Wasser auf die Erde? Auch dazu entwickelte die Wissenschaft Theorien. Sicher weiß es aber niemand. Ich liebe es, abends bei Dokus über die Rätsel des Lebens und des Universums einzuschlafen.

Die vielen Fälle, die ich täglich dokumentiere, sind reale Schicksale. Dieser vermaledeite Krebs! Mich schaudert. Das Leben kann ganz schön gruselig sein.