Du musst

Du musst leben. Du musst in den Kindergarten. Du musst in die Schule. Du musst artig sein. Du musst wachsen. Du musst in den Sportunterricht. Du musst laufen. Du musst rennen. Du musst sitzen. Du musst erwachsen werden. Du musst ernst sein. Du musst wissen. Du musst arbeiten. Du musst pünktlich sein. Du musst Geld verdienen. Du musst einkaufen. Du musst Miete zahlen. Du musst Steuern zahlen. Du musst dich anpassen...
Du musst alt werden. Du musst trinken. Du musst lachen. Du musst essen. Du musst pinkeln. Du musst kacken. Du musst atmen. Du musst schlafen. Du musst träumen. Du musst wach sein. Du musst furzen. Du musst weinen. Du musst irgendwas machen. Du musst irgendwas sagen. Du musst aufstehen. Du musst gesund bleiben. Du musst dich niederlegen. Du musst raus. Du musst anstehen. Du musst warten. Du musst zum Arzt. Du musst krank sein. Du musst dich impfen lassen…
Du musst still sein. Du musst laut sein. Du musst schreien. Du musst schweigen. Du musst streiten. Du musst rebellieren. Du musst locker sein. Du musst gehorchen. Du musst dich entschuldigen. Du musst die Gesetze befolgen. Du musst lügen. Du musst ehrlich sein. Du musst Erfahrung sammeln. Du musst Rechenschaft ablegen…
Du musst lieben. Du musst küssen. Du musst ficken. Du musst dich trennen. Du musst dich versöhnen. Du musst dich wieder trennen und wieder versöhnen. Du musst zuhören. Du musst Geduld haben. Du musst dich langweilen. Du musst trauern. Du musst kotzen. Du musst verzeihen. Du musst alleine sein können. Du musst vergessen…
Du musst verreisen. Du musst zuhause bleiben. Du musst sterben. Du musst tot sein. Du musst nachdenken. Du musst fragen. Nur nicht zu viel. Du musst leiden. Du musst dich freuen. Du musst einsam sein. Du musst lernen. Du musst verlieren. Du musst mutig sein. Du musst gewinnen. Du musst finden. Du musst suchen. Du musst aufhören zu suchen…
Du musst weitermachen. Du musst etwas empfinden. Du musst gar nichts empfinden. Du musst zu wenig. Du musst zu viel. Du musst ewig müssen. Du musst aufgeben



Es kommt, wie`s kommt

Ich kann die Dinge weder vor- noch zurückdrehen. Unglaublich, wie lange gewisse Dinge brauchen. Ich ließ mir immer schon viel Zeit. Aber langsam schrumpft das Zeitpotential, das mir bleibt. Also in diesem Leben mit dieser Identität. Ich will nicht alt werden. Jedenfalls nicht so alt wie die Alten, die ich als Altenpfleger betreute. Auf der anderen Seite halte ich es für kindisch, sich dem Altern zu verweigern. Da haben wiedermal nur die Blender was davon. Diese Arschgeigen, die jede Gelegenheit beim Schopfe packen, um aus den Nöten der Menschen Reibach zu machen.
Ich kann mein Leben weder vor- noch zurückdrehen. Vordrehen wäre auch dämlich. Aber ich wünschte mir doch, dass die Wüstenstrecken kürzer ausfielen. Besonders in der Liebe. Vielleicht hätte ich besser haushalten sollen mit dem Liebesglück. Nichts bekommen wir für die Ewigkeit. Nicht nur die physischen Ressourcen schwinden mit der Zeit. Auch unser Glück wird immer knapper. So manches müssen wir beerdigen, bevor wir selbst in die Grube fahren.
Es fällt mir schwer, den Dingen ihren Lauf zu lassen, wenn die Zeit gefühlt immer schneller vergeht. Nicht dass ich ein besonders ungeduldiger Mensch wäre. Ich bin nicht gerade scharf auf den Knochenmann. Noch bin ich zu sehr dem Fleischlichen zugetan…
Ab und zu halte ich Zwiesprache mit dem Tod, was dann ähnlich abläuft wie eines dieser unsäglichen Mitarbeitergespräche (erst kürzlich wieder eins gehabt). Ich bin danach nicht klüger als zuvor, aber eineinhalb Stunden älter. Warum ich mir das antue? Das wüsste ich auch zu gern. Vielleicht habe ich einen Hang zum Makabren. Natürlich weiß ich, dass der Tod auch nur seinen Job macht. Darum fragte ich ihn, ob er in der Gewerkschaft wäre, schließlich gäbe es inzwischen fast 8 Milliarden Seelen auf der Erde, und er müsse das wie eh und je ganz alleine stemmen. Es vergingen ein paar Momente, bis er mir trocken antwortete: „Ich bin selbstständig.“
„Dann läuft das Geschäft ja prima.“
„Ja, war schon mal schlechter.“
„Das freut mich.“
„Danke.“
„Ich glaube aber nicht, dass das mit dem Wachstum ewig so weiter geht.“
„Darauf habe ich keinen Einfluss.“

Fast tut mir der Tod nach solchen Gesprächen leid. Er hat sich auf eine Sisyphos-Arbeit eingelassen – ich wollte nicht mit ihm tauschen. Okay, auch Tumordokumentation hat was von Sisyphos, aber ich muss das nicht ewig machen. Kommt mir manchmal vor, als säße ich im Vorzimmer des Todes. Man könnte fast sagen, dass der Tod mein eigentlicher Arbeitgeber ist. Heute wie damals als Altenpfleger.



Huldigung an das freie Denken

Seit Tagen kreisen meine Überlegungen über das Thema „freiwillig versus unfreiwillig“, wobei ich resümierte, dass ich in meinem Leben zu viele Dinge nur widerwillig/unfreiwillig ausführte. Genaugenommen fing es mit meiner Geburt an. Ich werfe meinen Eltern die Zeugung meiner Wenigkeit nicht vor. Die Fortpflanzung steht nun mal im Mittelpunkt des Systems Leben/Natur. Man wird als kleines Etwas ins Leben geworfen, ob man will oder nicht. Leider mündet die Geburt in eine ganze Kette unfreiwilliger Mühsal – so da wären: Kindergarten, Schule, Konfirmation oder Kommunion, Wehrdienst, Berufsausbildung, die Maloche zum Geldverdienst, Weiterbildungen, Workshops, Steuererklärungen… Und daneben noch so manche ungeliebte private Verpflichtung. Bei mir waren das vor allem Familienfeste wie Weihnachten. Was muss man im Leben nicht alles machen, nur um leben zu dürfen – nicht zu darben und auch sonst keinen größeren Mangel zu erfahren. Nicht mal der Tod ist freiwillig, weil normalerweise niemand sterben will.
Kein Tier würde solcherlei Überlegungen anstellen. Tiere fügen sich wortlos in ihr Schicksal. Sie stellen keine Fragen nach Freiheit und Gerechtigkeit. Ganz anders der Mensch. Ich meine den denkenden. Allein die Gedanken sind frei…, vorausgesetzt ich nehme diese Freiheit wahr. Viele meiner Mitmenschen scheinen sich mit dem Reproduzieren vorgesetzter Gedankengänge und Meinungen zufriedenzugeben. Die Gedankenfreiheit kommt erst richtig bei einem geistig weiten Horizont zur Geltung. Große Denker zeichnen sich dadurch aus, dass sie über den Tellerrand hinaus schauen. Dazu gehört das Sticheln mit provokativen Thesen und stets das Hinterfragen des gemeinhin Üblichen.
Warum ich die Kette unfreiwilliger Mühsal bis heute ertrug, hängt zu einem guten Teil an der Freude am eigenen Denken und dessen kreativen Ausdrucks in Sprache und Bild. Hinzu kommt das lustvolle Erfühlen des Daseins mit seinen Innen- und Außenräumen. Ich lebe, weil ich denken kann. Die Liebe wurde mir oft genommen, und ich überlebte es, aber würde man mir das Denken nehmen, ich wäre tot.

 

„Ich bin`s nur“ oder: Das Ding mit dem Dasein

Bevor ich die Frage nach einem Leben nach dem Tod stelle, frage ich vordererst nach dem Mysterium Leben. Was treibt mich an diesem Ort in dieser Zeit um als eine Kreatur, die sich Mensch nennt? Wer spricht aus mir? Ist das meine Seele? – oder ist es einfach dieser Nervenknoten in meinem Kopf, auch als Hirn bekannt? Und was heißt in diesem Zusammenhang Bewusstsein? Natürlich weiß ich, dass ich ich bin. Immer und immer wieder wache ich als derselbe auf, als der ich am Vorabend ins Bett ging. Und die Welt ist auch noch dieselbe, wenn ich meiner Erinnerung Glauben schenken darf. Freilich auf längere Sicht betrachtet, änderte ich mich schon – da muss ich mir nur ältere Fotos anschauen oder alte Gedichte und Blogbeiträge lesen. Es tat sich einiges in den mittlerweile fast sechs Jahrzehnten, in denen ich Tag für Tag die Sonne auf- und untergehen sah. Ich reifte heran und wurde Mitglied der Erwachsenenwelt. Wobei ich mit dem Attribut „erwachsen“ so meine Probleme habe. Aber das ist ein anderes Thema. Im Großen und Ganzen verlief mein Leben derart, wie es eben in unserer Gesellschaft vorgesehen ist. Wir leben in einer Art Korsett, und viele Menschen brauchen das auch, um nicht den Halt zu verlieren. Ich dagegen fühlte mich von den Erwartungen, Vorgaben und Zwängen durchweg gepiesackt und eingeengt. In meinem Kopf nahmen die Fragezeichen betreff der Sinnhaftigkeit menschlichen Treibens sowie der bestehenden Ordnung nie ab. Die Welt, in die ich geboren wurde, war mir fremd. Sie ist mir bis heute fremd. Ich lernte es, mich bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Reiner Überlebenstrieb. Und natürlich veränderte ich mich mit den Jahren…, wie jede Kreatur dem Werden und Vergehen des Lebens unterworfen ist. Im Kern jedoch blieben meine Fragen nach dem, was ich hier eigentlich treibe. Und dieser Kern ist vielleicht das, was gemeinhin auch als Seele bezeichnet wird. Aber wo kommt die Seele her? Von meinen Eltern und Ahnen? Oder von den Sternen? (- was mir angenehmer wäre.) Ich glaube, dass von meinen Erzeugern lediglich die äußere Form stammt: zum einen körperlich, auch gewisse Charakterzüge, Begabungen, Stärken und Schwächen, quasi alles, was genetisch determiniert ist. Der Kern (oder die Seele) dagegen machen mein Ich aus. Selbst wenn das oberflächlich gesehen nur Leere sein sollte. Ich spüre, dass in meiner Form etwas ist, das den Tod überleben wird. Ich stelle mir die Seele wie einen Geistersamen vor, der von einer Form in die nächste fließt. Die Materie würde ohne diesen Geistersamen in sich zusammenfallen…

Soweit meine heutigen Gedanken zu dem entscheidenden Thema, welches mich, seit ich denken kann, beschäftigt und gewissermaßen prägt. Äußerst mysteriös das Ding mit dem Dasein…
Als ich am Morgen aufstand, hatte ich einen sonderbaren Gedanken: Wie wäre das, wenn ich in den Spiegel schaute, und die Person, die ich sähe, sie wäre nicht ich, sondern eine andere… Ich zögerte wirklich für ein paar Momente in den Badezimmerpiegel zu blicken. Verschlafen blinzelte ich dann doch hinein… und erkannte dieselbe Hackfresse wie immer. Die grinste mich breit an und meinte: „Ich bin`s nur.“
Was ein Trost!

 

Filme, die das Leben dreht

Viele Erinnerungen an mein Leben wirken auf mich irreal, wenn sie vergangene Lebensphasen markieren: meine Jugend, die Schulzeit, die vielen Jahre in der Altenpflege (besonders als Nachtwache), die Zeit mit den damaligen Kumpels und Freunden, die alte Heimat, verlorene Lieben…
Ich erzähle von Ereignissen aus meiner Vergangenheit und mich überkommt ein seltsames Gefühl der Fremdheit. Von wem rede ich? Wer sitzt hier und plaudert z.B. von einer vergangenen Liebe? War das alles real? Natürlich zeugen alte Fotos, Postkarten, Briefe, Geschenke und andere Relikte, dass ich mir mein vergangenes Leben nicht nur einbilde. Ich frage mich aber, wo alles hin ist. Ich blicke in den Spiegel und sehe einen alternden Mann. Gestern war ich beim Frisör. Man sollte auf Wunsch den Spiegel verhängen dürfen. Aber gut, das Problem hatte ich schon als halbwegs attraktiver junger Mann. Darum existieren kaum Fotos von mir. Will mich jemand fotografieren, kann ich echt sauer werden! Alle meine Frauenbekanntschaften übers Internet begannen als Blinddate, jedenfalls für die Frauen. Sehr mutig von ihnen. Na gut, in der Hauptsache geht es ja in der Liebe um die inneren Werte… Hust!
Immer wenn ich in einer beziehungslosen Phase stecke, die sich länger hinzieht, kann ich irgendwann kaum noch glauben, dass ich mal echten Sex mit einer Frau hatte (und das sogar regelmäßig); und all das andere wie Zärtlichkeiten, romantische Stunden und gemeinsame Unternehmungen selbstverständlich zu meinem Leben gehörten. Es ist gerade so, als würde ich behaupten, dass ich vor ein paar Jahren noch Zirkusartist war… (Genau: Das würde ich mir selbst nicht abnehmen.)
Das Leben ist nicht wie ein Film, sondern wie viele Filme. Die können mal lustig und mal traurig, spannend oder langweilig sein. Gerade stecke in einem scheußlich langweiligen Film. Ich wünschte, ich könnte einfach in eine andere Filmaufführung wechseln.

 

 

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einige meiner Lieblingsfilme

 

Alle noch am Leben?

Die Welt ist gefühlt gefährlich. Besonders der Großstadtverkehr. Dann die vielen Krankheiten, die nur darauf warten, sich in dein Leben einzumischen. Schließlich noch all das andere wie: von der Leiter fallen, einen tödlichen Stromschlag bekommen, von etwas Herabfallendem erschlagen werden, Ertrinken, Opfer eines Brandes werden, Vergiftung…, und schließlich und endlich gibt es da noch Mord und Totschlag, Terror und Krieg. Jeder Tag kann der letzte sein.
Ich habe mal wieder eine Woche geschafft. Gut, das Büro ist nicht unbedingt der gefährlichste Ort. Eher sterbe ich zuhause im Bad durch einen unglücklichen Sturz. Auch Herzinfarkt und Schlaganfall sind aufgrund meines Alters, meines Bluthochdrucks und Alkoholismus nicht ganz abwegig. Ich dachte in dieser Hinsicht schon immer fatalistisch. Es kommt, wie`s kommt. Muss man das Elend bis ins hohe Alter mitmachen? Am Ende holt dich der Tod doch. Ich setze mich mit dieser Thematik schon seit meiner Jugend auseinander und komme zu dem Schluss, dass Leben und Sterben für das selbstbewusste Individuum ein Irrsinn sind. Oder anders gesagt: Es sollte/dürfte mich gar nicht geben. Bewusstsein bedeutet im Denken eine hochgradige Freiheit, welche aber in der biologischen Schöpfungswelt nicht vorgesehen ist. Ein Grund, warum der Mensch Ideen von Gott und einem Leben nach dem Tod ersann – eben um sich der Widersinnigkeit seines Daseins nicht zu stellen. Dass man sich dabei selbst in die Tasche lügt, wird in Kauf genommen. Wie der Volksmund sagt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Und: Nichts Genaues weiß man nicht.