Es schneit!

… Kinder, es schneit! Hier in Berlin ist es leider noch etwas zu warm, als dass es liegenbliebe. Ich kann mich kaum vom Fenster losreißen. Der Himmel sieht so aus, als würde noch einiges in ihm stecken…
Morgen ist dann endgültig das ganze Weihnachts-Jahresend- Silvester- und Neujahrsgedöns vorbei. Die Welt dreht sich weiter in einer inzwischen weitgehend etablierten Corona-Normalität: jeden Tag neue Zahlen, politische, gesellschaftliche und medizinische Einschätzungen, Homeoffice, die Fortsetzung des Lockdowns, Corona-Aussichten… Tagtäglich werden wir vom kürzlich angelaufenen deutschlandweiten Impfgeschehen hören, knüpfen sich doch so viele Hoffnungen daran. Leider fehlt es bisher am nötigen Durchblick, um zu sagen, wohin die Reise in den nächsten Monaten gehen wird.

Der Blick aus dem Fenster zeigt: Es schneit gemächlich vor sich hin. Die geparkten Autos tragen inzwischen weiße Hauben. Wenige eingemummelte Spaziergänger huschen über das Pflaster. Ich hocke in der warmen Bude und setze mein Nichtstun der letzten Tage fort… Zum Wochenanfang dann zurück ins Büro – den Hühnern ein frohes Neues wünschen… und ein paar Stunden mit der Tätigkeit verbringen, die mein Job ist. Muss sein.

  

Guten Morgen 2021

Für Berlin war es wirklich erstaunlich ruhig am Silvesterabend. Mein häuslicher Frieden wurde kaum gestört. Nur einmal drehte einer meiner Nachbarn die Musik sehr laut… Ich lag wie immer im Bettchen, umarmte das Kissen und schaute Videos auf YouTube. Zurzeit habe ich ein Faible für die Mathe-Vorlesungen eines Herrn Weitz. Ich höre ihm gern zu (wenn ich auch nicht alles verstehe).
Das Neue Jahr beginnt nasskalt. Ein schmutziger grauer Tag schaut durchs Fenster herein. Ich sitze stoisch am Schreibtisch und trinke ein kaltes Bier. Passend dazu mein Lieblingsbluessender – was sonst? Gut, dass morgen die Supermärkte aufhaben. Das Klopapier wird knapp.

Der Fenster-Auf-Und-Zu-Blues an einem Samstagmorgen im November

Wenn einem sonst nichts einfällt, schießt man schon mal ein Bild von seinem Bücherregal, seinen Topfpflanzen, seinem Mittagessen oder seiner Zimmertür… Machen nicht wenige Menschen. Einige fotografieren sogar sich selbst. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Irgendwo las ich, dass jährlich mehr Menschen bei Selfies sterben als bei Flugzeugabstürzen. Wenn schon sterben, dann beim Selfie! – ich lach mich tot! Hach, ist das schön, wenn man über seine eigenen dämlichen Witze lacht…

Und wie sieht der Samstagmorgen aus? Ich öffne das Fenster. Mich erwischt ein kalt-feuchter Lufthauch. Es muss in der Nacht geregnet haben. Bei der Gelegenheit mache ich ein Foto von der Baustelle vor meiner Tür. Seit vielen Wochen buddeln sie da rum. Ich schließe das Fenster wieder… Vorm Aufstehen schaute ich „Die Heute-Show“. Welke war auch schon mal besser. Der Tag rief – Wochenende! Ich krabbelte aus dem Bett, halb Käfer, halb Mensch.
Sitze beschallt von meinem Lieblings-Blues-Sender am Schreibtisch. Mal sehen, was geht. Es muss einem nicht immer was Großartiges einfallen. Es gib so Tage, an denen erscheint mir alles furchtbar ausgelutscht. Und diese Tage werden nicht weniger… Warum habe ich das Fenster so schnell wieder geschlossen? Viel zu wenig Luft in der Bude! Also wieder auf damit!

Und wieder zu.

Eine alte Freundin aus der alten Heimat schrieb mir. Sie nutzt noch den alten postalischen Weg. Sie sträubt sich vehement gegen Computer und Internet. Ich hatte den Kontakt zu ihr eigentlich abgebrochen. (Hat seine Gründe.) Sie schrieb mir also, dass sie inzwischen Pflegestufe 2 sei und Blabla, ob ich ihr nicht das Geld für einen Wintermantel auslegen könne. Kurz und gut, ich spendierte ihr den Mantel. Sie würde gern mal wieder meine Stimme hören, schrieb sie. Nur gut, dass sie meine Telefonnummer nicht hat, denke ich. Den Kontakt zu ihr will ich nicht wiederaufleben lassen. Ist das kaltherzig von mir? Ab und zu eine Postkarte oder ein Brief. Von mir aus. Aber nicht mehr. Hoffentlich steht sie nicht eines Tages vor meiner Tür – die Adresse hat sie. Nein, Blödsinn, sie kann sich das Ticket nicht leisten…

Nun in Küche und Schlafzimmer ordentlich durchlüften. Noch etwas trüben Novembertag hereinlassen. Durch die Wohnung gehen, bevor sich mein Hintern am Schreibtischstuhl festsaugt.



In der Kupferkanne

Gegen Ende meiner kleinen Kiez-Tour zu meiner Hausbank landete ich in der Kupferkanne. Rose, die Wirtin (in ihrem früheren Leben Hebamme), war überrascht, mich zu sehen. Sie kennt mich seit Jahren nur als Mittagspausen-Gast. Ich wollte mal eine Abwechslung zum Pub, was ich Rose aber nicht sagte.
Ich fand gerade noch einen Platz an der Bar. Die Kneipe war gut gefüllt in Erwartung des Schlagerspiels „Hertha – Leipzig“. Warum nicht, dachte ich. Das Fußballspiel lief auf einem großen Flachbildschirm über dem Eingang. Ich freute mich für Rose und Necip, ihrem Mann, dass sie ein volles Haus hatten. Es wurde ein kurzweiliger Nachmittag, nicht nur wegen des Spiels (- nebenher antwortete ich auf Kommentare zu meinem aktuellen Beitrag „Toleranz“).
Necip servierte gratis frische Falafel-Bällchen auf einem Teller – wirklich sehr lecker! Ich fühlte mich gut umsorgt und blieb keine Minute auf dem Trockenen. Als mir ein Kerl, der sich vor mich an die Bar gezwängt hatte, ein Gespräch aufdrängen wollte, verdrehte Rose die Augen. Sie hatte Sorge, dass mich der Typ nerven könnte. Aber mir ging es ausgezeichnet. Auch wenn der Typ mir nicht ganz geheuer erschien. Immer wieder drehte er sich zu mir um und fragte, ob er auch nicht im Wege stünde, wobei er mich frech angrinste. Ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen, lachte und stieß mit ihm an. Seine Figur und kurzgeschorener runder Schädel erinnerten mich an Haseks Soldaten Schwejk. Ein gewisser Schwejk`scher Schalk saß ihm durchaus im Nacken – ich konnte nur nicht abschätzen, ob der gut- oder bösartig war. Er erklärte mir, dass er Leipzig den Sieg wünschte, schon weil seine Mama dort geboren wurde. Ich hatte keinen Favoriten, aber ich neige dazu, für den Underdog zu sein . Am Schluss stand es 1 : 2 aus Herthasicht. Ich hätte ihnen den Ausgleichstreffer in letzter Minute gegönnt, auch wenn es Leipzig gegenüber ungerecht gewesen wäre. Die Reihen lichteten sich in der Kupferkanne. Ein Blick auf die Uhr mahnte auch mich zum Aufbruch, denn ich wollte noch ein Paket abholen. Auch Schwejk schickte sich an zu zahlen.

Ich pflanzte mich auf mein Brompton und düste zum Spaeti in der Potsdamer Straße, wohin mir Hermes das Paket geliefert hatte. Vor ein paar Tagen überkam mich die Anwandlung, für meine nächsten Meisterwerke in Acryl schon mal die Keilrahmen zu bestellen. Sozusagen als Ansporn für die Weiterarbeit an dem vor einem Jahr angefangenen Bild, das geduldig auf der Staffelei ausharrt. Ich weiß, dass ich nur einen Anstoß brauche. Doch es muss der richtige sein. Alles hat seine Zeit. In der Kunst wie in der Liebe. So jedenfalls meine Philosophie. Eines Tages wird es fertig sein – der Titel ist es schon: „Taube, die aus dem Bild fliegt, in Puerto de Mogán“.


Mit welchem Ergebnis endete eigentlich das gestrige Spiel „Hertha gegen Stuttgart“?


Ich ging nicht wegen Fußball gucken ins Pub. Ich wollte meinen Wochenend-Einkauf mit einem Bierchen in Gesellschaft verknüpfen. Als ich ankam, waren noch nicht allzu viele Gäste anwesend. Edgar und Ingo saßen direkt an der Fensterfront, und ich nahm am Tisch daneben Platz. Ich lauschte ihrem Gespräch, wie man das eben so tut, wenn man für sich in der Kneipe sitzt und nichts anderes zu tun hat. Edgar ereiferte sich über die Fahrradfahrer, die ihn als Fußgänger belästigten und schon tausendmal fast umgefahren hatten. Die Fahrradfahrer seien im Verkehr die Schlimmsten, sagte er aufgeregt…, noch schlimmer als die SUVs. Da ich in der Stadt hauptsächlich per Bike unterwegs bin, konnte ich seine Aussagen nicht unkommentiert stehen lassen.  
„Das sagst du aus deiner Perspektive als Fußgänger und aufgrund deiner negativen Erfahrungen. Aber unter allen Verkehrsteilnehmern existiert Rücksichtslosigkeit, egal ob sie mit Auto, Fahrrad, Rollern oder als Fußgänger unterwegs sind.“
„Nein!“, beharrte Edgar hasserfüllt, “Die Fahrradfahrer sind die Schlimmsten!“
„Quatsch, Edgar, du bist doch viel zu klug für eine solch einseitig verengte Sichtweise…“
Aber Edgar hörte nicht auf, auf die Fahrradfahrer zu schimpfen: „Vor allem hier in Berlin!“ Ich merkte schnell, dass die Diskussion nur weiteren Unmut bei ihm hervorrief und ließ es gut sein. Irgendein fußballverrücktes Weib kreischte irre im Hintergrund. In den Tiefen des Pubs lief noch eine andere Fußballpartie. „Mein Gott! lachte ich, zu diesem Organ würde ich gern das Gesicht sehen.“ Wir grinsten. Das Pub hatte sich gefüllt. Die meisten kamen wegen dem Spiel „Hertha – Stuttgart“. Ich fühlte mich ein wenig deplatziert unter den Fußballkennern. Stuttgart führte schnell 1:0. Inzwischen war ich auf meinem Platz eingemauert von Gästen. Ich fühle mich ungern belagert, aber ich hielt an meinen obligatorischen drei Pils fest. Das dritte stürzte ich fast hinunter. „Die reißen es heute nicht mehr“, sagte ich zu meinem Sitznachbarn in Bezug auf die Hertha, und der nickte. Die Zeit schien stillzustehen, und meine Blase drückte.
Tief sog ich die kühle Herbstluft ein, als ich vorm Pub auf mein Fahrrad stieg und losdüste…, im Geiste Edgar umnietete und ausrief: „Hey! Kannst du nicht besser aufpassen!“