Nix für Taphephobiker

Durchsichtige Bindfäden vor einem dunkelgrünen Duschvorhang. Der Tag ist Mummenschanz mit Ansage. Grau in Grau. Es regnet an einem Stück. Ich finde nicht auf die Bühne. Genaugenommen will ich auch nicht auf die Bühne. Das Leben ist nichts für Taphephobiker. Sind wir nicht von Geburt an lebendig begraben? Begraben in einem düsteren Traum, aus dem es kein Erwachen gibt. Umso älter wir werden, desto näher rücken die Sargwände. Bald können wir die Arme nicht mehr ausbreiten. Und am Ende zerdrücken die Wände unseren Geist.
Die Schatten singen Freiheitslieder. Ich freundete mich mit ihnen an. Sie sind immer ehrlich. Sie flunkern mir nicht vor, was es nicht gibt. Nein, ich finde das in keinster Weise morbide. Ich finde eher die gesamte Menschheit mit ihrem Mummenschanz kaputt und krank. Mir ist Judas lieber als alle Heuchler. Die meisten Menschen spielen ihre Rollen mehr oder weniger beständig bis zu ihrem Ableben. Es reicht ihnen. Wozu sich auch strecken, wenn man an Wände stößt? Hin zu den Sternen? Raum und Zeit sind Illusion. Das Universum ist alles andere als groß. Es passt in Wahrheit in einen Stecknadelkopf. Wir ließen uns schon immer gern von dem irritieren, was wir sehen.
Depressiv? Nein, bin ich nicht. Mein Herz schlägt wie jedes. Und auch mein Blut ist noch rot. Ich liebe, und ich leide. Ich erlebe Zeiten großer Freude und Traurigkeit. Manchmal sitze ich stundenlang und lasse einfach meine Gedanken kreisen – ohne zu einem Ende zu kommen. Ist das meine Rolle? Ist das schon die Bühne? Ich darf mir nichts vormachen. Alles sich sträuben macht keinen Sinn. Ich bin auf der Welt. Klopf, klopf klopf! Hört mich wer? Warum ist es so dunkel um mich herum? Warum habe ich so wenig Platz? Vielleicht ist die Wahrheit doch nicht das Beste. Vielleicht ist es besser, in einer Illusion zu leben. Ich meine, was würdet ihr machen, wäret ihr lebendig begraben?

9 Gedanken zu “Nix für Taphephobiker

  1. früher hatte man den Toten eine Schnur, die außerhalb des Grabes mit einer Glocke verbunden war, um das Handgelenk gebunden, somit hatte man noch eine Chance wenn man als Scheintoter wieder aufwacht.
    Ich würde versuchen die Glocke zu läuten, vielleicht hört es wer vielleicht kommt wer zu Hilfe…
    Camina

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  2. blöd nur, dass irgendwann niemand mehr gekommen ist, wenns gebimmelt hat. durch gase bzw. beginnende verwesung kam es nämlich immer wieder zu „fehlbimmeleien“.

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  3. Wir warten auf den Tod, der eigentlich schon da ist. Das macht jede Kreatur. Alles pflanzt sich fort. Dabei geht es nur um unterschiedliche Spielarten des Todes.
    Als Mensch darf man sich komischerweise darüber Gedanken machen – was völlig sinnlos ist. Wir werden dadurch nur verrückt. Du siehst es z.B. an den Religionseiferern.

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  4. Das einzige Kriterium, nach dem man entscheiden kann, ob stundenlanges Nachdenken okay ist oder nicht, ist dies: Machst du das gern oder fühlst du dich eingesperrt wie in einem Sarg?
    Wenn es dir gefällt, ist es okay. Es gibt keine Vorschrift, dass man in seinem Leben nicht stundenlang nachgedacht haben darf oder dass man ständig in Bewegung gewesen sein muss. Es geht nur darum: Was ha(tte)st du davon? Wenn du da was anführen kannst, dann ist alles in Ordnung. Wenn nicht, ist es auch in Ordnung, nur für dich selber halt nicht. Und das ist das Wesentliche. Dann sollte man nämlich dafür Sorge tragen, diesen Zustand zu beenden. (Gilt für jeden natürlich.)

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  5. Logisch – wenn ich damit zufrieden bin, ein Depp zu sein, dann ist das okay. Oder was wolltest du mir sagen, iging?

    Übrigens stelle ich diese These nicht in Abrede. Nur erlebe ich es anders. Ich bin weder glücklich noch unglücklich mit meiner Lebenseinstellung. Sie ist eine Geburt meines Verstandes.

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  6. Dann ist es ja gut.

    Als ich selber mal eine Zeit hatte, wo ich jeden Tag stundenlang nur meinen Gedanken nachhing, wurde es höchste Zeit, das zu ändern. Das war wie Stillstand.

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