Ich bin zu alt für den Scheiß

Wie hypnotisiert starre ich auf die Sanduhr. Der Sand füllt nach und nach das untere Glas. Längst ist unten mehr als oben.
Ich kotze meine Seele in die Kloschüssel und spüle den Scheiß weg.

Vorgestern standen eine junge Frau und ein junger Mann in dunkelblauen Jacken von Gasag vor meiner Wohnungstür. Äußerst wichtigtuerisch. Sie wollten meine Stromrechnung einsehen. Die Frau laberte sofort auf mich ein. Ich stand in Unterhosen im Türspalt und starrte sie an. Gingen die Zeugen Jehovas unter die Stromanbieter?
„Sie haben wohl nicht verstanden, worum es geht?“ sagte die Frau mit ernster Miene, „die Strompreise werden immens ansteigen.“
„Klar, davon habe ich gehört“, sagte ich müde.
„Wir wollen anhand ihrer Rechnung prüfen, wo Sie zu viel bezahlen.“
„Sie wollen, dass ich zu Ihrem Verein wechsele. Aber ich bin schon groß – ich kümmere mich selbst um solche Angelegenheiten.“

Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Begegnungen und Gesprächen der Sand besonders schnell von der oberen in die untere Hälfte der Sanduhr rieselt. Fremde Menschen und Institutionen mischen sich in Sachen ein, die sie nichts angehen. Es geht niemanden was an, wo ich meinen Strom oder meine Unterhosen kaufe, und wie viel Geld ich dafür ausgebe.

     

St. Pauli – Heidenheim, ein gutes Gespräch und das Huhn im Fahrradkorb

Kaum hatte ich mich gesetzt, fielen die Tore. Es lief St. Pauli gegen Heidenheim. Die Gäste grölten. St. Pauli zog in Toren davon. Die Mehrheit war offenbar für St. Pauli. Mir war`s wurscht. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass Samstagnachmittag im Pub Fußball lief. Ich wollte einfach nur für ein-zwei Stündchen rauskommen und vielleicht ein paar altbekannte Gesichter sehen. Die sah ich auch. Die Stammies saßen wie Vögel auf der Stange an der Theke. Eigentlich mein Lieblingsplatz, aber da hätte ich früher kommen müssen. Es blieb mir nur ein Platz eine Ebene tiefer. Thorsten bediente. Wir sahen uns ein gutes Jahr nicht mehr. Als er mir das Bier brachte, setzte er sich kurz dazu.
„Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt?“
„Na ja, Corona, die Lockdowns, und im Sommer saß ich draußen.“
„Sonst alles okay?“
„Ja, was soll man zu dem Ganzen sagen… Zurzeit habe ich nur etwas Stress auf Arbeit.“
Thorsten begab sich wieder hinter die Theke, und ich glotzte auf den Bildschirm wie die anderen. St. Pauli war gut drauf, was der Stimmung im Gastraum zuträglich war… Mein zweites Bier war bereits in Arbeit, als 2 Ladies in elektrischen Rollstühlen mir gegenüber parkten. Natürlich hatte ich nichts dagegen. Keine Ahnung, wie ich ins Gespräch mit der jüngeren der Beiden kam. Ein Wort ergab das andere. Schnell stellte sich heraus, dass sie in Sachen Corona ähnlich wie ich tickte – wir hatten damit ein Gesprächsthema… Das Pub wurde indes immer voller. Der Lärmpegel stieg an, so dass ich mich zu der Lady im Rollstuhl vorbeugen musste, um sie zu verstehen. Ich war fürs Erste bedient. Genug Pub. Herzlich verabschiedete ich mich von den beiden Ladies und radelte Einkaufen. Am Eingang des Supermarkts begrüßte mich ein Huhn (ein echtes Huhn!), das im Lenkerkorb eines abgestellten Fahrrads ausharrte… Ich mag solche Tage.

 

Keep Cool

Ganz schön was los im Haus. Das durchdringende Geräusch einer Bohrmaschine schmeißt mich aus dem Bett. Es ist so laut, als ob es direkt von der anderen Seite der Wand kommt, an der ich schlafe. Im Treppenhaus ein morgendliches Getrampel auf und ab – wahrscheinlich die Handwerker und Bewohner, die vor dem Lärm fliehen, stelle ich mir vor. Ich gucke nicht durch den Spion. Das Bohren kann nicht endlos dauern, denke ich, und tatsächlich ist nach einer halben Stunde erstmal Ruhe. Ich sitze im Halbdunkel am Schreibtisch und tippe drauflos, ohne zu wissen, wohin es mich führt. Befinde ich mich bereits im Tag? Freundlich beginnt er nicht. Es ist kühl, aber ich will darum noch nicht die Heizung aufdrehen. Laut Thermometer an der Pinwand liegt die Zimmertemperatur bei 20°C. Zum Eisklumpen werde ich schon nicht werden. Der Blick aus dem Fenster zeigt einen düsteren nasskalten Herbsttag in Berlin. Die Wettervorhersage bestätigt, was ich sehe. Nein, ich lasse mich vom Wetter nicht runterziehen. Da gibt es andere Dinge, die an meinen Nerven zerren, die wie Backsteine auf meiner Brust liegen. Schon relativ am Anfang der erklärten Pandemie mit Lockdowns und allerlei Maßregelungen konstatierte ich, dass ich vor den Menschen mehr Angst habe als vor dem Virus. Die meisten meiner Mitmenschen sehen es genau umgekehrt. Für sie bin ich ein Wirrkopf oder schlimmer. Es wird in der Öffentlichkeit und in den Medien in diesem Zusammenhang mit allerlei abwertenden Attributen herumgeworfen. Gute Bekannte melden sich nicht mehr. Verachtung liegt in der Luft. Man fühlt sich zum Bürger 2. Klasse degradiert. Ungeimpfte dürfen dies und das nicht mehr. Längst wurde die freiwillige Impfung durch vielfältige Verordnungen zum Impfzwang, besonders in einigen Berufsgruppen. Ich halte dieses ganze staatlich legitimierte Vorgehen gegen Ungeimpfte für menschenverachtend. Es passiert hier gesellschaftliches Mobbing der fiesesten Art. (Und nein, liebe Freni, ich steigere mich da in nichts hinein.)
Gut, dass es auch Menschen gibt, die sich impfen ließen aber das Ganze nicht so verbissen sehen, die ihren gesunden Menschenverstand noch nicht an Staat und Massenmedien abgegeben haben. Und dann gibt es natürlich jene, die mutig gegen die staatlichen Maßnahmen demonstrieren und im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf hinhalten, oder die in den alternativen Medien kritisch berichten und nicht nachlassen, die Fehler, Widersprüche und Lügen unserer Regierenden zu benennen. Es ist gut zu wissen, dass man mit seiner Wahrnehmung und seinen Gefühlen nicht alleine steht – auch wenn es mir manchmal (z.B. auf meinen Blogs) so vorkommt. Viele trauen sich nicht, offen zum Thema Corona und Impfung zu reden, oder sie gehören zu denjenigen, die für Menschen wie mich nur Verachtung übrighaben.

That`s it.
Der Herbsttag grinst frech zu mir in die Wohnung, als wolle er sagen „keep cool, old boy“… Ich weiß, jeder Scheiß hat einmal ein Ende: Bohrmaschinen am Morgen, keifende Frauen, Regentage, Kälte, Winter, Hunger, schlechte Regierungen, Diktaturen, Faschismus, Unterdrückung, Gewalt, Kriege, Corona, Krankheiten…

Schätze, es wird Zeit für einen Drink.

 

Wer macht hier Probleme?

„Hat Necip mit dir noch nicht geredet?“ fragte die alte Gabi spitz.
„Nein – wieso?“ gab ich zur Antwort, wobei ich natürlich wusste, worauf sie anspielte.
„Weil du ungeimpft bist.“
„Ach so… Ich will keine Probleme machen.“
„Wir kriegen die Probleme.“
„Kein Problem, ich setze mich raus.“

Ich wartete, bis die alte Gabi das Bier fertiggezapft hatte, zahlte sofort und verließ den Schankraum. Außer mir war nur ein weiterer Gast in der Kupferkanne gewesen. Aber wir Deutschen sind eben Regel-Fuzzies wie aus dem Bilderbuch.
Zügig trank ich mein Bier, denn es war ganz schön kühl. Eine gute Gelegenheit, gleich mal zum Pub zu radeln, dachte ich, um zu testen, wie streng dort die Regeln ausgelegt werden.

Im Pub bediente eine kleine Russin mit immensem Busen, die ich nicht kannte. Nur Edgar, ein alter Stammgast, saß an einem Tisch und las ein Buch, das er dicht vor seine Nase hielt. Ich setzte mich an die Bar und bestellte ein Bier. Mir wurden keine Fragen nach meinem Impfstatus gestellt. Beim 2. Bier entspannte ich mich ein wenig. Einige andere kamen herein und wurden auch nicht gefragt und wiesen sich auch nicht coronaregelgerecht aus (soweit ich es mitkriegte). Ich bestellte ein 3. Bier.


im Pub

Sie hätten besser nicht gefragt

Ein junges Paar betrat den Gastraum. Artig fragten sie an der Theke, ob sie auch ungeimpft ein Bier bekämen. Die alte Gabi bediente. Sie bedeutete den beiden, dass sie mit der Außenbestuhlung vorliebnehmen sollten. „Ich bringe es Ihnen dann raus.“ Es war ein schöner Tag – also kein Problem, draußen sein Bierchen zu trinken. „Sympathisches Pärchen… Sie hätten besser nicht gefragt“, sagte ich lachend. „Ja-ha-ha“, meinte Gabi und fügte kurz darauf mit ernster Miene hinzu, dass sie kein Verständnis für Leute habe, die sich nicht impfen ließen. Uff! dachte ich, jetzt schweige ich wohl besser.

Wer kein Herz hat, kann nicht herzkrank werden

Die Personalchefin bügelte meinen Antrag auf Teilzeit ab. Sie argumentierte betriebswirtschaftlich mit der Bürobelegung. Man müsse schon sehr wichtige Gründe vorbringen. Möglicherweise sehe ich einfach zu gesund aus (bin alleinstehend, habe kein Kind zuhause oder ein Elternteil, um das ich mich kümmern muss). Auch ist es nicht mein Ding, Mitleid zu erbetteln. Ich kündigte an, ihrem ablehnenden Bescheid zu widersprechen, dann freilich ausführlich begründet und mit ärztlicher Bescheinigung.
Reichlich aufgewühlt und demoralisiert ging ich in den Feierabend und gab in der Kupferkanne allen Gästen einen aus. In der Nacht schlief ich kaum. Ich nahm mir kurzfristig Urlaub für ein verlängertes Wochenende. Danach weitersehen. Am besten werde ich Montag den Arzt aufsuchen…

Hinzu kommen die nach wie vor deprimierenden Nachrichten hinsichtlich der weltweiten Corona-Massenpsychose, die gewaltig an meinen Nerven nagen. Ich fühle mich wie in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt.
Wenigstens der momentan Goldene Oktober ist eine kleine Freude, und dass ich in der Kupferkanne mein Bier auch als Ungeimpfter bekomme.

 

Am Winterfeldplatz

am Winterfeldplatz im Halbschatten relaxt

Berlin ist und bleibt ein Sud aller möglicher Kulturen und Menschen jung, alt, arm oder reich. Man kann sich sattsehen an den vielfältigsten menschlichen Lebensformen. Alles sitzt nebeneinander, von gewissen ausgewiesenen Stadtteilen abgesehen, wo gewisse Kulturen sozial dominieren… Ich mag die bunte Durchmischung. Von Straßenecke zu Straßenecke ist Neues zu entdecken. Und an manchen Plätzen subsummiert sich alles, wie z.B. rund um den Winterfeldplatz, besonders wenn mittwochs und samstags Markt ist. Immer wieder mal ein Anziehungspunkt auf meinen Kieztouren.


Ein Wiedersehen

Unwillkürlich kniete ich mich neben Karl-Heinz, der im Rollstuhl saß. Seine Augen groß und matt im blassen Gesicht, sein Körper ausgezehrt. Er gehört zu den alten Stammis im Pub. Ich drückte seine Hand und umarmte ihn. Ich verstand kaum, was er sagte, nur, dass er wohl lange im Krankenhaus gewesen war. Er lächelte mich an, guter alter Karl-Heinz… vom Tode gezeichnet.
Pünktlich zum Marathon-Event schien die Sonne. Der unausweichliche Abschied vom Sommer legte eine kleine Pause ein – gut für die Besucher des Pubs, gut für die Musiker, die neben uns wunderbar aufspielten, gut für die Läufer… Die Profis waren längst im Ziel. Es folgte die langgezogene Masse der Freizeitläufer, die mitmachten, um mal dabei gewesen zu sein, oder um sich selbst etwas zu beweisen, oder vor Familie und Freunden anzugeben.
Ich freute mich über die vielen bekannten Gesichter. Fast ein Jahr lang hatte ich das Pub nicht mehr besucht. Aber man kannte sich noch. Ein schönes Wiedersehen. Im Sommer saß es sich vor der Kupferkanne besser als an der verkehrsreichen Potsdamer Straße. Es ist auch die Frage, wie eng ein Wirt die Corona-Regeln auslegt. Dahingehend muss ich Puschel noch auf den Zahn fühlen. An diesem herrlichen Sonntag verlor niemand ein Wort darüber.