You`re wrong

Es gibt Tage, an denen ich sie schweinisch vermisse. Wahrscheinlich eine Art seelischer Phantomschmerz. Ich frage John Lee Hooker: „Hast du`n Tipp für mich?“ In seiner unverwechselbaren Art krächzt er aus dem Lautsprecher: „You`re wrong.“ Was meint er damit?
Ich frage meinen Kühlschrank, ob er einen Tipp hat. Er brabbelt etwas vor sich hin wie: „Gieß dir noch was vom Wein nach…“ Okay, das ist doch wenigstens eine Ansage.
Ich gieße das Glas gut halb voll mit kaltem trockenen Weißwein und fülle es mit Cola Zero und einem Schuss Wodka auf. Seltsam finster heute. Aber das macht nichts. Die Kühle tut gut nach der Hitzewelle. Ich werfe meine Blutdrucktabletten ein und nehme einen großen Schluck. Die Mischung ist gut. Ab und zu stehe ich auf und pinsele an dem Bild herum, das seit vielen Wochen an der Staffelei prangt. „Hund, der ins Bild läuft, am Bülowbogen“ – so der Titel vorab. Der Hund macht mir Probleme.

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Verpeilt

Ich duschte und rasierte mich unter den Achseln. Ein Haarschnitt sollte auch noch sein, also ging ich auf die Frisör-App, um mich anzumelden. Fluchend nahm ich zur Kenntnis, dass der Laden heute wegen Krankheit geschlossen bleibt. Mist im Quadrat! Ich hatte mich seelisch bereits darauf eingestellt. Klar, ich könnte hier auch zu einem der tausend Türkenfriseuren gehen, aber es gibt Dinge, bei denen ich relativ unflexibel bin. Ich lasse mir nicht gern von Fremden auf dem Kopf rumfummeln. Damit hier keine Missverständnisse entstehen, ich meine ganz allgemein mir fremde Menschen, egal ob Türken, Deutsche, Italiener oder Russen. Seit ich hier in Berlin bin, gehe ich zu diesem Friseurladen in der Potsdamer Straße, unweit einer Kneipe, wo ich mir das Warten bei einem Bier verkürze. Auf der App sehe ich, wann ich an der Reihe bin – praktische Sache… Was sagt Hannibal, der Chef des A-Teams, in einem solchen Fall? – „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ Genau! Aber heute funktionierte mein Plan nicht. Ich muss ein weiteres Wochenende mit den ungeschnittenen Fransen auf meinem Kopf aushalten. Na gut. Um trotzdem etwas in dieser Hinsicht nützliches zu machen, schneide ich mir die Zehennägel. Warum sind die schon wieder so lang? Die Wochen fliegen mir nur so um die Ohren. Die Bürotage reihen sich eintönig aneinander. „Und ewig grüßt das Murmeltier“, meinte ich zu einer meiner Kolleginnen am Morgen in der Kaffeeküche. Gerade letzte Woche, als die Hitze in den Büros stand, fieberten alle dem Wochenende entgegen. Inzwischen kühlte es etwas ab, dafür wurde es so schwül, dass alles an einem zu kleben scheint. Der Sommer kam dieses Jahr wie ein brüllendes Untier über die Stadt und verschluckte den Frühling fast vollständig. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. War nicht eben noch Winter – mit dem Kälteeinbruch im März? Ein brutaler Wechsel dieses Jahr beim Wetter fast synchron laufend mit dem Wechsel in meinem Leben aus einer Beziehung zurück zum Junggesellendasein. Mir ist immer noch ganz schlecht von dieser Sache. Aber gut.
Die Zehennägel sind wieder fein. Ich mag meine Füße. Hoffentlich wissen sie das.

Countdown To Hell

Noch fünf Tage, dann macht Twoday den Sack zu. Langsam kann man den Countdown anstimmen.
Die Blogs werden einfach verschwinden. Ganz unspektakulär. Von einem Tag auf den anderen bleibt eine Seite des Betts leer. Ja, ich weiß, ich kann`s nicht lassen. Kein so guter Vergleich. Bei Twoday wurmt es mich nicht sonderlich. Obwohl ich mir eine Menge Mühe mit den Blogs machte. Aber man macht sich auch mit der Essenszubereitung Mühe, und kurze Zeit später ist es aufgefressen. Ihr Essen vermisse ich auch. Mit dem Kochen habe ich`s nicht so. Viel zu viel Umstände. Lieber schreibe ich doofe Texte aufs Blog. Warum überhaupt? – Gute Frage.

Der grüne Ferrari parkt mal wieder auf dem Gehsteig vorm Fenster. Scheinbar sein Lieblingsplatz. Der „Potsekiez-Ferrari“. Schon immer zu hören, bevor man ihn sieht. Da ich mich in letzter Zeit wenig aus dem Kiez rausbewege, begegnet er mir häufiger. Seltsam, wie verflucht oft. Ein Omen? Aber für was?

Heute Mittag Formel 1 Rennspektakel in Monaco. Da ich nichts Besseres mit mir anzufangen weiß, werde ich das Ganze wohl auf RTL verfolgen. Ricciardo auf der Pole, auf Startposition 2 Vettel, dahinter Hamilton und Räikkönen. Ich favorisiere keinen. Ricardo wäre es zu wünschen. Sympathischer Kerl. Und Vettel sollte mit Ferrari mal wieder aufs Podest kommen. Ich mag Mercedes nicht. Warum eigentlich? – Tja.

Ich fühle mich heute nicht dazu in der Lage, tiefer zu schürfen. Es ist, wie`s ist. Dinge kommen, Dinge gehen. Frauen auch. Soll sie alle der Teufel holen.

Krank

Nach zehn Minuten war ich mit Krankenschein und Rezepten bereits wieder auf der Straße.
Sonntagabend urplötzlich Fieber und Schüttelfrost bekommen. Dann schwallartiges Erbrechen. Keine Ahnung, was ich mir einhandelte. Vielleicht einen Sonnenstich. Vielleicht eine Lebensmittelvergiftung. Ich hatte mir beim Libanesen Schawarma gekauft. Mir ist noch immer übel. Dazu Gliederschmerzen und eine allgemeine Schwäche.
Ein knackiger Tag, von dem ich leider nicht viel habe. Mal sehen, wie ich mich am Nachmittag fühle. Vorerst habe ich keinen Appetit. Zur Apotheke müsste ich. Die hatte vorhin noch nicht geöffnet.

Arrividerci – ich schleppe mich dann mal zum Bett.

Gestern nicht mehr hochgekommen.
Inzwischen verdichteten sich die Anzeichen, dass ich mit einem Infekt kämpfe, – könnte den Symptomen nach wieder ein Harnwegsinfekt sein wie letztes Jahr. In der Nacht ohne Ende geschwitzt. Fühle mich wie ein ausgewrungenes Handtuch. Nichtsdestotrotz bequemte ich mich kurz aus den Federn, um nicht noch depressiv zu werden. Zumal das Reservoir an Krimis und Dokus auf der Mediathek endlich ist. Alleine leben und krankwerden ist scheiße – keine Menschenseele, die einen zwischendurch bemuttert und in den Arm nimmt. Einsamkeit ist schon im gesunden Zustand kein Zuckerschlecken. Erstaunlich, was man alles aushalten kann…

Der Ring

„Ist das Mädchen brav, so ist der Bauch konkav. Hatte sie jedoch Sex, wird der Bauch konvex.“
Endlich habe ich die Eselsbrücke gefunden, nach der ich ein Leben lang suchte, um konkav und konvex nicht mehr zu verwechseln. Ist ja auch ungeheuer wichtig. Wieso googelte ich überhaupt danach? Genau kann ich das gar nicht sagen. Mein Kopf fühlt sich derzeit an wie eine Schüssel voll breiigem Eiersalat mit viel Mayonnaise. Da war dieses Gespräch mit dem Goldschmied gestern. Ich kaufte mir einen neuen Ring, und es ging dabei u.a. um die Innenseite des Ringes, die sich beim neuen leicht konkav wölbt, während sie beim alten plan ist…

Noch immer stecke ich im Liebeskummer fest. Der alte Ring erinnerte mich an sie. Er ist ein Relikt von einer unserer Reisen an die Ostsee. 2016 in Sassnitz auf Rügen – damals vor fast genau zwei Jahren schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Eine Trennung lag in weiter Ferne. Die Bäume erstrahlten allerorts in wunderbarer Blütenpracht. Und wir beschenkten uns und unsere Liebe mit zwei schmucken Kleinoden. Ich mit einem Ring und sie mit einem filligranen Bernsteinanhänger.
Gestern nun verbannte ich den alten Ring in ein Kästchen zu einigen anderen Artefakten meines Lebens.
Ersatz musste her.

Den Goldschmied empfinde ich persönlich als Neuentdeckung in Sachen exquisiter und besonderer Berliner Läden, wo noch echtes Handwerk praktiziert wird. Er nahm sich sehr viel Zeit für mich und erklärte mir alles Mögliche zu den Ringen, den Materialien etc. haarklein. Ich war angetan von seiner Kompetenz und Fürsorge. Sein Geschäft erhielt offenbar nicht zu Unrecht die höchsten Bewertungen im Internet. Schön auch, dass es nicht weit von meinem Zuhause in Schöneberg liegt. Als nächstes ist ein neuer Armreif dran… „Schade, dass für Männer allgemein nicht viel Auswahl bei Schmuck besteht“, meinte ich, worauf er erwiderte, dass dies vor allem am Desinteresse der deutschen Männer läge. Er als Grieche…*

Von unsichtbarer Hand wird der Eiersalat in meinem Kopf immer und immer wieder umgerührt. Nichts befindet sich mehr an seinem Platz: …früher Freitagabend, mit dem neuen Ring in der Tasche radelte ich zum Nelly-Sachs-Park, wo ich auf einer Bank noch ein paar Momente in die Sonne blinzelte. Ich wusste, dass es mir sehr gut ging. Beinahe perfekt. Gäbe es nur nicht dieses unglückliche Ende einer Liebesgeschichte… das Haar in der Suppe. Zuhause erwartete mich niemand. Ich war auf mich selbst zurückkatapultiert. Da waren nur der Kühlschrank, ein kaltes Bier und das Fernsehprogramm.

 

* wie gesagt, nett und kompetent, aber streckenweise laberte er zu viel