Die Luft ist raus

Wenn Träume platzen, ist das immer bitter. Das ganze Leben besteht aus platzenden Träumen. Die so fantastisch aufspielende Deutsche Handballmannschaft unterlag im Halbfinale Norwegen. Schade, ich hätte den Jungs die Erfüllung ihres großen Traums, Weltmeister zu werden, gewünscht. Sie waren auf einem guten Weg dorthin. Jeder kennt den Katzenjammer nach der Euphorie. Man könnte sich angesichts der geplatzten Träume in den Arsch beißen. Es wäre zu schön gewesen …
Nun ist heute Morgen auf Berlins Dächern und Straßen tatsächlich ein wenig Schnee zu sehen. Vielleicht ein halber Zentimeter. Am frühen Morgen hörte ich das Scharren der Schneeschaufel im Hof. Ich lag bereits wach, schaute mir eine Doku über Jack Londons Leben an. Ein rasantes kurzes Dasein fristete er. Seine Geschichten und Romane unvergessen. Er zählte schon immer zu meinen Lieblingsautoren. Also war mein Gedanke: Ich muss mal wieder den guten alten Jack London lesen. Da von ihm im Bücherregal lediglich „König Alkohol“ steht, bestellte ich mir bei Amazon zwei Erzählbände. Leider muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich derzeit sehr wenig lese. Die ungelesenen Bücher stapeln sich bereits. Nur auf Reisen komme ich vermehrt zum Lesen, und ich weiß, dass Jack London eine ausgezeichnete Reiselektüre ist. Ich freue mich schon darauf, auf Gran Canaria seine Geschichten zu lesen.
Das Wetter am Wochenende soll trist werden. Der wenige Schnee wird schnell wieder verschwunden sein. Noch verzuckert er die Bürgersteige und parkenden Autos. Bald wird es bei knapp über null Grad regnen. Der Winter gab nur ein kurzes Stelldichein. Das Siffwetter kehrt zurück. Alles ist so verdammt flüchtig. Die Träume platzen wie Seifenblasen, während man sich Tag für Tag im Hamsterrad einen abstrampelt. Jack London schaffte den Sprung aus dem Hamsterraddasein. Er war ehrgeizig und begabt. Das bin ich weniger. Viel weniger. Vor allem mein Tatendrang lässt zu wünschen übrig. Meine Lieblingsbeschäftigung ist Abhängen… zuhause, in Kneipen und Biergärten. Das größte Defizit, welches ich im Winter empfinde, ist, dass die Biergärten geschlossen sind. Ich sitze also zuhause und schaue aus dem Fenster… hinaus in die Kälte, auf die Passanten, die parkenden Autos, die Litfaßsäule auf der anderen Straßenseite und die dahinterliegende Häuserfront mit den vielen Fenstern – bienenwabengleich. Apropos Litfaßsäule, ich recherchierte inzwischen, warum sie derzeit nackt herumsteht. Sie ist nicht alleine betroffen. Die Litfaßsäulen Berlins sollen neuen Modellen Platz machen, wahrscheinlich irgendwelchem digitalen Schnickschnack, der mit der herkömmlichen Litfaßsäule nicht mehr viel zu tun hat. Erst das Baumsterben, und nun erlebe ich auch noch das Sterben der Litfaßsäulen…
Das Leben ist grausam. Gnadenlos weicht das Alte dem Neuen und vermeintlich Besseren. Der ewige Lauf der Dinge. Evolution und Auslese. Wir Menschen drehen munter mit an den Stellschrauben der Schöpfung. Das macht uns anscheinend ganz heiß. Immer schneller, immer weiter! Hinterm Horizont wartet der ultimative Orgasmus.

Ich hänge dann mal ab. Jack London disziplinierte sich dazu, jeden Tag 1000 Wörter zu schreiben. Da komme ich freilich nicht mit. Heute schaffte ich gerade mal die Hälfte.

Fesch san ma beinand

Ich ziehe den Rollladen hoch. Die Welt ist noch nicht untergegangen. Dafür schneit es kurz vor Ostern. Der alte weißbärtige Mann im Himmel rasiert sich womöglich… Früher hat er das immer im Winter gemacht. Die Altersdemenz stoppt auch vor ihm nicht. Wenn er kein weiteres Chaos anrichten will, sollte er ins Altenheim gehen. Denn besser wird der Alzheimer nicht. Die Geschäfte könnte er doch an Petrus (diesen Heuchler!) übergeben. Es würde sich schon jemand finden. Auch hier auf der Erde gäbe es genug Kandidaten. Die fühlen sich sowieso schon wie Gott.

Gestern holte sie im Verlauf des Tages einen ganzen Schwung ihrer Sachen ab. Hinter der Tür steht nun nichts mehr. Den verbliebenen Rest verstaute ich in der Kammer. Aus den Augen, aus dem Sinn.
In den Schränken entstand Platz, um mein Zeug neu zu organisieren. Ich habe ein paar Tage Urlaub über Ostern. Und bei diesem Sauwetter macht man sich`s am Besten zuhause gemütlich. Allein aber fein – haha.

Und sonst?
Willkommen in der Neuen Welt, die leider noch die alte ist. Nichts hat sich verändert, außer dass sich jeden Tag mehr Autos durch die Stadt wälzen. Pro Sekunde kommen rund 2,7 neue Erdenbürger hinzu. Und jeder braucht Handy und Auto… das ganze Programm halt. Wolfgang Ambros singt in einem seiner Schlager „…weit hob’n ma’s brocht, fesch san ma beinand“. Wohl wahr. Wir platzen vor Selbstgefälligkeit. Noch nie ging es uns so gut. Was macht`s schon, wenn man dafür seine Seele verkauft. Machen doch alle. Es war niemals anders. Die Fassaden änderten sich, aber der Schmutz dahinter blieb der gleiche. Früher etwas mehr kirchliche Scheinheiligkeit und Trallala… Heute dafür mehr Verarsche durch Werbung und Konsum. So oder so ficken wir uns ins Knie. Aber uns geht`s gut. So gut wie nie. „…weit hob`n ma`s brocht, fesch san ma beinand“. Ich mag diesen Ambros.

Lost

Inzwischen kann er nur noch über die Bewegung seiner Augen kommunizieren. Der Sprachcomputer generiert zwei bis drei Wörter pro Minute. Eine mühsame Angelegenheit und nichts für ungeduldige Gesprächspartner. „Manchmal bin ich sehr einsam, weil die Leute Angst haben, mit mir zu sprechen, oder nicht abwarten können, bis ich eine Antwort geschrieben habe“, sagte er 2015 in einem BBC-Interview. Unwillkürlich denke ich an das beeindruckende Buch „Schmetterling und Taucherglocke“, das von dem nach einem Schlaganfall am Locked-In-Syndrom leidenden Jean-Dominique Bauby nur durch Augenzwinkern diktiert wurde…
Unser Geburtstagskind wird heute 75 und schrieb eine Menge Bücher. Er gilt als der größte Astrophysiker unserer Zeit. Ich zolle ihm meine Hochachtung. Alles Gute, Stephen Hawking!

In Berlin fällt der erste Schnee des Winters und generiert eine ungewöhnliche Stille. Hinzu gesellt sich die Sonntagsruhe. Feine Flocken wirbeln durch die Luft und bedecken die parkenden Autos mit Schneehauben. Ich versinke in dem selten weißen Anstrich des Tages, im Kopf ein einziges Kuddelmuddel. Wie bekommen manche Menschen da nur Ordnung rein? frage ich mich.

Die Praktikumsleiterin meinte „Du denkst zu kompliziert“, worauf ich erwiderte „Das war schon immer so – ich wundere mich, wie ich überhaupt so weit kommen konnte…“ und verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. Ich quälte mich wieder einmal durch die Mahnliste der Tumordokumentation und brachte offenbar die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe. Sie muss mich für einen kompletten Idioten halten, dachte ich bei mir. Wieso tue ich mir das an?

Ich bin fasziniert von Menschen wie Stephen Hawking, die allein durch ihre Vorstellungskraft und Intelligenz neue Erkenntnisse zum Universum entwerfen und sich in dem komplexen Allerlei von Mikro- und Makrokosmos zurechtfinden. Meine Stärke liegt eher auf der abstrakten Ebene. Von der schieren Menge der unterschiedlichen Elementarteilchen fühle ich mich erschlagen – ähnlich ergeht es mir momentan mit der Tumordokumentation: ich scheitere an der Vielfalt der mir unbekannten medizinischen Vokabeln und dem richtigen Herauslesen.
Ich frage mich: Befinden wir uns mit dieser fachlichen „Zerstückelung der Welt“ auf dem richtigen Dampfer? Wer soll da eigentlich noch durchblicken? Ich jedenfalls fühle mich sehr oft überfordert. Ich bin schon froh, wenn ich die richtige Himmelsrichtung finde und rechts und links unterscheiden kann. Kompliziertere Sachverhalte bereiten mir schnell Kopfschmerzen.
Ich würde mich als 1. begriffsstutzig und 2. ungeduldig charakterisieren – keine guten Vorrausetzungen für das Erlernen eines neuen und umfangreichen Fachgebietes. Zudem bin ich ein Sensibelchen, was den Lehrer und seine Art und Weise angeht. Der Lehrer hat sehr viel Einfluss auf meine Motivation. Es muss passen…

Ich finde nicht, dass ich zu kompliziert denke. Ich sehe überhaupt kein Denken, nur eine diffuse Stille, abertausende Puzzleteile. Worte verbergen sich im geistigen Schneegestöber, ich jage Bedeutungen wie Schmetterlingen hinterher. Das Gesicht der Praktikumsleiterin verzerrt sich zur Horrorfratze. Erstaunen und Entsetzen tanzen mit mir Ringelreih. Die Uhr über der Bürotür zeigt an: Noch eine Stunde. Was ist eine Stunde? „Du bist hier, um zu fragen“, sagt die Praktikumsleiterin. Ich nicke stumm. In mir werden ganze Heerschlachten ausgeführt. Alle kämpfen gegen alle.
Nun gut, dann also zum nächsten Fall auf der Mahnliste: ein Hirntumor…

Wie verloren ist die Menschheit im Universum? Und wie verloren ist ein Mensch in der Welt?
Wie verloren kann ich in mir selbst sein?