Fahrrad a. A.

Gott sei Dank nur das Faltrad. In der alten Heimat benutzte ich es selten, aber hier in Berlin war ich dankbar, dass ich es hatte. Ungeheuer praktisch, so ein Faltrad, das muss ich konstatieren, gerade in einer Großstadt. In zusammengefalteten Zustand konnte ich es umsonst in U- und S-Bahn mitnehmen. Auch für Kurzstrecken war es mir lieber als das große, sperrigere Rad, so fuhr ich damit zu meiner neuen Arbeit. Es hielt ganz gut durch, Bordsteinkante hoch und runter… Nun Materialermüdung – das zentrale Faltgelenk brach irrreparabel. So ist das mit den Dingen. Man denkt an nichts Böses, und plötzlich geben sie den Geist auf. Mist-Mist-Mist! dachte ich.
Nun muss ein neues Faltrad her. Oder wäre das taktlos gegenüber dem alten? Ich habe es noch nicht mal entsorgt…, in Anlehnung an: Sie liegt noch nicht mal unter der Erde, und er flirtet bereits wieder.

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Donnerstag

Der Himmel strahlt blau zwischen den Hausdächern. Ich nahm mir für heute kurzfristig einen Tag Urlaub. Einfach so. Wieso nicht den Freitag, oder noch den Freitag dazu? wurde ich von meinen Kollegen/Kolleginnen und auch von O. gefragt. Was für eine Frage?! Ich brauchte einfach diesen Tag. Überhaupt wäre die Woche im Büro erträglicher mit einem Tag Frei dazwischen. Wegen mir auch der Mittwoch.
Zurzeit ist der Krankenstand hoch. Umso mehr fehlen, desto besorgter aber auch freundlicher tritt die Chefin auf. Jedenfalls empfinde ich`s so. Sie meinte: „Hauptsache, Sie kommen zurück. „Na klar“, grinste ich roten Kopfes, „ich werde nicht weit weg gehen…“
Ich hatte meine Bitte um den Tag Urlaub damit unterstrichen, dass ich etwas Dringendes erledigen müsse. Freilich eine Lüge.
Ich habe vor, zum Frisör zu gehen, und danach eine Runde mit dem Fahrrad nach Kreuzberg. Dort ist eine Kneipe, die mir gefällt, und ein Shop, in dem es schöne Hanf-Shirts gibt. Ich mag die Ecke Oranienstraße/Heinrichplatz. Man entwickelt so seine Vorlieben. Meist einem Zufall geschuldet. Ob ich in diese Szene nun passe oder nicht – egal. Alle paar Wochen zieht es mich dorthin.

Ein schöner Tag für alles, denke ich. Aber erst muss ich die Wäsche aufhängen.

Beziehung a. A.

O. will ausziehen. Sie sagt, faktisch würde sich dadurch nichts ändern. Ich sage: Das war`s dann. Der Gnadenstoß.
Okay, warum etwas künstlich am Leben erhalten, was längst schon tot ist, oder so gut wie tot.
Es war von Anfang an ein Experiment. Ich stand dem Zusammenleben skeptisch gegenüber. Der Alltag macht mürbe. Ein Wunder, dass O. es solange mit mir altem Grantler aushielt. Aber damals ging es nicht anders. Sie bestand darauf, und ich war bis über beide Ohren verliebt. Es war zudem das Einfachste. Berlin ist groß und teuer. Vor knapp drei Jahren machte ich mich für uns auf die Wohnungssuche…

Ich will nicht, dass sie auszieht. Insgeheim klammere ich mich an das letzte Fitzelchen Beziehung. Schließlich geht es um eine außergewöhnliche Liebe, die damals wie ein Wunder begann. Da ist es doch normal, dass man vorm letzten Schritt Angst hat. Verrückt, ich selbst forderte das ein oder andere Mal im Streit, sie solle ausziehen. Und nun ist es also soweit. O. sagt, sie hätte bereits was gefunden. Sch…ön. Ich werde ihr nicht im Wege stehen.

Ein Sonntagvormittag Ende Januar in Berlin. Er sitzt alleine in der Bude und schreibt am Laptop. Seine Partnerin übernachtete bei einer Freundin. Er erhält eine SMS, dass sie bald zurück ist. Er dreht den Kopf zum Fenster. Was für ein hässlicher Tag… Was wird er machen, wenn sie ganz weg ist?

Glücksbringer

Es ist vollbracht, murmelte ich vor mich hin, als ich gestern die Treppen hinunter zum Ausgang lief. Die letzten Stunden am Arbeitsplatz zogen sich. Die ganzen letzten Bürotage eine einzige Hängepartie.
Nun war ich durch. Auf den letzten Metern des Jahres 2017.
Fazit: Ich sitze mir seit 10 Monaten bei der Tumordokumentation am Computer den Hintern breit, fühle mich total ausgelaugt, aber wenigstens habe ich einen sicheren Job.

Die Piloten bei Ryanair streiken also doch, nachdem erst Entwarnung gegeben wurde. Aber betrifft es auch meinen Flug nächsten Dienstag? Dann dieser Online Check-in… frühestens vier Tage vor dem Abflug. Das wäre heute. Dazu brauche ich aber eine vom Reiseveranstalter speziell generierte E-Mail-Adresse und die Flugbuchungsnummer. Die erhielt ich noch nicht. Ich werde wohl nachfragen müssen… Warum muss alles so scheiß kompliziert sein?!?

Zwei Schornsteinfeger laufen vor meinem Fenster vorbei. Beide in original schwarzer Kluft, nur ohne Hut. Ich glaube nicht an Glücksbringer, und doch trage ich seit Jahren einen ständig mit mir herum (ein Glücksschweinchen). Ein Geschenk von lieben Menschen vor meiner Abreise nach Berlin.
Glück hatte ich eine Menge, was Wohnung, Job und Partnerin angeht, aber daraus lässt sich leider nicht automatisch ein Glücklichsein ableiten. Fürs Glücklichsein braucht man mehr als nur Glück…

Streik

Dass Ryanair Piloten streiken werden, passt mir gerade gar nicht – natürlich gönne ich ihnen ein besseres Gehalt, ich kann mir vorstellen, dass sie bei dem Billigflieger nicht top verdienen, aber ich will in zehn Tagen auf Fuerteventura sein, eine Pauschalreise mit Flügen von Ryanair. Vielleicht habe ich Glück, denn ich las, dass sie über die Weihnachtstage eine Streikpause einlegen. Ansonsten steht der Reiseveranstalter in der Pflicht, doch wer weiß, was dabei herauskommt… Es wäre ein großer Mist, wenn mein Urlaub ins Wasser fiele. Er war als besonderes i-Tüpfelchen am Jahresende gedacht – 2017 mit Sonne, angenehmen Temperaturen und Meeresrauschen abschließen. Kurz rauskommen aus der Depression des Alltags und dem Berliner Mief. Ein paar Tage ganz woanders sein, auf eine Horizontlinie blicken und in den Tag hineinträumen… Also, liebe Piloten, bitte am 26.12. nicht streiken und mich sicher auf diese Insel im Atlantik bringen. Ich finde es scheiße, dass ihr so schlecht bezahlt werdet. Wo man hinsieht, Ausbeuter! Ich muss nur mal an meine Zeiten als Altenpfleger denken. Da hatte ich auch eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, die einen zudem ziemlich stresst und auf Dauer fertigmacht. Und wisst ihr, was man als gelernter Altenpfleger verdient?!? Gerade so viel, dass man sich selbst über Wasser halten kann. Einen Luxusurlaub kann man sich nicht leisten. Wenn man also mal rauskommen will, bleiben nur günstige Pauschalreisen oder die Angebote von Billigfliegern… Irgendwie beißt sich da die Katze in den Schwanz, oder? Die Leute sollen auf Teufel komm raus konsumieren, aber bei den niedrigen Löhnen (und hohen Mieten) geht das nur, wenn die Produkte billig sind. Und wer muss in diesem Pyramidensystem bezahlen? Das sind freilich die ganz unten… Somit werden wir quasi alle zu Ausbeutern… Versteht ihr? Wir sind alle Teile dieses unmenschlichen Systems. Mit jedem Schritt, den wir nach oben machen, treten wir nach unten. Vor kurzem stieß ich zufällig auf die Website „slaveryfootprint.org“ – dort kannst du dir ausrechnen lassen, wie viele Sklaven für dich auf der Welt arbeiten…

Es gibt Tage, an denen man neben sich steht. Es gibt Dienstage, die sich bereits nach Freitag anfühlen. Es gibt Tage, die an der Wahrnehmung einfach vorbeigehen. Heute ist Samstag. Ich habe Geburtstag, und es fühlt sich nicht wie Geburtstag an. Ich gewöhnte mich daran, dass sich Tage nicht so anfühlen müssen, wie sie heißen, bzw. wie sie, eine bestimmte Sache verheißend, auf einen zukommen. Umso weniger man erwartet, desto geringer die Enttäuschung. Freilich eine Binsenweisheit. Nicht einfach durchzuhalten. Geburtstage würde ich am liebsten vergessen. Insofern ein Fehler zu erwähnen, dass ich Geburtstag habe. Mist! Am liebsten wäre ich heute mit O. ins Kino gegangen und danach essen. Passt aber nicht, weil sie einen wichtigen Termin hat, von dem ich nichts wusste. Ich bin sehr enttäuscht, was dumm ist, da ich mir aus Geburtstagen nichts mache.
Das Geschenk ist ausgepackt. Ein riesiges Sparschwein. Mir fällt einfach nicht ein, was ich dazu sagen soll…
Liebe Ryanair Piloten, enttäuscht mich bitte nicht. Bringt mich auf die Insel. Es ist Zeit.

Der Hund

Ich sehe sie regelmäßig mit ihrem Yorkshire Terrier vorbeitrotten. Mal auf unserer, mal auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als wir vor drei Jahren hier einzogen, erkundeten wir die Umgebung und stießen am Bülowbogen auf ihre Kneipe. Einige Male machten wir auf unseren Spaziergängen Rast darin. Nur ein paar ältere Stammgäste hockten an der Theke, lebende Fossilien. Ich glaube, sie nannten sie Karin. Es wurde wenig geredet. Stoisch zapfte Karin die Pils, ihre Mimik karg. Das Lokal war düster und rauchig. Wir saßen an einem der Tische, etwas deplatziert anmutend. Karin lächelte selten, doch wenn sie es tat, war es ein gutes Lächeln. Die Zeit schien in dieser Gruft stillzustehen. Und der Hund, der eigentliche Herr im Hause, wachte aufmerksam über alles. Wir tranken das gut gezapfte Pils und wunderten uns über das verstaubte Ambiente sowie die Figuren, die wir sahen. Ebenso wunderte man sich sicherlich über uns: Was führt die denn hier rein?
Seit damals erkenne ich die alte Karin sofort, wenn sie mit ihrem Hund auf ihrer Runde bei uns vorbeikommt, immer gleich mit einer Kippe im Mund.

Das Müllproblem

Voll der Herbst jetzt. Tauben sitzen auf den kahlen Ästen. Ich suche die Krähen. Na gut, dann eben nicht. Ich schlurfe durch die Wohnung von Fenster zu Fenster. Der Nachbar von gegenüber ist im Hof beschäftigt. Zum Hobby hat er ein Geländemotorrad, an dem er herumbastelt, und das er mit seinem Kombi an den Wochenenden zu einer Motocross-Strecke transportiert. Jedenfalls sieht`s danach aus. Ich bleibe im Halbschatten des Zimmers. Ich starre auf das hässliche Bild der Müllcontainer, die überquellen. Aufgeplatzte Säcke und Tüten stehen daneben. Zwei Wochen wurde der Müll nicht abgeholt. Der Servicemann vom Abfallunternehmen sagte mir am Telefon, das Tor zum Hof sei abgeschlossen gewesen. Ich rief die Vermieterin an, die sich wunderte, dass die Müllmänner keinen Schlüssel hatten. Sie werde sich darum kümmern, sagte sie. Nun gut. Montag ist Abholtag, morgen ist Montag.
Ich warte auf O.. Sie ist noch bei ihrer taiwanesischen Freundin, die gestern Geburtstag feierte. Wir wollen zum „Bazaar Berlin“. Ich war schon ewig nicht mehr auf einer Messe. Bunt und international wird`s sicher. Na mal sehen. Hauptsache, ich kriege dort irgendwo was zu trinken.
Es regnet nicht. Wäre aber auch wurscht, denn ich kaufte mir einen Parka, das fehlende Glied zwischen leichter Regenjacke und Mantel. O. simst, dass sie schon in der U-Bahn ist. Gut. Ich schlurfe in die Küche, schenke mir einen Gin-Tonic nach und schaue raus auf den Scheiß Müll – hoffentlich ist der morgen weg.