Wie immer

Ich höre die Welt in ihren Jetzt-Klängen. Buchseite für Buchseite. Ich stehe mit nackten Füßen in einem Gebirgsbach und spüre, wie das kalte Wasser meine Waden umfließt. Ich hebe den Kopf und blicke in den Himmel zu den Wolken. Ich rieche das Leben. Was auch immer. Ich spüre den Wind. Ich spüre schmerzhaft die spitzen Steine auf meinen Wegen. Ich blinzele in die Sonne. Ich lache unwillkürlich. Und im nächsten Moment steigen mir die Tränen in die Augen. Ich nehme einen tiefen Atemzug.
Das Leben ist ein Dampfwalze. Mit Turboantrieb. Ich bin platt vom Leben. Schon wenn ich morgens aufstehe – zum zigsten Male. Jedes Jahr bedeutet 365 mal morgens aufstehen und einen neuen Tag begehen. Okay, als Nachtwache stehe ich dann und wann erst nachmittags auf. Das ist in etwa so, als ob man in der Mitte der Buchseite erst mit dem Lesen anfängt.
Ich versacke in mir. Es gibt niemanden, der mich an der Schulter fasst und lächelnd sagt: „Na Alter, alles okay? Noch was vor heute? Lust auf ein Bier?“ „Ja klar, warum nicht“, meine ich. Ich grinse in den Spiegel und begebe mich unter die Dusche. Ich stehe am Waschbecken und rasiere mich. Ich gehe zum Kleiderschrank und überlege mir, welches T-Shirt ich anziehen will. Ich laufe unruhig durch die Wohnung. Da bin nur ich. Ich rieche an mir. Ich schlüpfe in die Schuhe und verlasse das Haus.
Mein Fahrrad grinst mich an: „Na Alter, hast du`s endlich geschafft?“ „Klar, warum nicht?“ antworte ich leicht pikiert und schwinge mich auf den Bock.
„Wie immer?“
„Just go on.“

5 Gedanken zu “Wie immer

  1. Einzeln und allein zu gehen ist die Königsdisziplin.
    Gewollt oder gezwungen – wir müssen alle durch dieses Nadelöhr, der eine früher, der andere später.
    Und dennoch müssen wir auch immer
    wieder auf andere zu…
    Manchmal weiß ich nicht, was sich schlimmer anfühlt.

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  2. dazu noch:
    menschen gehen sehr unterschiedlich mit dem allein sein um. das sehe ich z.b. ganz gut im altenheim.
    es gibt menschen, die nur schwer allein sein können, während andere sich damit leichter tun. von mir würde ich sagen, dass ich ganz gut mit dem allein sein klar komme …, aber es gibt phasen, wo dann doch die einsamkeit zuschlägt und mich deprimiert. ich bin nun auch nicht der mensch, der sich in aktivitäten flüchtet. ich verfalle eher in eine starre oder lähmung, und es kostet mich viel kraft, da wieder raus zu kommen. ich muss mir quasi selbst in den arsch treten.

    manchmal erscheinen mir meine mitmenschen merkwürdig fremd – dann fühle ich mich unwohl unter ihnen. es ist auch eine frage, wie ich gerade innerlich aufgestellt bin. es kann sein, dass ich mich auch unter menschen merkwürdig einsam fühle. wenn man mich in solchen phasen auf dem falschen fuß erwischt, kann ich schon mal aus der haut fahren. ich finde einfach zu viel zum kotzen auf der welt …

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