Keine Panik auf der Titanic

Der Sessel auf dem Gehsteig vor meinem Fenster bekam Zuwachs von einem Fahrradrahmen, einem Tintenstrahldrucker, einem großen Pappkarton und einem Kofferbett. Die Sonne steht knapp überm Horizont. Der Himmel schimmert hinter Dunstschleiern bläulich. Sieht kalt aus draußen. Auf den geparkten Autos bildete sich über Nacht Raureif… Meine Woche ließ ich im Homeoffice ausklingen. Die Arbeit am Rechner ist stupide. Nichts als Tumordiagnosen, Tumorbehandlungen, Tumorverläufe, Tumor-Histologien… Mammakarzinome, Lungenkarzinome, Kolonkarzinome, Nierenkarzinome, Harnblasenkarzinome, Prostatakarzinome, Pankreaskarzinome, Leberzellkarzinome, Melanome, Sarkome, Hirntumoren, Gynäkologische Tumoren, HNO-Tumoren, Lymphome, Leukämien… Nach bald vier Jahren bin ich der Tumordokumentation langsam aber sicher überdrüssig. Das Einzige, was meinen Arbeitsalltag aufhellt, sind die sozialen Kontakte, welche sich durchs Homeoffice stark reduzierten… Und von wegen Ausgleich: Im Zuge der Kneipenschließungen begegne ich oft tagelang keiner einzigen vertrauten Seele, abgesehen von der netten Supermarktkassiererin… Aber gut, ich will nicht jammern. Wenigstens habe ich einen sicheren Job. Die Maläsen halten sich in Grenzen, und in meinen vier Wänden finde ich es heimelig. Ich pflege meinen Corona-Speck und glotze die Mediathek rauf und runter. Dazu kommen die reizenden Kontakte mit den Bloggerinnen und Bloggern auf WordPress. (Huhu!)

Ohne dass ich es merkte, schob sich ein dicker Umzugslaster vor mein Fenster. Im Treppenhaus begegne ich immer wieder fremden Gesichtern. Die Umzugstätigkeit war in diesem Jahr rege. Ob das mit Corona zusammenhängt(?) Umziehen wäre ziemlich das Letzte, was ich jetzt wollte. Ich hoffe doch nicht, dass in naher Zukunft die Miete steigt… Scheiß Zukunftsängste, die wie lästige Fruchtfliegen im Kopf herumschwirren und denen nicht beizukommen ist. Was haben die nur alle mit Corona? – als gäbe es keine anderen Bedrohungen im Leben.  

Schätze, ich hänge im Dauerblues fest. Nicht tragisch, denn ich mag Blues. Nicht nur als Musik, sondern auch als Lebensgefühl. Da habe ich all denen was voraus, die mit Blues-Zeiten nicht so gut klarkommen. Ich freundete mich schon früh mit meinem verkorksten Leben an. Was nicht ist, das ist eben nicht… (Nr. 50437 meiner persönlichen Lebensweisheiten) oder: Keine Panik auf der Titanic.



36 Gedanken zu “Keine Panik auf der Titanic

  1. Da hat sich draußen jemand gemütlich eingerichtet, neben dem Sessel. Grins…
    „Was nicht ist, ist eben nicht“ – ja genau so. Mit diesem Gefühl gehe ich gut durchs Leben. Hätte und wäre wenn sind schlechte Begleiter denen ich keinen Zugang gewähre.

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      • Viele fühlen sich auch überfordert und meinen alles haben und ausprobieren zu müssen. Sie können schlecht bei sich bleiben, bei dem was sie wirklich brauchen.
        Manchmal denke ich viele irren wie verwirrte Schafe durchs Labyrinth des Lebens. Sie horchen nicht in sich hinein und Vertrauen ihren Inneren nicht.

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      • Stimmt. Sie lassen sich zu sehr von den materialistischen und äußeren Reizen betören. Selbst Spiritualität wird zur Ware. Wir leben in einer total oberflächlichen Gesellschaft. Das heißt nicht, dass alle Menschen oberflächlich und verblödet sind… Noch nicht.

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      • Viele misstrauen ihr Bauchgefühl, hören lieber auf andere.
        Was viele gut und für richtig halten muss noch lange nicht zu mir passen.
        Mir hat mein Bauchgefühl schon oft geholfen, zwei Mal sogar mein Leben gerettet.
        Eine Eigenschaft die man weitergeben sollte.

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      • Man nennt es auch Selbstvertrauen. Das echte. Nicht das übergroße Ego.
        Leider sind wir Menschen von Grund auf auf Leistung, Erfolg, Familie, Anpassung, Tradition und Bullshit konditioniert. Je nach Gesellschaftsform das eine mehr oder das andere weniger.

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      • Ohne eine gewisse Konditionierung geht es nicht um in der Gesellschaft bestehen zu können. Aber etwas freier als es die engstirnige Welt vorsieht. Auch wenn man dadurch gegen manche Wände läuft. Das muss einem aber auch bewusst sein.

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      • Es sollte eigentlich die Konditionierung ausreichen, welche uns die Natur mitgibt. Alles andere ist mir zu willkürlich und beleidigt den bewussten, freidenkenden Geist. Als ein Mensch, der seine Freiheit liebt, läuft man ständig gegen Wände. Man wird darum des öfteren als Narr belächelt… Etwas Selbstvertrauen braucht man da schon… und man sollte den Blues mögen.

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      • Der Blues ist nicht nur dunkel. Er ist oft wie die Süße der Melancholie – wie ein halbgefülltes Glas trockenen Rotweines… Meistens trinke ich aber Bier… Egal.
        Es geht um Freiheit, Liebe und um Versagen.

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      • Ich fühlte mich noch nie als Versager.
        Entweder kann ich etwas oder nicht.
        Und wozu ich nicht fähig bin, überlasse ich anderen oder nehme es hin.

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      • vielen dank für dein interesse.
        es gibt auf meinen blogs eine menge texte/gedichte zum verständnis meiner person und meiner sichtweise.
        ähnlich wie bei rosemarys baby habe ich das gefühl, dass du nicht mal ansatzweise verstehst, worum es mir geht… und trotzdem gibst du hier regelmäßig deine relativ trivialen kommentare ab (die manchmal einen grad an aufdringlichkeit erreichen, dass sie mich nerven).
        entschuldige bitte, aber das musste ich mal loswerden.

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      • Komisch dass du immer wieder zutreten musst, bei Menschen die dir gar nichts böses wollen.
        Aber ist wohl so.
        Hab es gut Bon.

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      • Und von Kind an kriegen wir das Falsche eingetrichtert… Es soll was aus uns werden. Wir sollen Erfolg haben, schön sein und uns was leisten können. Und (fast) niemand hinterfragt den ganzen Scheiß.

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  2. weiss nicht was besser ist, was schlimmer ist: Einsam, sicherer Job oder nicht einsam und im Bewußtsein, dass die Jobsuche ansteht. Ich könnte anfangen ein Buch darüber zu schreiben: Arbeitssuche in den Zeiten des Virus.

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