„T-T-T“

Der letzte Urlaubstag. Viel brachte mir die freie Woche nicht – wen wundert`s. Ich hätte mir mehr vornehmen müssen, statt zuhause abzuhängen. Sturmtief Herwart machte es einem allerdings nicht einfach: Warum bei diesem Sauwetter rausgehen, wenn man`s zuhause schön gemütlich hat?
An einen Fahrradausflug in den Spreewald, wie ich es anfangs vorhatte, war gar nicht zu denken. Auch eine Städtereise zur Beziehungs-Sanierung kam in Frage, wurde dann aber schnell wieder verworfen. Ich verpennte die Tage weitgehend mit Trinken, TV und tristen Gedanken (T-T-T).
Meine Sache, wenn ich mich der Lethargie hingebe. Woher kommt dieser Druck, etwas machen zu müssen? Wieso fühle ich mich deswegen mies?
Dann fiel mir ein, dass ich die Tage hätte nutzen können, das Grab meiner Eltern zu besuchen. Möglicherweise hätte mir Herwart aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor dieser Reise in die Vergangenheit… Sei`s drum.

Es wird eine kurze Woche im Büro. Nur zwei Tage, dann ist bereits wieder Wochenende, und ich kann weiter dem „T-T-T“ frönen.

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Der Handwerker

Das Leben hält sich an keinen Fahrplan, zumindest was unsere Gefühle angeht. Ich sitze so rum und mache mir Gedanken. Zwischendurch schaue ich aus dem Fenster auf die Straße. Ich finde es bemerkenswert, wie das Leben jeden Tag abläuft: mit Menschen und ihren Hunden, die auf dem Gehsteig vorbeilaufen, Menschen auf Fahrrädern und Fußgänger, Mütter mit ihren Kindern, Autos, die fortwährend übers Kopfsteinpflaster rauschen, Menschen aus dem Wohnblock gegenüber, die wie ich aus dem Fenster schauen…
Ich beobachte einen Handwerker, der seinen Wagen vorm Haus parkt. Er packt seine Siebensachen zusammen. Ziemlich lange braucht er dazu. Immer wieder fällt ihm noch was ein, und er geht zurück zum Wagen. Zuletzt kehrt er um, weil er die Wasserwaage vergaß. Nach einer viertel Stunde verschwindet er schließlich aus meinem Blickfeld zu einem der Hauseingänge. Wenn er dort in derselben Manier und im selben Tempo seine Arbeit fortsetzt… Aber gut, ich bin nicht sein Kunde. Es war nur lustig, ihm bei dem seltsamen Procedere zuzugucken. Womöglich ist er ein echter Profi, – wollte einfach Zeit schinden. Was weiß ich. Ich denke an meinen Vater, der ein sehr guter Handwerker war. Er ging die Dinge auch immer langsam an. Was gut werden soll, braucht Weile.
Ich denke an meine Büro-Kolleginnen, die eine Menge Zeit mit Begrüßungen, Schwätzchen halten und Kaffee kochen verbraten, bis sie ihre Computer hochfahren…
Manchmal überkommt mich das Gefühl, dass meine Kolleginnen in einer anderen Welt leben als ich. Nicht nur meine Kolleginnen, überhaupt alle Menschen. Sogar meine Partnerin. Gut – möglicherweise denken die anderen dasselbe von mir. Dabei bemühe ich mich ehrlich, mich anzupassen. Wenn ich morgens auf der Arbeit erscheine, gehe ich zuerst alle Büros ab und begrüße meine Kollegen und Kolleginnen. Ich rede mit ihnen übers Wetter und anderen Unsinn, soweit mir etwas einfällt. Nach acht Monaten gewöhnte ich mich an meine Arbeitsstätte, aber die Menschen dort erscheinen mir immer noch fremd. Ich kann nicht in ihre Köpfe schauen.

Eine Woche Urlaub seit heute. Das ist fast nichts. Ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe an diesem Beitrag. Ich bemühe mich um einen Kontakt zu mir selbst, zu meinen aufrichtigen Gefühlen. Wenn ich mich nach rechts drehe, ist da der Blick aus dem Fenster zur Straße. Unverändert, – mit anderen Statisten. Alles geht seinen Gang. Unaufhörlich. Mein Herz schlägt, das Blut zirkuliert durch meinen Körper. Der Stoffwechsel passiert. Die Nerven sind angespannt. Im Kopf flunkern mir Milliarden von Neuronen ein Selbst vor. Ich denke, ich werde den Tag langsam angehen lassen…

Ende Sommer

Da schmilzt er dahin der Urlaub, auf den ich ein halbes Jahr wartete. Übermorgen heißt es wieder frühmorgens raus aus den Federn und acht Stunden Tumordokumentation. Mal sehen, wie sich der erste Tag zurück am Schreibtisch anfühlt. Wenigstens wird`s eine kurze Woche. Ein zusätzlicher Trost: mir bleiben noch 10 Tage Resturlaub. Vielleicht fliege ich zum Jahresende auf die kanarischen Inseln. Allein in Berlin Silvester reicht mir vom letzten Jahr.
Schön auch, dass mein Urlaub nicht verregnet ausklingt, sondern halbwegs freundlich*. Na ja, ich hoffe es. Ich trauere dem Sommer nach. Wenn`s nach mir ginge, würde ich ihm einen neuen Anlauf gestatten, denn so richtig nahm ich ihn nicht wahr. Auf jeden Fall war er zu kurz. Oder lebte ich zu schnell?
Die Fahrradreise nach Kopenhagen bildete nun einen perfekten Abschluss. Scheiße aber auch, wie viel Glück ich hatte: nur einen Regentag, keinen Plattfuß, keinen Sturz, immer einen halbwegs passablen Schlafplatz gefunden, das Bier ging nie aus (!), die Reiselektüre war gut, schöne Landschaften gesehen, das Ziel vor der Zeit erreicht, trotz Schmerzen und Anstrengungen durchgehalten…, und schließlich die Rückreise, die wie am Schnürchen lief. In Gedser wurde die Fähre gerade beladen, als ich ankam. Einer der Arbeiter winkte mich schnell durch die Absperrung – ich kam gar nicht dazu, vorher ein Ticket zu kaufen, und es fragte auch niemand danach. So fuhr ich schwarz mit Scandlines nach Rostock. An Bord lud ich mein Handy auf und kaufte mit dem übrigen dänischen Münzgeld Bier nach. Auch war mir das Wetter am Rückreisetag wohlgesonnen. Ich saß kurz am Alten Hafen in Rostock, wo ich auch auf der Hinfahrt gerastet hatte. Am Hauptbahnhof stand (welch glücklicher Zufall!) der Zug nach Berlin bereits auf dem Gleis – ich musste nur noch einsteigen. So erreichte ich Berlin schon am Nachmittag, viel früher, als ich erwartet hatte; stieg am Potsdamer Platz aus und radelte flugs zum Biergarten am Gleisdreieck, wo ich mein Ankommens-Bier genoss… Einziger Wermutstropfen: O. war auf Arbeit und konnte mich nicht begrüßen.
Heute vor einer Woche schlenderte ich noch durch Kopenhagen… By, By! So schnell werde ich wahrscheinlich nicht mehr nach Kopenhagen kommen.

Ohne Bukowski nach Kopenhagen

Seit Monaten trage ich einen Gedichtband Bukowskis in der Tasche mit mir rum. Er hat den sympathischen Titel „Alle reden zu viel“. Ich gehe nicht gern ohne Buch aus dem Haus. Es könnte doch sein, dass ich unterwegs lesen will. Früher las ich tatsächlich viel in Kneipen, Cafés, im Biergarten oder auf einer Sommerwiese. Heute doch wesentlich weniger, aber die Angewohnheit blieb. Na ja, für ein paar Gedichte Bukowskis reicht`s schon noch. Ich nehme mir oft vor, dass ich wieder mehr lesen sollte. Was man sich nicht alles vornimmt, und die Jahre vergehen…
Vielleicht jetzt im Urlaub. Ich erinnere mich noch gut an die ein oder andere Reiselektüre, wie sie mir über die Tage half, wenn ich alleine unterwegs war. Das tagelange Alleinsein stellt selbst für einen Eigenbrötler wie mich eine gewisse Herausforderung dar. Ein Buch kann zu einem guten Reisegefährten im Geiste werden. Was will ich mir also für meine unmittelbar bevorstehende Reise zu lesen mitnehmen? Nein, Bukowski eher nicht, lieber einen Autor, den ich noch nicht kenne…, z.B. Hunter S. Thompson „The Rum Diary“ ( – steht schon länger auf meiner Wunschliste).
Übermorgen starte ich. Eine Fahrradreise von Berlin nach Kopenhagen. Ich spüre bereits das Reisefieber. Kaum zu glauben, wie schnell der Urlaub plötzlich vor der Tür stand. Ein halbes Jahr im neuen Job. Leicht fällt mir diese Tumordokumentation immer noch nicht. Trotzdem – die Probezeit geschafft, wieder eine Etappe abgehakt. Nun drei Wochen ganz was anderes: kein Büro, kein Computer, keine Tumorfälle, keine gackernden Hühner…, raus aus dem stickigen, lärmenden Berlin: nur frische Luft, der Weg, mein Fahrrad, jede Menge Natur, schöne Ausblicke, Sonne, Strand und Meer.
Zuerst geht`s quer durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nach Rostock, mit der Fähre rüber nach Dänemark und dann die Küste entlang bis Kopenhagen. Summa summarum 700 Kilometer. Keine ganz kleine, aber auch keine große Tour. Ich plane etwa zwei Wochen ein. Danach bin ich bestimmt mega-satt an Reiseeindrücken. Außerdem werde ich mich auf mein Bett freuen.

Allen bis dahin eine gute Zeit!