Fesch san ma beinand

Ich ziehe den Rollladen hoch. Die Welt ist noch nicht untergegangen. Dafür schneit es kurz vor Ostern. Der alte weißbärtige Mann im Himmel rasiert sich womöglich… Früher hat er das immer im Winter gemacht. Die Altersdemenz stoppt auch vor ihm nicht. Wenn er kein weiteres Chaos anrichten will, sollte er ins Altenheim gehen. Denn besser wird der Alzheimer nicht. Die Geschäfte könnte er doch an Petrus (diesen Heuchler!) übergeben. Es würde sich schon jemand finden. Auch hier auf der Erde gäbe es genug Kandidaten. Die fühlen sich sowieso schon wie Gott.

Gestern holte sie im Verlauf des Tages einen ganzen Schwung ihrer Sachen ab. Hinter der Tür steht nun nichts mehr. Den verbliebenen Rest verstaute ich in der Kammer. Aus den Augen, aus dem Sinn.
In den Schränken entstand Platz, um mein Zeug neu zu organisieren. Ich habe ein paar Tage Urlaub über Ostern. Und bei diesem Sauwetter macht man sich`s am Besten zuhause gemütlich. Allein aber fein – haha.

Und sonst?
Willkommen in der Neuen Welt, die leider noch die alte ist. Nichts hat sich verändert, außer dass sich jeden Tag mehr Autos durch die Stadt wälzen. Pro Sekunde kommen rund 2,7 neue Erdenbürger hinzu. Und jeder braucht Handy und Auto… das ganze Programm halt. Wolfgang Ambros singt in einem seiner Schlager „…weit hob’n ma’s brocht, fesch san ma beinand“. Wohl wahr. Wir platzen vor Selbstgefälligkeit. Noch nie ging es uns so gut. Was macht`s schon, wenn man dafür seine Seele verkauft. Machen doch alle. Es war niemals anders. Die Fassaden änderten sich, aber der Schmutz dahinter blieb der gleiche. Früher etwas mehr kirchliche Scheinheiligkeit und Trallala… Heute dafür mehr Verarsche durch Werbung und Konsum. So oder so ficken wir uns ins Knie. Aber uns geht`s gut. So gut wie nie. „…weit hob`n ma`s brocht, fesch san ma beinand“. Ich mag diesen Ambros.

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Morro Jable

Ein altes Ehepaar setzte sich auf der Café-Terrasse neben mich, Deutsche um die Achtzig. Wie ich bestellten sie Bier und bekamen dazu ein Schälchen gerösteter Erdnüsse. Auf der Markise des vor uns liegenden Lokals lauerten bereits die Tauben, drei an der Zahl. Wie die Geier saßen sie dort und starteten abwechselnd ihre Angriffe auf die Erdnüsse. Ich hatte mein Schälchen zurückgehen lassen. Mir waren die Nüsse zu fettig, und ich wollte sie nicht ständig gegen die Tauben verteidigen. Anders das alte Ehepaar neben mir. Der Alte hatte bereits in feindseliger Manier die Karte zusammengerollt. Er wartete nur darauf, dass die Vögel zum Tisch flogen und schlug dann fluchend nach ihnen. „Ich krieg euch noch!“ brüllte er, „ich schlag euch tot!“ Peinlich, peinlich, dachte ich bei mir, was für böse Menschen es gibt. Die Frau hielt sich etwas zurück, schaute aber ebenso grimmig. Der Alte führte sich auf wie ein Nazi-General. Er befand sich im Krieg mit den Tauben, und ich hatte das Gefühl, dass er dazu absichtlich diesen Platz ausgesucht hatte. Der Kellner ermahnte ihn. Vielleicht kannte er das alte Ehepaar bereits. Ich trank mein Bier zügig aus und bezahlte.

Morro Jable ist ein Hafenstädtchen. Nichts Besonderes, aber immerhin konnte man hier neben dem Tourismus ein wenig das einheimische Leben beobachten. Ich schlenderte herum, legte da und dort ein Päuschen ein und schoss mit dem Smartphone einige Fotos.

Back in Town

Eine Woche, die Tage flogen wie die Samen einer Pusteblume davon. Ich blicke ihnen staunend hinterher. Das Berliner Grau ist schon überwältigend als Kontrast zu meinen Eindrücken auf Fuerteventura. Ich versuche gerade in aller Gemütlichkeit anzukommen. Mir bleibt dazu ein Tag. Morgen geht`s zurück ins Büro. Noch fühlt es sich an, als ob Sonne, Wind, Sand und Meerwasser an mir haften. Ich glühe innerlich nach.
Die Heimreise verlief planmäßig. Allerdings empfinde ich das Ganze immer als Tortur für Seele, Geist und Körper: zwölf Stunden vom Einstieg am frühen Morgen in den Transfer-Bus vorm Hotel bis zur Ankunft in unserer Wohnung. Am Flughafen kam ich mir vor wie in einer Hammelherde, die abgefertigt wird. Freilich, man muss sich erst gar nicht auf solch einen Trip einlassen. Was habe ich mit diesem Massentourismus am Hut? Was mache ich sechs Tage auf einer Insel, gut dreieinhalbtausend Kilometer von Berlin?
Schon wegen des Lichts und dem Meer lohnte es sich.
Nein, nicht dass ich dort leben wollte. Vieles würde mir fehlen. Aber ein oder zwei Wintermonate würde ich gerne dort verbringen, auch um Land und Leute besser kennenzulernen. Eine Woche ist definitiv zu kurz. Kaum (halbwegs) angekommen, hat man bereits die Rückreise vor Augen.
Geldsäckel und Urlaubstage des deutschen Normalverdieners geben nun mal nicht mehr her. Dementsprechend leistet sich die Hammelherde wenigstens ein paar Tage auf der Insel, hin und zurück mittels Billigflieger plus Unterkunft und Abspeisung in Bettenburgen (oder riesigen Ferienanlagen). Man gönnt sich ja sonst nichts. Alles wunderbar durchorganisiert.

Jedem das Seine

Langsam Zeit zu packen. Flachmann füllen. Die bequemsten Unterhosen aussuchen. Die Medikamente nicht vergessen. Badesachen und Sonnenmilch. Ansonsten nicht zu viel Zeug mitnehmen – es ist schließlich nur eine Woche. Auf Fuerteventura sollte das Wetter deutlich besser sein als hier in Berlin, Weihnachten 2017. Mit etwas Mut könnte ich sogar nur mit Handgepäck reisen. Dann müsste ich allerdings auf mein Taschenmesser und noch ein paar andere Utensilien verzichten. Am Gepäckband rumstehen und auf den Koffer warten ist immer wieder spannend…, das gehört einfach dazu.
Morgen in der frühen Früh geht`s los, um rechtzeitig am Schönefelder Flughafen zu sein. 13 Uhr 55 sollte ich bereits auf Fuerteventura landen. Wie verhält es sich eigentlich mit der Zeitverschiebung? Ich glaube, sie sind dort eine Stunde vor uns. Vor und nach verwechselte ich schon als Kind. Nur nicht verwirren lassen. Der Flachmann wird`s richten. Oder das Bier. Ich lasse den Flachmann lieber zuhause. Ich schenkte ihn mir selbst zu Weihnachten. Es wäre schade, wenn ich ihn gleich wieder verlöre am Strand von Playa Esquinzo, oder wohin es mich dort verschlagen wird.

Okay, im Großen und Ganzen war`s das. Die Zeit auf der Insel wird schneller vergehen, als mir lieb ist. So ist`s ja immer im Urlaub.
Euch allen schöne Tage und einen guten Jahreswechsel (jedem das Seine)!

Glücksbringer

Es ist vollbracht, murmelte ich vor mich hin, als ich gestern die Treppen hinunter zum Ausgang lief. Die letzten Stunden am Arbeitsplatz zogen sich. Die ganzen letzten Bürotage eine einzige Hängepartie.
Nun war ich durch. Auf den letzten Metern des Jahres 2017.
Fazit: Ich sitze mir seit 10 Monaten bei der Tumordokumentation am Computer den Hintern breit, fühle mich total ausgelaugt, aber wenigstens habe ich einen sicheren Job.

Die Piloten bei Ryanair streiken also doch, nachdem erst Entwarnung gegeben wurde. Aber betrifft es auch meinen Flug nächsten Dienstag? Dann dieser Online Check-in… frühestens vier Tage vor dem Abflug. Das wäre heute. Dazu brauche ich aber eine vom Reiseveranstalter speziell generierte E-Mail-Adresse und die Flugbuchungsnummer. Die erhielt ich noch nicht. Ich werde wohl nachfragen müssen… Warum muss alles so scheiß kompliziert sein?!?

Zwei Schornsteinfeger laufen vor meinem Fenster vorbei. Beide in original schwarzer Kluft, nur ohne Hut. Ich glaube nicht an Glücksbringer, und doch trage ich seit Jahren einen ständig mit mir herum (ein Glücksschweinchen). Ein Geschenk von lieben Menschen vor meiner Abreise nach Berlin.
Glück hatte ich eine Menge, was Wohnung, Job und Partnerin angeht, aber daraus lässt sich leider nicht automatisch ein Glücklichsein ableiten. Fürs Glücklichsein braucht man mehr als nur Glück…

Streik

Dass Ryanair Piloten streiken werden, passt mir gerade gar nicht – natürlich gönne ich ihnen ein besseres Gehalt, ich kann mir vorstellen, dass sie bei dem Billigflieger nicht top verdienen, aber ich will in zehn Tagen auf Fuerteventura sein, eine Pauschalreise mit Flügen von Ryanair. Vielleicht habe ich Glück, denn ich las, dass sie über die Weihnachtstage eine Streikpause einlegen. Ansonsten steht der Reiseveranstalter in der Pflicht, doch wer weiß, was dabei herauskommt… Es wäre ein großer Mist, wenn mein Urlaub ins Wasser fiele. Er war als besonderes i-Tüpfelchen am Jahresende gedacht – 2017 mit Sonne, angenehmen Temperaturen und Meeresrauschen abschließen. Kurz rauskommen aus der Depression des Alltags und dem Berliner Mief. Ein paar Tage ganz woanders sein, auf eine Horizontlinie blicken und in den Tag hineinträumen… Also, liebe Piloten, bitte am 26.12. nicht streiken und mich sicher auf diese Insel im Atlantik bringen. Ich finde es scheiße, dass ihr so schlecht bezahlt werdet. Wo man hinsieht, Ausbeuter! Ich muss nur mal an meine Zeiten als Altenpfleger denken. Da hatte ich auch eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, die einen zudem ziemlich stresst und auf Dauer fertigmacht. Und wisst ihr, was man als gelernter Altenpfleger verdient?!? Gerade so viel, dass man sich selbst über Wasser halten kann. Einen Luxusurlaub kann man sich nicht leisten. Wenn man also mal rauskommen will, bleiben nur günstige Pauschalreisen oder die Angebote von Billigfliegern… Irgendwie beißt sich da die Katze in den Schwanz, oder? Die Leute sollen auf Teufel komm raus konsumieren, aber bei den niedrigen Löhnen (und hohen Mieten) geht das nur, wenn die Produkte billig sind. Und wer muss in diesem Pyramidensystem bezahlen? Das sind freilich die ganz unten… Somit werden wir quasi alle zu Ausbeutern… Versteht ihr? Wir sind alle Teile dieses unmenschlichen Systems. Mit jedem Schritt, den wir nach oben machen, treten wir nach unten. Vor kurzem stieß ich zufällig auf die Website „slaveryfootprint.org“ – dort kannst du dir ausrechnen lassen, wie viele Sklaven für dich auf der Welt arbeiten…

Es gibt Tage, an denen man neben sich steht. Es gibt Dienstage, die sich bereits nach Freitag anfühlen. Es gibt Tage, die an der Wahrnehmung einfach vorbeigehen. Heute ist Samstag. Ich habe Geburtstag, und es fühlt sich nicht wie Geburtstag an. Ich gewöhnte mich daran, dass sich Tage nicht so anfühlen müssen, wie sie heißen, bzw. wie sie, eine bestimmte Sache verheißend, auf einen zukommen. Umso weniger man erwartet, desto geringer die Enttäuschung. Freilich eine Binsenweisheit. Nicht einfach durchzuhalten. Geburtstage würde ich am liebsten vergessen. Insofern ein Fehler zu erwähnen, dass ich Geburtstag habe. Mist! Am liebsten wäre ich heute mit O. ins Kino gegangen und danach essen. Passt aber nicht, weil sie einen wichtigen Termin hat, von dem ich nichts wusste. Ich bin sehr enttäuscht, was dumm ist, da ich mir aus Geburtstagen nichts mache.
Das Geschenk ist ausgepackt. Ein riesiges Sparschwein. Mir fällt einfach nicht ein, was ich dazu sagen soll…
Liebe Ryanair Piloten, enttäuscht mich bitte nicht. Bringt mich auf die Insel. Es ist Zeit.

„T-T-T“

Der letzte Urlaubstag. Viel brachte mir die freie Woche nicht – wen wundert`s. Ich hätte mir mehr vornehmen müssen, statt zuhause abzuhängen. Sturmtief Herwart machte es einem allerdings nicht einfach: Warum bei diesem Sauwetter rausgehen, wenn man`s zuhause schön gemütlich hat?
An einen Fahrradausflug in den Spreewald, wie ich es anfangs vorhatte, war gar nicht zu denken. Auch eine Städtereise zur Beziehungs-Sanierung kam in Frage, wurde dann aber schnell wieder verworfen. Ich verpennte die Tage weitgehend mit Trinken, TV und tristen Gedanken (T-T-T).
Meine Sache, wenn ich mich der Lethargie hingebe. Woher kommt dieser Druck, etwas machen zu müssen? Wieso fühle ich mich deswegen mies?
Dann fiel mir ein, dass ich die Tage hätte nutzen können, das Grab meiner Eltern zu besuchen. Möglicherweise hätte mir Herwart aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor dieser Reise in die Vergangenheit… Sei`s drum.

Es wird eine kurze Woche im Büro. Nur zwei Tage, dann ist bereits wieder Wochenende, und ich kann weiter dem „T-T-T“ frönen.