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Was wir Wirklichkeit nennen, gestaltet sich über ein mehrdimensionales Beziehungsgeflecht, in welchem sich alle mikro- und makrokosmischen Phänomene ergeben. Materie existiert als solche nicht. Sie manifestiert sich in unserer Draufsicht als Informationskonstrukt/-paket, mit dem wir interagieren.
Das eigentliche Substrat des Daseins ist Bewusstsein… Geist…Seele… Liebe… Gott… Die Begrifflichkeiten eiern um das Wesentliche herum, ohne es völlig zu erfassen. Das Wesentliche entzieht sich hartnäckig in die Unbestimmbarkeit.
Ein vom Materialismus geprägter Blick auf die Wirklichkeit zeigt uns lediglich eine Oberfläche ohne Deutung und Sinn. Wir erkennen Strukturen, Beziehungen und Gesetzmäßigkeiten ohne Verständnis für das Ganze. Wir blicken in relativ begrenzte Ausschnitte des Weltgefüges. Der Materialismus verliert sich im Detail bis zur völligen Unsinnigkeit. Der Materiebegriff löst sich auf.
Mein Ansinnen: Wir sollten mehr mit dem Herzen und weniger durch Mikroskope und Teleskope sehen. Die Welt ist kein Bausatz. Sie ist nicht mit dem Verstande zu begreifen. Keine noch so monströse KI wird uns die letzten Antworten liefern. Es wird immer eine unbestimmbare Unbekannte in der Gleichung verbleiben.


Brasko und die Vertreter für Sinn- und Gottesfragen

Das Leben hat keinen Sinn, außer man gibt ihm einen. Mit Gott verhält es sich ebenso. Ich entschied für mich, dass ich weder einen Sinn noch einen Gott brauche. Die Angebote reizen mich nicht. Regelmäßig tauchen nun die Vertreter für Sinn- und Gottesfragen bei mir auf. Äußerst aufdringliche Burschen. Schlimmer als die Zeugen Jehovas. Sie lauern mich überall auf. Schätze, sie haben es auf mich abgesehen. Ich gehöre zu den hartnäckigen Gott- und Sinnverweigerern. Wenn es nach ihnen ginge, so sagen sie, dürfte es so was wie mich gar nicht geben. Ich sei renitent und eine Gefahr für die Allgemeinheit… Erst neulich kurz vor Ostern nahm mich mal wieder einer ins Gebet. Ich hatte mein Küchenfenster zum Lüften ein paar Minuten geöffnet, und plötzlich stand der Typ mitten in meiner Wohnung. Er war angezogen wie diese „Men in Black“. Sie sehen alle so aus.

„Hey, so geht das aber nicht!“ fuhr ich ihn an. Er lächelte und pflanzte sich auf meine Couch.
„Lieber Mr. Brasko, Sie wissen, wir sind vom großen Rat ermächtigt, Sie überall und jederzeit aufzusuchen. Wären Sie nur etwas zugänglicher…“
„Ach, hör mir doch auf! Ich ändere meine Meinung nicht!“
„Wir wollen Ihnen nur helfen. Schauen Sie Ihr armseliges Leben an. Wenn Sie auf eines unserer Angebote eingingen, wäre Ihr Leben fortan viel reicher… reicher in jeder Hinsicht!“
„Ich berufe mich auf mein Grundrecht, „Nein“ sagen zu dürfen!“
Der Vertreter für Sinn- und Gottesfragen lachte laut auf: „Ja-ha-ha, das dürfen Sie, Mr. Brasko, das dürfen Sie…“ Und mit eiserner Miene fuhr er fort: „Doch nicht mehr allzu lange. Die Zeichen stehen auf Sturm. Keine Extrawürste mehr! Machen Sie es sich selbst und uns doch nicht so schwer… Noch können Sie aus unseren Angeboten frei wählen…“

Am Liebsten hätte ich diesen unverschämten Eindringling von meiner Couch geschmissen, aber 1. bin ich nicht gewalttätig, und 2. hätte ich ihn oder einen seiner Kollegen binnen Kurzem wieder an der Backe gehabt. Es war besser, ihn noch ein Weilchen zu erdulden… Also schlappte ich in die Küche, schloss das noch offenstehende Fenster und griff mir ein Bier aus dem Kühlschrank.

„Sie trinken zu viel, Mr. Brasko.“
„Wollen Sie auch eins?“
„Nein Danke, Alkohol und Drogen sind die falschen Götter. Sie vernebeln den Verstand, schädigen den Charakter und unterjochen das Individuum. Sie machen krank – Mr. Brasko, Sie sollten dem Alkohol abschwören. Wir können Ihnen dabei helfen.“
„Prost!“ Ich setzte mich dem Vertreter gegenüber und stellte das Bier auf den Couchtisch. „Warum nehmt Ihr eigentlich nie die Sonnenbrille ab? Habt Ihr allesamt Augenkrebs?“
„Lenken Sie nicht ab, Mr. Brasko. Ich machte mir die Mühe, ein Angebot extra für Sie herauszusuchen. Wie ich hörte, sind Sie derzeit solo und leben alleine. Wäre da nicht eine Familiengründung sinnstiftend? Auch in Ihrem Alter ist es dazu noch nicht zu spät. Wir würden Ihnen die passende Partnerin frei Haus liefern…“, er grinste mich breit an, „Sie sehen, wir sind sehr um Ihr Wohl bemüht… Adäquat der Beitritt in eine der Freikirchen, die momentan hoch im Kurs stehen… Was sagen Sie?“

Ich starrte den Vertreter für Sinn- und Gottesfragen an und versuchte seine Augen hinter den dunkel getönten Brillengläsern zu entdecken. Warum ließen sie mich nicht einfach in Ruhe? Ich kam meines Erachtens ganz gut ohne Lebenssinn und Gott aus.

„Ich scheiße auf das Angebot wie auf alle vorherigen! – Schert Euch endlich zum Teufel! Die allermeisten Menschen habt Ihr doch schon im Sack… Streicht mich einfach von der Liste. Einer, der Euch nicht folgt – na und?!“
„Mr. Brasko, Sie wissen genau, dass wir keine Ausnahmen zulassen können. Sie wären eine ständige Gefahr – wie ein Virus, der sich quasi aus dem Nichts ausbreiten könnte. Überlegen Sie sich mein Angebot gut. Vielleicht ist es das letzte… Es täte mir leid um Sie… Ich sehe doch, dass es Ihnen nicht gut geht. Die Einsamkeit zermürbt.“
„Danke für Ihr Mitgefühl – und nun verschwinden Sie!“ Ich begleitete den Vertreter für Sinn- und Gottesfragen zur Wohnungstür. Kurz überkam mich ein Anflug von Zuneigung. Er tat ja nur seine Arbeit…


Das Bewusstsein lernt laufen

Sehr viele Menschen sagen (immer noch / oder wieder), dass sie an Gott glauben. Sie gehören Religionen an, in denen Gott die tragende Rolle spielt. Sie feiern Feste dieser Religionen, um Gott zu preisen. Sie orientieren sich an der Moral, welche ihnen die religiösen Führer und Schriften vorgeben. Einige besuchen regelmäßig Gotteshäuser. Sie beten zu Gott. Sie bitten Gott um Vergebung. Sie entwickelten Rituale und Traditionen rund um ihren Gottesglauben. Sie verachten und verfolgen die Gottlosen… Sie ziehen für ihren Gott in Kriege.
Heute präferieren die meisten einen gütigen Gott, vor allem in der westlichen Welt. Verachtung und Verfolgung sind trotzdem präsent. Der Gottesglaube ändert nicht unbedingt etwas an der Gehässigkeit der Menschen. Der Philister gibt es mehr, als man zählen kann. Gott als der gute Hirte nimmt sie alle unter seine Fittiche. Anders der zornige Gott, er bringt Verderben über die Lügner, Heuchler und Götzenanbeter. Der zornige Gott wird wiederauferstehen. Die Menschen treiben es auf diesem Planeten deutlich zu bunt…

Ich glaube nicht an Gott. Gott dient mir als Metapher. Die Vollkommenheit Gottes als Überbau für die tragische Selbsterfahrung moralischer und geistiger Unvollkommenheit – im Ursprung die Sehnsucht des Menschen nach dem Allvater, der ihn beschützt, der dem Dasein einen Sinn gibt, der das Paradies nach einem Leben voller Entbehrungen verspricht, der feste Regeln des Zusammenlebens vorgibt, der mahnt und straft… Kein so schlechtes Konzept, um den Menschen bei der Stange zu halten und ein geordnetes (friedliches) gesellschaftliches Zusammenleben zu bewerkstelligen, jedoch zu anfällig für Missbrauch/Missdeutungen… Zudem eine Entmündigung des freien Geistes. Die Aufklärung musste (früher oder später) zum Gebot der Stunde werden. Nietzsche konstatierte als Ergebnis „Gott ist tot“. Die großen Denker (und Künstler) emanzipierten sich weitgehend von der vorausgegangenen Allmacht der Kirche. Dummerweise befeuerten sie damit das zügellose Zeitalter des Materialismus, in welchem wir heute leben. Der Mammon wurde zur Ersatzgottheit. Und wieder opfert der Mensch seine geistige Mündigkeit…, diesmal auf dem Altar des grenzenlosen Konsums und der Versprechungen der Geschäftemacher auf Glück, Gesundheit und Wohlstand für jedermann. Vielfältig ist die Propaganda durch die Massenmedien. Vielfältig sind Lug und Trug.
Ich glaube nicht an Gott. Eher glaube ich an den Teufel…


Nun also bis 10. Januar

Fuck! Ich werde für meine Berliner Lieblingskneipen beten… Ich weiß, es gibt diesen gutherzigen alten Mann mit dem langen weißen Bart nicht. Da ist niemand im Himmel außer den Sternen und Nebeln. Ein paar Aliens flitzen da noch herum, trinken Bier und spielen Skat. „Skol!“ rufe ich ihnen zu, „braucht Ihr `nen vierten Mann?“
Corona macht mich krank, ohne dass ich Corona habe. Dazu noch Weihnachten, das mich alljährlich krank macht. Man kann sich das wie eine Allergie vorstellen… Hatschi! Ich muss nur dran denken, und schon kriege ich einen Niesanfall. Besser das Thema wechseln.
Mal die Bude durchlüften. Luft mit Kühlschranktemperatur strömt sofort herein. Ich nehme ein paar tiefe Züge. Guter Stoff!
Ich komme mir vor wie im eigenen Mini-Altenheim – Bewohner und Pfleger in einer Person. Das ist nicht witzig. Trotzdem darf gelacht werden.

„Was steht an?“ frage ich den Pfleger.
„Erstmal Duschen und Zähneputzen, Alter.“
„Muss das sein?“
„Na klar, oder willst Du stinken wie ein Otter?“
„Wen kümmert`s?“
„Na mich, Du Depp, es ist mein Job, dass ich mich um Deine Grundversorgung kümmere.“
„Scheiß Job.“
„Das kannst Du laut sagen, Alter.“
„Willst`n Bier?“
„Nicht jetzt. Später vielleicht.“
„Ich verpetz Dich auch nicht.“
„Ich lass mich nicht bestechen. Nicht von so`nem alten Sack.“
„Hey, hey Bürschchen, nicht unverschämt werden!“
„Los jetzt, hoch mit dir – ins Badezimmer!“
„Ein alter Mann ist kein D-Zug…“
„Lass die Sprüche!“
„Arsch!“


Weniger Flugzeuge am Himmel

Am liebsten sind mir Feste wie Ostern und Weihnachten, wenn ich möglichst wenig davon mitkriege. Das gefällt mir auch an den jetzigen Corona-Einschränkungen: die Straßen und Plätze sind leerer, die Menschen weniger überdreht, man geht sorgsamer miteinander um, die Welt findet Zeit zum Durchatmen, weniger Flugzeuge am Himmel, weniger Verkehrslärm, weniger Partys, allerorts weniger Betriebsamkeit, dafür mehr Ruhe… Warum nicht immer so? Ich will gar nicht mehr zurück in den Zustand ständiger Aufgeregtheit und Mobilität, den wir Normalität nennen.
Ich bete also zu Gott, er möge Covid-19 noch gewaltig mehr Zeit geben. Ja, ich weiß, diese Bitte an den Weltschöpfer ist sehr egoistisch. Zu viele Menschen sterben an dem Virus. Auch stehen sehr viele wirtschaftliche Existenzen auf dem Spiel. Es wäre mir viel lieber, wenn wir einfach Kraft unseres Verstandes das ein oder andere zum Besseren auf der Welt veränderten und dazu nicht Katastrophen bräuchten. Schon komisch, dass ein Virus die Menschen hierzulande mehr zur Besinnung bringt als Weihnachten und Ostern zusammen. Endlich mal weg von den Plattitüden, hin zu mehr Demut und tiefgreifenderen Gedanken über unser Dasein und die Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber der Schöpfung… Nein. Nein. Nein. Das glaube ich ja selbst nicht. Als hätten wir jemals länger als ein paar Mückenschiss-Sekunden der Geschichte aus solchen einschneidenden Erfahrungen gelernt. Weisheit lässt sich leider nicht lange konservieren. Und so kommt es, dass wir wieder und wieder (von Generation zu Generation) die gleichen Fehler machen, dem gleichen Irrsinn verfallen und die gleichen Kämpfe auszufechten haben…

Übrigens schöner Tag heute: Viel Licht, blauer Himmel, Frühling… Ich erinnere mich schmerzhalft daran, dass ich lebe. Neben Kopf, bestehe ich noch aus Herz, Bauch und Schwanz, und was sonst an mir dranhängt. Ich trage diese eine Perspektive immer mit mir herum. Ganz gut so. Wäre schlimm, wenn ich mich von außen sähe. Ist aber wahrscheinlich Gewohnheitssache.
„Lass uns rausgehen“, sage ich zu mir.
„Aber erst noch Kartoffeln kochen.“
„Gute Idee. Was weg ist, ist weg.“
„Und noch was trinken.“
„Sowieso.“
„Ich denke, der Blogbeitrag endet hier. Oder fällt dir noch was ein?“
„Nö.“

 

Wumms!

Ich könnte in meiner Bude sitzen oder liegen und langsam vor mich hin mumifizieren. Keine schöne Vorstellung. Nur mal angenommen, ich kriege während des Schreibens eines Blogbeitrags einen Hirnschlag. Mein Kopf fällt auf die Tastatur vor mir (Wumms!), und das war`s. Im Hintergrund Bluesmusik, oder Spotify läuft mit dem Ambros-Song „Die Finsternis“ in Endlosschleife. Je nachdem. Könnte auch zufällig „Hey Jude“ von den Beatles sein oder „Gamma Ray“ von Birth Control oder oder oder.
Mein Kopf liegt auf der Tastatur, und aus meinem rechten Mundwinkel läuft Speichel auf das „S“ und das „D“. Auf dem Bildschirm der angefangene Text. Ich schreibe darin über Pickel am Arsch und Schnürsenkel, die aufgehen… Wahrscheinlich fand ich diese Dinge gerade interessant oder lustig. Auch ein philosophischer Zusammenhang ist möglich. Als letzten Satz stelle ich mir z.B. vor: „Die Pickel auf deinem Arsch waren mein Universum.“ Oder: „Das Ende einer Liebe ist wie ein Schlupf, der langsam aufgeht, und man merkt es nicht.“ Auch ganz banale letzte Sätze sind denkbar. Sogar wahrscheinlicher. Der Tod kommt allermeist völlig unpathetisch. Eher situativ witzig bis skurril. Ich erinnere mich an den alten Mann, der im Speisesaal starb, während alle gerade zu Mittag aßen. Er saß in seinem Rollstuhl zusammengesunken über seinem Essen und fiel nicht weiter auf. Als ich seinen Teller abräumen wollte, sah ich in sein aschfahles Gesicht und wusste sofort, dass Herr X das Zeitliche gesegnet hatte. Vorsichtig bugsierte ich ihn in seinem Rollstuhl an den anderen vorbei und winkte einen Kollegen herbei… Nicht nur beim Essen stirbt es sich gut, sondern auch auf dem Klo – beim letzten Schiss. Alles erlebt.
Ich bin also tot, und aus meinem Kopf weicht das Blut. Meine Augen verlieren ihren Glanz. Es ging schnell, wie ich`s mir immer gewünscht hatte. Kurz und schmerzlos. Danke lieber Gott für diese Gnade! Es gibt dich also doch. Nimm es mir bitte nicht krumm, dass ich nicht an dich glaubte. Ich war eine verirrte Seele. Schade nur, dass ich diesen Beitrag nicht mehr auf mein Blog stellen konnte. Mist aber auch! Er war fast fertig.