Gefangen in der Öde

Mit dem Leben verhält es sich wie mit dem Weltall: Zwischen den Planeten, den Sonnensystemen und Galaxien liegt ein Haufen leerer Raum. Ich nenne es Öde oder „nichts los in der Hos“. Zurzeit befinde ich mich mal wieder in der Öde. Der Winter ist dazu prädestiniert, die Weihnachtszeit im Besonderen. Gestern hatten wir betriebliche Weihnachtsfeier, Betriebsversammlung, Jahresabschlussbericht und Fortbildung in einem. Ganz schön öde, und man darf sich von seiner schlechten Laune und Langeweile nichts anmerken lassen. Ist immer blöde, wenn man gefragt wird: „Alles gut bei Dir?“
„Ja, haha, alles top, ich schlief nur schlecht.“
„Ich schlief auch nicht gut.“
„Ach so.“
„Und wie findest Du das Essen?“
„Geht so. Der Fisch ist nicht übel.“
Und Blablabla.
Gut, dieses alljährliche von der Geschäftsleitung zum Wohle der Mitarbeiter(innen) organisierte Schmankerl ging auch vorüber. Es gibt Schlimmeres. Aber müde war ich – verflucht, war ich müde von dem vielen unbequemen Herumsitzen und blöde grinsen!
Als ich im Pub ankam, war es bereits dunkel. Ich wollte nicht gleich zurück in die Bude. Zu früh noch. Ich setzte mich an die Bar und nickte der Bedienung zu. Neben mir ging es hoch her. Einige waren bereits ganz gut angetrunken (abgesehen von den üblichen Idioten). Laute Reggae-Musik tönte aus den Boxen. Der Zigarettenqualm hing in Schwaden im Raum. Der Bedienung gefiel es. Die alten Säcke neben mir glotzten ihr auf den Arsch. Ihre Hose hing auf Halbmast und gab den Blick frei auf Schlüpfer und einen Streifen nacktes Fleisch. Mein Bier kam, und ich griff mir zur Ablenkung eine Zeitschrift. Wenn meine Kolleginnen wüssten, in was für Spelunken ich von Zeit zu Zeit abhänge, dachte ich beim Durchblättern. Nach außen hin mache ich eher einen anderen Eindruck. Ich würde wirklich gern mal wissen, was die Menschen, denen ich so im Alltag begegne, von mir denken. Na ja. Egal. Gut, dass ich mich nicht selbst von außen betrachten kann. Die Innenperspektive reicht mir völlig.
Mittlerweile habe ich ein Pub-Pensum: drei Pils, was neun Euro macht, und die ich dann großzügig mit einem Zehner bezahle. Meistens kehre ich dort nach dem Einkaufen im Supermarkt oder zum Feierabend ein. Alles liegt wunderbar in der Nähe – ich mag`s praktisch. Ich entwickle mich zu einem typischen Kiezbewohner. Im Umkreis von ein bis zwei Kilometern finde ich alles Notwendige. Ich genieße das Leben in der Komfortzone.
Das dritte Bier trank ich etwas schneller. Ich hatte genug von der lauten Musik, dem besoffenen Gelächter und dem Zigarettenqualm. Alles war gut. Draußen das übliche Getöse der Potsdamer Straße. Passanten huschten durch die weihnachtlich illuminierte Dunkelheit. Die Öde spie sie aus und schluckte sie wieder. Unerreichbar wie die Sterne am Himmel.

Zeichen

Wenn man mich eines Tages hier rausträgt, hinterlasse ich wenigstens einen ordentlichen Eindruck. Ich will nicht tot in einer schmutzigen, zugemüllten Wohnung gefunden werden. Unangenehme Vorstellung. Nun ist mir schlecht vom Putzen. Für heute reicht`s. Ein scheiß Job. Ich denke an die vielen, für die Putzen den Brotverdienst bedeutet. Nicht Sport ist Mord, sondern Hausarbeit.
Ich reiße die Fenster auf und setze mich in den kühlen Luftzug. Dazu ein Drink, und mir geht`s langsam wieder besser. Von der Straße tönt die alltägliche Geschäftigkeit der Stadtbewohner zu mir herein. Ein schöner Novembertag grüßt.
Was bleibt mehr zu tun als die Instandhaltung und Verwaltung des Lebens? Die Freude auf das tägliche Feierabendbier, die Freude aufs Wochenende mit zweimal Ausschlafen und zwei Tagen, an denen ich nicht über den Tumorfällen brüten muss, die Freude auf den nächsten Urlaub und auf den nächsten Sommer… Ich blicke mich in meinen vier Wänden um. Mir gefällt, was ich sehe. Ich habe es mir schön gemacht. Ab und zu gönne ich mir eine kleine Freude in Form eines neuen Kleidungsstücks, eines Schmuckstücks oder eines Buches. Mir kam kürzlich ein Hörspiel von Günter Eich in den Sinn, welches ich vor vielen Jahren gehört und mich beeindruckt hatte. Keine Ahnung, warum ich mich daran erinnerte. Ein Akt der Langeweile oder ein Zeichen – wer weiß das schon? „Das Jahr Lazertis“ – leider fand ich keine Hörfassung im Internet. Bei der Recherche wurde mein Interesse am Autoren Günter Eich geweckt und ich beschloss, mir ein/zwei Bücher mit seinen Sachen zu bestellen. Ich bin gespannt.
Und was stellst du heute noch an, bro?
Gute Frage. Schätze, die übliche Runde. Vorerst noch `nen Drink. Ich warte auf ein Zeichen. Außerdem läuft die Waschmaschine noch.
Was für ein Zeichen?
Weiß nicht. Irgendein Impuls, eine Inspiration, ein glücklicher Zufall… etwas, das mich aus meiner Lethargie reißt.
Wird schon.
Klar.

Aber es war ja Halloween

Ach ja, da war noch was. Nicht gerade ein Highlight, aber immerhin ein Kratzer auf der ansonsten eintönig grauen Oberfläche. Es betraf den 31.10.2018, der in Brandenburg Feiertag war (Reformationstag), doofer Weise in Berlin nicht. Urg. Dies fanden die Berliner Mitarbeiter unseres Unternehmens (zu denen ich auch gehöre) zurecht als ungerecht. Man muss dazu wissen, dass der Firmensitz in Brandenburg ist.
Unsere Oberchefin machte uns Berlinern darum ein Ausgleichs-Angebot: Wer wolle, könne am 31.10. (also letzten Mittwoch) ab 12 Uhr mittags an sogenannten teambildenden Maßnahmen teilnehmen. Was wir damit machten, überließ sie uns. Immerhin. Wir könnten z.B. in ein Café gehen…
Unsere regionale Chefin bestimmte dann allerdings, dass wir die „teambildenden Maßnahmen“ im Konferenzraum unserer Arbeitsstelle wahrnahmen. Fast alle waren dabei (einzige Ausnahme meine Bürokollegin). Der Nachmittag wurde mit Fresserei und Gesellschaftsspielen ausgefüllt. Ziemlich gruselig – für einen sensiblen Menschen wie mich (aber es war ja Halloween). Ich hielt durch. Was blieb mir anderes übrig? Ich klammerte mich an meine Kaffeetasse…
Gegen 15 Uhr 30 löste sich die gespenstische Veranstaltung auf. Unsere Chefin hätte nun Gnade vor Recht ergehen lassen und sagen können: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend…“ Doch niente! Soviel Arsch hatte sie nicht in der Hose. Wir kehrten also zu unseren Arbeitsplätzen zurück… Aber kaum einer hatte Lust, nochmal seinen Computer hochzufahren. Fast alle gingen. Da wir Gleitzeit haben, ist das möglich. Einige von uns verzeichneten darum an diesem Tag ein Minus auf ihrem Arbeitszeitnachweis. Ich auch. Ätzend.
Verarschen kann ich mich selbst (aber es war ja Halloween).

Gute Nacht Saigon

In der letzten Woche bemühte ich mal wieder den Lieferdienst für Lebensmittel. Nicht dass ich eine Lieferung unbedingt gebraucht hätte. Bier war noch genug da. Aber irgendwie war mir öde. Wenn ich sage, dass mir öde ist, meine ich nicht direkt langweilig. Es ist eher ein Gefühl von Öde – wie soll ich das beschreiben? Hm… Man kann sich das in etwa so vorstellen: Du fickst und fickst und fickst, aber kommst nie zum Orgasmus.
Die Bestellung von Lebensmitteln übers Internet hilft dabei im Großen und Ganzen gar nichts… Hm. Wahrscheinlich verstehen das nur Menschen, die das Gefühl der Öde original haben oder zumindest kennen. Jedenfalls erwartete ich am letzten Donnerstag eine Lieferung. Jemand klingelte endlich mal an meiner Tür, nicht aus Versehen, sondern weil er zu mir wollte! Nur zu mir zu mir zu mir! Wow!!
Ich wartete eine gute Stunde auf ihn. Es war später Nachmittag. Ich lag auf der Couch und zog mir eine Folge der Serie M.A.S.H rein. Köstlich! Ich vergaß den Lieferservice ganz.
Plötzlich war es soweit, und ich sprang wie von der Tarantel gestochen hoch. Alles hatte ich akribisch vorbereitet: Im Flur brannte Licht und das Portemonnaie lag im Schuhregal griffbereit. Ich will die Sache immer so schnell wie möglich abwickeln, weil ich weiß, wie sehr die Jungs in Eile sind.
Der Typ hatte es aber diesmal gar nicht so eilig. Nachdem ich die Rechnung (plus Trinkgeld) bezahlt hatte, fragte er mich, ob meine Miete sich auch schon erhöht hätte, er würde ganz in der Nähe wohnen. Nein, antwortete ich, – ich wusste, dass er auf die Gentrifizierung des Wohngebiets anspielte. Er nannte einige Horror-Mieten, von denen er gehört hatte. Nein, das könne ich mir auch nicht leisten, sagte ich. Warum er dann noch betonte, dass er Türke ist, weiß ich nicht. Hier ist schließlich jeder zweite oder dritte Türke. Ich lächelte freundlich und dachte: Baby, mach dich besser vom Acker, ein Türke fickt meine Ex… Natürlich bin ich weder nationalistisch noch rassistisch gesinnt, aber situationsbedingt ergeben sich bei mir gerade unangenehme Ressentiments.
Als ich die Tür hinter ihm schloss, kehrte ich zurück zu meiner Öde. Eines der Fertiggerichte in die Mikrowelle… und ein paar Minuten später futterte ich den Schweinefraß. Gute Nacht Saigon.
Okay, ich weiß, in M.A.S.H ging es um den Korea- und nicht um den Vietnamkrieg. Na und?

Der Film läuft mir nicht davon

„Intrigo – Tod eines Autors“ wäre einen Kinobesuch wert, denke ich. Ich mag Krimis, die ins Philosophische abdriften. Der Krimiautor Hakan Nesser, der die Vorlage zum Film schrieb, ist bekannt für hintersinnige Krimis. Gelesen habe ich allerdings noch nichts von ihm.
Die Besetzung mit Ben Kingsley, Benno Fürmann, u.a. Veronika Ferres ist ganz ordentlich, und er läuft in Wohnungsnähe am Potsdamer Platz.
Eigentlich wollte ich mir „Bad Times at the Al Royale“ anschauen, aber der läuft nur noch am Abend 22 Uhr 10 – und das ist mir zu spät, zumal der Streifen fast zweieinhalb Stunden geht.
Liegt schon ein paar Jahre zurück, dass ich allein ins Kino ging, meist um die Zeit totzuschlagen. Als ich Anfang des Jahrtausends in Heidelberg mit einem Psychologiestudium begann und mich während des Wintersemesters täglich in der Stadt herumdrücken musste, füllte ich die Nachmittagsstunden des Öfteren mit Kinobesuchen. Leider lief meist Schrott. Nur wenige Filme blieben mir in Erinnerung. Na ja, besser als stundenlang in der Mensa rum zu hocken oder in der Kneipe. Zu öde auf die Dauer. Ich war schon immer ein einsamer Wolf, der gerne alleine herumstreunte. Die vielen Menschen in der Stadt stimmten mich nach einer Weile depressiv. Im Kino dagegen war ich in den Nachmittagsvorstellungen nur mit wenigen anderen im Kinosaal, hatte es warm, ließ mich von dem Schrott, der über die Leinwand flimmerte, berieseln und trank Dosenbier. Am liebsten saß ich in der Nähe der Toiletten. Wenn ich nach dem Film rauskam, war es bereits dunkel, und ich schlappte die Hände tief in den Manteltaschen vergraben durch die Fußgängerzone vorbei am Psychologischen Institut zur Bushaltestelle. Mir war klar, dass so nichts aus dem Studium werden konnte. Mir fehlte es am nötigen Ehrgeiz für eine akademische Laufbahn. Doch damals wollte ich es nochmal wissen…
Mit den Frauen ist es ein ähnliches Dilemma wie mit meinem vergeblichen Herumstudieren: ich lernte einige Herzdamen kennen, aber eine Verbindung fürs Leben wurde nie daraus. Dabei wäre ich verdammt froh, endlich einen bleibenden Heimathafen zu finden in Sachen Liebe. Schließlich wird man nicht jünger. Die Welt wird kälter um mich herum, und ich gleichzeitig schwächer. Meine letzte Beziehung war mit so viel Hoffnung verknüpft – und ich verhob mich dabei gründlich. Aus diesem Tief wieder herauszukommen, ist scheiße schwer. Es gibt Momente, wo ich nicht weiß, ob ich`s nochmal packe.

Gehe ich heute oder morgen ins Kino? Nur kein Stress. Der Film läuft mir nicht davon.

Verfluchter Blutdruck

„Warum haben Sie so einen hohen Blutdruck?“ fragte mich die Ärztin und schenkte mir ihr Koreanerinnen-Lächeln. Ich hatte Feierabend und wollte eigentlich nur ein neues Rezept für meine Medikamente. Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit hinter anderen Patienten angestanden war, hatte die Arzthelferin den glorreichen Einfall, mir ausserdem den Blutdruck zu messen. Dazu muss ich sagen, dass ich als Bluthochdruckpatient vor jeder Blutdruckmessung extrem angespannt bin. Ich weiß sowieso, dass er wieder zu hoch sein wird… Meine Hausärztin reichte mir die Rezepte. „Ich bin gestresst“, antwortete ich. Sie sagte noch etwas davon, dass ich dann nach Hause fahren solle und…, aber das ging bereits an mir vorbei. Ich grinste nur blöde. Das wäre erledigt, nun nur noch in die Apotheke, dachte ich. In der Apotheke hatten sie nur eines von den vier Medikamenten vorrätig, weshalb ich da heute noch mal hinmuss. Na gut. Ich schlappte um die Ecke zu einem Naturkostladen, weil die dort feines Brot und leckere Pizzastücke (aus Vollkorn) haben. Nichts im Regal. „Es sind Herbstferien“, sagte die Verkäuferin entschuldigend. „Ach so“, meinte ich und hörte bei ihren weiteren Ausführungen gar nicht mehr hin. Also weiter, rüber über die vor Verkehr brüllende Potsdamer Straße und zum Pub. Die Theke vollbesetzt. Ich nickte dem Barkeeper zu und setzte mich an einen Tisch. Das Bier kam ruckzuck. Mein Blutdruck normalisierte sich langsam…

Freitags Meditation

Freitag. Ich nahm mir frei. Ein verlängertes Wochenende. Ich stimme mich auf die kalte und dunkle Jahreszeit ein. Die Werktage tröpfeln dahin. Die Wochenenden immer zu kurz. Ich bin froh, wenn 2018 rum ist. Mein Herz erholt sich nur langsam. Ein Winterschlaf wäre nicht schlecht.
Mal sehen, was ich mit dem verlängerten mache. Ich wollte nach längerer Zeit wieder ins Kino gehen. Was läuft eigentlich? Dann müsste ich meine Wohnung durchwischen, das Bett frisch beziehen, Wäsche waschen (was ich sowieso fast jedes Wochenende mache). Dann will ich ebenfalls nach längerer Zeit wiedermal zum Hermannplatz. Dort gibt`s eine nette Kneipe und einen Hanf-Shop mit schönen T-Shirts. Etwas Kreuzberger Luft schnuppern. Ein paar Bier trinken. Im Rucksack trage ich immer noch Henry David Thoreaus „Vom Ungehorsam gegen den Staat“ mit mir herum. Das Buch könnte ich in der Kneipe zu Ende lesen. Sind nicht mehr viele Seiten.
Ich schaue auf die Uhr und registriere: Wenn man ausschläft, ist der Tag wesentlich kürzer. Schon fast Mittag. Ich denke an meine Arbeitskolleginnen, die Pause machen und höre im Geiste ihr Lachen und lebhaftes Gequatsche. Schön. Sie starten auch bald ins Wochenende. Ich falte die Hände auf meinem Schoß und versinke in mir… lasse mich vom Blues in meinem Rücken küssen.