Zimmer 7

Der Typ, der gerade diese Zeilen tippt, das bin nicht ich. Ich kann ihn beobachten, wie er das alles macht: morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, mit den Bürohühnern quatschen, Einkaufen, im Pub Bier trinken…, aber das bin nicht ich. Nicht wirklich – es ist ein Programm, das abläuft. Aber was ist schon wirklich? Heute Morgen, als ich aufwachte, kam mir alles total unwirklich vor. Lebe ich in derselben Welt wie gestern? Oder kriege ich es nur suggeriert? Fuck! Mich beschleicht das unheimliche Gefühl, dass irgendwas mit der Welt grundlegend nicht stimmt, und niemand merkt was. Jedenfalls nicht ernsthaft. Vielleicht haben viele einen ähnlichen Verdacht wie ich aber trauen sich nicht, darüber zu reden – weil es einfach zu verrückt ist. Dabei ist für uns das Leben, wie es sich abspielt, nur deswegen normal, weil wir nichts anderes kennen und unser Hirn darauf programmiert bzw. geeicht ist. Abweichungen gelten als pathologisch. Ich bin mir aber sicher, dass ich nicht irre bin, sondern die Welt. Ständig frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Spielt da jemand ein abgefahrenes Spiel mit uns? Nach dem Motto: du darfst jedes Zimmer dieses Hauses betreten, nur nicht Zimmer 7 im dritten Stock. Zimmer 7 ist tabu, kapiert! Darüber gibt`s keine Diskussion!
Oder anders gesagt: Wer über eine gewisse Grenze hinausdenkt, betritt gefährliches Terrain. Jedes Programm hat seine Knackpunkte. Wenn man nicht will, dass alles kippt, hält man sich besser an die Regeln. Dumm nur, dass ich im Denken ein verdammter Anarchist bin. Ich stehe auf der Türschwelle zu Zimmer 7. Ich habe Angst. Nein, es ist nicht direkt Angst. Ich kann es schwer in Worte fassen. Eine Art Kälte, würde ich sagen…

Der Typ, der gerade diese Zeilen tippt, das bin nicht ich. Habe ich das schon gesagt? Keine Ahnung, was mit mir heute los ist. Wiedermal einer von meinen idiotischen Tagträumen. Ich hätte gestern den Cidre besser ohne Wodka getrunken. Dazu die schwüle Hitze. Und auf der Wiese machten zwei Girls Yogaübungen, und ich musste immer wieder hingucken, auf ihre Ärsche und Titten, ihre weiblichen Kurven… Fuck! Das ist Leben!

Es tut sich was

Langsam werden mir Rostock und Warnemünde immer vertrauter. Natürlich gibt es noch viele Ecken, die mir fremd sind – das ist in Berlin nicht anders. Aber nach einer Weile entwickelt man doch mit einer Region, auch ohne alles zu kennen, eine gewisse Vertrautheit. Mit Menschen ist`s, glaube ich, nicht anders. So geht es mir z.B. mit den Büro-Hühnern…

Die Kälte war bei meinem Kurztrip der größte Ungemütlichkeitsfaktor. Die gefühlte Temperatur lag weit unter der gemessenen. Der Aufenthalt an zugigen Plätzen fühlte sich an wie eine Eisdusche. Ich unternahm einen kleinen Spaziergang am Strand und kehrte nach einer guten halben Stunde verfroren zurück in die windgeschütztere Ortschaft. Nun nur noch ein Plätzchen zum Aufwärmen finden – glücklicherweise hatten in Warnemünde an Heiligabend mehr Lokale offen, als ich befürchtet hatte.

Drei Tage kam ich raus, – atmete andere Luft, nahm andere Gerüche wahr, befand mich in netter Gesellschaft, sah auf das Meer und die Horizontlinie… Zuhause in Berlin wäre mir sicher die Decke auf den Kopf gefallen. So war ich mit der Reise und allerhand Eindrücken beschäftigt. Den ganzen Weihnachtszinnober nahm ich nur am Rande wahr. Gut so. Ich scheiße auf Weihnachten. Nun nur noch Silvester, und dieser irrsinnige Jahresabschlussspuk hat wieder ein Ende.

Ich genieße meine Freiheit. Ich genieße die schönen Dinge um mich herum. Ich genieße den Anblick schöner Frauen. Ich genieße die Momente, wo ich spüre, wie das Leben in mich zurückströmt. Ich genieße den Blues. Ich genieße es, einfach da zu sein. Ich genieße es, wenn sich meine Blicke mit denen wildfremder Menschen treffen. Ich genieße es, wenn wir uns zulächeln. Ich genieße die Kraft meines Körpers. Ich genieße das Zurückkommen in meine Bude. Ich genieße das Bier. Ich genieße den Blick aus dem Fenster. Ich genieße, es warm zu haben.

Danach eisiges Schweigen

Die Wochen ziehen sich wie Kaugummi. Die Kälte friert sie ein. Kalte Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster. Die Kälte der Stadt grinst mich breit an. Ich höre das kalte Lachen von Menschen. Kalte Finger huschen über die Computertastatur. Kalter Wein rinnt meine Kehle hinunter. Ich denke an meine Endlichkeit, und es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Herr Kalt regiert die Welt. Seine ausgesandten Kältestrahlen treffen in Wellen auf meine Seele. Mich schaudert. Ich sollte unter die kalte Dusche gehen. Kälte bekämpft man am Besten mit Kälte. Noch besser ein Eisbad… Kälte betäubt.
Gluck-gluck-gluck.
Ich wische mir mit dem Handrücken über die kalten Lippen. Im Spiegel blicke ich in meine kalten, bedeutungslosen Augen. Was für eine kalte Scheiße ist das Leben. Was für ein kaltes Aufblitzen von Geist. Was für ein kalter Witz, die Welt.
Ich fische an einem Eisloch nach Wärme. Neben mir die letzte Hoffnung, die mir Mut zuspricht.
„Du darfst jetzt nicht aufgeben.“
„Ich weiß.“
„Dann reiße dich zusammen. So kannst du nicht weitermachen.“
Gluck-gluck-gluck.
„Und das ist auch keine Lösung.“
„Du solltest mir Mut machen und nicht den Moralapostel raushängen.“
„Aber das gehört doch zusammen. Meinst du nicht?“
„Möglich.“
Gluck-gluck-gluck.
„Dann eben anders: Reich mir mal die Pulle rüber.“
„Wusste nicht, dass du trinkst… Bitte.“
„Danke. Du weißt eine Menge nicht.“
Gluck-gluck-gluck.
„Rülps. Schau auf dieses Eismeer. Ist es nicht fantastisch öde.“
„Ha ha, was ist das denn für`ne abgefuckte Strategie, mir Hoffnung zu machen?“
„Immerhin habe ich dich zum Lachen gebracht.“
„Stimmt, ganz kurz.“
„Wenn du genau hinguckst, siehst du auch die anderen an ihren Eislöchern sitzen.“
„Gott verdammt, das weiß ich! Alle mühen sich ab – auf die ein oder andere Tour. Du siehst aber auch, dass einige die Nase davon gestrichen voll haben, ihre Angel packen und ins Eisloch springen.“
Gluck-gluck-gluck.
„Einige sicher. Aber du bist noch nicht so weit.“
„Woher willst du das wissen?“
„Du redest noch mit mir.“
„Dann halt jetzt mal die Klappe. Ich glaube, ich hab` was an der Angel.“
„Nichts hast du an der Angel. Lüge mich nicht an.“
„Klappe halten!“
„Wie du willst.“