Unteilbar

Unteilbar ist nichts. Soweit ich weiß, ist es nur eine Frage der Energie – man kann quasi alles zerschießen. Wir stoßen dabei in immer irrwitzigere mikrokosmische Dimensionen vor, die sich kein Schwein mehr vorstellen kann. Gespensterteilchen fliegen uns um den Kopf, und eine ominöse Dunkle Materie durchdringt alles, ohne dass wir sie zu fassen kriegen. Ich bin schon immer fasziniert von solcherlei Grundlagenforschung. Ich würde gern wissen, woher mein Arsch kommt sowie das ganze Außenherum. Gott ist als Erklärung nicht mein Ding. Wenn ich mir anschaue, wie sich die Menschen ihren Gott zerschießen…, sie sich zwar in den monotheistischen Religionen auf denselben Gott berufen, aber machtbesessen, wie sie sind, in Juden, Christen, Moslems und was weiß ich alles zerfallen. Und damit nicht genug, sie schlagen sich dabei noch gegenseitig die Köpfe ein. Vollkommen irre: Zum einen der CERN Teilchenbeschleuniger, wo Wissenschaftler die Grundlagen des Daseins erforschen, und zum anderen Horden von Idioten, die sich aufgrund unterschiedlicher Glaubensrichtungen anfeinden und bekriegen. Was ist nur in den 14 Milliarden Jahren nach dem Urknall passiert, dass ich hier in dieser bescheuerten Welt hocke und nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll? Können nicht einfach alle nur Menschen sein? Die Erde ist furchtbar winzig im kosmischen Maßstab, weniger als ein Sandkorn auf einem endlos langen Strand… Wozu dieser Heckmeck mit Religionen, Nationen und Grenzen? Einfach mal in einer sternenklaren Nacht auf eine Wiese legen und gucken… einfach nur gucken. Seht Ihr was anderes als ich?

Heute findet in Berlin die „Unteilbar-Demo“ statt. Unter dem Motto: „Solidarität statt Ausgrenzung“. Zehntausende werden kommen. Gute Sache eigentlich. Aber allein der Gedanke an die sich durch die Stadt wälzende Menschenmenge schreckt mich ab. Gut, man will ein Zeichen setzen. Es gibt politische und religiöse Kräfte, die die Menschen wiedermal auseinanderdividieren wollen. Hatten wir in der Geschichte mehrmals. Ein Ränkespiel der Kräfte. Das Spalten einer Gesellschaft scheint leichter von der Hand zu gehen als ihr Zusammenwachsen. Die Bindungskräfte der Menschen reichen bei weitem nicht an die der Materieteilchen heran. Unteilbar ist wie gesagt nichts. Aber einen Tag lang können die Demonstranten im Umfeld von (scheinbar) Gleichgesinnten von einer unteilbaren und besseren Welt träumen. Wem`s gefällt. Ich werde bei dem tollen Herbstwetter lieber in die Peripherie Berlins fahren und am Ufer eines Sees bei einem Bier gedankenverloren in die Sonne blinzeln.

Der Herbst ist eine gute Zeit für Beerdigungen

Wind und Regen. Ich öffne das Küchenfenster, und feiner Nieselregen weht mir ins Gesicht. Was war das für ein Sommer – wie ein fetter warmer Hefeteig, monatelang. Die Sonne machte schwindelig.
Es ist früh am Morgen, noch düster. Ich träumte wirres Zeug: von vergeblicher Liebe, von Verlassenwerden. Immerhin flog ich mal wieder. Doch stemmte sich mir eine unsichtbare Macht entgegen, und ich kam kaum vorwärts, wurde in Seitenstraßen abgetrieben. Ich musste mich unglaublich konzentrieren, was sehr viel Kraft kostete… Ich suchte meine Gefährten und fand sie nicht. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass das alles nicht wahr -, nicht wirklich passiert sein konnte.
Die Getränke sind alle, und ich warte auf den Lebensmittellieferanten. Natürlich läuft derweil Blues aus dem Internetradio. Irgendeinen alten Blues-Musiker hörte ich vor Kurzem sagen: „Blues ist, wenn es einem guten Menschen schlecht geht.“ Ich zünde eine Kerze an, für mich und meine Seele…
Ich will, dass sie endlich weg ist – weg aus Kopf und Herz, weg aus meinen Träumen. Normalerweise beerdigen wir unsere Toten, um ihnen zu gedenken, um einen Platz zu haben, an dem wir ihnen nahe sein können. Bei mir ist es das genaue Gegenteil: Ich will alle Erinnerungen, Bilder und Gedanken an eine Person beerdigen, die noch lebt. Die Trauer und das Gefühl des innerlichen Wundseins müssen ein Ende haben! In der letzten Kurznachricht an sie schrieb ich, sie sei nun endgültig für mich gestorben. Noch nie in meinem Leben stellten sich meine Gefühle einer Person gegenüber derart auf den Kopf. Aus Liebe wurden mittlerweile abgrundtiefe Verachtung und Abscheu. Ich denke an einen riesigen unförmigen Kadaver, der einst unsere Liebe war, nun vor sich hin faulend grausamen Verwesungsgestank ausströmt. Ich muss diese Pest loswerden, die mich seit Monaten von Innen vergiftet. Ich muss das faule Fleisch herausschneiden und die Wunde veröden. Aber leichter gesagt als getan, wenn es sich um so etwas Diffuses wie die Seele handelt. Andere Methoden müssen her. Eine Menge Bilder kamen mir in den letzten Tagen in den Sinn: Ausradieren, ausschaben, in einem Fahrstuhl zum Mittelpunkt der Erde schicken, in den Gulag verbannen, abschütteln wie Herbstlaub, totficken, in ein Schwarzes Loch schleudern, pulverisieren, wie Unkraut jäten, auskotzen… Meiner Seele ist wirklich nach Erbrechen. Leider kann ich mir nicht einfach den Finger in den Hals stecken und das Problem damit beseitigen. Ich stelle mir die Seele eher durchlässig mit sowas wie Poren vor, aus denen das Gift langsam entweicht, wenn ich mir es nur stark genug wünsche. Vielleicht helfen auch Rituale – erstmal alles vernichten, was an die Person erinnert. Mir fallen immer noch Sachen auf, die sie mir mal schenkte und hier rumliegen. Weg damit! So entdeckte ich vor Kurzem zwei Schals, die meiner Säuberungsaktion entgangen waren. Das Ganze darf nicht zu einer Halben Sache verkommen. Das Loswerden von seelischem Giftmüll durch eine verkorkste Liebe ist kein einfaches Unterfangen. Der Rückfall war freilich eine ganz große Dummheit von mir. Beinahe hätte ich mich dabei seelisch selbstverstümmelt. Scheiße aber auch.
Wie sieht`s inzwischen draußen aus? Etwas heller geworden. Ein paar mehr Passanten. Der Lieferservice ließ sich noch nicht blicken. Er hat ein Zeitfenster von vier Stunden. Gott sei Dank Wochenende. Ich hing auf Arbeit ganz schön durch. In mir nagte dieser unglaubliche, schmerzhafte Ekel. Hätte sie mir doch nur nicht geschrieben, was ich mir zwar ohnehin dachte, aber eigentlich nicht wissen wollte, nämlich, dass sie einen Neuen hatte. Wahrscheinlich bereits, als wir noch zusammen waren, – denke ich mir jedenfalls. Das würde einiges erklären. Aber egal. Ich verbot mir, weiter zu grübeln. Bringt nichts. Viel zu lange zermarterte ich mir das Hirn. Nun schließe ich endgültig die Tür hinter mir, eine meterdicke Panzertür, und werfe den Schlüssel in ein Meer aus Salzsäure. Soll sie ihren Frieden auf dem Schwanz des Neuen finden…
Ich verfluche den Tag, an dem sie mir begegnete. Nichts würde ich lieber tun, als die Zeit viereinhalb Jahre zurückzudrehen, um nicht an diesem Vormittag auf Mallorca in den Bus zum Bahnhof an der Placa Espanya zu steigen, wo sie am Fahrkartenschalter hinter mir stand und das Elend seinen Lauf nahm. Die Zeit kann man nicht zurückdrehen. Klar. Also in die Trickkiste greifen: So ein Blitzding, wie es die Agenten im Kinostreifen „Men In Black“ anwenden, würde mir auch schon helfen. Was für ein angenehmer Gedanke, sie einfach nicht wiederzuerkennen, falls ich sie sähe.

Gedanken zum Marathon

Heute ist ja Zombielauf! durchfährt es mich und meine damit den Berlin-Marathon. Soll ich Gaffen gehen? Am Ende kommt einer von den Zombies vom Weg ab und fällt mich an. Sicherheitshalber könnte ich die Machete mitnehmen. Wozu habe ich sonst die Machete?! Wenigstens ein paar von denen den Garaus machen, bevor sie einen am Boden haben…
Schon lange hege ich den Verdacht, dass unsere Gesellschaft von Zombies unterwandert ist. Schwer zu sagen, wer alles zu den lebenden Toten gehört, und wer nicht. Eine andere Theorie ist, dass die Körperfresser Besitz von den Körpern der Menschen ergriffen haben. Wie das genau geht, kann man heute auf Tele 5 im Spielfilm „Die Körperfresser kommen“ sehen. Ob nun Zombies oder von Außerirdischen gelenkte Marionetten spielt eigentlich keine Rolle. Jedenfalls stimmt etwas nicht mit dieser Welt, und es wird meiner Meinung nach immer schlimmer. Bereits als Kind fiel mir auf, dass die meisten Erwachsenen sich äußerst seltsam verhielten… Ziemlich gruselig die Erwachsenenwelt. Besser man wappnet sich. Von mir kann ich sagen, dass ich es irgendwie schaffte, nicht von innen ausgehöhlt werden. Aber ich spürte zwischenzeitlich schon, dass es da etwas gab, das mir meinen Willen und meine Seele rauben wollte. Offensichtlich gibt es einige Menschen, die wie ich dagegen immun sind. Nicht ganz einfach, die zu erkennen oder gar zu treffen, weil die sehr vorsichtig sind. Heute beim Marathon ist`s freilich ganz einfach, zumindest einige Zombies als solche zu identifizieren, denn da sind sie nummeriert. Und wenn du den Läufern in die Augen schaust, kannst du`s auch sehen: dieser abwesende Blick, wie in Trance. Ganz typisch für die Untoten.
Aber soll ich mir das Elend wirklich anschauen? Wenn ich ehrlich bin, tun sie mir leid. Schließlich können sie nichts dafür, dass eine fremde Macht Besitz von ihren Körpern ergriff. Nein, ich will nicht zu den Gaffern gehören. Das Gaffen ist auch so eine grassierende Unart. Keine Ahnung, wo ich das einordnen soll. Ebenso eine Form der inneren Leere. Lieber bleibe ich zuhause, da bin ich am sichersten. Der Kühlschrank ist voll. Genug Bier und Wein, und der Blues schallt durchs Zimmer. Jeden Tag feiere ich, dass meine Seele noch mir gehört.

Rückfall

Die erste Woche nach dem Urlaub zurück im Büro überstanden. Alles befand sich noch an seinem Platz. Lediglich eine Pflanze sah merklich mitgenommen aus. Bei meiner Kollegin konnte ich nicht nachfragen, weil die ihren Sommerurlaub antrat, kurz bevor ich zurückkehrte. Das heißt, ich werde noch einige einsame Bürotage vor mir haben. Ab und zu besuchen mich zwar die Hühner, oder ich besuche sie an ihren Wirkungsstätten, aber das ist nicht dasselbe. Ich vermisse meine Kollegin.
Und sonst? Zwei neue Hühner im Sortiment, um die Flut der Tumormeldungen zu bewältigen. Die Panzerschränke sind nach wie vor gestopfte voll. Wir hinken rettungslos mit der Dokumentation hinterher. Aber davon lassen sich die Hühner weitgehend die Laune nicht verderben, und das finde ich gut! Nach meinen von Einsamkeit geprägten Urlaubstagen hörte ich sie gern gackern und lachen.
Die Rückkehr an meinen Arbeitsplatz verlief also ganz passabel.

Alles gut soweit. Aber dann hatte ich einen Liebesrückfall. Ich saß am Computer, fing gerade mit dem Dokumentieren an (Mamma- und Colon-Karzinome), da erwischte mich eine warme Welle Sehnsucht nach ihr. Und ich gab nach. Ich warf meine Bedenken über Bord und kontaktierte sie. Das erste Mal… seit Monaten. Ich glaube, ich schrieb: „Ich habe furchtbar sehr Sehnsucht nach dir.“ Nach ein paar Stunden antwortete sie: „Ich auch.“ Die Kommunikation verlief schleppend, aber schließlich keimte etwas Hoffnung bei mir auf. Vielleicht war es nicht falsch gewesen, der Sehnsucht nachzugeben. Meine Ratio hatte ich in diesem Moment weitgehend ausgeschaltet. Ich vertraute einfach meinen Gefühlen, so wie damals, als ich sie auf Mallorca kennenlernte. Warum auch nicht? Alle Probleme und Hindernisse können sich in der Liebe auflösen, als gäbe es sie nicht. Ich saß nach Feierabend im Biergarten und simste mit ihr, und hinterher fanden wir beide, dass es ein gutes Gespräch war.
Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Wäre wohl auch zu schön gewesen – sowas wie eine Reunion. An mir lag`s nicht. Als ich nach einem baldigen Treffen fragte, kriegte ich gleich die erste Klatsche. Sie sei zurzeit total in die Arbeit eingespannt…, antwortete sie. Und bald darauf ließ sie durchblicken, dass das gut und wichtig für sie sei, vor allem finanziell, auch gesundheitlich, weil sie seitdem weniger Bier trinkt.
Sie schrieb: „Ich will nur Frieden.“
„Aber ich lasse dich doch in Frieden.“
„Ich meine den Frieden, den ich nur mit dir haben kann.“
Und da schafft sie es nicht, sich ein paar Stunden am Wochenende frei zu machen, um mich zu treffen? Sie liebt mich nicht mehr…, alles ist ihr wichtiger als ich, sie braucht mich nur um des lieben Friedens willen. Rumms! Ich ging (innerlich) in die Knie. Die Tränen schossen mir in die Augen. Was hatte ich mir nur eingebildet!? Wie dumm von mir, der Sehnsucht nachgegeben zu haben.
„Nein“, antwortete ich ihr, „es war ein Fehler, tut mir leid.“
Ich hatte die Deckung einen Moment lang aufgemacht, und schon hatte sich mein Herz eine blutige Nase geholt.

Mein Gedanke heute: Es hätte nie ein nach Mallorca für uns geben dürfen.

Sommer…

Staffelei erstmal weggepackt, und das „Wohnzimmer“ erstrahlt wieder in voller Größe vor mir. Ich bin zufrieden mit den zwei Schmierereien aus den letzten Wochen/Monaten. Nun Leinwände und Acrylfarben nachkaufen. Ich stelle fest, dass ich ziemlich verschwenderisch mit den Farben umging. Platz an den Wohnungswänden habe ich für neue Werke kaum. Ich will nicht alles vollhängen. Also werde ich immer mal ein paar Bilder austauschen. Heute bin ich zu faul dazu. Kommt Zeit, kommt Wandlung. In den Schränken entdeckte ich immer noch Kram, der mich an „sie“ erinnert – also weg damit in den Abfallsack! Ich leide nach wie vor unter den Folgen des Trennungs-Schocks. Sieht so aus, als müsste ich einen verdammten Berg überwinden, um dann endlich auf der anderen Seite die Geschichte endgültig hinter mir lassen zu können.
Im Büro läuft inzwischen alles weiter wie gehabt. Frust und Lust halten sich gerade so die Waage. Jeden Tag ein Kampf hin zum Feierabend. Kaum aufbauende Momente, – immerhin eine gute Kollegin, die nur selbst ziemlich frustriert ist, und am liebsten die verbleibenden zwei Jahre bis zu ihrer Rente abkürzen würde. Sie erinnert sich an bessere Zeiten in der Tumordokumentation, als die Arbeit noch sinnträchtiger erschien. Ich kenne die alten Zeiten nicht, von denen sie redet, und bin bisher froh, dass sich der Leistungsdruck in Grenzen hält. Es gibt für das Gehalt, das wir bekommen, bei weitem schlimmere Jobs. Auch wenn ich zurzeit ganz schön in den Seilen hänge, will ich durchhalten. In ein paar Wochen wartet außerdem mein Jahresurlaub. Eine Fahrradreise ist geplant. Diesmal über Hamburg an die Nordseeküste.

Zwischen dem Sommer, der sich dieses Jahr wirklich ganz schön ins Zeug legt, und mir, steht eine riesige Mattscheibe. Ich komme nicht zu ihm durch…, schaffe es nicht, die Mattscheibe zu umgehen, um mich in seine Arme fallen zu lassen, um ungezwungen das schöne Wetter und die sommerliche Kulisse zu genießen. Ich packe es einfach nicht. Ich bin noch lange nicht über den Berg.