Was sagen mir die Sterne?

Glück ohne Schmerz ist nicht denkbar. Es sieht so aus, als wäre das Glück von einer Corona des Schmerzes umgeben. Geburt und Tod umschließen das Leben. Der Weg zum Sieg ist von Niederlagen gepflastert. Das Glück der Liebe hängt am seidenen Faden. Jeglicher Reichtum wird zur Last. Das Aufglühen des Seins versinkt in der Nacht. Ich laufe gegen viele Wände, bevor ich einen Ausweg finde. Die Schönheit verblüht. Ich versacke im süßen Schmerz der Melancholie. Was sagen mir die Sterne? Ich öffne mein Herz und fühle nichts. Ich lasse mich von einem Tag in den nächsten fallen. Bin ich noch am Leben, wenn es nichtmalmehr weh tut? Warum weine ich, wenn ich nichts empfinde?
Ich werde immer auf dem Heimweg sein, vorbei an offenen und geschlossenen Türen. Wenn ich doch wüsste, was ich suche. Vielleicht ist mein Zuhause zu weit weg, oder es ist einfach da, wo ich gerade bin. Ich sollte glücklicher sein. Ständig laufe ich an mir selbst vorbei.

Es war gestern und ist doch heute (29)

Langsam ersaufen

Im Regen ertrinken mit Kevin Coyne
Im Ohr
Von einer Schneewalze erfasst werden
Und Robert Redford im Rollkragenpullover
Sehen

Ein Erdenbürger fand den Tod in einer
Müllpresse
Den Zeitungsausschnitt pinnte ich mir
An die Wand
Da fällt mir der Film „Magnolia“ ein
In dem es in einer Szene Kröten regnet
Ein starker Film
Mit Tom Cruise mal anders

Herrjeh, den letzten Satz streiche ich
Der hört sich beschissen an
Stattdessen
Mit David Bowie ins All driften
Ohne die Chance auf Rückkehr

Ein Stier nimmt mich auf die Hörner
Und Hemingway grinst mich
An

Wenn ich doch dieses nervöse Zucken
Des linken Augenlids nicht hätte
Gott – die Nerven!

Warum kommt mir jetzt Didi Hallervorden in den Sinn?
Dieser Gedanke sprengt das ganze Gedicht

Dann doch lieber mit Reinhold Messmer
Auf den Spuren des Yeti
Und wenn die Luft zu dünn wird, kriege ich eine
Mund und zu Mund-Beatmung
Mit echten Barthaaren

Scheiße – ich sehe Bruce Willis
Wie er als Weltraumpirat Hildegard (meine Liebe) begattet
Ich stecke in meinem Raumanzug und pendel
Da draußen
Herum
Mal bin ich im Blickfeld
Dann verschwunden
Ich hänge an der Nabelschnur, und plötzlich ist am anderen
Ende
Johannes Rau, der Bundespräsident
Im ersten Moment habe ich Angst, aber dann
Beruhigt mich sein Lächeln

Sich in die Wüste verabschieden ohne einen Tropfen
Wasser aber mit einem neuen Satz Batterien
Für den Walkman
Und wisst ihr, was ich auflege?
Ton, Steine, Scherben
Tom, der Wirt des Kakadu, erhängte sich im Nebenraum seiner Kneipe
Während Rio Reiser…

Nee, ich pack`s nicht mehr
Ich werde eine Runde Weinen gehen
Und dann zurückkommen


(ca. 2000)

Brasko und der Mann mit der Maske

„Es tut mir leid, Mr. Brasko. Nehmen Sie es nicht persönlich.“
Der Mann mit der Maske drückte ab. Ich hörte den Schuss nicht.
Ich wachte in der Gerichtsmedizin auf. Nein, es war kein wirkliches Aufwachen. Mir wurde schnell klar, dass ich tot sein musste. Mein Herz schlug nicht mehr. Bestimmt lag ich nackt auf einer Bahre. Was würde wohl als nächstes kommen?
Die Pathologin beugte sich über mich. Durch ihre Augen schaute ich in den Himmel. Sie sollte meine letzte Geliebte sein, die allerletzte… Ich lachte. Sie hörte mein Lachen nicht. Sie machte ihren Job.
„Pling“, die Kugel, die meinem Leben ein Ende gesetzt hatte, fiel in eine Nierenschale.

Ich wurde zu einem freien Kühlfach verfrachtet. An meinem rechten Großen Zehen baumelte eine Identifikationsmarke. Das Tot-Sein ist gewöhnungsbedürftig.

Ich wechselte in das Reich, in dem es keine Worte mehr gibt. Nichts musste einem noch leidtun.

Gespräch mit dem Tod

Der Tod sagte mir kürzlich in einem vertraulichen Gespräch, dass er gern seinen Job wechseln würde. Selten sah ich den Tod derart traurig dreinschauen. Er hatte seine Arbeit echt satt.
„Geht mir ähnlich“, sagte ich und klopfte meinem alten Freund auf die Schulter, „immer nur Tumoren dokumentieren, stundenlang am Computer hocken…“
„Ja-ha-ha! Vom Altenpfleger zum Tumordokumentar. Du hättest in einen Bereich wechseln sollen, aus dem du mehr Lebensfreude schöpfen kannst.“
„Leicht gesagt, lieber Freund, aber die Rentenversicherung bezahlt nun mal nicht jede Weiterbildung. Wie dir anzusehen ist, hast du es mit deinem angestrebten Jobwechsel auch nicht gerade leicht. Was schwebt dir denn vor?“
„Ich wäre gern der Frühling!“ platzte es aus dem Tod heraus.
„Kann ich verdammt gut verstehen“, ich blickte in die leeren tiefen Augenhöhlen meines Freundes, „und wo liegt das Problem?“
„Na ja, dazu müsste der Frühling meinen Job machen. Und das will er nicht.“
„Hm, verstehe. Ihr könntet doch eine Vereinbarung treffen – alle paar Jahre hin- und herwechseln. Das fände ich gerecht. Und wenn sich diese Rochade bewährt, beteiligen sich vielleicht noch andere daran.“
„So dachte ich auch. Aber niemand will den Tod machen!“
Ich glaubte Tränen in den tiefen Augenhöhlen meines Freundes funkeln zu sehen.
„Fuck!“ entfuhr es mir.
„Du sagst es, ich habe die Arschkarte“, der Tod zog seine Kapuze zurück und rückte näher zu mir, „Lieber Freund“, begann er zögerlich, „… könntest du dir vielleicht vorstellen? – “
Mir war sofort klar, worauf er hinauswollte. Ich unterbrach ihn abrupt: „Ich dachte, du wolltest zum Frühling werden. Willst du etwa den lieben Tag lang Tumoren dokumentieren? Ich verstehe, du bist verzweifelt, aber überlege dir das gut.“
Mein Freund, der Tod, brach schluchzend zusammen. „Du hast recht. Ich muss ewig der Tod, das unbeliebte Arschloch, bleiben. Niemand mag mich…“
„Und ich? Bin ich nicht dein Freund? Ich weiß, welche Bürde auf deinen Schultern lastet. Dabei machst du nur, was dir aufgetragen ist. Rede nochmal mit dem Frühling. Er sollte ein Herz haben.“
Der Tod fuhr sich mit knöcherner Hand über seine leeren Augenhöhlen.
„Gebe nicht auf“, fügte ich bekräftigend hinzu.“
„Niemals werde ich aufgeben!“ der Tod erhob sich und lachte tönern, „niemals! … Lieber Freund, wie immer war es gut, mit dir zu reden. Du bist eine gute Seele. Und nun entschuldige mich. Ich muss zurück an meine Arbeit.“
Ich sah ihm nach, wie er über die Straße ging und an einer Tür klingelte. Was für eine Type, dieser Tod.

Egal an was du stirbst, du stirbst auf jeden Fall

Im Allgemeinen stirbt jeder. Zumindest sind mir keine Highlander, Vampire, Unsterbliche oder hunderte Jahre alte Menschen bekannt, was nicht heißt, dass es die nicht gibt. Ich bin mittlerweile zur Überzeugung gekommen, dass ich zu den normalen Sterblichen gehöre. Ich sehe meine Tage dahinschmelzen. Das Leben ist eine Art Knast, in dem man sitzt und nicht rauskommen will…
Früher mochte ich den Herbst. Das änderte sich, seit ich mich selbst im Herbst meines Lebens befinde. Frühling und Sommer sind unwiederbringlich vorbei. Und während sich die Natur nach dem Winter wieder erholt und im Frühling des folgenden Jahres neu erblüht, wird mich der Tod zur letzten Ruhe betten. Nein, nicht unbedingt in diesem Winter. Möglicherweise fahre ich noch ein paar Runden mit auf dem Karussell. Vater und Mutter warten auf mich. Ich sehe sie winken. Keine Ahnung, warum das Karussell eine solche Anziehungskraft auf mich ausübt, so dass ich gar nicht mehr runterwill. Es ist zum Heulen.

Das Loslassen vom Leben und von der Liebe ist das Schwierigste. Das kann man nicht üben. Manche glauben an ein Leben nach dem Tod. Sie glauben an den Himmel oder an die Wiedergeburt. Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Ich muss noch ein wenig Geduld haben. Es ist so, als würde ich in einer langen Reihe stehen, in welcher sich die Anstehenden Geschichten darüber erzählen, was denn am Ende auf sie wartet. Ich frage: „Warum stehen wir überhaupt wie Blödiane hier rum?!“ Von den vor und hinter mir Stehenden höre ich „Psst!“. Einige blicken mich mahnend an. Offenbar verletzte ich mit meiner Frage ein Tabu.

Ich denke: Das Leben ist nicht nur Knast, sondern explizit eine Todeszelle.

Es war gestern und ist doch heute (22)

Schwarz-Weiß


Wenn ich alte Filme schaue und die jungen Schwarz-Weiß-Gesichter sehe, denke ich fasziniert, dass die meisten davon inzwischen tot sind… Dieses ewige Nachwachsen macht mich mürbe. Geschichten entstehen, werden Geschichte. Wie viele Geschichten passen in ein Leben? Wie schnell ist heute gestern?
Auch die Verliebtheit unterliegt der Korrosion der Zeit mit ganz unterschiedlichen Halbwertszeiten. Es gibt Lieben, die schnell vergehen, und Lieben, die unendlich langsam dahinschmelzen. Manche Lieben dauern an, während ich längst wieder neu liebe.
Ich öffne meine Seele und schaue auf Ruinen, überwuchert vom Efeu des stetig Nachwachsenden, bedeckt vom Staub der Zeit-Winde, niedergemacht vom Ego der Gegenwart… Die Gegenwart ist brutal. Wir suchen sie sehnsüchtig auf. Wir verzweifeln an ihr. Wir scheitern an ihr.
Der Schwarz-Weiß-Film fasziniert. Robert Mitchum in einer Paraderolle. Er hatte diesen Schlafzimmerblick – wie geschaffen für die Rolle des Detektivs Marlow.
Ich träume. Ich träume mich in eine Schwarz-Weiß-Welt, in eine Gut-Und-Böse-Welt, in eine Welt der Helden und der Anti-Helden – von gestern, von heute, von morgen… bis das Licht ausgeht.

13.06.2003
(redigiert am 08.05.2022)