Es war gestern und ist doch heute (4)

Weihnachten 1994

Die Eltern bringen mir eine Kiste Fressalien und einen Fuffi in einem Briefumschlag. Ich lege die sentimentalste Alkoholbeichte meines Lebens ab, und was alles dran hängt.
Wir lassen dich nicht hängen, sagen die Eltern, und schauen betreten. Ich will sie wieder aufheitern mit meiner alkoholverschleierten Durchsicht.
Wie wirklich ist die Sentimentalität? Warum gibt es Plastikweihnachtsbäume?
Ich langweile mich mit mir selbst. Die Klamotten stinken nach Kneipe, Schweiß und Urin – es fühlt sich nach Verwesung an. Der nahe Tod ist wie ein leer stehendes Haus mit wild wucherndem Vorgarten.
Meine Nachbarin ist nicht da. Es herrscht Mucksmäuschenstille. Feiertagsgediegenheit.
Seit Stunden höre ich Rockmusik. So lässt sich der erste Weihnachtsfeiertag an, mit einem Fuffi im Briefumschlag und dem Rest von 10 Dosen Bier.
Armin speist mit Eltern und Großeltern. Unerreichbar. Alles Gute, alter Freund!
Ich muss mich irgendwie loseisen. Ich bin wie festgefroren.


Es ist eine Weile her

Februar 1962 wurde Norddeutschland von der schwersten Sturmflut ever heimgesucht. Als Krisenmanager sammelte der damalige Hamburger Polizeisenator Helmut Schmidt Punkte für seine politische Karriere. Ich selbst befand mich noch im Niemandsland, oder besser: mich gab es da noch nicht. Es sollte aber nicht mehr lange dauern, dass durch ein Ereignis, welches man gemeinhin als „Kindermachen“ bezeichnet, mein Schicksal seinen Lauf nahm. Von Marilyn Monroes tragischem Tod und der Kubakrise kriegte ich trotzdem nichts mit. Ich strampelte im Bauch meiner Mutter vor mich hin, bohrte schon damals gern in der Nase und harrte der Dinge, die da kommen. Ich hatte es nicht eilig. Der Kinderarzt aber schon, weil er in seinen Skiurlaub wollte. Und so verpasste er meiner Mutter kurzerhand eine Spritze, welche die Geburt beschleunigte. Ich war keine leichte Geburt, erzählte mir meine Mutter später. Und die doofe Spritze hatte zur Folge, dass die Muttermilch schlecht wurde und abgepumpt werden musste. Meine Mutter hätte eine Menge Milch für mich gehabt. Sie bedauerte sehr, dass sie mich nicht säugen konnte. C`est la vie. Mutter ist inzwischen tot, an der Flasche hänge ich immer noch. Auch mein Dickschädel, welcher ihr die Geburt so schwer und schmerzhaft machte, sitzt noch auf meinem Hals. In vielen grundlegenden Dingen veränderte sich in den vergangenen 58 Jahren nichts oder nicht viel. So fragte ich mich auch heute, als ich erwachte: Was soll das?!?


Halle 5

Die Heidelberger Druckmaschinen AG lag im Gewerbegebiet außerhalb der Stadt. Sie war der größte Arbeitgeber der Region. In den großen Ferien arbeiteten dort auch Schüler und Studenten, um auf ihr erstes Auto, ein Moped oder einen Urlaub zu sparen. Der Verdienst für ein paar Wochen war nicht schlecht. Ich arbeitete in Halle 5. Das Abi hatte ich gerade hinter mir, und bis ich im Spätjahr einen Ausbildungsplatz als Technischer Zeichner antreten wollte, blieben ein paar Monate. Zwei Kumpel und ich planten im Sommer, vier Wochen per Interrail durch Europa zu touren. Dazu musste das Geldsäckel gefüllt werden. Wir schrieben das Jahr 1982. Musikalisch flutete Die neue Deutsche Welle das Land. Deutschland war geteilt, und niemand glaubte daran, dass sich daran etwas zu seinen Lebzeiten ändern würde. Wir waren in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen. Im Nachhall der 68er erlebte unsere Generation ihre Jugendkultur – weitgehend unpolitisch, naiv, an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Nach der Tretmühle der Schule erwarteten uns Anpassung und Kapitalismus. Aber noch rebellierten wir in unserem jugendlichen Eifer – gegen alles, insbesondere gegen den Mief des Elternhauses.  
Die Arbeit als Maschinenbediener war eintönig. Ich wunderte mich darüber, wie man diesen Job jahrelang machen konnte. Ich zog mich oft aufs WC zurück und las dort Science-Fiction-Kurzgeschichten von Herbert W. Franke, Stanislaw Lem und anderen – damals neben Bukowski mein Lieblingslesestoff. Meine Arbeitskollegen waren Gastarbeiter, mehrheitlich Türken. In den Pausen saß ich bei ihnen. Sie boten mir von ihrem Essen an. Natürlich war ich in ihren Augen ein Grünschnabel, und sie amüsierten sich darüber, als mir nach dem Genuss einer Peperoni Tränen in die Augen stiegen. Am Liebsten arbeitete ich in der Spätschicht. Die begann nachmittags und endete am späten Abend. Ich radelte dann eiligst in meinem Blaumann zurück in die Stadt direkt zu meiner Stammkneipe, um dort noch ein Feierabendbierchen zu kriegen. Außerdem hatte ich damals eine Liebelei mit einer der Bedienungen – die feiste Barbara. Wir fuhren mit ein paar anderen nach der Schließung des Lokals an einen Baggersee, um dort weiter zu trinken und nackt zu baden. Barbara und ich sonderten uns ab und frönten unserer Lust im See. Ich kam erst in den Morgenstunden nach Hause. Ich lebte bei meinen Eltern, aber wir kriegten nicht viel voneinander mit.
Ich stellte mich weder besonders gut noch besonders schlecht bei der Arbeit an. Aus einer Kiste musste ich die Metallteile herausnehmen, in eine Vorrichtung korrekt einlegen und den Knopf drücken. Den Rest erledigte die Maschine. Danach die fertigen Teile herausnehmen und in eine andere Kiste sortieren. Für den Ausschuss gab es auch eine Kiste. Freilich lief das Programm der Maschine nicht immer reibungslos und der Vorarbeiter musste eingreifen… Einige Tage saß ich an einer Bohrmaschine zum Entgraten. Die feinen Metallspäne zerschnitten meine Fingerkuppen. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern. Wie ich es bereits sagte, bewunderte ich die Arbeitskollegen, die das seit vielen Jahren machten. Für mich war Halle 5 nur eine kurzfristige Übergangsstation, um mir ein paar Mark für die Interrailreise zu verdienen.
Ich begann damals mit dem Rauchen, ich meine so richtig mit Tabak und Selbstdrehen. Es musste der stärkste sein – Schwarzer Krauser. Meine Finger wurden schnell dunkel von der Arbeit und vom Tabak. Das Abi hatte ich gerade so geschafft. Für mich gab es nichts zu feiern. Ich fühlte mich innerlich leer. Ich mochte die Schule nicht. Und plötzlich war das alles vorbei, 13 Jahre meines jungen Lebens. Wie würde es weitergehen?



Es war gestern und ist doch heute (3)

Er hatte einen Wahn. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
„Sag mir, dass ich was ganz Besonderes bin!“ rief er in die Muschel.
Er spazierte in den Wald, in menschenleere Zonen; er schaute zu den Wipfeln empor und schrie wie ein Irrsinniger.
Wenn er in der Kneipe saß, verwickelte er die Bedienung in ein Gespräch. Er hörte sich reden und wartete auf einen Satz der Anerkennung.
Er schrieb Gedichte, die in seinem Regal verstaubten. Die Gedichte zeugten von seiner Lethargie und seinem Wahn. Er hatte seit Jahren keine Frau geliebt. Er strengte sich nicht an auf dem Gebiet. Außerdem war er außer Form.
Er lebte zurückgezogen und war nicht gerade glücklich, aber auch nicht unglücklich damit. Er wollte schon immer was ganz Besonderes sein.
Er fühlte sich wie eine leere Batterie, die von Elektrizität träumt.
Die Post, die er erhielt, und die Telefonanrufe waren dienstlich.
Manchmal meldeten sich auch seine Eltern. Er mochte seine Eltern, aber er war zu sehr in seinem Wahn, so dass ihm niemand wirklich wichtig war.
Er fragte nach dem Sinn des Ganzen und kam dabei nicht weiter.
Er wurde älter. Er wurde vorsichtiger. Darum schenkte er sich nicht mehr so viel nach, wenn er trank.
Er konnte seinen Wahn nicht loswerden, um einfach zu leben, wie er die Anderen leben sah. Er war nicht gerade glücklich, aber auch nicht unglücklich damit.

(01.10.2000)

Es war gestern und ist doch heute (2)

Der Mensch und die Maschine

Die Maschinen liefen
weil sie laufen mussten
die Fabrikschornsteine rußten
alles wurde schwarz und älter
Wälder aus Beton standen unberührt
Vögel sangen Lieder ungehört
Menschen lebten zwischen Abfall und Ruinen
kämpften um den letzten Happen Brot
sie waren wenig und sehr alt
ihre Haut war bleich und kalt
das Blut in ihren Adern nicht mehr rot
Menschen lebten
weil sie leben mussten – wie Maschinen


(1981)