Eine Fantasie, die an ihrem Ende ist

Ärgerliche Wolken schieben meine Träume beiseite. Ich schwächele. Der Dienstag schlägt den Montag tot, der Mittwoch den Dienstag, der Donnerstag den Mittwoch und der Freitag den Donnerstag. Heute ist Samstag. Der Wodka schmeckt immer gleich.
Worte fressen sich wie saurer Regen durch mein Herz. Ich kann ihnen nicht entweichen. Die Enttäuschung ist übermächtig. Ich schwächele.
Ich fliehe vor der Hilfe. Ich werde niemals ein Vogel sein. Und auch kein Fisch. Oder Eisbär.
Auf der Couch lasse ich meine Arschbacken tanzen.

Wach bleiben!

„Wach bleiben!“ schrie der Kontrolleur, als er durch die Reihen schritt. Wozu? dachte ich bei mir… Der neben mir sitzende Jüngling raunte: „Hey, Opa, warum bist du hier?“ „Ungeimpft“, gab ich zurück und verzog keine Miene. Ich glaubte, ein Flüstern und Kichern zu vernehmen. „Ruhe!“ schrie der Kontrolleur. Ich schaltete ab und versank in einen Wachtraum. Mauern wurden hochgezogen und gleichzeitig wieder eingerissen. Es war ein Wettlauf. Das Ende offen. Gesichter fielen von Gesichtern ab – maskengleich. Ich sah mich als Kind mit einem Lutscher im Mund durch die Gassen meiner Heimatstadt schlendern. Die Häuser wurden zu Raumschiffen. Ich wollte weg von den Kontrolleuren und Schreihälsen. Sie machten mich krank. Ihre Welt überzeugte mich nicht. Tarzan dagegen fand ich cool. Oder Robin Hood…
Der Zug, in dem wir saßen, fuhr in seinen Bestimmungsbahnhof ein. Die Weichen waren gestellt. Durch das Ruckeln kehrte ich zurück in die unliebsame Realität. Der Jüngling neben mir grinste mich breit an: „Wieder wach, Opa?“ Ich entgegnete nichts. Wozu?… Zauberland ist abgebrannt.

  

Ungewissheiten aushalten

… ist ein No-Go in einer Technokratie.
Wissenschaftler träumen von der Weltformel. Der Staat träumt von der absoluten Kontrolle über die Bürger. Die Bürger ihrerseits träumen von garantierten Sicherheiten in allen Lebenslagen, ewiger Gesundheit und Wohlstand. Die Ingenieure träumen von Technologien, die Unmögliches schaffen.
Und alle glauben daran, dass sie ihren Träumen näherkommen. Man müsse nur an gewissen Stellschrauben drehen, einige Verbesserungen vornehmen, die richtigen Maßnahmen ergreifen und das ein oder andere noch erforschen. Früher oder später werde man Herr der Lage sein. Wer daran zweifle, der stehe nur im Weg.
In den Geschichtsbüchern können wir von Zeiten lesen, als Menschen anderen Glaubens verfolgt, ausgegrenzt und ermordet wurden. Die Religionsfürsten hatten damals das Zepter in der Hand. Heute sind es die Herrscher über Kapital und Kommunikation, die meinen, die Geschicke der Menschheit lenken zu müssen. Sie beenden das Zeitalter der Aufklärung und erklären Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft zur neuen Religion. Man habe den Stein der Weisen gefunden. Auch die letzten Ungewissheiten würden ausgeräumt werden. Die Menschheit sähe einer segensreichen Zukunft entgegen, einer Zukunft ohne Krieg, Krankheit und Armut. Allerdings müsse man vorher noch eine Zeit lang die Arschbacken zusammenkneifen sowie die hartnäckigen Zweifler beseitigen. Das sei angesichts der großartigen Aussichten hinzunehmen.
Also mir ist es lieber, einige Ungewissheiten auszuhalten, mit Ungewissheiten zu leben, als in eine perfekte Welt verschraubt zu werden. Ich falle auf ihre Verführungen und Scheinheiligkeiten nicht herein. Ich bin einer jener Zweifler, die ihnen im Weg stehen. Ich träume von einer Welt, in der kein Mensch über einen anderen herrscht. Ich träume von einer friedlichen Zwiesprache mit Himmel, Erde und allen Mitgeschöpfen. Ich träume von einem Meer der Freiheit und dem Glück in einer lauen Sternennacht… Bastelt euch meinetwegen eine perfekte Welt. Ich lehne dankend ab.

Ich wachte auf

… und alles erschien mir völlig unmöglich – wie die Welt ist, wie die Welt geformt ist mit ihren Dingen und Kräften. Es war, als ob ein Kartenhaus zusammenbricht, und ich plötzlich verzweifelt in einer absoluten Leere stehe, haltlos und verloren… Was ist das Leben? Was soll das alles?!
Ich versuchte zurückzufinden in die vertraute Ordnung, in die Selbstverständlichkeiten, die plötzlich wegbrachen. Kann es sein, dass hinter der Wirklichkeit nichts ist… gar nichts? Ist, was ich täglich schaue, lediglich eine fragile Fassade?
Es dauerte ein gutes Weilchen, bis sich der Schrecken der absoluten Nicht-Verortung (in dieser Welt) wieder legte. Die steife scheinbar unabänderliche Normalität stellte sich langsam wieder her. Ich glitt zurück in den Kokon meines Lebens…
Ein gruseliger Schauer blieb, der sich kaum in Worte fassen lässt.

 

Neutralisiert

Mich dünkt, es ist schon wieder Sonntag – und ich starte in die 2. Urlaubswoche… seufz.
Gestern saß ich nach dem Einkauf ein Stündchen im Nelly-Sachs-Park. Der ist gemütlicher als der großflächige Park am Gleisdreieck. Stimmungssache, wo es mich hintreibt. Ich platzierte mich auf eine Parkbank mit Blick auf den Teich und die dahinter aufragenden Hausfassaden. Die Sonne arbeitete sich fleißig durch die dahinziehenden Wolkenflotten. Lieblingsmusik und süffiges Oktoberfestbier hoben meine Stimmung nicht wesentlich – ich fühle mich derzeit wie neutralisiert.

In der Nacht diesmal keine angenehmen oder lustigen Träume. Stattdessen ärgerte ich mich über einen Chef, der mich rausschmiss. Er kam als Zyklop daher. Ich regte mich tierisch auf. Meine Sichtweise und Argumente interessierten ihn nicht. Der Zyklopen-Chef ließ mich kalt lächelnd abblitzen. Null Chance. Beinahe wäre ich ihn körperlich angegangen…  
Danach träumte ich von einer Gruppe Delinquenten, die einer nach dem anderen von einer regenbogenfarbenen Lichterscheinung gemeuchelt wurden. Die Lichterscheinung stellte sich dar wie in der Luft schwebende, parallel aneinandergeheftete Strohalme. Das sah erstmal nicht bedrohlich aus…, bis sich die Einzelteile als Mini-Laserschwerter herausstellten, die sich auf der Suche nach einem Opfer voneinander lösten, um es gnadenlos anzugreifen und zu durchbohren. Kaum ein Körperteil wurde ausgespart. Sie nahmen sich immer nur einen der Männer vor und fügten sich dann wieder zu der anfänglich beschriebenen regenbogenfarbenen Formation zusammen. Die Männer schrien und schlugen wie wild um sich, aber es nützte nichts. Dazu war ein monotones Summen zu hören, nicht laut, etwa wie bei einer Leuchtröhre. Mit diesen Eindrücken wachte ich auf. Schon lange nicht mehr so schlecht geträumt.

Immerhin: Mir bleibt noch eine ganze Woche Urlaub! Mit jedem Tag kann sich alles ändern. Oder nichts. Dann ist es so. Das Herz schlägt. Die Lungen füllen sich mit Luft. Die Verdauung funktioniert. Ich kriege Rückmeldungen von allen Körperteilen – mehr oder weniger angenehm… Man wird alt. Auch immer wieder ein Thema: das Altwerden. Es ist widerlich.

Ausgeträumt

„Wer keine Wurst will, der kriegt auch keine“, rief ich in die Runde, als ich mich daranmachte, das Essen zu verteilen. Ich lachte laut los über meinen Satz – und davon wachte ich auf… Ich blinzelte in die abgedunkelte Wirklichkeit meiner Wohnstatt und schielte zum Wecker auf dem Nachttisch. Doch schon 7 Uhr 30. Mit Bedauern registrierte ich, dass ich ausgeschlafen war. Ausgeträumt!
Ich zog den Vorhang auf und blickte in einen weiteren Regentag. Na gut, grummelte ich, das Leben ist kein Ponyhof – eine Lieblingsplattitüde meiner Ex… Der letzten? grübelte ich, oder der Vorletzten? Egal. Vielleicht der Zukünftigen – har, har, har! – Und diesmal lachte ich in realo.
Das Procedere Bett machen, Abwasch vom Vortag erledigen, die morgendliche Toilettensitzung zur Entspannung meiner Eingeweide und das Hochfahren des Computers hatte ich binnen weniger Minuten erledigt. Übung macht den Meister. An Übung sollte es mir in meinem 59sten Lebensjahr nicht mangeln, zumindest bei gewissen elementaren Verrichtungen. Eine weitere Plattitüde in diesem Zusammenhang ist: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ich komme gern möglichst schnell zum Vergnügen. Per fiktivem Gong rief ich den Frühschoppen aus. Ich setzte mich mit einem Drink an meinen Schreibtisch und ging die Nachrichten durch, ohne wirklich an den Nachrichten Interesse zu haben. Aber mal sehen, was der Wetterfrosch im Internet sagt: Regenschauer heute, Regenschauer morgen, Regenschauer übermorgen… Regenschauer die gesamte nächste Woche, dazu Temperaturen zwischen 10 und 15°C. Schön, und jetzt die gute Nachricht…
Wie ein eingesperrter Tiger tapste ich durch meine Vier Wände – hin und her, von Zimmer zu Zimmer (ich habe immerhin zwei und die Küche) auf der Suche nach der guten Nachricht. Sie musste hier irgendwo verborgen liegen. Ich zog meinen fiktiven Indiana Jones Hut tief in die Stirn und knallte mit der fiktiven Indiana Jones Peitsche – Klatsch! Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich den Schatz gleich entdeckte! So funktionieren Abenteuerfilme nicht. Der Held muss erst allerhand Schwierigkeiten meistern. Okay, dachte ich, ich lege eine Pause am Schreibtisch ein, nicht dass mir die dunklen Mächte meinen Drink wegsaufen.

Erkenntnis

Das Universum ist ein gewaltiges Kunstwerk. Betrachtest du nur einen Farbklecks, wirst du es nicht erfassen. Zerlegst du es in seine Einzelteile, wirst du es nicht erfassen. Wir Menschen geben ihm einen Rahmen, obwohl es keinen Rahmen hat. Wir sind Teil dieses gewaltigen Kunstwerks. Jeder für sich, und alle miteinander. Die Erkenntnis kommt mit dem Loslassen. Die Erkenntnis kommt mit dem Durchschauen der selbstgeschaffenen Wände. Die Erkenntnis war schon immer da. Finde dein Drittes Auge. Öffne dein Drittes Auge. Träume dich in die Welt, und du erhältst Antworten.
Vergesse, dass es dich gibt.