Heiliger Moses

Er stellte sich vor
Er würde seine Frau von hinten nehmen
Irgendwie hatte er die Bibel auf ihrem
Rücken befestigt
Und während er sie stieß, las er ihr aus
Dem Alten Testament vor
Die zehn Gebote
Und von Moses
Und wie sich das Wasser teilte
Und wie sie um das güldene Lamm tanzten
Und von Sodom und Gomorrha

Das wär`s doch! - Und wenn`s mir kommt, schaue ich auf meinen
Schwanz, und der wird augenblicklich
Zu Stein
Während das Feuer der Leidenschaft in meinen
Lenden weiterbrennt
Oh, verfluchte Weihnacht! – das wünsche
Ich mir

 

(24.12.2001)

Gestöbert und wieder hervorgeholt.

Behinderung

In meinem letzten Leben
Ein Vogel
Freiheit war selbstverständlich
Nun
Hocke ich
Einer Kröte gleich
Im Jammertal der Menschen
Und
Vermisse meine
Schwingen
Um mich erneut in die
Lüfte zu erheben
Von Freiheit nicht nur
Zu träumen
Sondern sie zu leben
Zu umarmen

Ich lecke meine Wunden
Ich mache Kunst
Ich philosophiere
Bleibe doch eine Kröte
Warum zur Hölle kann ich nicht einfach
Davonfliegen?

 

Kein Entkommen gibt es nicht

Am Arsch der Welt ist überall… Was einem im Halbschlaf nicht alles in den Sinn kommt. Vor allem am frühen Morgen, das Kopfkissen umarmend, die Augen noch geschlossen. Gerade noch wirres Zeug geträumt, ordnen sich ein paar Gedanken zu bewussten Sentenzen.

Am Arsch der Welt ist überall
besonders an den Weihnachtsfeiertagen
kein Entkommen gibt es nicht
weder mit dem Zug nach Rostock Lichtenhagen
noch mit Überschall runter von dem Erdenball
vielleicht zum Mond
oder schneller als das Licht
hinein in andere Dimensionen
wer dort wohl wohnt?
Allein ich mach mir keine Illusionen
am Arsch der Welt ist überall

Jetzt ist sogar ein kleines Gedicht draus geworden. Mir gefällt`s. So lässt es sich in den düsteren Tag starten. Das Bier steht kalt. Eine Kerze brennt. Fehlt noch eine gute Musik.
Vor kurzem erst entdeckt:

Super Song. Kann ich mir wieder und wieder anhören.

 

November

Auch die zweite Vieraugen-Sitzung mit der Chefin verlief insgesamt zufriedenstellend. Nach Mammakarzinom nun Prostatakrebs. Ich kriegte meine Stempel ins Logbuch. Sie hakte gleich noch ein paar andere Themen ab. Ich glaube, sie war zufrieden mit mir. Fast hätte sie mich gelobt. Sie tut sich schwer mit Lob, aber ich konnte an ihrer Stimmung merken, dass ihr unser Gespräch gefallen hatte. Ich zeigte das nötige Interesse an ihren Ausschweifungen in ihr Fachgebiet Strahlentherapie. Am Schluss wurden wir beide rot wie eine Tomate. Ich verließ beschwingt ihr Büro. Es war Freitag und kurz vor Feierabend.
Auch mit den Kollegen und Kolleginnen verläuft zur Zeit alles bestens. Die Stimmung im Team ist ausgelassen. Wir albern viel herum.

Das Wochenende begrüßte ich im Pub. Sita stand hinter der Theke. Ihr Temperament wirkt immer erfrischend. Ich saß an der Bar und blätterte eine Spezialausgabe des Spiegels durch. Mal wieder ging es um die immer noch bestehende Kluft zwischen Ost- und Westdeutschen. Ich überflog das meiste. Nur beim Interview mit Wolf Biermann blieb ich hängen. Ich mag den ollen Biermann als Liedermacher und Dichter. Er trifft offenbar ganz gut meinen poetischen Nerv. Außerdem ist er von der Denke links verwurzelt. Vielleicht dann und wann etwas zu selbstgefällig (wie nicht wenige seiner Zunft) … Nobody is perfect. Am 15. November wird er 83. Stolzes Alter. Er gehört zur Generation meiner Eltern. Unglaublich. Die Zeit walzt alles nieder…

Das Rad des Lebens macht nie halt
Es rumpelt über Stock und Stein
Mit unendlichem Gewicht
Drückt alles darnieder
Und mahlt es klein
Woher kommt diese Gewalt?
Die verschlingt, um neues auszuspucken
Wieder und wieder
Am Ende bleibt ein Zucken
Ich weiß es nicht

Freilich lange nicht so gut wie Biermann, Heine oder Brecht, aber dafür von mir.

Aus meinem Gedichte-Fundus

Zum Stichwort „Tod“ ausgegraben:

 

Der Sackflohblues oder wie ich zum Tod kam

 

Komm, mein kleiner Held
und kriech zu mir ins Zelt
dort zeig ich dir – oho
den schönsten Floh
der Welt

Ich steige hinab ins
Totenreich
Zerberus lasse ich links liegen
ich habe eine Thermoskanne
mit Glühwein dabei
und 2 Käsebrötchen
in Stanniolpapier
Die Treppen führen weder
nach unten noch nach oben
gerade so, wie ich es sehen
will
überall brennende Fackeln
am Wegesrand
Bald bin ich rußgeschwärzt
Wyatt Earp und Doc Holiday
versperren mir den Weg
Sie sagen:
„Nigger sind hier unerwünscht!“
Ich besteche sie mit einem
Käsebrötchen
Die Zeit stöhnt, heult, winselt
Sekunden, Stunden, Tage
driften mir entgegen
Zerrgesichter
Ich begegne meiner Mutter
am Windeltisch
Ich sehe mich selbst als kleinen Bub
am Kiosk stehen
Wundertüten kaufen
wie ich in Gummistiefeln in der
Kloake des Baches auf Abenteuerreise
gehe
Jules Verne und Karl May kreuzen
meinen Weg
sie sehen ziemlich mitgenommen aus
ich schenke ihnen mein zweites
Käsebrötchen
Bald darauf erreiche ich ein
riesenhaftes Gewölbe
vor mir liegt das Meer der Seelen
myriaden Stimmen mischen sich zum
Meeresrauschen
alles ist in purpurnes Licht getaucht
die Linie des Horizonts
ein geschlossener Mund
die Oberlippe wie das Abendrot
Ich setze mich an den Strand
gerade so, dass die Wellen meine
Füße umspülen
es ist Zeit für den Glühwein
um mein kaltes Herz aufzuwärmen
ich trinke
schaue zum Horizont
ich rieche mich
es ist nicht das Salz
dann stehe ich hinter mir
sehe mich da sitzen wie in einem dieser
Bilder von Caspar David Friedrich
sind das meine Träume?
frage ich
meine Stimme ist wie aus Draht
mein Mund öffnet sich
meine Lippen klebrig vom
Glühwein
Plötzlich schrecke ich hoch
der irre Tod klopft mir auf die Schulter
„Hey Mann, haste für mich auch `nen
Schluck?“
ich reiche ihm den Becher
„Ich weiß, was du denkst“, sagt er
„Du könntest ewig hier sitzen bleiben …“
„Ja“, sage ich trocken
„und was ist mit meiner Einführung?“
Der Tod trinkt und schweigt
auf einmal werde ich furchtbar müde
und sinke zur Seite
lege meinen Kopf
auf seinen Schoß

 

19.02.2003