Nichtstun als Lebensentwurf

Wochenende, und ich mache das, was ich am besten kann, nämlich Nichtstun. Das ist nicht unbedingt typisch deutsch. Ich weiß nicht, von wem ich es habe, von meinen Eltern sicher nicht. Die waren alles andere als faul. So weit ich mich erinnern kann, gaben sie sich nie dem Nichtstun hin. Meine Eltern waren fleißige, ordnungsliebende, brave und genügsame deutsche Bürger. Ich nehme an, dass sie nach den traumatischen Kriegserfahrungen, eine große Sehnsucht nach Ordnung und Normalität hatten. Dazu kam eine Erziehung im Dritten Reich, welche auf Zucht und Ordnung abhob. In vielen deutschen Haushalten ging es ähnlich zu wie in dem unseren. Das deutsche Spießertum erlebte seine Blütezeit…
Am Nichtstun fand ich schon damals großen Gefallen. Die Schule war mir bald verleidet. Sie gerierte sich zu einem Hort des Zwanges, Drucks und der Angst – Vorbereitung auf die lebenslange Tretmühle. Mein Nichtstun bekam schnell den Anstrich von Rebellion. Ich entwickelte für mich das Prinzip der minimalen Anstrengung und Verdeckung, um in diesem Umfeld nicht unterzugehen. Dieses Prinzip bewahrte ich mir bis heute, ein halbes Jahrhundert später. Denn an der Tretmühle hat sich kaum was geändert. Die Leistungsgesellschaft zeigt nach wie vor ihre hässliche und verlogene Fratze, wenn man ihr die Schminke abwischt. Von wegen sozial und menschlich… Die Angepassten leben heute wie gestern am besten. Wer dem nackten Kaiser die schönsten Kleider andichten kann, kommt am weitesten.
Aber gut. Es ist, wie es ist. Ich hänge meinen Gedanken nach… Ich folge meinem Prinzip und genieße das Nichtstun.

      

Sommergedanken

4:0 siegten die deutschen Fußballdamen gegen Dänemark. Das hätte ich nicht erwartet. Ich kriegte nur das 1. Tor mit. Die 2. Halbzeit verpennte ich… Das war ein Einstieg in die EM nach Maß.

Der Sommer ist derzeit im Keller. Jedenfalls hier in Berlin. Seit Tagen kaum 20° C und zwischendurch immer wieder Regen. Gut, um die Wohnung zu lüften. Nicht so gutes Park- und Biergartenwetter.
Die Sommerferien haben begonnen. Die Deutschen fluten die südlichen Urlaubsländer. Alles scheint in bester Ordnung zu sein, vom ganz normalen Chaos/Wahnsinn abgesehen. Krieg, Hunger, Elend und Naturkatastrophen gab es schon immer. Und dann die ewigen Warnungen der Politiker, die Schwarzmalereien in den Medien… Soll man sich deswegen den Urlaub vermiesen lassen?! 2 Jahre Corona-Knechtschaft waren genug. Schließlich hat man alles brav mitgemacht, da darf man sich für seinen Untertanengeist jetzt endlich belohnen. Oder etwa nicht? Wer weiß schon, was in Herbst und Winter alles auf uns zukommen wird.
Die Zeit fliegt nur so. Schon wieder Wochenende und bald Mitte Juli. Sportereignisse wie Wimbledon und die Tour de France laufen. Necip, der Wirt der Kupferkanne, spricht von der Sommerflaute. Für die Frauenfußball-EM schleppt er den großen Fernseher nicht raus. Zu wenig Interesse. Necip ist müde. Mindestens so müde wie ich. Tagtäglich hockt er vor der Kneipe mit seiner Schnupftabakdose… seine Nasenlöcher braun, das Hemd voller Flecken. In einer guten Woche fliegen seine Frau Rose und er in die Türkei. Für 2 Wochen. Sie haben dort eine Datscha am Meer, welche bisher hauptsächlich von ihren erwachsenen Töchtern genutzt wurde. Die Kupferkanne wird in dieser Zeit schließen. Das heißt, dass ich mir eine Alternative für meine Mittagspause suchen muss. In den 2G-Zeiten ging ich in den Kleistpark… Unglaublich, wenn ich daran zurückdenke, wie über die Ungeimpften gehetzt wurde, als Leute wie ich vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wurden. Solange ist das gar nicht her.

Der Sommer lenkt mit seiner Wärme und seinem Licht von allem ab. Der Sommer ist wie ein grüner Teppich, der alle Schmach, alle Ängste und Bedrohungen zudeckt. Der Sommer ist wie eine Mutter, die ihr Kind in den Schlaf singt. Alles scheint in bester Ordnung zu sein.

 

It`s summertime

Meine Fahrradreise bereits long ago – ich erinnere mich dunkel: da war doch was.
30 Tage Urlaub auf ein Kalenderjahr verteilt sind definitiv zu wenig!

Im Job läuft alles wie gehabt. Homeoffice im Wechsel mit Bürotagen. Unzählige Tumorfälle warten darauf, von uns dokumentiert zu werden. Wem das nicht irgendwann aus dem Hals heraushängt – also, ich weiß nicht. Regulär muss ich noch bis 2029 durchhalten, um dann mit einer Niedrigrente in die Altersarmut zu starten. Vielleicht mit etwas Glück erlebe ich das nicht mehr – ich arbeite dran. Prost!
Oder ist das zu defätistisch?

Na ja, erstmal ist Wochenende. Ich gönne mir mal wieder ein verlängertes, den Montag dazu. It`s summertime in Berlin. Wäre ich ein paar Jahrzehnte jünger, würden meine Hormone durchdrehen. Ein einziger Augenschmaus, was einem da in den Parks und Biergärten vor die Linse kommt. Nun, nicht dass mich der Anblick hübscher Frauen heute völlig kalt lässt, aber ich verspüre nicht mehr diesen wahnsinnigen Druck.
Wollte ich nochmal jung sein?

Vorbei ist vorbei. Das Leben findet im Jetzt statt. Ich beziehe mein durchgeschwitztes Bett, höre Blues, trinke in aller Gemütsruhe Gin Tonic, lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Wo ist all das Erlebte hin? Fand es überhaupt statt? Einiges zeugt davon: Bilder, Postkarten und andere Objekte… Ich hole sie so gut wie nie hervor, ab und zu alte Gedichte. Fotos und Objekte zeigen mir lediglich die Vergänglichkeit. Worte dagegen können mich zeitlos anrühren. Sie verstauben nicht. Jedenfalls nicht in dem Maße wie andere Sachen dem Zerfall ausgesetzt sind.
Ich sollte mehr lesen.

Eine Minute reiht sich an die andere. Niemand weiß, wo die Minuten herkommen. Manchmal vergehen sie nicht schnell genug, z. B. während ich vorm Computerbildschirm sitze und Tumoren dokumentiere. Aber insgesamt gesehen vergehen die Minuten viel zu schnell.
Warum sitze ich hier plötzlich als alter Sack?!


Bumm!

Das Wochenende bringt etwas Abkühlung. Tagestemperaturen um die 20°C reichen mir völlig.
Ein paar Pfützen im Hof zeugen vom gestrigen Gewitterregen, die Straße ist bereits wieder abgetrocknet.

Meine Hausbank schickte mir ihre neuen Geschäftsbedingungen (127 Seiten kleingedruckt) verbunden mit einer Erhöhung der Kontogebühren. Sie benötigen meine Zustimmung… Wie sagt man redensartlich? – Sie nehmen es von den Lebenden.

Seit langem wieder mal eine Bierflasche im Eisfach vergessen. „Bumm!“ machte es irgendwann. Nun ja, ich springe nicht wegen jedem seltsamen Geräusch aus dem Bett. Stunden später, als ich eine Schlafpause einlegte, fiel mir die Bierflasche ein. Na super! dachte ich.

Und sonst: In 2 Wochen habe ich Urlaub. Eine kleine Fahrradreise ist geplant: Nach Hamburg mit dem Zug, mit Fahrrad und Zelt die Elbemündung bis Brunsbüttel, von dort am Nord-Ostseekanal quer durch Holstein bis Kiel, dann die Ostseeküste entlang Richtung Lübeck/Wismar/Rostock, solange ich Bock habe, meine Kräfte reichen, das Wetter mitmacht…, schlussendlich mit dem Zug zurück.

Sicher gibt es noch dies und das, was ich erzählen könnte. Aber das ist auch nicht interessanter.

2 – 1

Die Zeit schreitet unaufhörlich voran und kümmert sich nicht um mich. In meinem Leben passiert nicht viel. Ich hänge fest in der Tretmühle. In meiner Freizeit packt mich oft die Lethargie und ich halte mich vor dem Bildschirm am Leben. Immerhin darf ich mittlerweile (als Ungeimpfter) wieder mein Feierabendbier in der Kneipe oder im Biergarten genießen… Gestern wollte ich zur Kupferkanne. Auf dem Programm stand Fußball „Dortmund – Hertha“. Ein entscheidendes Spiel für die Hertha von wegen Klassenerhalt. Vorweg, ich bin kein Fußballfan – aber zum Zeit totschlagen…, zumal ich es genieße, ab und zu in Gesellschaft zu sitzen. In den meisten Berliner Kiezkneipen kommt man eh nicht um den Fußball herum. Ich mag diese althergebrachte Kneipenszene irgendwie, wo sich die einfachen Leute auf ein Bier treffen. Okay, da hocken jede Menge Scheintote (so langsam gehöre ich auch zu denen)… Aber inzwischen entdecken auch die jüngeren Generationen (hauptsächlich Studenten) diese alten Kneipen für sich, weil dort die Getränke noch relativ billig sind, weil der Wirt (meist) umgänglich ist und auf die Wünsche seiner Gäste eingeht, weil diese Kneipen Originalität/Nostalgie verströmen.
Also ich kam dann doch nicht mehr raus aus meiner Wohnhöhle und verbrachte den Nachmittag träge auf der Couch. Die Lust auf Gesellschaft war verpufft… Wozu rausgehen? fragte ich mich, ich habe doch alles hier, was ich brauche. Die Lethargie zog mich runter. Mal sehen, ob ich heute den Abflug schaffe. Wenigstens für 2-3 Stündchen. Park und Biergarten liegen quasi vor der Tür. Ein sonniger Sonntag wartet auf mich.
Wie ging eigentlich das Spiel für die Hertha aus? Ich googele das jetzt…

   

Im Goldfischglas

Nach längerer Zeit mal wieder aus dem Büro und nicht aus dem Homeoffice ins Wochenende gegangen. Wir waren eine nette kleine Gesellschaft von 5. Ich fühlte mich wohl unter meinen Kolleginnen. Wenn nur jeder Arbeitstag so entspannt verliefe.

Die Betriebsamkeit der Stadt dagegen ereilte mich nach wenigen Metern wie ein Raubtier, das mich von allen Seiten angriff. Die Sonne stand tief, würde bald die Dächer der hohen Wohnhäuser schrammen. Ich radelte an den Parkbänken vorbei… Ich wusste nicht, wonach mir der Sinn stand.

In der Wohnung angekommen, streckte ich mich auf der Couch aus und schaltete den Fernseher ein. Es gab nichts. So ähnlich musste sich ein Fisch im Goldfischglas fühlen…

 

Es tut sich was

Gestern kam die Nachricht von der Geschäftsleitung: Die Homeofficepflicht wird aufgehoben. Ab nächster Woche darf ich wieder häufiger im Büro aufschlagen. Das freut mich. Für meine Gemütslage und Arbeitsmotivation ist das Homeoffice auf Dauer nichts, zumal in einem 100%-Job. Bei der (meiner Meinung nach) relativ eintönigen sowie nervig/frustrierenden Tumordokumentation, bietet ein soziales Umfeld vor Ort mehr Kommunikation, damit Frustkompensation und Aufmunterung… Der Feierabend verdient es, ihn wieder Feierabend zu nennen. Zuhause klappe ich einfach das Laptop zu und bemühe mich hinüber zur Couch. Das Büro dagegen verlasse ich beschwingt mit guten Feierabendwünschen meiner Kollegen und Kolleginnen… Auf zum verdienten Feierabendbierchen in der Kiezkneipe!
Natürlich hat auch das Homeoffice seine Qualitäten… gerade für jene mit einem langen stressigen Arbeitsweg. Denen gönne ich es, wenn sie weiterhin so viele Tage wie bisher im Homeoffice arbeiten dürfen. Darüber entscheidet nun unsere Chefin in individueller Absprache mit den Mitarbeitern. Die Direktive der Geschäftsleitung „so viel Homeoffice wie möglich“ entfällt.

Ich stolperte im Internet über die Nachricht, dass bereits einige Biergärten geöffnet haben. Das Wochenende verspricht viel Sonne für Berlin –  wird Zeit, mich mal wieder aus dem Kiez zu wagen, z.B. hin zum Schleusenkrug. Der BRLO-Biergarten bei mir um die Ecke beendet seinen Winterschlaf erst am 1. April.

Krieg

Gut 1200 Kilometer östlich von Berlin liegt Kiew. Aus einem Land, das ich sonst wenig wahrnahm, erfahre ich über die Medien seit 2 Tagen erschütternde Nachrichten. Die Ukraine wurde von Russland überfallen. Der russische Präsident Putin befahl es. Ich weiß zu wenig von seinen Gründen. Ich weiß zu wenig von der geopolitischen Lage. Ich weiß zu wenig von der Nato und der Großmacht USA. Ich weiß zu wenig von China. Ich weiß zu wenig von der EU. Ich weiß zu wenig von der UNO. Die Nachrichten überschwemmen mich, während ich im Homeoffice sitze und Tumoren dokumentiere. Die Nachrichten lassen mich nicht unberührt. Ich sehe Menschen, die aus dem Kriegsgebiet fliehen. Ich sehe Menschen, die verängstigt sind. Mein Mitgefühl ist bei all diesen Menschen. Gut 1200 Kilometer östlich von Berlin liegt Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Was sind 1200 Kilometer? Die Entfernung schmilzt immens, wenn ich die Nachrichten verfolge. Mein Fernseher steht vier Meter von meiner Couch. Was ist hier los? frage ich mich. Kann es zu einem Atomkrieg kommen? Ist es vorbei mit dem Frieden? Gab es den Frieden je?
Das Leben geht weiter in Berlin. Die Menschen tragen Masken, wie es von ihnen erwartet wird. Einige protestieren gegen den Krieg. Ich kenne meine Mitmenschen zu wenig. Ich kenne nicht mal mich selbst. Ich verfolge die Nachrichten im TV. Ich genehmige mir einen Drink nach dem anderen. Es ist Wochenende. Es ist immer noch Winter. Es ist Krieg in Europa.

 

Dicht dran – Lichtjahre entfernt

Der böse Russe verdrängt das böse Corona-Virus aus den Schlagzeilen. Ein Wintersturm jagt den nächsten. Ich sehe die Wolken fliegen und die kahlen Zweige der Stadtbäume sich wiegen. In der Nacht pfeift der Wind Lieder.

Der mittwöchendliche Bürotag gespickt mit kollegialen Plaudereien – herzerfrischend! Den Rest der Woche in der Homeofficeödnis, begleitet von TV-Geplapper.

Wie viele Lichtjahre liegen zwischen mir und der Welt da draußen? Wie nah bin ich mir selbst?    

Der Blick in den Kühlschrank zeigt an, dass ich einkaufen sollte. Nicht dass mir am Wochenende der Sprit ausgeht.