Aufpassen!

Ich merke schon: mein Humor ist heute zu tiefsinnig. Kommt vor, dass ich mich krumm und schief lache, während um mich herum alles peinlich schweigt. Das erste Mal geschah es bei meiner Geburt… Ich hatte keine Wahl – wusste noch nichts von der Welt und äußerte mich einfach frei Schnauze: Bäääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääh! Schon damals erwartete ich von meinen Mitmenschen viel zu viel Selbstreflexion…
Man kann ungeheuer viel verkehrt machen im Leben. Würde man alles richtig machen, – wäre das Leben dann noch lustig? Wie lustig ist der Papst? (Immer noch keine Lacher?)
Gut, ich stelle mir also vor, dass ich nachher wählen gehe. Was wird heute eigentlich gewählt? Irgendwas mit Europa… Fragt mich bitte nichts Näheres. Ich mache also mein Kreuz und gehe wieder, in dem Bewusstsein als Staatsbürger und Europäer meine Pflicht getan zu haben. Beim Aufschließen des Fahrradschlosses komme ich ins Grübeln. Habe ich die richtige Partei angekreuzt? Eiskalt läuft es mir über den Rücken: Fuck! Fuck! Fuck! Ich vertat mich… Der Stress war einfach zu groß, und ich rutschte in die falsche Zeile… Ich muss sofort meine Stimme retten gehen, schoss es mir in den Kopf. Aber ist das überhaupt möglich? Ich ziehe also den Schlüssel wieder aus dem Fahrradschloss und eile zurück in die heiligen Gefilde des Wahllokals, eine fuckin` Berliner Gesamtschule übrigens.
Aufgeregt brülle ich: „Bäääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääh! – ich habe aus Versehen falsch angekreuzt!!!“ Und ein Typ, der aussieht wie der Weihnachtsmann ohne Bart antwortet: „Tut mir leid, junger Mann, eine Korrektur ist nicht mehr möglich. Gewählt ist gewählt…“
„Aber das kann doch nicht sein!!“ schimpfe ich völlig außer mir, „selbst eine Heirat kann man binnen 24 Stunden annullieren!“
„Wie sollen wir denn ihren Wahlzettel identifizieren? Das ist nicht machbar. Bitte stören sie nicht weiter den Wahlbetrieb.“
„Auf dem Wahlzettel müssen meine Fingerabdrücke sein“, sage ich schnell, und bin froh über diesen Einfall. „Ja, da hat er recht“, höre ich nun um mich herum einige Stimmen.
„Sowas ist nicht vorgesehen. Da könnte ja jeder kommen. Passen sie halt beim nächsten Mal besser auf… Gehen sie, oder ich lasse sie des Raumes verweisen!“ sagt der Weihnachtsmann ohne Bart und schaut inzwischen sehr verärgert aus der Wäsche.
Na gut, denke ich, ich will es nicht auf die Spitze treiben. Scheiß auf die Europawahl! Am Besten im Pub ein Bier trinken und runterkommen. Oder zuhause den Großen Preis von Monaco angucken – das sollte mich auch beruhigen.

Also liebe Leute, aufpassen, wo ihr heute Euer Kreuz macht…, und das ist mein voller Ernst!

Ebbe

Da ich heute noch nichts anderes vorhabe, werde ich wohl wählen gehen – auch einen gültigen Wahlzettel abgeben, falls ich nicht zu doof dafür bin. Ich werde die Aktion in eine kleine Kiezrundfahrt einbetten. Irgendwann am späten Vormittag mit dem Fahrrad los düsen. Vorher warten auf die Waschmaschine, dem Ritual des Körperputzes frönen und auf dem Blog ein paar geistige Exkremente hinterlassen. Ach ja, und ein wenig mit den Hanteln trainieren, welche Anfang der Woche per Post kamen. Ausgerechnet mein Lieblingsnachbar, der Pole mit der großen Klappe hatte sie entgegengenommen.
Er: Was hast du bestellt, Nachbar?! Weißt du, wie schwer das Paket ist!?!
Ich: Ja, 10 Kilo.
Er: Ha, Ha! Weißt du, ich hab`s im Kreuz… (und Blablabla, während er so tut, als würde er nach dem Paket suchen). Sind da Bücher drin, Nachbar?
Ich: Nein, diesmal nicht.
Er: … so verdammt schwer! Unglaublich! (Endlich hat er das Paket hinter der Wohnungstür gefunden.)
Ich lächele bemüht freundlich: Du hättest es nicht annehmen müssen.
Er tut beleidig: Aber wir sind Nachbarn!
Ich nehme ihm das Paket ab und wende mich zum Gehen.
Er: Wir müssen mal ein Bier zusammen trinken, Ha, Ha!
Ich (bereits auf der Treppe): Ja klar. Danke nochmal fürs Entgegennehmen.

Uff! Ich nehme lieber den Weg zum Paketshop in Kauf, als die Paketsendungen bei diesem Arsch abzuholen. Ein Bier mit ihm trinken?? Nicht in tausend Jahren! Natürlich weiß er, dass ich mich über ihn und sein Gehabe ärgere. Jedes Mal, wenn wir uns begegnen, muss er einen dummen Spruch absondern oder mich zutexten. Er kann nicht einfach nur „Hallo!“ sagen.
Die Hanteln sind schon ordentlich schwer, liegen aber ganz gut in der Hand. Ich hoffe, dass mir bei den Übungen niemals eine entgleitet und auf den Fuß fällt – das wäre ganz großes Autsch!

Heute ist echt Ebbe in meinem Hirn – zerebraler Kahlschlag. Die Drinks wirkten auch schon mal besser.
Vielleicht noch das – mein Wort zum Wahlsonntag: Unbedingt vorher Scheißen gehen!

Größe

Ich kletterte eine Felswand hoch. Sie war verflucht glatt. Ganz schön schwierig, an ihr Halt zu finden. Ich krallte meine Finger in sie hinein. Jeder Muskel, jede Sehne – mein gesamter Körper stand unter einer krassen Spannung. Mir lief der Schweiß in Strömen hinunter. Eine winzige Unachtsamkeit, und ich würde in die Tiefe stürzen. Jetzt nur keinen Krampf kriegen! blitzte es in meinem Kopf auf. Ich verlor jegliches Zeitgefühl, war gefangen im Moment – Zentimeter für Zentimeter, den ich mich an der Wand hochzog. Langsam wurde es leichter, und ich merkte, dass die Wand in eine immense Wölbung überging. Trotzdem musste ich höllisch aufpassen. Wenn ich erstmal ins Rutschen käme, wäre es vorbei. Wie ein Insekt klebte ich am Berg und kroch langsam voran. Endlich war ich oben! Die letzten Meter konnte ich gehen. Ich schaute mich um, und mir wurde gewahr, dass ich auf der Pobacke eines gewaltigen Frauenarsches stand. Links von mir blickte ich hin zu den Füßen eines bäuchlings liegenden, riesigen nackten Frauenkörpers, – und rechts von mir das Rückgrat entlang zu den Schultern und der dunklen Haarmähne des Kopfes. Vor mir lag eine tiefe, unüberwindliche Schlucht, die mich von der anderen Pobacke trennte. Ich traute mich keinen Schritt weiter und setzte mich…, streckte mich schließlich aus, erschöpft wie ich war. Ich lächelte und küsste den Boden. Ein warmes und sanftes Gefühl von Liebe legte sich wie eine Decke über mich. Zeit für ein Nickerchen. Ich war glücklich.