Wohin geht die Reise?

Mal sehen, was Sabine so treibt. Ich meine das Sturmtief. Am Nachmittag soll es in Berlin ungemütlich werden. Bisher verzeichne ich sowas wie die Ruhe vorm Sturm. Die Zweige an den Stadtbäumen weitgehend stoisch, und die Sonne scheint zu mir in die Bude. Ich schiele nach oben und erhasche ein Stück Himmel: schon leicht eingetrübt das Blau. Eigentlich wollte ich wenigstens heute vor die Tür gehen, nachdem ich gestern Nachmittag auf der Couch versackte. Ich gab meinem Appetit nach und kochte mir Pellkartoffeln. Die verputzte ich mit Quark, Gurkensalat und Matjesfilets. Im TV lief auf „ONE“ die Uraltserie „Bezaubernde Jeannie“. Köstlich! So ein Flaschengeist wäre ab und zu was Feines, nicht um mich materiell zu bereichern, sondern um von einem Moment auf den anderen am Meer zu sein oder an einem anderen reizenden Ort der Erde. Ich würde mich jedes Wochenende woandershin zaubern lassen und erst Montag früh zurück direkt an den Arbeitsplatz. Damit entginge ich auf fabelhafte Weise der Öde zuhause.
Es ist jedes Mal dasselbe: Kaum habe ich das WE für mich eingeläutet, steht bereits wieder die nächste Arbeitswoche vor der Tür. Und was habe ich gemacht? Ich gammelte zwei Tage herum, erlebte nichts neues, wechselte bestenfalls im Pub ein paar Worte mit dem Wirt oder einem Gast.
Der schönste Moment ist immer Freitag, wenn ich in den Feierabend gehe. Hauptsache, zwei Tage ausschlafen dürfen und nichts von Tumoren und Dokumentation sehen und hören. Sowieso hasse ich an der Erwerbsarbeit die Unfreiheit, die man in Kauf nehmen muss, um sich in dieser Gesellschaft halbwegs über Wasser zu halten. Dieses Tretmühlendasein macht mürbe. Ich denke, das ist der Grund, warum viele die Rente herbeisehnen, u.a. meine Bürokollegin, die nach langem Krankenstand endlich zurück ist. Vier Monate hat sie noch. Ich bin mir nicht sicher, ob sie`s schafft. Natürlich ermutige ich sie, wo`s nur geht… Sie ist schon speziell mit ihren Zwängen und Ängsten – seufz.
Apropos Krankenstand: der ist nach wie vor erstaunlich hoch bei uns. Ende letzter Woche waren von dreißig Dokumentaren gerade mal ein halbes Dutzend übrig. Witzelnd sagten wir untereinander „Zehn kleine Negerlein“ in Anlehnung an das Kinderlied. Tja. Ich weiß auch nicht, woran es genau liegt. Die Schwelle, sich krank zu melden, scheint bei den meisten von uns sehr niedrig zu sein. Faktoren sind sicher lange Arbeitswege, geringe Wertschätzung, mangelnde Motivation, die Frage „Wohin geht die Reise?“, ungenügende Kommunikation zwischen Leitung und Fußvolk, Komplexität von Thematik und Struktur…
Alles nicht so einfach, wie meine geschätzte Bürokollegin zu sagen pflegt.

Noch immer scheint die Sonne. Kein Anzeichen von Sabine. Bei genauerem Hinsehen: die Unruhe im Geäst der Stadtbäume steigt. Vielleicht auch Einbildung.
Die Waschmaschine läuft. Ich höre nebenbei meinen Lieblingsbluessender. Die Sonntagslethargie schwappt mir entgegen. Ich grinse blöde.

 

Weiter geht`s

Die Ratgeber-Broschüren von der Deutschen Krebsgesellschaft wurden endlich geliefert. Man kann sie gratis anfordern (oder als pdf-Datei runterladen). Für Betroffene eine gute Möglichkeit, um sich über ihre Krebserkrankung und die Behandlungsmethoden zu informieren. Ich nutze sie, um mich für die innerbetriebliche Weiterbildung fitzumachen. Krebs ist ein furchtbar umfangreiches Themengebiet. Jede Entität hat ihre Besonderheiten. Mamma, Prostata, Magen und Ösophagus habe ich schon hinter mir. Anfang Januar warten die Kolorektalen Tumore auf mich. Bis Ostern könnte ich mit allem durch sein, meinte die Chefin. Natürlich weiß ich durch die tägliche Dokumentation schon eine ganze Menge. Ziel dieser Weiterbildung ist, ein noch umfänglicheres Wissen über die Tumorerkrankungen sowie zum derzeitigen Behandlungsprozedere zu erwerben. Es ist der Chefin ein besonderes Anliegen. Meine Meinung ist: Es kann jedenfalls nicht schaden. Am Ende wird außerdem mein Gehalt aufgestockt… von wenig auf nicht mehr ganz so wenig.

Die Krankheitswoche ist rum. Der Atemwegsinfekt so gut wie ausgestanden. Nur noch eine Restverschleimung. Mein Immunsystem funzt noch. Gut gemacht, liebes Immunsystem! Ich sehe meinen Körper und Geist als ein Team an. Der Chef (also ich) baut Scheiße, und mein Team bügelt es wieder aus… Teamwork til death.
Ich stimme mich auf die letzte Bürowoche in diesem Jahr ein. Ich freue mich, meine Kollegen und Kolleginnen wiederzusehen. Ehrlich. Sie wuchsen mir ans Herz. Nach mittlerweile fast drei Jahren kann ich das sagen… Hoffentlich kippt es nicht. Aus Erfahrung weiß ich, wie schnell positive Empfindungen kippen können.

 

Deckel drauf, und gut ist

Also, ich wäre bereit fürs Jüngste Gericht. Wozu noch warten. Dann haben wir`s wenigstens hinter uns. Die Sache liegt doch klar auf der Hand. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn die Menschheit das 21. Jahrhundert überlebte. Die Zeichen stehen schon lange auf Sturm. Es ist nur noch die Frage, wann es passiert. Und wie.
Von mir aus gleich. Ich habe nichts vor. Ob ich noch ein paar Tumorfälle mehr oder weniger dokumentiere, dürfte egal sein. Ich hänge nicht an diesem Job. Manchmal denke ich, die haben`s wenigstens hinter sich, also die mit metastasiertem Lungenkarzinom zum Beispiel. Zuletzt dokumentierte ich davon eine Menge aus Klinikberichten. Diese Menschen, von denen ich sonst nichts weiß – einige sind nicht älter als ich. Ich dokumentiere ihren Leidensweg von Operationen, Chemo- und Strahlentherapien. Ein Leidensweg, der sich über Monate oder gar Jahre erstreckt. Der Tumor wird besiegt – Vollremission, und eine unbestimmte Zeitspanne später das Rezidiv…
Was für eine scheiß Welt, denke ich, warum geht sie nicht endlich unter… mit Katz und Maus. Dann wäre Ruhe. Wozu sich dieses Elend noch länger anschauen, wenn man weiß, worauf es unweigerlich hinausläuft. Ja, ich weiß, da ist noch die Liebe. Eine Hoffnung. Darum leben wir doch. Nur für die Liebe. Oder? Das mit dem Geld ist eine dumme Ersatzbefriedigung. Beziehungsweise ein Mittel zum Zweck. Wie die Macht. Einer muss schließlich das Sagen haben. Kann der letzte Depp sein, egal. Alles würde sonst in seine Einzelteile zerfallen. Anarchie ist Utopie. Wir sind nicht Gott, auch wenn wir auf der Erde Gott spielen.
Also. Deckel drauf. Am Besten gleich und radikal.