Kehre erstmal vor der eigenen Tür

In der Nacht der angekündigte heftige Regen. Die Luft strömt frisch in die Wohnung. Die Sonne blinzelt in den Samstagmorgen. Mein Lieblingsinternetsender spielt dreckigen Bluesrock. Auf der Welt greift die Kontroll-Mania um sich. Natürlich alles nur zu unserem Besten. Woher kommt eigentlich die Idee, dass der Staat seine Bürger wie kleine Kinder erziehen muss? – Wenn du nicht artig bist, kriegst du Hausarrest! Oder: Wenn du dich brav impfen lässt, kriegst du zur Belohnung eine Bratwurst. Der Staat dringt in Bereiche ein, wo er meiner Meinung nach nichts zu suchen hat. Neuerdings droht er denen, die als aufgeklärte kritische Bürger von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machen, sogar mit Haue. Nein, der Staat droht nicht nur, er setzt seine Drohungen um. Das fiel nun auch dem UN-Sonderberichterstatter über Folter und andere grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung, Nils Melzer, auf. Er bittet die Bundesregierung um eine Stellungnahme hinsichtlich der Polizeigewalt am 01. August in Berlin.
Das, was wir allzu gerne an anderen Staaten kritisieren, nämlich Gewalt gegen Andersdenkende, passiert direkt vor unserer Haustüre. Wie heißt es so schön: Kehre erstmal vor der eigenen Türe

Ach ja, in sieben Wochen ist Bundestagswahl. Kaum jemand redet darüber. Ich höre nur: Vierte Welle und Impfen, Impfen, Impfen! Dann lieber Olympia gucken. Zur Ablenkung. Und ein paar Drinks dazu. Nein, ich sage nicht, dass es früher unbedingt besser war. Damals soff ich auch schon… Ich verstehe die Welt nicht. Ist man als friedliebender Mensch ein Fantast? Ist Freiheit mal wieder aus der Mode?

Der Tag wird kommen

Nachdem wir unzählige Weltuntergänge verpassten, wird ein Tag kommen, an dem es wirklich so weit ist. Ebenso wie der individuelle Tod eines jeden Lebewesens von Stunde zu Stunde näher rückt – die Sanduhr des Lebens läuft unweigerlich ab. (Wer versteht den Sinn dahinter?) Die Menschen flüchten in Religion und Ideen. Pflanzen und Tiere suchen nicht nach einem Sinn. Das Muster ist immer dasselbe: Geburt – Wachstum – Reife – Fortpflanzung – Vergehen. Evolution durch Rivalität, Auslese, Überlebenskampf, Anpassung. Die Natur braucht keine ordnende Hand – sie trägt alles in sich. Die Natur braucht keine Gesetze und keine Moral. Sie existiert selbstverständlich.
Nur wir Menschen entwickelten unsere ganz eigenen Ideen, durchschnitten die Nabelschnur zu unserer Allmutter. Wir entwickelten Sprache, Bewusstsein, Geist, Technik… Und da gibt es die einen, die Bewusstsein und Geist als ein Geschenk ansehen, in Frieden mit sich und ihrer Umwelt leben wollen; und es gibt die anderen, die in ihrem Größenwahn Kriege gegen die Natur und gegen sich selbst führen. Deren Gier kennt keine Grenzen. Sie glauben, dass sie alles beherrschen können. Dieser Menschenschlag hat sich im Zeitalter des Materialismus und Kapitalismus durchgesetzt.
Der Wahnsinnige wird sein Ende finden wie alles andere auch. Aber mit dem Unterschied, dass der Wahnsinnige in Unfrieden und Unverstand auf sein Ende zusteuert. Dass er zuvor die Hölle auf Erden erzeugt.

   

Irgendwas lief gewaltig schief

Wie kommt es eigentlich zu einer solchen Verklärung/Romantisierung der Natur? Als ob da keine Kriege und Kämpfe ausgefochten würden. Menschenaffen hetzen einander durch die Wälder und sind nicht gerade zimperlich im gegenseitigen Umgang. Ameisenvölker fallen übereinander her – Schlachten epischen Ausmaßes werden zu unseren Füßen geführt. Tiere und Pflanzen konkurrieren ständig untereinander um die besten Abwehr- und Angriffsmethoden… Die Evolution zeigt sich gnadenlos und grausam im Kampf um Lebensraum und Nahrung. („The surviving oft the fittest.“) Kraft unserer geistigen Wassersuppe schwangen wir Menschen uns mit der Zeit zu den erfolgreichsten Prädatoren auf dem Erdball auf. Wir können uns nur noch selbst besiegen. Ständig befinden wir uns im Kampf mit uns selbst. Und wie beim Überlebenskampf in der Natur geht es um die Verteidigung oder um die Ausweitung von Einflussbereichen – national, wirtschaftlich, ideologisch/religiös/kulturell… aber auch in kleineren Dimensionen von Familien, Clans und diversen anderen Gruppenzugehörigkeiten. Wir proklamieren zwar gerne, dass wir die Natur beherrschen, uns sozusagen von ihr lösten und nun als „Krönung der Schöpfung“ die Erde beherrschen, doch mit etwas mehr Abstand betrachtet, sind wir nichts anderes als herumwuselnde Ameisenvölker, die sich gegenseitig bekriegen… und mal eben nebenbei die gesamte Biosphäre zerstören.
Wie kommt es eigentlich, dass wir uns als intelligent bezeichnen? Für die kurze Zeit, in der wir Menschen uns auf der Erde herumtreiben, richteten wir ganz schön viel Schaden an. Nicht nur in der Sache, sondern auch seelisch. Mit unserer Macht können wir offenbar schlecht umgehen. Irgendwas lief gewaltig schief. Die Evolution erzeugte mit dem Menschen eine biologische Naturkatastrophe globalen Ausmaßes… Mit etwas Glück haben wir noch ein paar Versuche, um das ein oder andere wieder gut zu machen, um mehr Achtung vor unseren Mitgeschöpfen zu zeigen, um unsere Macht für Frieden, Mitmenschlichkeit und gegenseitige Toleranz einzusetzen. Ich bin bei denen, die nicht einfach die Hoffnung aufgeben. Ich glaube wirklich an das Gute im Menschen. Auch wenn mich mein Verstand einen Traumtänzer nennt. Ich hadere oft mit mir selbst. Es ist alles so offensichtlich…

Fazit: Ich bin also Teil einer globalen biologischen Naturkatastrophe. Ehrlich, genauso fühle ich mich auch. Wie so ein Virus. Und noch blöder: Wie ein Virus mit einer eigenen Meinung.

    

Alles ist gut

„Verstehst Du Spaß?“ fragte der Pfarrer am Sterbebett.
„Spaß? Wie meinen Sie das, Herr Pfarrer?!?“, röchelte der Sterbende mit letzter Kraft.
„Nun beruhige Dich mal wieder. Du hast bestanden.“
„Was… was habe ich bestanden?“
„Die Prüfung.“
„Alles war nur eine Prüfung??“
„So in etwa. Aber Du hast bestanden. Alles ist gut.“
„Sie veralbern mich doch nicht, Herr Pfarrer? Ich weiß, dass ich der Kirche gegenüber etwas knausrig war, aber machen Sie bitte jetzt keine Witze…“
„Sage doch nicht Pfarrer zu mir. Nenne mich einfach Felix.“
„Wie bitte? Ächz…“
„So gehe in Frieden.“

Der menschliche Aspekt

Im Gleisdreieckpark ein Menschenauflauf wie bei einem Volksfest. Ich traute meinen Augen nicht. Das warme sonnige Vorfrühlingswetter lockte ins Freie. Vor allem Familien mit Kindern breiteten sich auf dem Parkgelände aus, welches Spielplätze, Fitnessanlagen und Flächen für Skater anbietet. Auf den Wiesen picknickten die Menschen, und überall tobten die Kinder wild durcheinander, spielten Ball oder mit anderem Spielgerät. Auf den Wegen ein Tumult von Spaziergängern, Joggern, Skatern, Radlern, spielenden Kindern… Im Schritttempo und im Slalom bewegte ich mich auf meinem Fahrrad Richtung Potsdamer Platz, wo ich mit O. verabredet war. Auch ich fühlte mich belebt von der Aufbruchsstimmung der Natur, die förmlich in der Luft lag. Jedes Jahr von Neuem sind wir Teil dieses magischen Schauspiels, werden zum Spielball unserer Triebe…, einer überschäumenden Lust am Leben.
Am Potsdamer Platz fanden wir einen schönen Platz vor einem Lokal, tranken Bier und betrachteten die vorbeiströmenden Leute. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an ihrer Vielgestaltigkeit und dem kulturellen Mischmasch…, anmutigen und kuriosen Typen, spießigen und abstoßenden Erscheinungen. Sie alle lebten in ihren Welten von Familie, Herkunft, Nationalität, Beruf… mit ihren ganz eigenen Vorlieben, ihren Freundschaften, ihrer Liebe… Ich saß O. gegenüber – wir fügten uns selbstverständlich ein in diese Vielfalt. Trotz der (teilweise großen) Unterschiede schien sich alles wunderbar zusammenzufügen. Mir waren sie alle recht, wie sie da kreuz und quer herumliefen. Der menschliche Aspekt hielt seine schützende Hand über uns. In solchen Momenten des Aufgehoben Seins inmitten meiner Mitmenschen sind Gewalt und Krieg unmögliche Vorstellungen. Dabei trennt uns nur eine hauchdünne Membran von ihnen. Ein aggressiver Eindringling – ein falsches Wort – ein Handgemenge… und der Frieden ist gestört. Das Verbindende unter den Menschen zerspringt wie Glas. Die Menschlichkeit verzerrt sich zur Fratze und reißt Abgründe des Schreckens auf…
Die Märzsonne hatte sich hinter die Häuser zurückgezogen. Ein kühler Wind kroch unter unsere Klamotten und verdrängte langsam die Gemütlichkeit. Wir leerten den Hopfensaft und machten uns auf den Heimweg.