Revolution hier und heute?

Selbst im utopischen Falle einer Revolution, bräuchte man vorher erarbeitete Konzepte, wie man es denn in Zukunft haben will. Und diese Konzepte werden immer nur von Wenigen ersonnen und verbreitet. Der Allgemeinheit bietet sich kaum eine Einflussmöglickeit (sie befindet sich im Taumel der revolutionären Veränderungen). Es bilden sich neue Eliten heraus. Viele hängen einfach nur ihr Fähnchen in den Wind, – vom Geiste her bleiben sie dieselben.
Auch in einer Demokratie wird es früher oder später zu den (oder ähnlichen) gesellschaftlichen Verwerfungen kommen, die man eigentlich hinter sich lassen wollte. Es sieht für mich ganz danach aus, als wären wir als Homo politicus noch lange nicht reif für eine tolerante, friedliche und gerechte Welt.

(Prof. Bonanza)

Es war gestern und ist doch heute

aufruf


leben! leben! leben!
flammen der revolution wünsche ich in unsere herzen
auf den schlachtfeldern sind die herzen gläsern
gesichter, drückt euch aneinander
schaut nur, die erde ist rund
wie? die erde ist rund?
was wissen wir davon?
die berge sehen die flüsse fließen
und wolken fliegen gen horizont
über die wasser und das land
über die zahllosen schlachtfelder
vielfältig! vielfältig! vielfältig!
gesichter, drückt euch aneinander
was sehe ich, was nicht gleich wäre?
im leben wie im tod – zu allen zeiten
und in allen räumen und dingen
in der gesamtheit und in der nichtigkeit
in allen größen …
dabei –
zerspringen unsere herzen auf den schlachtfeldern der ideen
wohlan! wohlan! wohlan!
wie die tropfen teil der fluten
und die fluten teil des ozeans
gesichter! wir sind die tropfen und vewenden
uns darauf, die fluten, vielleicht den ozean zu erobern
– es ist alles wasser
leben! leben! leben!
tod dem schlachtfeld des materialismus
tod dem schlachtfeld des kapitalismus
tod den schlachtfeldern aller ismen und religionen
tod allen schlachtfeldern auf dem erdball
es lebe die revolution in unseren herzen


(1985)

Vertiefung

Im Kurzbeitrag „Ohne freies Denken keine Freiheit“ gehe ich davon aus, dass die Menschen selbstverständlich Freiheit anstreben.
Die Menschheitsgeschichte erzählt anderes. Da waren die wenigen, welche sich privilegiert viele Freiheiten nehmen konnten, und da waren die vielen Menschen, welchen bereits das Denken an Freiheit untersagt war. Die Massen wurden als Untertanen/Diener/Sklaven geboren und starben in aller Regel als solche. Erst im Zuge des Zeitalters der Aufklärung verloren die alten Herrschaftsstrukturen an Boden, und gegen Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Ungleichheit wurde zunehmend erfolgreich revoltiert. Aber selten war es der kleine Mann allein, der sich auflehnte. Er wurde von Intellektuellen der bürgerlichen Klasse zum Aufstand animiert. Umstürzlerische Ideen wie den Sozialismus initiierten große Denker und Utopisten. Seitdem etablierten sich zumindest in Teilen der Welt politische Systeme mit modernen Verfassungen, welche dem Individuum unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft und Religion dieselben (Menschen-) Freiheitsrechte zubilligen. Die Demokratie ist eine relativ junge Erscheinung, wenn man mal von ihren griechischen Wurzeln absieht. Und wie bei allem, was den Menschen verkauft wird, gilt: Das Produkt wird nicht in allen Punkten dem gerecht, was auf der Verpackung dazu zu lesen ist. Meist hebelt das Kleingedruckte alle vollmundigen Versprechungen aus. Der Idiot ist (wie immer) der weitsichtige kleine Bürger. Wir leben heute im Schatten einer monströsen Staatsbürokratie, die uns auf dem Weg zu unserem Recht so viele Steine in den Weg legt, bis wir aufgeben oder tot sind. Freiheit und Gerechtigkeit gelten pro forma. In Wirklichkeit herrscht das Kapital im Zusammenschluss mit der staatlichen Exekutive. In früheren Zeiten waren es weltlicher Fürst und Kirche.
Die Mächtigen waren schon immer lernfähig (so schnell werfen sie den Bettel nicht hin): Da der aktuelle Zeitgeist die zu offensichtliche Unterdrückung/Gängelung von Menschen verurteilt, werden die modernen Vasallen gemästet und durch allerlei mediale Ablenkungen verdummt und ruhiggestellt. Dazu noch eine gute Portion Propaganda, und schon hat man den Bürger im Balla-Balla-Land – genusssüchtig bzw. konsumdebil. Ich befürchte, dass sich die Mehrheit des Volkes allzu leicht in ihre Unfreiheit einfügt und die Machteliten machen lässt. Existenzängste werden geschürt, die Alternativlosigkeit betont, währenddessen unser Verstand vom Mantra des Konsums betäubt daniederliegt.
Ich will den Fortschritt auf der Welt nicht leugnen. Aber kommt er uns allen zugute? Doch wieder nur wenigen. Sowieso stellt sich mir die Frage, ob die Menschheit in ihrem Fortschritts- und Wachstumswahn ihren Nachfahren eine lebens- liebenswerte Welt hinterlässt. Ich sehe selbstzerstörerische Tendenzen. Als Alkoholiker weiß ich, was das heißt. (Aber als alleinlebender ist es auch mein alleiniges Problem.)
Die Freiheit des einzelnen muss sich immer seiner Umgebung anpassen. Die Menschen auf der Erde leben in einer Art Wohngemeinschaft zusammen, aus der es (vorerst) kein Entkommen gibt. Wenn wir friedlich und halbwegs freiheitlich zusammenwohnen wollen, müssen wir vieles erdulden und vieles teilen (einige Einschränkungen zum Wohle aller hinnehmen), zumal jeden Tag viele Tausend Mitbewohner hinzukommen…

Ich wünsche mir eine Welt, in welcher die Mächtigen sich in Demut üben, in der der kleine Mann aufwacht und sich im freien (aufgeklärten) Denken übt und sich nicht in Vorurteile und propagiertes Feindbilddenken zurückzieht. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir die Natur und unsere Mitgeschöpfe mehr achten, die Erde weniger ausbeuten. Ich wünsche mir eine Welt mit weniger Dünkel und Gewalt, dafür mehr Rücksicht auf den anderen sowie gegenseitige Empathie.
Nennt mich Utopisten oder Idealisten. Das bin ich sicher.

„Prost! Auf das freie Denken! Auf die Freiheit! Auf das Universum und das Leben!“