Bewusstsein

Was ist eigentlich Bewusstsein? Ich dachte immer, dass es das höchste ist, was ein Lebewesen als ein Individuum auszeichnet. Ich verband es mit gedanklicher Selbstreflexion aber auch mit einer bewusst emotionalen Wahrnehmung von Dasein/Leben und Umwelt. Es folgten Fragen wie: Gibt es ein originäres ICH-Bewusstsein? Wer bin ich? Wie sehr bin ich ICH? Bleibe ich ICH im Laufe meines Lebens und darüber hinaus? Geht mein Bewusstsein über mich hinaus? Gibt es ein universelles Bewusstsein? Kann eine künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln? Gibt es verschiedene Bewusstseins-Stufen ähnlich Erkenntnis-Stufen? Was bedeutet ein höheres Bewusstsein haben? Ist das Bewusstsein lediglich ein Spiegel, eine Art Kurzschluss im Denkprogramm?
Im Laufe meines Lebens musste ich jedenfalls erkennen, dass meine Mitmenschen ganz unterschiedlich „bewusst“ tickten. Mitunter fragte ich mich, ob mein Gegenüber eher so was wie ein Zombie war. Aber das mag daran liegen, dass wir oft nur unsere Fassaden zeigen. Trotzdem: Selten lausche ich in meinem Umfeld Gesprächen über das Bewusstsein und andere existentielle Themen. Das philosophische Interesse scheint einigermaßen rar gesät zu sein. Vermutlich haben manche Menschen Angst, sich mit derlei Thematik auseinanderzusetzen – könnten doch die bisherigen Lebensschwerpunkte und -maxime in Frage gestellt werden. Viel leichter ist es, wenn man sich in vorgefertigte Denkmuster von Religionen und Ideologien hineinbegibt… Ich dagegen dachte immer, dass gerade dieses eigene philosophische Nachsinnen ein entscheidendes Merkmal von Lebewesen mit Bewusstsein darstellt (– besonders bei Denkmonstern wie uns Menschen). Dabei saß ich einem weitverbreiteten Denkfehler auf: Man sollte besser nicht von sich auf andere schließen.
Heute habe ich mich damit abgefunden, dass ich mit meinem beharrlichen Infragestellen von uns eingeimpften Wirklichkeiten und Denkschemata relativ einsam bin… Es hilft nichts – ich muss immer weiterfragen. Irgendetwas ganz tief in mir verlangt danach. Ich nenne es Bewusstsein.


Freitag

Als am Montag mein Arbeitstag begann, überkam mich das wahnsinnige Gefühl, dass alles gar nicht wirklich war – auch ich selbst: Was mache ich hier? Wer bin ich eigentlich? Wer stellt diese vermaledeiten Fragen? Dieses „Ich“ ist eine Farce, nichts als ein Witz…,dachte ich und fand keine Antwort.
Ich zählte die Tage runter bis Freitag. Die Tumorfälle flutschten durch meine Hände wie nichts. Die Hühner erstaunlich unanstrengend – ich mag sie irgendwie, und mittlerweile denke ich, dass sie auch mich mögen.
Seltsam, wie einem eine Woche elend lang und gleichsam kurz erscheinen kann. Ich schleppte mich durch. Müde bin ich. Ein paar Kolleginnen und Kollegen gehen heute nach Feierabend essen… Sie sollten jetzt unterwegs sein. Ich bin im Pub. Ich wollte eigentlich dabei sein. Ich versprach es. Jetzt sitze ich hier an der Bar und schaue raus auf den Betrieb in der Potsdamer Straße. Vor mir steht das Bier, das sich in regelmäßigen Abständen erneuert. Verhalten grüße ich den ein oder anderen Gast, der eintritt. Man kennt sich, ohne sich zu kennen. Man redet oder schweigt nebeneinander.
Schön, dass Freitag ist. Ich bin so müde. Ich weiß, das sagte ich bereits. Mindestens zur Hälfte ist es die Welt, die mich müde macht. Ich und meine Fragen sind die andere Sache. Und sicher auch das Bier… Egal. Eins geht noch, bevor ich mich zurückziehe. Alles ist gut. Oder auch nicht. Was spielt es für eine Rolle? Ich bin lediglich ein Abziehbild. Ich bin eine Kreatur, die am Tellerrand abhängt. Weil die Suppe nicht schmeckt – diese Brühe, die meine Mitmenschen allzu bereitwillig schlucken…

Ich stelle mir eine Welt vor, in welcher meine Geburt nicht vorgesehen ist. Das wäre die beste aller Welten.
Natürlich sage ich das nur, weil ich das Dasein ums Verrecken nicht kapiere, weil ich von der Liebe enttäuscht bin, weil ich so verflixt wenig Ehrgeiz habe, weil ich mich in diesem materialistischen Wahnsinn fremd fühle…, weil ich gewissermaßen lebensmüde bin.
Ich muss trinken, sonst steht das Bier ab. Scheiß Gedanken. Wie eine Krankheit sind diese Gedanken.
Mir fehlt die Ablenkung, z.B. : meinen Kopf an den Busen einer Frau legen, sie riechen und ihren Herzschlag hören. Wie sehr mir das fehlt…
Müde bin ich. Verflucht müde. Und trotzdem sitze ich noch hier. Wer versteht das? Wahrscheinlich bin ich gar nicht ich. Etwas anderes steuert mich, womöglich der Teufel.
Noch ein Bier? Warum nicht. Ich habe Zeit. Zuhause wartet niemand. Nur ein Herd und ein Bett. Morgen kann ich ausschlafen. Und dann werde ich weiterschreiben. Für heute bin ich fertig.