Damals unsere Liebe

Deutscher Sohn

wenn ich dich liebte
so direkt aus meinem Herzen
wie die Lieder der Brüderschaft
die Einheit der Kinder Hand in Hand
wie der Flug der Schwalben
die dicken Schneeflocken
wie die Regentropfen
und wenn die Worte nicht mehr ausreichen
wenn ich wie die Wolken weine
dieser Himmel, diese Sonne gehören uns

wenn ich dich liebte
wie der Tod des Führers
schau mir ins Gesicht
schau mir tief in die Augen
meine Haare sind schwarz, meine Haut ist weizenbraun
mein Blick ist kaffeeschwarz
meine Hände werden blau in deinen Augen
die Lippen, wie reife Kirschen an den Ästen
los! Küss mich im Namen der Liebe …

(Frau M., 2006)

Dein Gedicht. Deine Liebe. Du wirst immer in mir bleiben.

Die Verrückte

Die Verrückte schrieb mir eine Karte. Ihre Telefonnummer habe sich geändert. Rolli, ein alter Bekannter, terrorisiere sie. Sie würde sich freuen, wenn ich mich mal telefonisch meldete.
Das letzte Mal, dass ich mit der Verrückten Kontakt hatte, war bei meinem Umzug nach Berlin. Sie half mir beim Transport meiner Sachen. Am Ende stritten wir, weil sie immer mehr Kohle forderte. Da hätte ich mir gleich ein Umzugsunternehmen nehmen können.
Anfang der Neunziger waren die Verrückte und ich ein Liebespaar. Ich war beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Lebensenergie. Sie hatte es nie leicht gehabt und sich tapfer geschlagen. Bereits mit Dreizehn glitt sie in die Drogenscene ab, wurde die Braut eines Discothekeninhabers. Der versumpfte zusehends, und sie musste sehen, wo sie blieb. Durch ihr Organisationstalent fiel sie immer wieder auf die Füße. Als ich sie kennenlernte, war sie sporadisch mit Rainer zusammen, einem Freak wie aus dem Bilderbuch, der jährlich monatelang durch Indien tourte und mit Hasch und Marihuana dealte. Rainer blieb immer präsent. Sicher war er eifersüchtig. Der Lieferwagen, mit dem er Päckchen ausfuhr, stand oft vor unserem Liebesnest. Als unsere Beziehung in die Brüche ging, war er sofort zur Stelle. Das exzessive Saufen hatte mich runtergebracht. Ich verlor den Lappen und kündigte meinen Job. War eine Scheißzeit. Der letzte Anker hieß Drogenberatung. Eine nette Sozialarbeiterin leierte eine Langzeittherapie für mich an, die ich nach sechs Wochen abbrach. Ich kam mit dem Therapiekonzept nicht klar. Außerdem hatte ich Sehnsucht nach der Verrückten. Ich blieb noch ein paar Monate trocken. Aber eines Nachts, als sie ohne mich auf Tour war und nicht anrief, hielt ich mich an einer Flasche Roten schadlos… Damit war`s geschehen. Angeblich war sie damals bei Rolli, ihrem Dauerproblemfreund, gewesen. Der gute Rolli – auch ein Freak wie aus dem Bilderbuch.
Nach unserer Trennung kriegte ich noch die ein oder andere Beziehung der Verrückten mit. Wir hausten in unmittelbarer Nachbarschaft. Sie stand auf Freaks, Alkis und Kaputtnixe, die sie dann, wenn sie ihre Anwandlungen hatte, als Loser beschimpfte, sogar auf sie losging. Keiner konnte es sehr lange mit ihr aushalten. Auch ich hatte ihre Ausraster und Schimpftiraden gründlich satt. Den Kontakt zu ihr stellte ich aber erst ganz ein, als ich wegen einer anderen Verrückten nach Berlin zog (– was wieder eine andere Geschichte ist).
Gestern Abend, ich kam leicht angetrunken aus dem Pub, hätte ich die Verrückte fast angerufen. Ist aber wahrscheinlich besser, wenn ich sie weiterhin aus meinem Leben raushalte.

 

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ihre Karte

 

Comics

Die Comic-Helden waren meine ersten Helden. Ich verschlang in meiner Kindheit und Jugend zuhauf Comics. Mein damaliges Lieblingscomicmagazin war „Zack“. Über viele Jahre wartete ich jede Woche gespannt auf die neue Ausgabe. Meine Lieblingscomicfiguren waren Lucky Luke, Andy Morgan, Leutnant Blueberry, Michel Vaillant, Mick Tangy, Valerian… Nebenher verschlang ich Disneys Lustige Taschenbücher mit meiner Lieblingsfigur Donald – als ewiger Verlierer, dennoch geliebt. Auch die Asterix-Comicbücher kaufte ich mir. Aber ehrlich gesagt waren mir diese vom Zaubertrank gestärkten Gallier zu unverwundbar. Vor mir war kein Comic-Heft/Band sicher. Nicht alles gefiel mir.
Erst ab dem Alter von 16 wechselte ich langsam zur Belletristik. Während ich meine anderen Spielsachen wie Lego, Cowboys und Soldaten quasi von einem Tag zum anderen unters Bett geschoben hatte, blieb ich noch jahrelang meiner Leidenschaft für Comics treu. Bis heute lese ich noch gern Cartoons und U-Comix.
Eine Handvoll dieser erst im Erwachsenenalter zugelegten Comics stehen noch in meinem Bücherregal. Zum Teil echte Kunstwerke.

 

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Filme, die das Leben dreht

Viele Erinnerungen an mein Leben wirken auf mich irreal, wenn sie vergangene Lebensphasen markieren: meine Jugend, die Schulzeit, die vielen Jahre in der Altenpflege (besonders als Nachtwache), die Zeit mit den damaligen Kumpels und Freunden, die alte Heimat, verlorene Lieben…
Ich erzähle von Ereignissen aus meiner Vergangenheit und mich überkommt ein seltsames Gefühl der Fremdheit. Von wem rede ich? Wer sitzt hier und plaudert z.B. von einer vergangenen Liebe? War das alles real? Natürlich zeugen alte Fotos, Postkarten, Briefe, Geschenke und andere Relikte, dass ich mir mein vergangenes Leben nicht nur einbilde. Ich frage mich aber, wo alles hin ist. Ich blicke in den Spiegel und sehe einen alternden Mann. Gestern war ich beim Frisör. Man sollte auf Wunsch den Spiegel verhängen dürfen. Aber gut, das Problem hatte ich schon als halbwegs attraktiver junger Mann. Darum existieren kaum Fotos von mir. Will mich jemand fotografieren, kann ich echt sauer werden! Alle meine Frauenbekanntschaften übers Internet begannen als Blinddate, jedenfalls für die Frauen. Sehr mutig von ihnen. Na gut, in der Hauptsache geht es ja in der Liebe um die inneren Werte… Hust!
Immer wenn ich in einer beziehungslosen Phase stecke, die sich länger hinzieht, kann ich irgendwann kaum noch glauben, dass ich mal echten Sex mit einer Frau hatte (und das sogar regelmäßig); und all das andere wie Zärtlichkeiten, romantische Stunden und gemeinsame Unternehmungen selbstverständlich zu meinem Leben gehörten. Es ist gerade so, als würde ich behaupten, dass ich vor ein paar Jahren noch Zirkusartist war… (Genau: Das würde ich mir selbst nicht abnehmen.)
Das Leben ist nicht wie ein Film, sondern wie viele Filme. Die können mal lustig und mal traurig, spannend oder langweilig sein. Gerade stecke in einem scheußlich langweiligen Film. Ich wünschte, ich könnte einfach in eine andere Filmaufführung wechseln.

 

 

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einige meiner Lieblingsfilme