Vom geistigen Abstand halten

Das neue Jahr fing an, wie das alte aufhörte. Mehr oder weniger. Für mich privat und im Job.
Die Hühner wie immer fleißig am Gackern und Dokumentieren. Zu fleißig für meinen Geschmack. Ich komme nicht immer hinterher. Ich will auch gar nicht hinterherkommen. Anrufe wie „Können wir Dir etwas abnehmen?“ nerven mich. Ich hasste schon immer den Wettbewerb. Das Hervorgetue ist nicht meine Welt. Am Schlimmsten fand ich es in der Altenpflege. Wie abscheulich, damit anzugeben, wie viele Bewohner(innen) man bis zum Frühstück schaffte. Ich konnte da nie mithalten. Wurde halt hinter meinem Rücken getuschelt. Scheiß drauf! Es waren ja nicht alle so arschgeigenhaft drauf. Irgendwie brachte ich es hin, dass man mich meist in Ruhe ließ. Einige dagegen bekamen die volle Breitseite des kollegialen Unmuts ab, – wurden z.B. bei der Pflegedienstleitung angeschwärzt im Sinne von: „Wir sehen nicht ein, dass wir für diese Schlaftablette mitarbeiten“. Ich fand so was immer extrem mies… Von den Rädelsführern hielt ich geflissentlich Abstand.
Solch niederträchtiges menschliches Verhalten begegnete mir nicht nur in Schule und Beruf, sondern auch im Privaten. Ich gehe so weit zu sagen, dass alle Bereiche menschlichen bzw. gesellschaftlichen Lebens durchseucht sind von solch kleingeistigen Umtrieben. Mehr oder weniger. Man muss nur mal in den jetzigen Corona-Zeiten genau hinschauen… Ehrlich, ich mache mir mehr Sorgen um den gesellschaftlichen Frieden als um Covid-19.

 

Es schneit!

… Kinder, es schneit! Hier in Berlin ist es leider noch etwas zu warm, als dass es liegenbliebe. Ich kann mich kaum vom Fenster losreißen. Der Himmel sieht so aus, als würde noch einiges in ihm stecken…
Morgen ist dann endgültig das ganze Weihnachts-Jahresend- Silvester- und Neujahrsgedöns vorbei. Die Welt dreht sich weiter in einer inzwischen weitgehend etablierten Corona-Normalität: jeden Tag neue Zahlen, politische, gesellschaftliche und medizinische Einschätzungen, Homeoffice, die Fortsetzung des Lockdowns, Corona-Aussichten… Tagtäglich werden wir vom kürzlich angelaufenen deutschlandweiten Impfgeschehen hören, knüpfen sich doch so viele Hoffnungen daran. Leider fehlt es bisher am nötigen Durchblick, um zu sagen, wohin die Reise in den nächsten Monaten gehen wird.

Der Blick aus dem Fenster zeigt: Es schneit gemächlich vor sich hin. Die geparkten Autos tragen inzwischen weiße Hauben. Wenige eingemummelte Spaziergänger huschen über das Pflaster. Ich hocke in der warmen Bude und setze mein Nichtstun der letzten Tage fort… Zum Wochenanfang dann zurück ins Büro – den Hühnern ein frohes Neues wünschen… und ein paar Stunden mit der Tätigkeit verbringen, die mein Job ist. Muss sein.

  

Ich bin mir selbst die schwerste Geburt

Gestern begann das große „Frohe Weihnachten-rutsche gut ins Neue Jahr- (trotz Corona) -und bleibe gesund-Wünschen“ unter den Hühnern. Man kommt aus dem Wünschen gar nicht mehr raus. Selbst ich konnte mich nicht ganz entziehen. Ich gehöre zu den wenigen Hanseln, die die Stellung halten. Wobei ich von den verbleibenden 6 Werktagen 4 im Homeoffice verbringen werde. Das Jahr wird sehr gemütlich ausklingen… Viel Muße zum in der Nase bohren, oder fürs Bloggen. Ich könnte gegen die Leere in meinem Kopf anschreiben. Die moderne Physik lehrt, dass es keine absolute Leere gibt. Das lässt hoffen. Und dann schlummert in meinem Rucksack immer noch Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“. Ich schaffte es erst etwa bis zur Mitte, bis zum Kapitel „Frjasewo – Kilometer 61“. Der Ich-Erzähler und ein Mitreisender stoßen gerade auf den großen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe an… Im Weiteren philosophieren sie betrunkener Weise übers Trinken. Ich überfliege ein paar Zeilen und merke, dass ich noch zu nüchtern zum Weiterlesen bin. Dumm nur, dass mir, wenn ich das nötige Level hätte, nicht mehr der Sinn nach Lesen steht, meistens jedenfalls. Die Lektüre dieses Schmökers kann also noch dauern, wie so vieles. Da steht z.B. noch dieses angefangene Bild „Eine Taube, die aus dem Bild fliegt, in Puerto de Mogán“ auf der Staffelei… Warum male ich nicht einfach weiter daran? Auf was warte ich?


Hatschiii!

Über mir zog ein junges Paar mit Kleinkind ein. Gerade hörte ich sie im Treppenhaus, als die Mutter mit dem Kinderwagen die Stufen hinunterpolterte. „Rumms, rumms, rumms…“ Das Kind scheint brav zu sein. Selten höre ich es schreien oder weinen… Der Tag beginnt trübe. Ohne Schreibtischlampe würde ich die Tastatur kaum erkennen. Ich tippe so vor mich hin… als klimperte ich auf einem Piano Versatzstücke von Melodien, planlos… Für die Gemütlichkeit könnte ich ein paar Kerzen anzünden. Der Sonntag-Blues – O Yeah! Morgen winkt mal wieder ein Bürotag. Ich werde ein paar der Hühner wiedersehen. Schön, schön. Trotzdem wird die Zeit mit der Tumordokumentation lang werden. Schon komisch das alles (Leben, Welt und Trallala). Heute Morgen nach dem Aufstehen hatte ich das Bild vor Augen, dass das Nichts nieste und damit die Welt erschuf… Ich muss oft niesen, vor allem, wenn ich ins Büro komme oder vom Kalten ins Warme. Wer weiß, warum das Nichts niesen musste. Kinder entstehen auch durch eine Art Niesen. Der Penis des Mannes niest in die Muschi der Frau. Und schon nimmt das Elend seinen Lauf…


Keine Panik auf der Titanic

Der Sessel auf dem Gehsteig vor meinem Fenster bekam Zuwachs von einem Fahrradrahmen, einem Tintenstrahldrucker, einem großen Pappkarton und einem Kofferbett. Die Sonne steht knapp überm Horizont. Der Himmel schimmert hinter Dunstschleiern bläulich. Sieht kalt aus draußen. Auf den geparkten Autos bildete sich über Nacht Raureif… Meine Woche ließ ich im Homeoffice ausklingen. Die Arbeit am Rechner ist stupide. Nichts als Tumordiagnosen, Tumorbehandlungen, Tumorverläufe, Tumor-Histologien… Mammakarzinome, Lungenkarzinome, Kolonkarzinome, Nierenkarzinome, Harnblasenkarzinome, Prostatakarzinome, Pankreaskarzinome, Leberzellkarzinome, Melanome, Sarkome, Hirntumoren, Gynäkologische Tumoren, HNO-Tumoren, Lymphome, Leukämien… Nach bald vier Jahren bin ich der Tumordokumentation langsam aber sicher überdrüssig. Das Einzige, was meinen Arbeitsalltag aufhellt, sind die sozialen Kontakte, welche sich durchs Homeoffice stark reduzierten… Und von wegen Ausgleich: Im Zuge der Kneipenschließungen begegne ich oft tagelang keiner einzigen vertrauten Seele, abgesehen von der netten Supermarktkassiererin… Aber gut, ich will nicht jammern. Wenigstens habe ich einen sicheren Job. Die Maläsen halten sich in Grenzen, und in meinen vier Wänden finde ich es heimelig. Ich pflege meinen Corona-Speck und glotze die Mediathek rauf und runter. Dazu kommen die reizenden Kontakte mit den Bloggerinnen und Bloggern auf WordPress. (Huhu!)

Ohne dass ich es merkte, schob sich ein dicker Umzugslaster vor mein Fenster. Im Treppenhaus begegne ich immer wieder fremden Gesichtern. Die Umzugstätigkeit war in diesem Jahr rege. Ob das mit Corona zusammenhängt(?) Umziehen wäre ziemlich das Letzte, was ich jetzt wollte. Ich hoffe doch nicht, dass in naher Zukunft die Miete steigt… Scheiß Zukunftsängste, die wie lästige Fruchtfliegen im Kopf herumschwirren und denen nicht beizukommen ist. Was haben die nur alle mit Corona? – als gäbe es keine anderen Bedrohungen im Leben.  

Schätze, ich hänge im Dauerblues fest. Nicht tragisch, denn ich mag Blues. Nicht nur als Musik, sondern auch als Lebensgefühl. Da habe ich all denen was voraus, die mit Blues-Zeiten nicht so gut klarkommen. Ich freundete mich schon früh mit meinem verkorksten Leben an. Was nicht ist, das ist eben nicht… (Nr. 50437 meiner persönlichen Lebensweisheiten) oder: Keine Panik auf der Titanic.



Was für eine Woche

Die Übergabe des Firmenlaptops an meine Bürokollegin klappte problemlos. Wir teilen uns jetzt die HO-Zeit. Sie ist happy! Und ich freue mich, dass ich ihr damit aus ihrer latenten Unzufriedenheit helfen konnte.

Dann die US-Wahl, die uns seit Mittwoch in Atem hält. Sie verwies sogar Corona zeitweise auf Platz 2 in den Schlagzeilen. Trump wird man wohl gewaltsam aus dem Weißen Haus entfernen müssen. „Nein, ich will nicht!“ wird er wie ein trotziges Kind schreien, während sie ihm die Zwangsjacke überziehen…

Corona ist freilich dauerpräsent. Wir befinden uns im Wellenbrecher-Lockdown, wie er genannt wird. Momentan bäumt sich die Welle aber eher auf. Rund 21 Tausend Corona-Positive innert 24 Stunden!

Die Woche klingt ohne ein Feierabendbier im Pub aus. Sehr bedauerlich. Es ist einfach nicht dasselbe.

 

Fuck! – There`s no spring on Mars

Eigentlich wollte ich die ganze Woche im Homeoffice verbringen. Doch als mich meine Bürokollegin am Dienstag anrief, um mir mitzuteilen, dass der Corona-Test des Kollegen negativ ausgefallen war, entschloss ich mich kurzerhand, zwei Bürotage einzuschieben. Ich brauchte dringend etwas Abwechslung, zumal ich auch das letzte Wochenende vorwiegend in den eigenen vier Wänden verbracht hatte. Ich kann ganz gut ein paar Tage lang alleine verbringen… aber alles hat seine Grenzen. Die zwei Tage Büro taten mir wirklich gut. Die Launen meiner Bürokollegin ertrug ich gelassen. Ich freute mich über jeden direkten verbalen Kontakt, über jeden Blickkontakt und jedes Lächeln. Und der Feierabend fühlte sich wieder nach Feierabend an.
Ich war regelrecht sozial ausgehungert nach sechs Tagen zuhause. Radio und Fernsehen halfen nur bedingt zur Ablenkung. Der direkte zwischenmenschliche Kontakt ist eben durch nichts zu ersetzen. Auch wenn die Fallzahlen weiter steigen werden, will ich nächste Woche wieder wenigstens zwei Tage ins Büro.
So hangele ich mich von Wochenende zu Wochenende. Die nun herbstliche Witterung macht das Ganze auch nicht gerade besser. Wärme, Sonnenlicht, die Aufenthalte in Park und Biergarten fehlen mir. Ich darf an die monatelange Durststrecke bis Frühling 2021 gar nicht denken. Aber okay, mir geht`s gut. Ich habe einen Arbeitsplatz, ein Dach überm Kopf, genug zu essen und trinken und Zentralheizung. Ich habe Computer, TV und Hi-Fi. Warme Socken und Pullover liegen im Schrank bereit. Ich stelle mir einfach vor, ich wäre auf einer Reise zum Mars, wobei ich es recht komfortabel hätte. Und wenn ich den Mars erreichte, wäre Frühling…


Vorerst Homeoffice

Kurz vor Feierabend ein Anruf von der Chefin. Sie bat mich, vorerst im Homeoffice zu bleiben. Ich sagte, dass ich wegen der derzeitigen Corona-Entwicklung auch darüber nachgedacht hatte. Wenn ich schon die Möglichkeit dazu habe… und Blablabla. Daraufhin rief ich meine Bürokollegin an und teilte ihr mit, dass ich Montag und wahrscheinlich die ganze nächste Woche im Homeoffice verbleiben werde. Im Verlaufe unseres Telefonates erfuhr ich, dass ein Kollege sich testen ließ, weil er stundenlang mit einem Corona-Positiven Kontakt gehabt hatte. Seit Donnerstag ist er darum zuhause, bis er das Testergebnis erhält. Und nun herrscht darob große Aufregung unter den Hühnern – tausend Fragen, Eventualitäten und persönliche Befindlichkeiten. Bei einer positiven Testung dürfte das gesamte Büro-Personal Quarantäne aufgebrummt bekommen. Von diesem Vorfall hatte die Chefin am Telefon gar nichts erwähnt. Sie wollte mich wohl vorm Wochenende nicht unnötig beunruhigen. Aber warum sollte mich das beunruhigen? Seit Donnerstag bin ich im Homeoffice, und ich weiß nicht, wann sich besagter Kollege infiziert haben könnte, also jenen speziellen Kontakt hatte. Vielleicht erst Mittwochabend… (Dann hätte er mich gar nicht anstecken können.) Aber lassen wir diese Gedankenspielerei. Ich bin ganz froh, dem Gaga-Hühnerstall für ein paar Tage entfliehen zu können. Wobei die Arbeit am Computer zuhause, aufgrund der fehlenden sozialen Kontakte, noch öder ist als im Büro. Das dauerhafte alleine vor mich Hinbrüten wirkt sich negativ auf meinen Gemütszustand aus. Man nennt es Versumpfen oder im eigenen Saft schmoren. Symptome: Lethargie, Trägheit, Müdigkeit, depressive Anwandlungen, Selbstgespräche…
Okay, das mit den Selbstgesprächen hält sich noch in Grenzen.


Corona-Zeiten, meine Bürokollegin und die neue Betriebsvereinbarung

Beinahe täglich jammert meine Bürokollegin über ihren langen Arbeitsweg und die Zumutung in U- und S-Bahn von wegen Corona-Ansteckungsgefahr. Und ständig ihre versteckte Missgunst, weil ich die Möglichkeit zum Homeoffice habe. Kaum berichte ich etwas aus meinen Homeoffice-Erfahrungen, blockt sie ab. Sie meinte gar, ich sei unsensibel. Okay, erwiderte ich, dann sage ich eben gar nichts mehr.
Nun gibt es seit dem 1. Oktober eine neue Betriebsvereinbarung hinsichtlich der Corona-Maßnahmen. Unter anderem wird darin geregelt, wer zukünftig die Möglichkeit zum Homeoffice erhalten kann. Auch Kollegen/Kolleginnen mit mehr als einer Stunde Fahrtweg sollen bedacht werden. Da kann sich meine Bürokollegin freuen, dachte ich. Doch weit gefehlt! Sie ist immer noch am Motzen. Ständig sieht sie um sich herum Gespenster, welche sie benachteiligen wollen, z.B. bei der Laptop-Vergabe. Darum bot ich ihr an, den Firmenlaptop, den ich benutze, mit ihr zu teilen, worauf sie nur flapsig meinte: „Darum werden wir sowieso nicht herumkommen.“ Schön, schön, dachte ich bei mir, vergesse aber bitte nicht, dass ich zur Risikogruppe gehöre und prinzipiell Anrecht auf 100% Homeoffice habe.
Das Gehabe meiner Kollegin um die Sache mit dem Corona-Virus geht mir ganz schön auf den Keks. Gestern maß sie nach, wie weit wir auseinander sitzen. Ich hätte ihr auch ohne Maßband sagen können, dass es ca. 2 Meter sind. Auf unseren Büroplätzen dürfen wir weiterhin ohne Maske sitzen. Aber sobald wir uns gemeinsam am Bildschirm einen Tumorfall angucken, was u.a. beim Einlernen der neuen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen häufig vorkommt, müssen wir Maske tragen, ebenso auf den Fluren und überall, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Nun gut, in anderen Betrieben wird schon lange unter solchen Vorgaben gearbeitet. Ich will mich nicht von der Aufgeregtheit der Hühner, insbesondere meiner Bürokollegin, anstecken zu lassen. Aber ich merke schon, wie in mir langsam der Ärger hochkocht. Ich und unsensibel?!? Leck mich doch am Arsch, du verrücktes Huhn! – Menschlich bin ich einigermaßen enttäuscht von meiner Bürokollegin. Was sind das für Menschen, die ständig denken, dass sie zu kurz kommen bzw. ungerecht behandelt werden? Und wenn man ihre Sichtweise geraderücken will, wollen sie es nicht hören. Mit jedem weiteren Wort begibt man sich auf ein Minenfeld…
Trotz allem will ich weiterhin gut mit meiner Bürokollegin klarkommen. Ich liebe es, wenn wir herumblödeln und lachen, oder wenn wir gemeinsam über schwierigen Fällen brüten und über die Arbeit stöhnen, oder wenn sie mir von ihren privaten Sorgen erzählt, von ihrer Tochter und ihren Eltern. Am Besten gehe ich nächstens, wenn sie mal wieder eine ihrer Unzufriedenheits-Phasen hat, runter auf die Straße und lasse einen tierischen Brüller fahren:
„Was ist das alles für eine Scheiße!!!!!!!“



Nass

Ins jährliche Mitarbeitergespräch ging ich mit langen Hosen. Nach ca. fünf Monaten zwängte ich mich erstmalig wieder in die Jeans. Am Morgen regnete es Hunde und Katzen, und es war dementsprechend kühl. Bereits nach wenigen Minuten war ich bis auf die Haut nass. Der Parka war den Regenmengen nicht gewachsen. Freilich hätte ich vom Fahrrad absteigen und den Schirm, den ich extra dabeihatte, aufspannen können. Aber sei`s drum, ich fuhr durch.
Als die Hühner über mein nasses T-Shirt witzelten, entgegnete ich keck: „Ich dachte, hier wäre heute ein Wet-T-Shirt-Contest.“
Im Büro trocknete ich alleine vor mich hin, da sich meine Kollegin ein verlängertes Wochenende gönnte. Gedanklich war ich auch schon im Wochenende.
Den Termin zum Mitarbeitergespräch hatte ich 1 Uhr. T-Shirt und Jeans waren inzwischen getrocknet. Die zwei Chefinnen und ich trafen uns im Konferenzraum. Ich mag solche gezwungenen Situationen auf den Teufel nicht: Eine Mischung aus Prüfung, Bewerbungsgespräch und Arztbesuch. Ich muss dabei stets gegen eine gewisse innere Aufgeregtheit ankämpfen und empfinde das Ganze als emotional sehr anstrengend. Darum folgt hinterher die glückliche Entspannung, zumal es sowieso nie schlimm kommt.
So auch diesmal. Als ich auf die Uhr schaute, war ich erstaunt, dass eineinhalb Stunden vergangen waren. Freudig verabschiedete ich mich von den Chefinnen ins Wochenende. Ich hatte mir den Feierabend verdient – aber sowas von!


Den Feierabend begoss ich im Pub. War kaum was los. In einer Ecke saß der alte Freddy, der immer stärker abbaut. Beim Drehen einer Zigarette fällt ihm die Hälfte des Tabaks auf den Boden. Eine Unterhaltung mit ihm ist zwecklos. Er nuschelt derart, dass niemand nicht ein Wort versteht. Und wenn er aufsteht, muss man Angst haben, dass er beim ersten Schritt umkippt.
Ich hatte das erste Bier hinter mir, da kam Brandy-Harry auf seinem gelben Motorroller angerauscht. Er setzte sich neben mich und versuchte sich an einem Silbenrätsel in der Berliner Zeitung.
„Freddy baute in den letzten Monaten ganz schön ab“, meinte er.
„Ja, das fiel mir auch schon auf. Wird ein schlimmes Ende nehmen.“
Ich fand, dass auch Harry zunehmend schlechter aussah. Sein Gesicht fahl und knochig, und ich glaubte, eine ungesunde gelbe Tönung wahrzunehmen. Wird wohl dem Brandy geschuldet sein.
Wir redeten noch über dies und das, Corona, den vergangenen Sommer, und blickten versonnen hinaus auf die Potsdamer Straße, auf die Passanten, den Verkehr, die gegenüberliegenden Hausfassaden, die Stadtbäume, deren Blattwerk noch grün leuchtete…