Das Wettrennen der Ängste

„Halte durch!“, schreibt mir eine Mail-Freundin, die mit Hund und Mann in den Urlaub abdampft. Ich bin bereits wieder 1 Woche aus meinem Urlaub zurück und dokumentiere Tumoren bis zum Erbrechen. Wer hat solche Arbeiten erfunden? Wie kam ich nur dazu? – und befinde mich bereits im 6. Jahr…

Vor der Kupferkanne das ein oder andere Feierabendbierchen gezischt, von meiner Fahrradreise erzählt und mehr. Wir erleben unruhige Zeiten. Allerlei Ängste begleiten unseren Alltag: Kriegsangst, Virenangst, Angst vor Inflation, Angst vor Altersarmut, ganz allgemein Angst vor der Zukunft, Angst vorm Klimawandel, Angst vor Unfreiheit und Diktatur… Wir erleben ein regelrechtes Wettrennen der Ängste. Mal liegt die eine vorne und einige Zeit später die andere, oder es taucht im Hintergrund eine Angst auf, die man gar nicht mehr auf dem Schirm hatte.

Nicht mit allen Menschen kann man unbefangen über alles reden. Manche klammern sich an ihre Feindbilder, an ihr Weltbild wie ein Kind an sein Lieblingsplüschtier. Der Mensch wird zum eigenen Gedankendiktator und verbietet sich alle Einflüsse, welche diese Diktatur hinterfragen oder unterminieren könnten. Wenn mein Gegenüber bei einer schlichten Meinungsäußerung meinerseits sogleich aggressiv/beleidigend reagiert, weiß ich, dass ich in den Fokus seiner Gedankenpolizei geriet. Es geht dann nicht mehr um einen normalen Meinungsaustausch, sondern nur noch um Schadensbegrenzung. Am Besten relativiere ich meine Meinung und versuche dem Gespräch einen anderen Faden zu geben. Wenn das nicht klappt, und ich mit Beleidigungen und Vorwürfen zugeschüttet werde, bleibt mir nichts anderes übrig als zu gehen.
Dass ich relativ tolerant bin, hängt vielleicht damit zusammen, dass mein Gedankendiktator ein Freigeist ist. Er verfolgt kein totalitäres Ansinnen. Vielmehr schätzt er aufklärerische Gedanken, die Idee von Meinungsfreiheit und Menschenrechten.
„Leben und leben lassen“ – ich denke an meinen alten Freund Armin, dessen Lieblingsspruch das war. Er war starker Raucher, Trinker und Spieler. (Ich weiß nicht, wo er heute lebt – ob er noch lebt.) Die paternalistische Überfürsorge und Hypermoral des Staates, welche wir heute erleben, entmündigt das Individuum, konterkariert die Demokratie und führt uns hin zu einem totalitären Kontroll-Staat nach chinesischem Muster. Wer will das?!

Ich weiß nicht, welche meiner Ängste gerade vorne liegt. Ein heikles Thema. Vor Corona und Affenpocken jedenfalls fürchte ich mich nicht. Da habe ich eher Angst davor, dass es aufgrund der Dummheit der Politiker zum 3. Weltkrieg kommt.

Feierabendbier

Inzwischen besuchte ich nach der weitgehenden Aufhebung der C-Regeln ein paarmal die Kupferkanne. Vom C-Virus keine Rede mehr, jedenfalls nicht in meiner Anwesenheit (was mir ganz recht ist). Thema sind nun die steigenden Preise, vor allem für den Wirt Necip – die ewige Sorge ums wirtschaftliche Überleben. Die kleinen Sparer beißen ins Gras, während die Großen immer größer werden. Der Mittelstand geht den Bach runter. Eine Entwicklung, welche in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts begann und sich zusehends beschleunigt. Ottonormalbürger muss mit immer mehr Einbußen rechnen. Vor allem die Alten sind betroffen. Die materielle Wohlfühlblase des Wirtschaftswunderlandes löst sich auf. Statt sozialer Hängematte ein Nagelbrett – „Stirb langsam“ in Deutschland.
Ich kann wirklich froh sein, einen relativ krisensicheren Arbeitsplatz zu haben. Beim Bier muss ich noch nicht knausern. Ich genieße es, etwas abseits an der Theke zu sitzen und meinen Gedanken nachzuhängen… Ab und zu wechsele ich ein Wort mit Necip oder einem Stammgast. Aller guten Dinge sind… mindestens drei, sage ich zu Gabi, die immer freitags hinter dem Tresen steht. Sie lacht und bedient den Zapfhebel. Ein Bierstrahl zischt ins Glas (ich liebe dieses Geräusch).

Eine kurze Woche

Die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub verging relativ schnell – wie jede erste Woche nach einem Urlaub. Außerdem wich sie durch einen Rufbereitschaftseinsatz etwas von der Routine ab. Ach ja, und sie war durch den Pfingstmontag kürzer… Der Rufbereitschaftseinsatz war extraordinär. Die Alarmanlage ließ sich nicht scharfschalten, und der Anlagenbetreiber erreichte keinen Servicetechniker – also keinen, der in einem solchen Fall zu uns kommt (eine ärgerliche Sache!). Es wurde für K., unseren IT-Mann, und mich eine lange Nacht. Meine Anwesenheit war geboten, weil ich Rufbereitschaft hatte, und K. war da, weil er noch am meisten Ahnung von der Anlage hat. Da kein Servicetechniker der Betreiberfirma vor Ort erschien, versuchte K. telefonisch das Problem zu lösen. Bis nach 2 Uhr probierten wir herum. Dann fanden wir Gott sei Dank eine Zwischenlösung und konnten das Objekt verlassen.
Was wäre das Leben ohne solche Highlights? Ich bin K. dankbar, dass er die gesamte Kommunikation übernahm. Alleine wäre ich aufgrund fehlender fachlicher Kompetenz aufgeschmissen gewesen. Sowieso ist man in solchen Ausnahmesituationen um jeden Beistand froh.
Das nächste Highlight der Woche war angenehmerer Natur. Die Kupferkanne, wo ich in den letzten Jahren (vor Corona) regelmäßig meine Mittagspausen verbrachte, hatte wieder geöffnet! Beim Vorbeifahren sah ich, dass Tische draußen standen. Offenbar ist in den Außenbereichen der Gastronomie eine Verköstigung wieder erlaubt. So kam ich in den Genuss meines ersten frischgezapften Feierabendbieres seit ca. 7 Monaten!

     

Was für eine Woche

Die Übergabe des Firmenlaptops an meine Bürokollegin klappte problemlos. Wir teilen uns jetzt die HO-Zeit. Sie ist happy! Und ich freue mich, dass ich ihr damit aus ihrer latenten Unzufriedenheit helfen konnte.

Dann die US-Wahl, die uns seit Mittwoch in Atem hält. Sie verwies sogar Corona zeitweise auf Platz 2 in den Schlagzeilen. Trump wird man wohl gewaltsam aus dem Weißen Haus entfernen müssen. „Nein, ich will nicht!“ wird er wie ein trotziges Kind schreien, während sie ihm die Zwangsjacke überziehen…

Corona ist freilich dauerpräsent. Wir befinden uns im Wellenbrecher-Lockdown, wie er genannt wird. Momentan bäumt sich die Welle aber eher auf. Rund 21 Tausend Corona-Positive innert 24 Stunden!

Die Woche klingt ohne ein Feierabendbier im Pub aus. Sehr bedauerlich. Es ist einfach nicht dasselbe.

 

Frescobol

Inzwischen weiß ich, wie das Spiel mit den Holzschlägern und dem roten Gummiball heißt, das fast täglich auf der Sandfläche vor meinem Lieblingsplatz im Park gespielt wird…
Reiner, ein Typ, der auch fast immer dabei ist, hatte sich neben mich gesetzt. Er hoffte, dass noch andere aus der Gruppe der Spieler und Spielerinnen kommen würden, aber an diesem Nachmittag sah es mau aus. Wir saßen also nebeneinander und kamen langsam ins Gespräch.
„Sieht so aus, als ob du heute deine Ruhe hättest.“ sagte er und lächelte breit.
„Ach, ich fühle mich nicht gestört. Ich schaue eurem Spiel gerne zu.“
Er erzählte mir, dass sich wohl der ein oder andere bereits über das permanente „Tok – tok – tok…“ beschwert hatte.
„Nein, macht mir wirklich nichts aus“, betonte ich nochmals – wenn ich die Ohrstöpsel drin habe, höre ich sowieso kaum noch was… Ich sitze gern hier und schaue den Leuten zu, wie sie Sport treiben… Oft wird auch Volleyball gespielt… Wie heißt das eigentlich, was ihr da spielt?“
Und so kam ich zu der Info, dass es sich um Frescobol handelte, welches in Brasilien quasi Nationalsport ist; und die Jungs und Mädels aus der Gruppe unterhielten sich nicht etwa auf Spanisch, wie ich zuerst angenommen hatte, sondern auf Portugiesisch.
Wieder was dazu gelernt.
Gerd, der Flaschensammler und Altfreak, hatte sich inzwischen zu uns gesellt. Schön, diese Leute mal etwas näher kennenzulernen. Ich erfuhr, dass Gerd gar nicht so weit weg von mir wohnt. Er kam aus der Hausbesetzerszene und hat jetzt eine Bleibe in einer WG. Auf der Dachterrasse pflanzt er Auberginen und sein eigenes Gras an. Mit Flaschensammeln + Stütze kommt er gerade so über die Runden. Er hatte schon bessere Zeiten, doch dann brachte ein Herzinfarkt die Zäsur…
Wir saßen eine gute Weile zusammen auf der Holztribüne und quasselten über die Themen, die gerade die Welt bewegen. Mein Feierabendbier hatte ich längst ausgetrunken und die Flaschen Gerd vermacht. Wenigstens für einen Nachmittag hatte ich zwei Kumpanen gefunden. Mal sehen, was draus wird. Am Ende werde ich noch Frescobol-Spieler.