Wiederbelebung

Unter dem Kopf sitzt das Herz, und unter dem Herz der Arsch. Normalerweise. Allerdings gerät bei nicht wenigen Menschen diese Reihenfolge durcheinander, zumindest zeitweise. Sie kann sich sogar komplett umdrehen, so dass der Arsch ganz oben sitzt. Seltsamerweise sieht man das diesen Menschen auf den ersten Blick gar nicht an. Erst mit der Zeit merkt man: irgendwas stimmt nicht mit dem. Der Arsch kann sich nämlich perfekt als Kopf tarnen. Umgekehrt ist nicht so viel Tarnung nötig… Und das Herz verschwindet bei manchen Zeitgenossen regelrecht. Womöglich verkümmert es einfach, so dass es als solches gar nicht mehr wahrzunehmen ist. Kann aber auch in den Arsch rutschen.
Unter solcherlei Prämissen fällt die Betrachtung meiner Zeitgenossen ernüchternd aus. Regelrecht erschreckend, wenn man nach und nach seine Liebste als solches Arschgesicht erkennt. Männer stehen bekanntlich auf Frauenärsche und lassen sich somit relativ leicht an der Nase herumführen. Also von Frauen, die Arsch und Kopf richtig einzusetzen wissen. Das Herz wird dabei vorgeführt. Es hängt wie eine Marionette an Fäden und wird von Kopf und Arsch dirigiert. Wobei der Arsch die Emotionen simuliert, während der Kopf das Liebesgesülze dazu dichtet. Die Inszenierung ist beinahe perfekt. Der Gelackmeierte bemerkt den Betrug erst, wenn die Verarsche nicht mehr zu ignorieren ist. Vorher hatte er zwar eine Ahnung, die er aber geflissentlich ignorierte, weil er aus Liebe seinen Kopf ausgeschaltet hatte.
Da sitze ich also und weiß selbst nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Wenigstens spüre ich durch den Schmerz mein Herz, falls es nicht mein Arsch ist, der sich als Herz ausgibt. Wer weiß das noch genau? Wir Menschen besitzen die Begabung, alles durcheinanderzubringen. Der Moralist hat Durchfall. Seine Weisheiten stinken zum Himmel. Wir vergeben uns einander nichts. Jeder ist der Beste. Am Anfang war das Wort. Danach fing es an mit dem Kopf-Arsch-Spiel. Und das Herz wurde zwischen den Beiden zerrieben, – verkam zur Kosmetik.
Es gibt Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens erinnern, ein Herz gehabt zu haben. Ein echtes Herz. Vielleicht kann man es regenerieren. Ist aber nicht so einfach.
Es soll auch Menschen geben, die ihr Herz nie aufgaben – darum in dieser herzlosen Welt ein sehr einsames Leben führen oder mit der Zeit verrückt werden…

Ich sollte ein wenig vor die Tür gehen. Zur Wiederbelebung von Kopf, Arsch und Herz, egal wo sie gerade rumhängen.

Der Herbst ist eine gute Zeit für Beerdigungen

Wind und Regen. Ich öffne das Küchenfenster, und feiner Nieselregen weht mir ins Gesicht. Was war das für ein Sommer – wie ein fetter warmer Hefeteig, monatelang. Die Sonne machte schwindelig.
Es ist früh am Morgen, noch düster. Ich träumte wirres Zeug: von vergeblicher Liebe, von Verlassenwerden. Immerhin flog ich mal wieder. Doch stemmte sich mir eine unsichtbare Macht entgegen, und ich kam kaum vorwärts, wurde in Seitenstraßen abgetrieben. Ich musste mich unglaublich konzentrieren, was sehr viel Kraft kostete… Ich suchte meine Gefährten und fand sie nicht. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass das alles nicht wahr -, nicht wirklich passiert sein konnte.
Die Getränke sind alle, und ich warte auf den Lebensmittellieferanten. Natürlich läuft derweil Blues aus dem Internetradio. Irgendeinen alten Blues-Musiker hörte ich vor Kurzem sagen: „Blues ist, wenn es einem guten Menschen schlecht geht.“ Ich zünde eine Kerze an, für mich und meine Seele…
Ich will, dass sie endlich weg ist – weg aus Kopf und Herz, weg aus meinen Träumen. Normalerweise beerdigen wir unsere Toten, um ihnen zu gedenken, um einen Platz zu haben, an dem wir ihnen nahe sein können. Bei mir ist es das genaue Gegenteil: Ich will alle Erinnerungen, Bilder und Gedanken an eine Person beerdigen, die noch lebt. Die Trauer und das Gefühl des innerlichen Wundseins müssen ein Ende haben! In der letzten Kurznachricht an sie schrieb ich, sie sei nun endgültig für mich gestorben. Noch nie in meinem Leben stellten sich meine Gefühle einer Person gegenüber derart auf den Kopf. Aus Liebe wurden mittlerweile abgrundtiefe Verachtung und Abscheu. Ich denke an einen riesigen unförmigen Kadaver, der einst unsere Liebe war, nun vor sich hin faulend grausamen Verwesungsgestank ausströmt. Ich muss diese Pest loswerden, die mich seit Monaten von Innen vergiftet. Ich muss das faule Fleisch herausschneiden und die Wunde veröden. Aber leichter gesagt als getan, wenn es sich um so etwas Diffuses wie die Seele handelt. Andere Methoden müssen her. Eine Menge Bilder kamen mir in den letzten Tagen in den Sinn: Ausradieren, ausschaben, in einem Fahrstuhl zum Mittelpunkt der Erde schicken, in den Gulag verbannen, abschütteln wie Herbstlaub, totficken, in ein Schwarzes Loch schleudern, pulverisieren, wie Unkraut jäten, auskotzen… Meiner Seele ist wirklich nach Erbrechen. Leider kann ich mir nicht einfach den Finger in den Hals stecken und das Problem damit beseitigen. Ich stelle mir die Seele eher durchlässig mit sowas wie Poren vor, aus denen das Gift langsam entweicht, wenn ich mir es nur stark genug wünsche. Vielleicht helfen auch Rituale – erstmal alles vernichten, was an die Person erinnert. Mir fallen immer noch Sachen auf, die sie mir mal schenkte und hier rumliegen. Weg damit! So entdeckte ich vor Kurzem zwei Schals, die meiner Säuberungsaktion entgangen waren. Das Ganze darf nicht zu einer Halben Sache verkommen. Das Loswerden von seelischem Giftmüll durch eine verkorkste Liebe ist kein einfaches Unterfangen. Der Rückfall war freilich eine ganz große Dummheit von mir. Beinahe hätte ich mich dabei seelisch selbstverstümmelt. Scheiße aber auch.
Wie sieht`s inzwischen draußen aus? Etwas heller geworden. Ein paar mehr Passanten. Der Lieferservice ließ sich noch nicht blicken. Er hat ein Zeitfenster von vier Stunden. Gott sei Dank Wochenende. Ich hing auf Arbeit ganz schön durch. In mir nagte dieser unglaubliche, schmerzhafte Ekel. Hätte sie mir doch nur nicht geschrieben, was ich mir zwar ohnehin dachte, aber eigentlich nicht wissen wollte, nämlich, dass sie einen Neuen hatte. Wahrscheinlich bereits, als wir noch zusammen waren, – denke ich mir jedenfalls. Das würde einiges erklären. Aber egal. Ich verbot mir, weiter zu grübeln. Bringt nichts. Viel zu lange zermarterte ich mir das Hirn. Nun schließe ich endgültig die Tür hinter mir, eine meterdicke Panzertür, und werfe den Schlüssel in ein Meer aus Salzsäure. Soll sie ihren Frieden auf dem Schwanz des Neuen finden…
Ich verfluche den Tag, an dem sie mir begegnete. Nichts würde ich lieber tun, als die Zeit viereinhalb Jahre zurückzudrehen, um nicht an diesem Vormittag auf Mallorca in den Bus zum Bahnhof an der Placa Espanya zu steigen, wo sie am Fahrkartenschalter hinter mir stand und das Elend seinen Lauf nahm. Die Zeit kann man nicht zurückdrehen. Klar. Also in die Trickkiste greifen: So ein Blitzding, wie es die Agenten im Kinostreifen „Men In Black“ anwenden, würde mir auch schon helfen. Was für ein angenehmer Gedanke, sie einfach nicht wiederzuerkennen, falls ich sie sähe.

Rückfall

Die erste Woche nach dem Urlaub zurück im Büro überstanden. Alles befand sich noch an seinem Platz. Lediglich eine Pflanze sah merklich mitgenommen aus. Bei meiner Kollegin konnte ich nicht nachfragen, weil die ihren Sommerurlaub antrat, kurz bevor ich zurückkehrte. Das heißt, ich werde noch einige einsame Bürotage vor mir haben. Ab und zu besuchen mich zwar die Hühner, oder ich besuche sie an ihren Wirkungsstätten, aber das ist nicht dasselbe. Ich vermisse meine Kollegin.
Und sonst? Zwei neue Hühner im Sortiment, um die Flut der Tumormeldungen zu bewältigen. Die Panzerschränke sind nach wie vor gestopfte voll. Wir hinken rettungslos mit der Dokumentation hinterher. Aber davon lassen sich die Hühner weitgehend die Laune nicht verderben, und das finde ich gut! Nach meinen von Einsamkeit geprägten Urlaubstagen hörte ich sie gern gackern und lachen.
Die Rückkehr an meinen Arbeitsplatz verlief also ganz passabel.

Alles gut soweit. Aber dann hatte ich einen Liebesrückfall. Ich saß am Computer, fing gerade mit dem Dokumentieren an (Mamma- und Colon-Karzinome), da erwischte mich eine warme Welle Sehnsucht nach ihr. Und ich gab nach. Ich warf meine Bedenken über Bord und kontaktierte sie. Das erste Mal… seit Monaten. Ich glaube, ich schrieb: „Ich habe furchtbar sehr Sehnsucht nach dir.“ Nach ein paar Stunden antwortete sie: „Ich auch.“ Die Kommunikation verlief schleppend, aber schließlich keimte etwas Hoffnung bei mir auf. Vielleicht war es nicht falsch gewesen, der Sehnsucht nachzugeben. Meine Ratio hatte ich in diesem Moment weitgehend ausgeschaltet. Ich vertraute einfach meinen Gefühlen, so wie damals, als ich sie auf Mallorca kennenlernte. Warum auch nicht? Alle Probleme und Hindernisse können sich in der Liebe auflösen, als gäbe es sie nicht. Ich saß nach Feierabend im Biergarten und simste mit ihr, und hinterher fanden wir beide, dass es ein gutes Gespräch war.
Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Wäre wohl auch zu schön gewesen – sowas wie eine Reunion. An mir lag`s nicht. Als ich nach einem baldigen Treffen fragte, kriegte ich gleich die erste Klatsche. Sie sei zurzeit total in die Arbeit eingespannt…, antwortete sie. Und bald darauf ließ sie durchblicken, dass das gut und wichtig für sie sei, vor allem finanziell, auch gesundheitlich, weil sie seitdem weniger Bier trinkt.
Sie schrieb: „Ich will nur Frieden.“
„Aber ich lasse dich doch in Frieden.“
„Ich meine den Frieden, den ich nur mit dir haben kann.“
Und da schafft sie es nicht, sich ein paar Stunden am Wochenende frei zu machen, um mich zu treffen? Sie liebt mich nicht mehr…, alles ist ihr wichtiger als ich, sie braucht mich nur um des lieben Friedens willen. Rumms! Ich ging (innerlich) in die Knie. Die Tränen schossen mir in die Augen. Was hatte ich mir nur eingebildet!? Wie dumm von mir, der Sehnsucht nachgegeben zu haben.
„Nein“, antwortete ich ihr, „es war ein Fehler, tut mir leid.“
Ich hatte die Deckung einen Moment lang aufgemacht, und schon hatte sich mein Herz eine blutige Nase geholt.

Mein Gedanke heute: Es hätte nie ein nach Mallorca für uns geben dürfen.

Ungeordnet

Der Chirurg hebt das Herz aus dem geöffneten Brustkorb und sagt: „Jetzt bist du frei.“

Frage: Was für ein Verhältnis hast du zum Vatertag?
Antwort: Kurzgesagt keines.

„Ich liebe dich.“
„Verhöhne mich nicht.“
„Mache ich auf gar keinen Fall.“
„Hast du schon.“

Der Killer schaut sich das Opfer an, ein junger Mann Anfang Zwanzig – er wollte demnächst heiraten. Seinem Auftraggeber war diese Heirat ein Dorn im Auge. Der Killer spürt in sich einen Anflug von Wehmut. Er weiß, dass er sich solche Gefühle nicht erlauben kann. Scheiß Job, denkt er, dreht sich weg und grinst ein falsches Grinsen.

Mein ganzes Leben steckt in einer Kiste, völlig ungeordnet. Falls es Gott gibt, hat er einiges zu tun, um den Kram darin auseinanderzuklamüsern. Aber er hat sicher Gehilfen, die dafür ausgebildet sind.
Von der Rentenversicherung kriege ich regelmäßig eine Statusmeldung über meine Rentenansprüche geschickt. Sieht freilich beschissen aus. Gott erspart mir solche Meldungen.

Der Blues ist wie ein treuer Hund an meiner Seite.

Als ich die Bar verließ, winkte mich der Wirt zurück und fragte, was ich am Vatertag vorhätte. Er stotterte etwas herum. Eine Band würde spielen. Die Musikrichtung Santana… so was in der Art… instrumental. Ich schaute ihn an, und mir fiel auf, dass er mir nicht in die Augen schauen konnte. Klar, sagte ich, klingt gut, warum nicht.

Wie würde es sich wohl anfühlen, ohne Herz zu leben?

Zurück…

Das Meiste kriegt man nicht mit. Vielleicht gut so. Man konzentriert sich auf seinen Weg, bemerkt noch das ein oder andere am Wegesrand oder guckt bei einem Halt in die Landschaft – die sieht man dann freilich immer aus der momentanen Perspektive.
Ich habe das Gefühl, dass ich eine ganze Menge nicht mitkriege… wie sich die Menschen um mich herum verändern, wie sich das Denken verändert – und damit alles: die Moden, die Angewohnheiten, die Wünsche und Sehnsüchte…

Es gibt Momente auf meiner Tour, da frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich? – radle bepackt mit Klamotten und Zelt durch die Gegend – sieht das nicht wahnsinnig komisch aus? – wie ich mir da einen abstrample, die Hügel rauf und runter, über Feld- und Waldwege, die Flussläufe entlang, durch Städte, auf dem Fahrrad geduckt Kilometer für Kilometer einsam auf einem willkürlich ausgewählten Weg…

Der Weg führt quer durch mein Herz. Und in meinem Herz ist sehr viel Einsamkeit, an die ich mich längst gewöhnte – wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack. Na ja, das ist wohl mein Bier.

Viele Landstriche strahlen eine unglaubliche Weite aus. Von erhabener Stelle schaue ich zum Horizont und sehe die immer gleichen Muster. Der Himmel drückt auf meine Schultern, meinen Rücken, während ich in die Pedale trete. Der Himmel kommt der Erde immer näher. Ich empfinde mich als ein Insekt unter einer Cellophan-Folie, das sich einen abschwitzt.
Unglaublich ist auch die Stille, die ich an manchen Orten erlebe – eine Stille, die den Raum um einen herum wahnsinnig ausdehnt. Eine Stille, die Angst machen kann – die einem mehr sagt als jede Philosophie: Jedes Geschöpf ist auf sich selbst zurückgeworfen.
Ich trinke eine Menge Bier unterwegs. Der Alkohol verwässert die vielen Eindrücke, die auf mich einstürmen, und er hilft auch etwas über die Schmerzen hinweg, die sich während der Fahrt einstellen – Schmerzen in den Armen, im Rücken, in den Beinen…

Und es gibt den seelischen Schmerz der Verlorenheit. Ich versinke in den Tagen des Alleinseins total in mir. Automatengleich stiere ich auf die Strecke…

Herzblind

Die Spatzen hüpfen übers nasse Pflaster. Mir kommt die Redewendung „Mir rutscht das Herz in die Hose“ in den Sinn. Bei der Vorstellung muss ich unwillkürlich grinsen. Aber ernsthaft: Wo ist eigentlich der Sitz des Herzens? Ich meine nicht den faustgroßen pumpenden Muskel in meiner Brust…, und auch nicht den Sitz der Seele.
Wie so oft kann ich auch diese Sache besser über ihr Fehlen erklären. Also: Wenn man einen Menschen herzlos schimpft, meint man damit, dass er kein Mitgefühl zeigt und gefühlskalt wirkt. Ein herzloser Mensch hat kein Auge für die Gefühle, Ängste und Nöte seiner Mitmenschen und sieht wahrscheinlich die gesamte Welt mehr als eine Sache an, etwa wie Geld. Alles lässt sich für ihn zu Geld machen. Aber wahrscheinlich gibt es solch extrem herzlose Menschen gar nicht, denke ich und drehe meinen Kopf zum Fenster: blicke auf das nasse Pflaster der Straße, die parkenden Autos, die Fassade des Wohnblocks gegenüber. Feiner Nieselregen füllt die Luft aus – wie feine Nadeln, die nur kitzeln. Ein Paketzusteller quert mein Sichtfeld. Tausende Pakete werden täglich in die Hauseingänge geliefert. Und hinter jedem Hauseingang schlagen erwartungsvoll die Herzen…

Wenn wir im nicht anatomischen Sinne vom Herzen eines Menschen sprechen, dann denke ich an ein Auge. Mir rutscht das Auge ins Herz, und danach erst in die Hose. Wieder muss ich grinsen. Meine Gedanken hüpfen wie die Spatzen. Die umherhüpfenden Spatzen auf der Straße sind allerdings weg. Mir fehlen sie ein wenig, was wahrscheinlich Einbildung ist. Kommen Einbildungen auch aus dem Herzen?
Unvorstellbar, was man sich alles einbilden könnte, wenn man es denn wollte. Da geht es nicht mehr um Spatzen, sondern um ganz andere Dimensionen. Sehr viele Menschen bilden sich z.B. Gott ein. Ihre Herzen sehen Gott. Ich frage mich, warum mein Herz Gott nicht sieht.
Groll steigt in mir hoch und entlädt sich in einem kurzen Statement: „Mir macht keiner mehr was vor!!“
Zu viele Verführer und Schwätzer, zu viele Ausbeuter und Geschäftemacher, zu viele Scharlatane und Heilsversprecher!

Blues im Glas

Das Leben ist eine Kette. Ein Glied fügt sich zum anderen. Wir schlucken es. Den billigen und den teuren Fusel. Wir kultivieren selbst die verkorkstesten Geschichten. Die Gier treibt uns in den Wahnsinn. Langsam aber sicher. Der Teufel ist die Putzfrau unserer verlorenen Seelen. Jeder einzelne trägt den Mist aller in sich. Wir bezahlen den Gefängniswärter dafür, dass er die Türen auch gut abschließt. Die Freiheit wäre unser größter Albtraum. Eine perfekte Inszenierung das Ganze.
Ich habe das Herz eines bellenden, geifernden Hundes mit einem toten Schwanz. Die Farben des Tages verhöhnen mich. Und wieder macht es Klick – das nächste Kettenglied dockte an. Ein Sonntag in Berlin. Ich überlasse mich dem Blues im Glas. Nur einige Tausend Kilometer unter meinen Füßen schwitzt der metallische Erdkern mit unendlicher Hitze…
Stoisch hänge ich die Wäsche auf und blicke dabei in einen Ausschnitt blauen Himmels über der Stadt. Wir wissen einfach viel zu viel, denke ich und ärgere mich schließlich (wie jedes Mal) über die vielen fummeligen Unterwäschestücke meiner Partnerin.