Bevor der Staffelstab an den Herbst geht

Die letzten knallheißen Tage für dieses Jahr – dementsprechend wird im Brutofen Berlin einiges los sein, ebenso in den Schwimmbädern und an den Badeseen. Selbst habe ich noch keinen Plan. Die Fuckparade (unkommerzielles Gegenkonzept zur Loveparade) ist mir zu viel Krach. Beim Bürgerfest im Bellevue (Tag der offenen Tür bei Bundespräsident Steinmeier) geht`s bestimmt gesitteter zu. Roland Kaiser mit Band als Highlight des Musikprogramms (würg!) … dann noch Gayle Tufts und Apocalyptica. Himmel und Hölle, was `ne Zusammenstellung! Da besorg ich`s mir lieber selbst im Biergarten oder im Park mit Ohrstöpseln im Ohr. Dazu eine unanstrengende Lektüre (aus Mangel an einer unanstrengenden Frau).

Die Woche im Büro verging verhältnismäßig schnell. Ich bin froh, dass ich zwei Tage Pause von meiner Kollegin habe. So sehr ich sie schätze, aber sie gehört mit ihren Eigenheiten zum Typus „anstrengend“. Mamma Mia, das Leben mit einer solchen Frau wäre eine Katastrophe!
Sowieso ein paar Jahre zu alt für mich. Aber muss schon sagen: sie hat sich gut gehalten. Mitte nächstes Jahr geht sie in Rente und kann es kaum abwarten. Ich gönne es ihr.

Gestern nach Feierabend im Pub das Wochenende begrüßt. Eine Gruppe junger Männer* saß draußen am Tisch. Drinnen war außer den üblichen Freitags-Besoffenen nicht viel zugange. Dafür schallte der Lärm der draußen sitzenden Runde geballt ins Lokal. Die Bedienung total echauffiert.
„Vorhin war es noch viel schlimmer…“, erzählte sie und beugte sich zu mir vor. Ich konnte gar nicht anders, als ihr in den Ausschnitt zu schauen. Es gefiel mir, was ich sah. „Bei dem Wetter natürlich besonders schweißtreibend“, meinte ich verständnisvoll.
Die Jungs draußen ließen in ihrer Trinkseligkeit nichts anbrennen. Ich war abgespannt von der Arbeitswoche. Das Geschrei und laute Gelächter machten mich mürbe. Nach den obligatorischen drei Bier nahm ich meinen Rucksack mit den Einkäufen und verdrückte mich nach Hause.

 

*junge Männer, das heißt zwischen Dreißig und Vierzig

Sommer in Berlin

Kacke nochmal, die Woche schlauchte. Aber ich liebe den Sommer und will nicht über die hohen Temperaturen jammern. In der Sonne schwitzen und kaltes Bier trinken. Dazu meine Lieblingsmusik hören, verträumt in die Runde schauen. So lässt es sich leben. Nach ein/zwei Stunden zieht es aber auch mich in den Schatten. Seit Tagen trage ich ein neues Buch mit mir herum. Vielleicht beginne ich am Wochenende endlich mal mit der Lektüre. „Das Schlangenmaul“ von Jörg Fauser – sollte nach meinem Geschmack sein. Ist halt so, dass ich nach acht Stunden Tumordokumentation keine Lust mehr auf irgendeine kognitive Beschäftigung habe.

Heute keinen schweren Gedanken nachhängen, sondern nur blöde aus der Wäsche gucken – kann ich eh am besten. Mal sehen, wie ich durch den Tag komme. Später einen Abstecher zum Nollendorfplatz machen, am Straßenrand stehen und gaffen, wenn der CSD Umzug vorbeikommt. Danach von der Sonne das Hirn wegballern lassen und bierselig dahindösen…
Auf geht`s, junger Mann!

 

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Zimmer 7

Der Typ, der gerade diese Zeilen tippt, das bin nicht ich. Ich kann ihn beobachten, wie er das alles macht: morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, mit den Bürohühnern quatschen, Einkaufen, im Pub Bier trinken…, aber das bin nicht ich. Nicht wirklich – es ist ein Programm, das abläuft. Aber was ist schon wirklich? Heute Morgen, als ich aufwachte, kam mir alles total unwirklich vor. Lebe ich in derselben Welt wie gestern? Oder kriege ich es nur suggeriert? Fuck! Mich beschleicht das unheimliche Gefühl, dass irgendwas mit der Welt grundlegend nicht stimmt, und niemand merkt was. Jedenfalls nicht ernsthaft. Vielleicht haben viele einen ähnlichen Verdacht wie ich aber trauen sich nicht, darüber zu reden – weil es einfach zu verrückt ist. Dabei ist für uns das Leben, wie es sich abspielt, nur deswegen normal, weil wir nichts anderes kennen und unser Hirn darauf programmiert bzw. geeicht ist. Abweichungen gelten als pathologisch. Ich bin mir aber sicher, dass ich nicht irre bin, sondern die Welt. Ständig frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Spielt da jemand ein abgefahrenes Spiel mit uns? Nach dem Motto: du darfst jedes Zimmer dieses Hauses betreten, nur nicht Zimmer 7 im dritten Stock. Zimmer 7 ist tabu, kapiert! Darüber gibt`s keine Diskussion!
Oder anders gesagt: Wer über eine gewisse Grenze hinausdenkt, betritt gefährliches Terrain. Jedes Programm hat seine Knackpunkte. Wenn man nicht will, dass alles kippt, hält man sich besser an die Regeln. Dumm nur, dass ich im Denken ein verdammter Anarchist bin. Ich stehe auf der Türschwelle zu Zimmer 7. Ich habe Angst. Nein, es ist nicht direkt Angst. Ich kann es schwer in Worte fassen. Eine Art Kälte, würde ich sagen…

Der Typ, der gerade diese Zeilen tippt, das bin nicht ich. Habe ich das schon gesagt? Keine Ahnung, was mit mir heute los ist. Wiedermal einer von meinen idiotischen Tagträumen. Ich hätte gestern den Cidre besser ohne Wodka getrunken. Dazu die schwüle Hitze. Und auf der Wiese machten zwei Girls Yogaübungen, und ich musste immer wieder hingucken, auf ihre Ärsche und Titten, ihre weiblichen Kurven… Fuck! Das ist Leben!

P(r)ost

Nun sind die deutschen Fußballladies im Viertelfinale gegen Schweden ausgeschieden. Sehr bedauerlich – mir gefiel ihr beherztes Auftreten bei der WM in Frankreich. Das Spiel sah ich nicht. Hitze und Bier hatten mich mürbe gemacht. Nach dem Bergmannstraßenfest ging ich noch ins Pub. Torsten bediente. Weiß nicht – ich glaube, er mag mich, und da wenig los war, kamen wir ins Gespräch. Tut gut, ab und zu mit einer menschlichen Seele zu quatschen. Ich trank also noch ein paar Bier. Danach wurde es neblig in meiner Birne.
Verflucht, das Wochenende ist immer viel zu kurz! Könnte nicht heute erst Samstag sein? – und die deutschen Fußballfrauen hätten nochmal eine Chance, und ich würde bis zum Spiel durchhalten. Aber der Zeitfluss ist kompromisslos. Man steckt fest wie ein Fisch im Netz oder wie eine Gurke im Glas. Im Urlaub schrieb ich mir selbst eine Karte, die mich vor wenigen Tagen quasi aus der Vergangenheit erreichte. Ich schrieb mir: „Hey Kumpel, dich gibt`s mindestens zweimal: in der Vergangenheit und in der Zukunft… Halt die Ohren steif!“ Ich sollte meinem Ich in der Zukunft öfter mal Karten schreiben.

Letzter Urlaubstag

Der Urlaub war derart intensiv, dass ich nur wenig ans Büro und die Hühner dachte. Ich finde es irreal, dass ich morgen wieder an meinem Schreibtisch sitzen werde, mir aus dem Panzerschrank einen neuen Stapel Tumorfälle greife… Wenigstens eine kurze Woche für mich. Hoffentlich hat sich meine Kollegin wieder gefangen und ist aus dem Krankenstand zurück, so dass ich nicht alleine im Zimmer hocke. Ich spürte, dass sie irgendwas ausbrütete. Mehr psychisch. Sie ist keine einfache Person… Die angesagte Hitze wird uns ganz schön zu schaffen machen. Ich sollte mich morgens sputen, damit ich möglichst früh auf Arbeit bin. Bis in den späten Nachmittag am Schreibtisch zu schwitzen, ist kein Vergnügen – das habe ich noch gut vom letzten Sommer in Erinnerung.
Also wieder ran an den Speck, – d.h. Krebs!
Mir bleibt, am letzten Urlaubstag zu relaxen und früh ins Bett zu gehen. Zum Frisör wollte ich noch, die restlichen Zloty zurückwechseln, umgerechnet 10 Euro. Mein Bedarf an Polenreisen ist für dieses Jahr gedeckt.

Antimaterie

Wir leben also alle in einer Computersimulation, weil sich Materie- und Antimaterieteilchen nicht gegenseitig auslöschten, was sie aber nach heutigem Stand der Physik hätten tun müssen – damals beim Urknall. Das Universum, wie wir es heute sehen, dürfte es gar nicht geben. Gut. Ich wusste schon immer, dass irgendwas faul an der Sache ist. Aber eine Computersimulation? Nicht, dass ich so ein Leben in der Matrix für unmöglich hielte, aber wer oder was hat sie konstruiert? – und wozu der ganze Scheiß? Gott als Cyber-Freak?

Sonntag. Meine Waschmaschine läuft. Ich stelle mir vor, sie wäre eine Art Miniatur-Teilchenbeschleuniger, komme aber mit dem Gedanken nicht recht weiter… Ich habe ein Fantasieproblem. Vielleicht liegt es an der Hitze. Vielleicht habe ich noch nicht genug Drinks intus. Der Tag liegt vor mir wie ein offenes Scheunentor ohne Ideen. Das Pub öffnet erst 17 Uhr. Der Wirt ist in Urlaub. Bleibt freilich der Biergarten, der aber am Nachmittag brechend voll sein wird. Raus will ich auf alle Fälle. Vielleicht mit ein paar eisgekühlten Getränken in den nahen Park setzen und lesen: „Omon hinterm Mond“ von Wiktor Pelewin. Den Autoren kann ich nur empfehlen – sehr gut, wenn man ein Fantasieproblem hat.
Nur nicht zu früh starten, sonst kacke ich ab – wie gestern. Ich unterschätzte das Gemenge von Hitze, Sonne und Alkohol. Als ich am späten Nachmittag im Pub ankam, strich ich bereits nach einem Bier wieder die Segel. Normalerweise verlasse ich den Laden nicht unter drei. Es war mir fast peinlich – schließlich hat man seine Trinkerehre.

Wie aus dem Nichts kommt mir die Idee für einen Cocktail, den ich „Antimaterie“ nenne und im Schleudergang meiner Waschmaschine mixe. Geil.
Allen einen schönen Sonntag!

Ab an die Nordsee!

Den nettesten Kontakt hatte ich am Morgen meiner Weiterreise an die Nordsee auf dem Campingplatz bei Hamburg. Ich baute gerade das Zelt ab, als mich eine hübsche, junge Dänin ansprach. Sie interessierte sich für mein Fahrrad und meine Fahrradtour. Ihr Englisch war perfekt, meines dagegen weniger. Ich radebrechte mit meinen paar Vokabeln, die ich auf Abruf hatte, herum. Bestimmt wurde ich vor Verlegenheit rot wie eine Tomate. Am liebsten hätte ich das Zelt wiederaufgebaut und wäre noch eine Nacht geblieben. Aber wahrscheinlich war sie einfach eine nette, kontaktfreudige Person und ihr Freund wartete unweit auf sie mit den Worten: „Sag mal, musst du jeden anquatschen?“ Und sie: „Ach, ich fand den Typen irgendwie lustig…“

Hinter Hamburg ließ ich es ruhiger angehen. Ich war ja schon fast an meinem Reiseziel und hatte jede Menge Zeit. Zwei Tage sollte das schöne Reisewetter noch halten. Der Weg ging weiter die Elbe entlang mit einem größeren Schlenker nach Elmshorn, bis ich bereits am frühen Nachmittag auf dem Campingplatzt direkt am Elbdamm bei dem Örtchen Kollmar landete. Dort lungerte ich bis zum Abend am kleinen Hafen herum, wo einige Imbiss Wägen standen. Schließlich legte ich mich mit einer Flasche Roten an den Strand und genoss den Sonnenuntergang. Immer dabei die Geschichten von John Fante.
Am nächsten Tag wollte ich es endlich an die Nordseeküste schaffen. Glücksstadt hatte ich gleich im Sack. Danach vorbei am legendären KKW Brokdorf nach Brunsbüttel. Ich war bis dahin ganz gut unterwegs. Nach einer Mittagspause führte mich die Route ins Landesinnere über Michaelisdonn und Meldorf hin zu Büsum. Eine Ochsentour! Die Wege waren mies, und die Hitze wurde beinahe unerträglich. Ab Meldorf kam dann noch ordentlich Gegenwind von der See kommend hinzu. Ich fühlte mich auf den endlos wirkenden Wegen wie eine Schnecke. Doch ich hatte Büsum bereits im Blick… In Büsum blieb ich zwei Nächte. Ich musste mich dringend ein Wenig erholen. Die Unterlippe war aufgesprungen, die Nase verbrannt, dazu die wunden Stellen am Allerwertesten und eine allgemeine Erschöpfung… Leider schlug schon in der Nacht das Wetter um. Die Nordsee zeigte klare Kante mit einer Abkühlung, heftigem Wind und Regenschauern.

Havelberg – Dömitz

Die Tage vergehen wie nichts. Kann es sein, dass sich dieser Wahnsinns-Sommer langsam dem Ende zuneigt? Und auch mein Urlaub… Okay, mir bleiben noch ein paar Tage. Ein paar Tage zum Faulenzen und idiotische Gedanken machen. Ich betrachte die Bilder, die ich auf der Reise schoss, und befinde mich im Geiste wieder auf der Strecke…
Nach dem Aufenthalt im schönen Havelberg fuhr ich noch einige Kilometer an der Havel entlang. Elbe und Havel schmiegen sich eine Zeitlang dicht aneinander, bis sie sich ganz vereinen. Danach war ich bis zur Nordsee fast ausschließlich auf den Dammwegen der Elbe unterwegs. Und diese Wege ziehen sich, verdammt! – und wie die sich ziehen! – „wie Rattenscheiße“, brummelte ich vor mich hin und trat unermüdlich in die Pedale. Es gab wenig Schatten und noch weniger Haltepunkte für Pausen, um auch mal ein frisches kaltes Bier zu trinken. Der Biervorrat in der Packtasche schmolz dahin, und es war weit und breit keine größere Stadt in Sicht. Dann kam Wittenberge, aber was soll ich sagen – in der City kein einziger Lebensmittelladen, nicht mal einen verfluchten Kiosk entdeckte ich. Heutzutage wird ja alles ausgelagert, und in den Innenstädten bleiben nur Ramschläden, Drogerien und Eisdielen.
Zurück an der Elbe fand ich dann wenigstens einen Platz in einem Biergarten. Gerade noch so, denn es war fuckin` Einschulungstag, und da saßen diese Familienclans mit ihren Sprösslingen und den Zuckertüten. Furchtbar! Mich gruselt es immer noch, wenn ich diese Szenerie vor mir sehe. Aber gut, ich hatte höllisch Durst und genoss das kalte Pils.
Inzwischen hatte sich etwas Gegenwind auf der Strecke eingestellt. Lange nicht der Starkwind wie an der Nordsee aber trotzdem eine permanente warme Wand, gegen die ich anstrampelte. Auf die Dauer sehr ermüdend. Und ständig das Rauschen in den Ohren. „Was man nicht alles macht…“, sagte ich zu mir, oder „steter Tropfen höhlt den Stein“. Man sucht sich in solchen Lagen verbale Aufsteller, die man beinahe gebetsmühlenartig wiederholt. Ab und zu kicherte ich wie ein Blödjan. Ich werde doch nicht irre werden? Habe ich einen Sonnenstich? Wird Zeit fürs nächste Bier…
Die Fahrradreise war eine echte Prüfung an Willensstärke, Ausdauer und Durchhaltevermögen. Schließlich erreichte ich Dömitz, und da waren sie plötzlich die Supermärkte direkt an der Strecke. Und sogar eine Tanke, wo ich mir gleich mal eine eiskalte Dose Alsterwasser hinter die Binde schüttete. UFF! Dömitz habe ich echt in guter Erinnerung. Ich fand eine unkomplizierte Campinggelegenheit beim Ruderverein, wo ich zudem mein Handy aufladen konnte.
Sonnenverbrannt und erschöpft stellte ich mein Zelt auf und kaufte sogleich im Supermarkt „Proviant“ für den nächsten Reisetag nach.
Dömitz war im Großen und Ganzen genauso tot wie die meisten Ortschaften, aber insgesamt gefälliger. Am Kirchplatz standen ein paar Stühle und Tische, wo auch einige Leutchen am frühen Abend saßen. Gehörte zu einer Musikkneipe. Zwei Typen saßen mit Klampfen am Eingang herum, stimmten ihre Instrumente und spielten den ein oder anderen Blues. Sehr entspannend. Als ich zum Pinkeln in die Kneipe ging, sah ich, dass sie später noch einen Auftritt hatten.
Ich zog es jedoch vor, zurück zur Elbe zu radeln und dort in aller Einsamkeit den Sonnenuntergang zu genießen.

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Der beste Radler meines Lebens!

Unzählige Bier flossen während der Fahrt meine Kehle hinunter, die ich sogleich wieder ausschwitzte. Die erste Woche war noch schweinisch heiß – die Quecksilbersäule kletterte manchen Tag bis zu 30 Grad Celsius. Ich ernährte mich ausschließlich flüssig. (Von einer Tüte Salznüsse in Havelberg abgesehen.) Das hatte zumindest den Vorteil, dass ich mich nicht ums Essen kümmern musste, sondern auf der Strecke lediglich Biervorrat nachkaufte. Ich hatte immer einige Dosen im Gepäck. Pro Pause ein Bier, und ich machte bei der Hitze eine Menge Pausen.
Der erste Teil meiner Tour führte durch das schöne Havelland, selten direkt an der Havel entlang. Die schlingert dort irgendwie chaotisch herum. Ich kam durch viele hübsche Dörfchen, die stets recht verlassen wirkten. Die Region ist von Landwirtschaft geprägt und alles andere als reich. An der Elbe setzt sich dieses Bild fort. Nur den Orten, die touristisch erschlossen sind, geht es dem Augenschein nach etwas besser. Ansonsten tote Hose bis Hamburg. Bei einem schönen Städtchen wie Havelberg finde ich den Zerfall besonders schade. Die jungen Leute zieht es nach Berlin oder Hamburg – zurück bleiben die Alten.
Ich genoss die schönen Landschaften, durch die ich kam, riss einen Kilometer nach dem anderen herunter bis zum jeweiligen Campingplatz, den ich noch erreichen konnte. Danach richteten sich meine Tagesetappen. Es gab nicht alle paar Kilometer einen Campingplatz. Ich reizte meine Kräfte aus und war jedes Mal froh, wenn mein Zelt stand. UFF!
Wenn man derart lange alleine auf dem Bock unterwegs ist, kommt einem jede Abwechslung gelegen. So fand ich manche Ortsnamen einfach irre komisch. Am liebsten hätte ich manchmal angehalten, um die Ortsschilder zu fotografieren. Aber das fand ich zu affig, und auch irgendwie gemein gegenüber den Ansässigen. In Gedanken grinste ich mir allerdings einen, z.B. als ich am Ende meines ersten Reisetages durch das Dorf Kotzen kam. „Wo kommst du her?“ „Aus Kotzen.“ „Ha ha, das ist ja zum Kotzen…“ Wie gesagt, wenn man stundenlang alleine durch die Landschaft radelt, und einem die Sonne auf den Pelz brennt…, sind kaum noch geistige Glanzleistungen zu erwarten. Auf der anderen Seite gingen mir auf der Fahrt auch Gedanken durch den Kopf, die ich gern konserviert hätte. Vielleicht wird irgendwann ein Diktiergerät für Gedanken erfunden – das fände ich klasse. Zu viel gute Gedanken bleiben auf der Strecke.
Am Ende des ersten Reisetages erreichte ich jedenfalls schon bald nach Kotzen einen Campingplatz am Hohenauener-Ferchesarer See (ca. 10 Kilometer vor Rathenow). Ich war sowas von ausgelaugt. Mein Gott, war ich durstig! Auf der Terrasse des Gasthauses trank ich den besten Radler meines Lebens!

Brasko und die geklauten Minuten

I

 

Er erlebt den heißesten Sommer, an den er sich erinnern kann. Früher hätte er sich den noch gewünscht, einen Sommer, wie gemacht für die Liebe, einen Sommer, wo man jeden Tag raus an den See fuhr und erst spät abends zurückkehrte. Am Ende war man brutzel-braun gebraten und schlank vom vielen Schwimmen und Herumtoben im Freien…
Brasko schlappt gebeugt in die Küche und reißt das Fenster auf. Noch ist die Lufttemperatur morgendlich lau, das heißt, sie liegt (erst) bei 23° Celsius, 6 Uhr in der Früh. Er füllt in eine Schüssel kaltes Wasser und trägt sie an seinen Schreibtischplatz. Ein bisschen schwappt über den Rand, und er brummelt sowas in seinen Bart wie: „Warum muss man verflucht noch mal alt werden?“
Er fährt den Computer hoch und stellt seine Füße in die Schüssel. Sofort fällt sein Blick auf eine Mail, die als „Wichtig“ gekennzeichnet ist. In der Betreffzeile steht: „Ein Auftrag! Dringend!“ Die Mail war bereits am Abend hereingeflattert, aber da lag Brasko bereits schwitzend in der Heia und träumte von vergangenen Zeiten…
Natürlich kann er wegen der Kohle einen Auftrag gut brauchen. Auf der anderen Seite fühlt er sich so gar nicht nach Arbeit. Ihm ist nach… gar nichts. Genau, Brasko grinst in sich rein und paddelt ein wenig mit den Füßen im kalten Wasser – „Gar nichts, grunz. Trotzdem mal lesen, was da an mich herangetragen wird, haha.“

Sehr geehrter Mr. Brasko,

Sie wurden mir vom Weihnachtsmann empfohlen. Er meinte, Sie seien von den Fußspitzen bis zum Scheitel diskret und hätten ein Faible für ungewöhnliche Fälle. Bitte lassen Sie mich nicht hängen, ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Am Besten melden Sie sich bei mir, um zeitnah ein Treffen zu vereinbaren. Ich kann Ihnen die Problematik unmöglich per Mail erläutern. Nur so viel: Mir wurden Dinge gestohlen, die mir sehr teuer sind. Verstehen Sie?! Sehr teuer! Es soll ihr Schaden nicht sein, wenn Sie den Auftrag annehmen.

Herzlichst
Sandmann

Brasko ist solche Anfragen von leicht irren aber zahlungskräftigen Kunden gewohnt. Meist kommt er am Ende dabei gut weg. Wenn es nur nicht so heiß wäre. „Scheiß Klimawandel! scheiß Entropie!“ Er stapft mit der Wanne zurück in die Küche und entleert sie über dem Ausguss. Anstatt kaltes Wasser nachzufüllen, greift er sich ein Bier aus dem Kühlschrank.