Im Blubber-Modus

Buchung erledigt, Fahrkarte gekauft… nun muss nur noch Donnerstag werden. Ich liebe Reisen, die wenig Aufwand erfordern. Manchmal träume ich von einem Leben aus dem Koffer, – dass ich ganz minimalistisch, nur mit meinem kleinen Fahrrad (das auch in einen Koffer passt) durch die Welt reise. Ohne festen Wohnsitz. Natürlich bräuchte ich dazu eine Kreditkarte und ein dickes Bankkonto. Außerdem gäbe es da noch x Hindernisse mit der Bürokratie… Und schon habe ich ausgeträumt. Der Realismus ist unerbittlich.
Also backe ich weiter kleine Brötchen. Einfach über Wasser halten, ist ja auch schon was: mit einem sicheren Job, einer kleinen Wohnung in Berlin; und nun leiste ich mir eine kleine Urlaubsreise. Bescheiden geht die Welt zugrunde. (Oder so ähnlich.)
Als junger Mann freilich schienen selbst die irresten Träume noch eine Chance auf Umsetzung zu haben… Tja, hat wohl nicht ganz geklappt. Sei`s drum. Im vor mich hin blubbern bin ich auch ganz gut.

 

 

Alles ist hohl

Ich mag abwegige Ideen, also Ideen, die von unserer gelebten Wirklichkeit abweichen… teils erheblich abweichen. Auf YouTube ziehe ich mir allerlei rein: von UFO-Theorien, Präastronautik bis hin zur Hohlen Erde. Selbst die Mainstreamwissenschaft gelangte inzwischen an einen Punkt, wo irrwitzige Theorien sprießen. Wir reden vom Multiversum, von Wurmlöchern und eingerollten Dimensionen. Las ich als Kind noch fantasiesprengende Märchenbücher, so entdecke ich heute das Fantastische (Unheimliche) in den sogenannten konkreten Wissenschaften. Die Wissenschaftler erscheinen wie Magier, wenn sie über die Phänomene des Universums oder der Quantenwelt referieren. Ich weiß nicht, ob sie verstehen, worüber sie reden. Zumindest tun manche so. Erforschte Realität und menschlich erfahrbare Wirklichkeit stehen im Diskurs. Was ist Materie? Existiert sie als solche überhaupt? Was ist Raum? Was ist Zeit? Nicht einmal die genialsten Geister der Welt finden auf diese Fragen zufriedenstellende Antworten. Das Wesen der Welt bleibt ein Mysterium. Dazu gehört unser Dasein. Dazu gehören Bewusstsein und Intellekt, welche uns erst über die Welt sinnieren lassen.
Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu das alles? Ich habe oft das Gefühl, dass solche Fragen ketzerisch sind. Niemand will sie hören. Selten gab es Menschen, mit denen ich mich darüber ernsthaft austauschen konnte. Der erste und zugleich wichtigste Mensch, der auf meine Fragen einging, war meine Mutter… Als Teenager wurde mir klar, dass ich niemals aufhören kann, unser Dasein zu hinterfragen. Ich kann mich nicht der materialistischen Welt ergeben. Auf der anderen Seite blieben mir die angebotenen Religionen suspekt. Ich sah in ihnen lediglich eine Ausrede.
Gott ist tot. Er passt schon lange nicht mehr in unsere Welt. In meine Welt hätte er nie gepasst. Zu jeder Zeit wäre ich ein Ketzer gewesen. Glücklicherweise lebe ich heute und nicht im Mittelalter.
Ich glaube an nichts. Ich verleugne gar meine Existenz. Ist das nicht verrückt? Dieser absurde Nihilismus schafft erst das, was ich zu begreifen meine… Eben nichts.
Da sitze ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.

Das zumindest kapierte schon Goethe.

Zurück zur Faszination am Fantastischen: Weg von der Selbstvergewaltigung als funktionierendes Mitglied in einer Gesellschaft, die ich nicht verstehe. Weg von der irrsinnigen Bürokratie. Weg von der Leistungsgesellschaft. Weg von Ideen wie Glaube und Kapitalismus. Weg von Krieg und Ausbeutung. Weg von der Macht des Geldes. Weg von der Gewalt. Weg von den vielen Lügen…
– von mir aus hinein in eine Hohle Erde, wo das Gute nicht nur eine blasse Idee ist, sondern seit Jahrtausenden gelebt wird.

 

Im Sog der Dicken Titten

Geträumt wie ein Irrer. Als ich mitten in der Nacht aufwachte, musste ich erstmal die Wirklichkeit wiederfinden… Auf leisen Sohlen kam sie zurück: „… ich bin in meiner kleinen Berliner Wohnung und arbeite als Tumordokumentar… Ich muss nicht zurück ins Altenheim. Gott sei Dank …“
Der Wirt feierte gestern 31jähriges. 1989 im Wendejahr hatte er das Pub übernommen. Er war gut drauf. Korn floss in Strömen. Ich hatte mir einen kurzen Dienst gegönnt und läutete am frühen Nachmittag im Pub das Wochenende ein. Normalerweise trinke ich 3 Pils, blättere ein paar Zeitschriften durch, und gut ist. Aus gegebenem Anlass wurde es diesmal das Doppelte, dazu die Runden Korn, welche ich nicht zählte. Sita und ihre Kollegin erschienen mir im Verlaufe meiner Sitzung an der Bar immer reizender. Ihre strammen Körper steckten in engen roten Kleidern. Sitas riesige Brüste wogten durchs Pub. Dazu ihr dunkles Lachen „HO-HO-HO“. Ich klopfte dem Wirt auf die Schulter und sabberte: „Noch eine mehr, und wir haben Drei Engel für Puschel!“ So wird der Wirt genannt. (Habe ich hier noch gar nicht erwähnt.) Wir lachten, und der Wirt, respektive Puschel, sagte irgendwas, was ich nicht verstand. Umso betrunkener er ist, desto stärker nuschelt/puschelt er. Egal.

Die Waschmaschine läuft mit meiner Bettwäsche und den nach Zigarettenrauch stinkenden Klamotten. Einen dicken Kopf habe ich nicht. Ich schaffte rechtzeitig den Absprung. War echt an der Grenze.
Ich sitze (wie meist) planlos am Schreibtisch, zur Hälfte glücklich darüber, dass ich am WE keinerlei Verpflichtungen habe, zur anderen Hälfte überschattet von meiner Einsamkeit. Sowieso ist das Wochenende kurz. Auch die Arbeitswochen sind kurz, jedoch in Unfreiheit. Ich stecke fest in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Überlebensmaschinerie, werde im Takt dieses monströsen Apparates durch die Wochen gezogen. Wurde ich dafür geboren? frage ich mich oft, und: Wieso finde ich keinen Weg heraus aus diesem Kerker? Und wo würde ich landen – fände ich einen Ausweg, bevor mich der Tod holt? Oder: Finde ich zu Lebzeiten nur geistigen Frieden, indem ich mein Begehren nach Freiheit und Wahrhaftigkeit verrate? Wie viel Bewusstsein kann ich mir leisten?
Immer wieder wundert es mich, dass die meisten Menschen um mich herum sich wenig bis gar nicht zu diesen existentiellen Problematiken äußern… Viele Fragen liegen mir auf der Seele, für die sich kaum jemand zu interessieren scheint. Umso schöner, wenn ich zufällig auf einen Menschen stoße, der meine Fragen ernsthaft reflektiert. Erst gestern Abend geschehen, als ich im Halbsuff YouTube durchstöberte und auf Jochen Kirchhoff stieß… streckenweise inspirierend dieser belesene philosophische Kauz.

Schätzungsweise wird es mich auch heute Nachmittag wieder ins Pub ziehen. Fußballbundesliga: 15 Uhr 30 Hertha gegen Paderborn, gleichzeitig Union gegen Leverkusen.

 

Sternenstaub

Vorm Aufstehen einen 90minütigen Vortrag zu den astronomischen Voraussetzungen für intelligentes Leben reingezogen. Prof. Lesch referiert. Etwa in der Mitte nicke ich wieder ein und träume von einer Klassenfahrt mit Lesch als Lehrer, und der labert und labert… Mein Gott, denke ich, wo nimmt er nur die Energie her? Und dazu so witzig! So spricht er z.B. von der Inkontinenz des Mars, der seine Atmosphäre nicht halten kann, und von der erektilen Dysfunktion des Menschen in der bemannten Raumfahrt, der seit 50 Jahren keinen mehr hochkriegt, also so richtig hoch, wenigstens bis zum Mond. Haha! Der hätte mal meine Morgenlatte sehen sollen…
Schließlich führt er das anthropische Prinzip an: Jedes intelligente Lebewesen, welches ist, kann sich selbst nur dort vorfinden, wo intelligentes Leben möglich ist (John Leslie). Ich ergänze: Also im Pub. Das Ende des Vortrags kriege ich nicht mehr mit, weil meine Blase drückt und ich mich als ausreichend ausgeschlafen betrachte. Ich höre noch, wie Lesch sagt: „Und das ist wahrscheinlich der schönste Satz meines Vortrages: Der Mensch besteht zu 95% aus Sternenstaub.“ Ich reibe mir die Augen und wanke zum WC. Dann lasse ich hier mal etwas Sternenstaub…

Weihnachten ist rum, und die Sonne lacht. Doch der nächste menschliche Irrsinn steht bereits vor der Tür. Über Sieben Milliarden Menschen weltweit lassen es krachen, nennen es Silvester. Was denken sich wohl intelligente Besucher von anderen Sternen, wenn sie das sehen. Ehrlich, ich schäme mich für meine Miterdbewohner. Liebe Außerirdische, es ist nicht das, wonach es aussieht. Es ist ein alter Brauch. Wir verabschieden das alte Jahr und begrüßen das neue. Völlig harmlos. Also fast. In Berlin bunkert man sich am Besten ein. Die Berliner übertreiben es ein wenig. Sie saufen und haben sich nicht mehr unter Kontrolle. Eigentlich sollte fürs Knallen wie im Straßenverkehr eine Promillegrenze gelten. Es gibt einfach zu viele Menschen, die geistig zum Saufen nicht befähigt sind, oder es nicht lernten. Ich weiß, wovon ich rede. Nichts Schlimmeres als Kneipengäste, die blöd werden, weil sie nicht saufen können. Man sollte „Gepflegtes Trinken“ als Pflichtfach in der Schule einführen, das würde diese alkoholischen Auswüchse reduzieren. Hätte mir vielleicht damals geholfen. Aber nun ist`s zu spät… Auch die Einführung eines „Sauf-Zertifikates“ könnte helfen. Das müsste dann für alle über Vierzehn Pflicht sein und alle zwei Jahre wiederholt werden. Am besten in der Kombination mit einem Erste-Hilfe-Kurs.
Ich merke schon, ich stecke voller guter Ideen heute. Prinzipiell glaube ich ja an die Intelligenz des Menschen. Wenn da nicht diese Ausreißer nach unten wären… Die müssten wir noch in den Griff kriegen, das wäre einen Asbach Uralt wert! Haha!
Ich kann mir gut vorstellen, dass Prof. Lesch auch gern mal einen hebt. Es sei ihm gegönnt. Immer und immer wieder uns Dumpfbacken das Universum erklären, macht bestimmt mürbe. Ich würde sehr gern mit ihm gepflegt einen trinken gehen. Wir sind gar nicht so weit auseinander, ich meine in Jahren. Und wenn wir dazu meinen Hausarzt einladen, können wir zur Auflockerung eine Runde Skat kloppen…, bevor die geistigen Getränke wirken.

 

Nichts ist, wie es scheint

Ich träumte von Costa, meinem Lieblingsgriechen (in meiner alten Heimat). Im Traum war er allerdings Italiener, der das beste Tiramisu ever machen konnte. Das Tiramisu stellte sich im Traum dann als belegte Sandwiches heraus bzw. Baguette-Brötchen, auch unter La Flute bekannt. Süßspeisen mag ich eh nicht. Jedenfalls stand Costa in Rivalität mit einem Franzosen. Dessen belegte Sandwiches waren zwar nicht annähernd so gut, aber er konnte sie besser anpreisen und verkaufen; und so gewann der Franzose den Wettbewerb. Ich war wütend, denn nichts hasse ich auf der Welt mehr als solche zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten. Ich hätte es Costa gegönnt. Nicht umsonst war er mein Lieblingsgrieche, respektive -Italiener…
Was wollte mir dieser Traum nur sagen?
Vielleicht: Ich habe Appetit auf ein lecker belegtes Sandwich, und nichts ist, wie es scheint.

Viele Nachmittage verbrachte ich damals in Costas Gaststätte an der Bar und trank. Ich kann mich nicht erinnern, bei ihm jemals gegessen zu haben. Doch: Ab und zu bestellte ich Gyros zum Mitnehmen. Unglaublich, was man sich im Suff alles reinhaut… Das waren die Neunziger. Ich pendelte 30 Kilometer zwischen Wohnung und Altenheim, wo ich in einer Dachmansarde hauste, um nicht täglich hin und herfahren zu müssen. Mitunter praktisch, zwei Schlafplätze zu haben. Das sorgte für Abwechslung und hielt mich in Bewegung, denn ich pendelte die 30 Kilometer mit dem Fahrrad. Noch heute träume ich manchmal, ich hätte irgendwo eine Wohnung, die ich nur vergaß.

In zwei Wochen ist es soweit, dass ich mal wieder meine alte Heimat besuche. Wahrscheinlich gehen mir deshalb vermehrt solche Erinnerungen durch den Kopf. Ich habe nicht vor, irgendjemanden zu treffen. Sicher ein paar der alten Plätze aufsuchen, u.a. den Friedhof, auf dem meine Eltern seit 2013 ruhen. Nein, auf Wiedersehensgespräche mit alten Bekannten habe ich keinen Bock. Es gibt nur wenige alte Freunde, an die ich öfter mal denke, und die verlor ich aus den Augen. Kapitel abgeschlossen.
Eine gewisse Aufregung vor dieser Reise in meine Vergangenheit kann ich nicht verhehlen…, wird sicher emotional. Einen Rückzieher schließe ich aber aus.