Am Tag der Deutschen Einheit

Keine Ahnung, wie ich dazu kam. Jedenfalls habe ich ihn in der Playlist von Spotify.
„Das Spiel der Fliegen“ von Engerling. Gefällt mir gut der Song.
Am Tag der Deutschen Einheit verbringe ich den Vormittag mit Musikhören und Trinken. Mehr war noch nicht. Ich drehte zum ersten Mal die Heizung auf. Mir ist trotzdem kalt. Das Licht des Tages flunkert zu mir ins Zimmer. Eine Fliege, die mich seit Tagen nervte, erwischte ich endlich auf dem Bildschirm meines Laptops. Die Fliegenklatsche ließ ihr keine Chance. Ich schnippe ihren Kadaver in den Papierkorb.
Feiertage interessieren mich so wenig wie Denkmäler, aber natürlich finde ich`s gut, dass man als Arbeitnehmer frei hat. Ich brauche keine extra Gedenktage. Ich brauche auch keine Gräber. Alles ist in mir, als ob es da schon immer gewesen wäre. Wie alt bin ich eigentlich?
Gestern Nachmittag erfuhr ich im Pub vom Tod Graciano Rocchigianis. Ich nahm die Nachricht beiläufig wahr. Ein Stammgast thematisierte es. Er war echt betroffen. „Rocky“ starb im Alter von 54 auf einer Schnellstraße in Sizilien. Er war zu Fuß unterwegs und wurde von einem Auto erfasst. Das Ende einer deutschen Boxerlegende. Sein Leben war schillernd. Er hatte eine Fresse zum Reinhauen, aber sympathisch. Ich mag Typen wie ihn. Man verzeiht ihnen die Scheiße, die sie mitunter bauen. Weil man spürt, dass sie im Herzen gut sind. Also, „Rocky“…, steige ein letztes Mal in den Ring und zeige es den Fuzzys da oben im Himmel!

„Das Spiel der Fliegen wird nie enden“ heißt es im Song von Engerling, und ich stimme ein.

Alles ist gut

„Verstehst Du Spaß?“ fragte der Pfarrer am Sterbebett.
„Spaß? Wie meinen Sie das, Herr Pfarrer?!?“, röchelte der Sterbende mit letzter Kraft.
„Nun beruhige Dich mal wieder. Du hast bestanden.“
„Was… was habe ich bestanden?“
„Die Prüfung.“
„Alles war nur eine Prüfung??“
„So in etwa. Aber Du hast bestanden. Alles ist gut.“
„Sie veralbern mich doch nicht, Herr Pfarrer? Ich weiß, dass ich der Kirche gegenüber etwas knausrig war, aber machen Sie bitte jetzt keine Witze…“
„Sage doch nicht Pfarrer zu mir. Nenne mich einfach Felix.“
„Wie bitte? Ächz…“
„So gehe in Frieden.“

Das Band der Liebe

Wie unfassbar stark kann das Band der Liebe sein… Ich denke an meine verstorbenen Eltern. Fünf Jahre gingen seit ihrem Tod ins Land. Wie sehr muss er sie geliebt haben… Augenblicklich steigen mir die Tränen in die Augen. Ich sehe ihn in seiner letzten Lebensphase vor mir, als die Demenz ihn noch nicht völlig von seiner Umwelt getrennt hatte. Ich erinnere mich an die Zeiten, als er nächtelang am Bett seiner nervenkranken Frau ausharrte… Er hätte ohne sie nicht leben können. Sie vielleicht schon ohne ihn. Aber sie war zu krank, – viel zu lange krank. Ich hätte meiner Mutter damals gewünscht, noch mal ganz neu durchzustarten. Sie war eine intelligente Frau mit vielen Interessen. Sie war ungeheuer feinfühlig. Sie war ehrgeizig. Sie war in meinen Augen eine Blume, die sich in der Verbindung mit meinem Vater nie richtig entfalten und ausleben konnte. Ich weiß nicht, wie viel fehlte, um meine Mutter auf eine andere Bahn zu bringen. Immer wieder siegte die Krankheit. Eigentlich lebten meine Eltern zu dritt. Die Krankheit wich bis zum Schluss nicht von ihrer Seite. Sie war die unsichtbare bestimmende Kraft hinter allem.
Ich flüchtete derweil in ein anderes Leben. Ich entwickelte meine ganz eigene Krankheit. Ist es nicht so, dass wir oft nur von einem Teufel zu einem anderen wechseln? Niemand kann einem bei dem Kampf gegen diese Teufel helfen. Als Bild fällt mir ein von Efeu umschlungener Baum ein. Der Efeu nimmt nach und nach Besitz von den Lebenskräften des Baumes… Trotzdem sehe ich in diesem Bild auch noch die Kräfte der Liebe wirken. Meine Eltern sind der Beweis. Ich sehe sie am anderen Ufer stehen, wo sie den ganzen Mist von sich abschütteln konnten, und mir gütig zuwinken…

Das plötzliche Auftreten des Todes

Es sei für sie ein schrecklicher Gedanke, tot in ihrer Wohnung aufgefunden zu werden, sagte meine Arbeitskollegin, ansonsten habe sie sich ganz gut an das alleine Leben gewöhnt. Betroffenheit wabert durch den Büroraum. Anlass ist der plötzliche Tod des Ex-Mannes einer anderen Kollegin, der wohl zuhause verstarb und erst nach einigen Tagen von seinem Sohn gefunden wurde. Näheres wissen wir (noch) nicht. Diese Kollegin hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Ex, der der Vater ihrer zwei Söhne ist…
So schnell kann`s gehen, dachte ich bei mir und kratzte mich am Hinterkopf. Vielleicht war`s ein Schlaganfall – nicht selten bei nicht mehr ganz jungen Männern. Ich will gar nicht dran denken.
Der Bürotag hatte gerade erst angefangen. Wir plauderten noch ein Wenig über das plötzliche Auftreten des Todes und die möglichen Umstände. Da war z.B. der Mann ihrer Freundin, erzählte meine Arbeitskollegin, der nach einem „Tatort“ auf der Fernsehcouch das Zeitliche segnete. Ihre Freundin war bereits zu Bett gegangen. Irgendwann wunderte sie sich, dass er nicht nachkam und entdeckte ihn.
„Woran starb er?“ fragte ich.
„Herzmuskelentzündung – eine verschleppte Infektion. Typisch Mann war er trotz Beschwerden nicht zum Arzt gegangen.“
„Ja, so kann`s gehen. Was sind denn die Symptome?“
„Allgemeine Niedergeschlagenheit, Antriebsschwäche, Müdigkeit…“
„Oje. Nach diesen Symptomen…“, ich beendete den Satz nicht, blickte auf den Stapel Tumorfälle vor mir und nahm mir den ersten vor.

März

In Bezug auf die Löffelei vom letzten Sonntag wurde ich darauf hingewiesen, dass es die „Löffelliste“ gibt, auf der man sich Dinge notiert, die man noch erledigen will, bis man den Löffel abgibt, – oder sich jedenfalls wünscht. Mir fällt beim ersten Nachdenken gar nichts ein. Meiner Meinung nach muss es realistisch sein. Nach was steht mir der Sinn? Welchen Herzenswunsch würde ich mir gern noch erfüllen? Tja. Regelrecht unter den Nägeln brennt mir nichts. Natürlich wünscht man sich weiterhin Gesundheit und ein Leben ohne allzu große Schwierigkeiten, Unfälle oder Katastrophen, – was aber oft gar nicht zu beeinflussen ist.
Wäre jetzt sozusagen das Ende der Fahnenstange für mich erreicht – wüsste ich also, dass ich nur noch einige Monate zu leben hätte, dabei aber über genügend Energie verfügte, um etwas anzustellen, dann…

Ich glaube, ich hätte gern meine Ruhe. Vielleicht würde ich mich aufs alte Fahrrad schwingen (nach einer Generalüberholung) und schauen, wie weit ich komme. Wie ein Geist würde ich durch Dörfer und Städte fahren, über Hügel und Berge, Ebenen auf ellenlangen geraden Wegen durchstrampeln…
Das Meer wäre mein Ziel. Egal wo.
Ich wollte allein sein mit meinen Tränen über mein Leben und die Welt, – allein mit der Luft und dem Himmel über mir, allein auf den vielen Wegen, allein mit den Bäumen und Gräsern, allein mit dem Horizont…

Mein ganzes Leben war von der Sehnsucht nach Freiheit bestimmt. (Oft führte mich diese Sehnsucht in die Irre.) Alles andere, das Streben nach Besitz oder Macht, der Ehrgeiz für Erfolg und Karriere, der Sinn für Familie, die Gier nach dem ganzen materiellen Firlefanz in der heutigen Welt, blieben mir weitgehend fremd.
Ich fühlte mich schon immer sehr allein. Ich weiß nicht, warum das alles stattfindet.
Aber ich liebe die Menschen, ich liebe alle Seelen und alles Leben auf dieser Erde – weil wir Schicksalsverwandte sind. Ich liebe das Leben, und muss dennoch ständig damit hadern.

Heute wäre so ein Tag, an dem ich am liebsten meinen Löffel einpacken würde, um auf die letzte Reise zu gehen…

… zur letzten Ruhe

Im nächsten Leben bitte als Schildkröte. Der Tag nimmt mich in seine weichen Kissen, in denen ich vor mich hinträume. Wenn O. morgens zur Uni eilt, erhebe ich mich schwerfällig vom Bett – was eigentlich nur einen Positionswechsel darstellt: ich erweitere meinen Bewegungsradius auf die fünfzig Quadratmeter der Wohnung. Die meiste Zeit verbringe ich allerdings sitzend am Schreibtisch. Links und rechts die Schulordner mit den Unterlagen wie feindliche Heere vor meinen Stadtmauern.
Das erste, was ich heute Morgen sehe, als ich aus dem Fenster schaue, ist ein Mann, der mit dem Kopf im Müllcontainer steckte. Als ich zehn Minuten später aus dem Bad zurückkomme, kramt er immer noch, voll konzentriert. Ich blicke nur flüchtig hin. Er könnte mich sehen, die Müllcontainer stehen im Hof nur wenige Meter vom Küchenfenster. Schon häufiger fragte ich mich, ob ich das auch könnte, im Hausmüll anderer nach irgendwie verwertbaren Sachen wühlen. Wenn einem nicht viel anderes übrigbleibt – wer weiß. Also besser jetzt meinen Kopf in die Unterlagen zur Tumordokumentation stecken. Mache ich aber nicht. Ich nehme mir ein Bier aus dem Kühlschrank, lese die Internetnachrichten und höre Musik von unserem Lieblingsbluessender. Allerlei geht mir durch den Kopf. Unter anderem überlege ich mir, wo ich im Falle meines Todes eigentlich begraben werden will. Nicht, dass es mir furchtbar wichtig wäre. Tot ist tot. Da ist es mir eigentlich wurscht, wo ich liege. Oder?
Jedenfalls besuchte ich noch keinen der vielen Berliner Friedhöfe in den zwei Jahren, seit ich hier lebe. Das liegt auch daran, dass O. solche Orte als Ausflugsziele ablehnt. Allgemein meidet sie das Thema Tod. Sie steckt so voller Leben, dass sie alles, was mit Tod und Vergänglichkeit zu tun hat, weit von sich schiebt. So erklärt sich auch, dass sie immer wieder aufmunternd zu mir sagt: „Du bist doch gar nicht alt!“ Denn ich lasse mich gern gehen und betone dabei mein Alter. Schließlich ist sie um einiges jünger.
Ich googelte also u.a. heute Vormittag nach den Berliner Friedhöfen. Nur mal so zur Orientierung.