Bis zum nächsten Mal!

Ich traf den Wirt auf der Straße. Vorm REWE. Wenn er mal nicht im Pub ist, dann treibt er sich dort herum. Er hat seine Route. Mich zieht es eher zum Nahkauf, weil es dort übersichtlicher und menschlich angenehmer ist. Außerdem liegt er quasi neben dem Park. Ich wollte gar nicht in den REWE, sondern zu Rossmann gleich daneben. Schaumfestiger besorgen und einen Kamm. Die längeren Haare… Was ich sagen wollte, jeder hat halt seine Wege, die er regelmäßig abgeht, und so war es durchaus nicht ungewöhnlich, dass ich den Wirt an diesem Ort traf. Er sah von Corona ziemlich unbeeindruckt aus – original Puschel: 5-Tagebart und rotes Käppi auf dem Wuschelkopf. Nicht mehr runtergekommen als sonst. Was hatte ich erwartet? Er biss sich weiter durch, schlug sich mit der Bürokratie herum und entwickelte im Kopf Konzepte wie Bier-to-go. Aufgrund seines Genuschels verstand ich nicht alles. Sicher hatte er einige Korn intus. Er trinkt das Zeug wie ich meine Bier. Ich wünschte ihm viel Glück, und wir gingen weiter unserer Wege. „Bis zum nächsten Mal!“
Vorm Rossmann hatte sich eine Schlange gebildet. Nein, so dringend war das auch nicht mit meinem Einkauf. Ich schnappte mein Fahrrad und machte kehrt. Die Wolken über den Dächern Schönebergs lockerten auf. Ich nahm die Einladung an und radelte Richtung Nelly-Sachs-Park, vorbei am Spätkauf, wo ich mir kaltes Bier besorgte. Der Spätkauf ist äußerst praktisch, wenn alles andere zuhat, oder wenn ich keinen Bock habe, mich für ein paar Getränke durch den Supermarkt zu kämpfen. Hier kann ich dazu noch ein kumpelhaftes Schwätzchen mit dem Besitzer halten.
Im Park waren die meisten Bänke frei. Ich fand sogleich ein prima Sonnenplätzchen… Hach! Genüsslich inhalierte ich die frische Luft. Die Regenschauer hatten der Luft und der Natur gutgetan. Der Wind spielte mit meinen Haaren.

 

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in die Wolken schaun

 

Im Sog der Dicken Titten

Geträumt wie ein Irrer. Als ich mitten in der Nacht aufwachte, musste ich erstmal die Wirklichkeit wiederfinden… Auf leisen Sohlen kam sie zurück: „… ich bin in meiner kleinen Berliner Wohnung und arbeite als Tumordokumentar… Ich muss nicht zurück ins Altenheim. Gott sei Dank …“
Der Wirt feierte gestern 31jähriges. 1989 im Wendejahr hatte er das Pub übernommen. Er war gut drauf. Korn floss in Strömen. Ich hatte mir einen kurzen Dienst gegönnt und läutete am frühen Nachmittag im Pub das Wochenende ein. Normalerweise trinke ich 3 Pils, blättere ein paar Zeitschriften durch, und gut ist. Aus gegebenem Anlass wurde es diesmal das Doppelte, dazu die Runden Korn, welche ich nicht zählte. Sita und ihre Kollegin erschienen mir im Verlaufe meiner Sitzung an der Bar immer reizender. Ihre strammen Körper steckten in engen roten Kleidern. Sitas riesige Brüste wogten durchs Pub. Dazu ihr dunkles Lachen „HO-HO-HO“. Ich klopfte dem Wirt auf die Schulter und sabberte: „Noch eine mehr, und wir haben Drei Engel für Puschel!“ So wird der Wirt genannt. (Habe ich hier noch gar nicht erwähnt.) Wir lachten, und der Wirt, respektive Puschel, sagte irgendwas, was ich nicht verstand. Umso betrunkener er ist, desto stärker nuschelt/puschelt er. Egal.

Die Waschmaschine läuft mit meiner Bettwäsche und den nach Zigarettenrauch stinkenden Klamotten. Einen dicken Kopf habe ich nicht. Ich schaffte rechtzeitig den Absprung. War echt an der Grenze.
Ich sitze (wie meist) planlos am Schreibtisch, zur Hälfte glücklich darüber, dass ich am WE keinerlei Verpflichtungen habe, zur anderen Hälfte überschattet von meiner Einsamkeit. Sowieso ist das Wochenende kurz. Auch die Arbeitswochen sind kurz, jedoch in Unfreiheit. Ich stecke fest in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Überlebensmaschinerie, werde im Takt dieses monströsen Apparates durch die Wochen gezogen. Wurde ich dafür geboren? frage ich mich oft, und: Wieso finde ich keinen Weg heraus aus diesem Kerker? Und wo würde ich landen – fände ich einen Ausweg, bevor mich der Tod holt? Oder: Finde ich zu Lebzeiten nur geistigen Frieden, indem ich mein Begehren nach Freiheit und Wahrhaftigkeit verrate? Wie viel Bewusstsein kann ich mir leisten?
Immer wieder wundert es mich, dass die meisten Menschen um mich herum sich wenig bis gar nicht zu diesen existentiellen Problematiken äußern… Viele Fragen liegen mir auf der Seele, für die sich kaum jemand zu interessieren scheint. Umso schöner, wenn ich zufällig auf einen Menschen stoße, der meine Fragen ernsthaft reflektiert. Erst gestern Abend geschehen, als ich im Halbsuff YouTube durchstöberte und auf Jochen Kirchhoff stieß… streckenweise inspirierend dieser belesene philosophische Kauz.

Schätzungsweise wird es mich auch heute Nachmittag wieder ins Pub ziehen. Fußballbundesliga: 15 Uhr 30 Hertha gegen Paderborn, gleichzeitig Union gegen Leverkusen.

 

Sag ich doch

Hertha spielt heute 15 Uhr 30 – da wird`s im Pub voll sein. In der letzten Zeit verbringe ich fast täglich eine Stunde im Pub, genauer gesagt Puschels Pub. Ich sage eine Stunde, weil ich selten mehr als drei Pils trinke. Die sind in einer Stunde zu schaffen. Viel länger wollte ich dort nicht an der Bar sitzen: zu verraucht, und die Stammgäste sind eine Gesellschaft für sich. Ich dränge mich nicht auf, trinke mein Bier, blättere in einer Zeitschrift oder schaue einfach vor mich hin. Durch die Fensterfront sieht man das Leben auf der Potsdamer Straße, was teilweise recht skurril ist – ich meine die Figuren, die da vorbeilaufen, ein regelrechtes Panoptikum menschlicher Erscheinungen.
Am liebsten habe ich, wenn es nicht zu voll ist an der Bar. Das wird heute Nachmittag sicher nicht der Fall sein (wg. Hertha). Ich könnte freilich in eine andere Kneipe ausweichen, aber da gibt`s sonst nicht viel nach meinem Geschmack. Und so nötig habe ich`s nicht. Mein Bier kann ich auch zuhause trinken.
Nun ist Berlin so groß, aber die richtige Kneipe für mich fand ich noch nicht. Entweder sind mir die Lokale zu spießig, zu uninteressant oder zu abgefuckt. Oder sie liegen in einem anderen Kiez und öffnen erst spät. Man hat`s nicht einfach auf der Welt.