Zurück…

Das Meiste kriegt man nicht mit. Vielleicht gut so. Man konzentriert sich auf seinen Weg, bemerkt noch das ein oder andere am Wegesrand oder guckt bei einem Halt in die Landschaft – die sieht man dann freilich immer aus der momentanen Perspektive.
Ich habe das Gefühl, dass ich eine ganze Menge nicht mitkriege… wie sich die Menschen um mich herum verändern, wie sich das Denken verändert – und damit alles: die Moden, die Angewohnheiten, die Wünsche und Sehnsüchte…

Es gibt Momente auf meiner Tour, da frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich? – radle bepackt mit Klamotten und Zelt durch die Gegend – sieht das nicht wahnsinnig komisch aus? – wie ich mir da einen abstrample, die Hügel rauf und runter, über Feld- und Waldwege, die Flussläufe entlang, durch Städte, auf dem Fahrrad geduckt Kilometer für Kilometer einsam auf einem willkürlich ausgewählten Weg…

Der Weg führt quer durch mein Herz. Und in meinem Herz ist sehr viel Einsamkeit, an die ich mich längst gewöhnte – wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack. Na ja, das ist wohl mein Bier.

Viele Landstriche strahlen eine unglaubliche Weite aus. Von erhabener Stelle schaue ich zum Horizont und sehe die immer gleichen Muster. Der Himmel drückt auf meine Schultern, meinen Rücken, während ich in die Pedale trete. Der Himmel kommt der Erde immer näher. Ich empfinde mich als ein Insekt unter einer Cellophan-Folie, das sich einen abschwitzt.
Unglaublich ist auch die Stille, die ich an manchen Orten erlebe – eine Stille, die den Raum um einen herum wahnsinnig ausdehnt. Eine Stille, die Angst machen kann – die einem mehr sagt als jede Philosophie: Jedes Geschöpf ist auf sich selbst zurückgeworfen.
Ich trinke eine Menge Bier unterwegs. Der Alkohol verwässert die vielen Eindrücke, die auf mich einstürmen, und er hilft auch etwas über die Schmerzen hinweg, die sich während der Fahrt einstellen – Schmerzen in den Armen, im Rücken, in den Beinen…

Und es gibt den seelischen Schmerz der Verlorenheit. Ich versinke in den Tagen des Alleinseins total in mir. Automatengleich stiere ich auf die Strecke…

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Herzblind

Die Spatzen hüpfen übers nasse Pflaster. Mir kommt die Redewendung „Mir rutscht das Herz in die Hose“ in den Sinn. Bei der Vorstellung muss ich unwillkürlich grinsen. Aber ernsthaft: Wo ist eigentlich der Sitz des Herzens? Ich meine nicht den faustgroßen pumpenden Muskel in meiner Brust…, und auch nicht den Sitz der Seele.
Wie so oft kann ich auch diese Sache besser über ihr Fehlen erklären. Also: Wenn man einen Menschen herzlos schimpft, meint man damit, dass er kein Mitgefühl zeigt und gefühlskalt wirkt. Ein herzloser Mensch hat kein Auge für die Gefühle, Ängste und Nöte seiner Mitmenschen und sieht wahrscheinlich die gesamte Welt mehr als eine Sache an, etwa wie Geld. Alles lässt sich für ihn zu Geld machen. Aber wahrscheinlich gibt es solch extrem herzlose Menschen gar nicht, denke ich und drehe meinen Kopf zum Fenster: blicke auf das nasse Pflaster der Straße, die parkenden Autos, die Fassade des Wohnblocks gegenüber. Feiner Nieselregen füllt die Luft aus – wie feine Nadeln, die nur kitzeln. Ein Paketzusteller quert mein Sichtfeld. Tausende Pakete werden täglich in die Hauseingänge geliefert. Und hinter jedem Hauseingang schlagen erwartungsvoll die Herzen…

Wenn wir im nicht anatomischen Sinne vom Herzen eines Menschen sprechen, dann denke ich an ein Auge. Mir rutscht das Auge ins Herz, und danach erst in die Hose. Wieder muss ich grinsen. Meine Gedanken hüpfen wie die Spatzen. Die umherhüpfenden Spatzen auf der Straße sind allerdings weg. Mir fehlen sie ein wenig, was wahrscheinlich Einbildung ist. Kommen Einbildungen auch aus dem Herzen?
Unvorstellbar, was man sich alles einbilden könnte, wenn man es denn wollte. Da geht es nicht mehr um Spatzen, sondern um ganz andere Dimensionen. Sehr viele Menschen bilden sich z.B. Gott ein. Ihre Herzen sehen Gott. Ich frage mich, warum mein Herz Gott nicht sieht.
Groll steigt in mir hoch und entlädt sich in einem kurzen Statement: „Mir macht keiner mehr was vor!!“
Zu viele Verführer und Schwätzer, zu viele Ausbeuter und Geschäftemacher, zu viele Scharlatane und Heilsversprecher!

Blues im Glas

Das Leben ist eine Kette. Ein Glied fügt sich zum anderen. Wir schlucken es. Den billigen und den teuren Fusel. Wir kultivieren selbst die verkorkstesten Geschichten. Die Gier treibt uns in den Wahnsinn. Langsam aber sicher. Der Teufel ist die Putzfrau unserer verlorenen Seelen. Jeder einzelne trägt den Mist aller in sich. Wir bezahlen den Gefängniswärter dafür, dass er die Türen auch gut abschließt. Die Freiheit wäre unser größter Albtraum. Eine perfekte Inszenierung das Ganze.
Ich habe das Herz eines bellenden, geifernden Hundes mit einem toten Schwanz. Die Farben des Tages verhöhnen mich. Und wieder macht es Klick – das nächste Kettenglied dockte an. Ein Sonntag in Berlin. Ich überlasse mich dem Blues im Glas. Nur einige Tausend Kilometer unter meinen Füßen schwitzt der metallische Erdkern mit unendlicher Hitze…
Stoisch hänge ich die Wäsche auf und blicke dabei in einen Ausschnitt blauen Himmels über der Stadt. Wir wissen einfach viel zu viel, denke ich und ärgere mich schließlich (wie jedes Mal) über die vielen fummeligen Unterwäschestücke meiner Partnerin.