Im Tunell

Wer kennt dieses Gefühl nicht, wenn es einem immer enger ums Herz wird – weil es in der Partnerschaft kriselt, weil es am Arbeitsplatz nicht rund läuft, weil sich Freunde abwenden, weil man keine Unterstützung erfährt… Selbstzweifel kommen auf, und man denkt automatisch: Was mache ich falsch? Was habe ich nur an mir? Konflikte hat freilich jeder mal. Da muss man durch. Danach klart sich der Himmel wieder auf. Aber es gibt Lebensabschnitte, wo man beim besten Willen kein Licht am Ende des Tunells aufglimmen sieht. Trotzdem bleibt man im Zug sitzen und harrt aus – schließlich hat jedes Tunell nicht nur einen Eingang, sondern auch einen Ausgang. Die Notbremse zu ziehen und auszusteigen, könnte ein verhängnisvoller Fehler sein. Finde ich überhaupt wieder aus dem Tunell heraus? Noch sitze ich in Sicherheit, wenn mir auch unbehaglich zumute ist. Jetzt nur nicht den Verstand bzw. die Kontrolle verlieren! Immer wieder starre ich zur Notbremse und male mir im Geiste aus, was auf mich zukäme, würde ich sie ziehen… Wenn ich doch wenigstens durch das Zugfenster eine schöne Landschaft sehen würde, um mich abzulenken. Aber da sind nur die endlosen Mauern. Wie ein Tiger im Käfig schreite ich in meinem Abteil auf und ab oder wandere durch den Gang und blicke in die anderen Abteile. Ich traue mich nicht, jemanden anzusprechen. Ich habe Angst vor den Blicken, die mir zurufen: Was hat denn der für ein Problem?! Vielleicht gesellt sich jemand zu mir ins Abteil. Doch gleich darauf verwerfe ich den Gedanken wieder. Wieso sollte jemand seinen Platz verlassen und sich zu mir setzen? Manchmal sehe ich Fahrgäste vorbeigehen und zu mir reinglotzen. So wie ich es auch mache, wenn ich mir die Beine vertrete. Wir glotzen alle nur.
Tage, Wochen, Monate vergehen, und noch immer rattert der Zug durch das Tunell.

 

Tourstart

Den ersten Tag ließ ich locker angehen. Ich schlief aus und packte in aller Ruhe meine Sieben Sachen zusammen. Etwas aufgeregt war ich schon – wie jedes Mal, wenn ich auf große Tour gehe. Der Zug fuhr erst am späten Vormittag. Ich hatte entschieden, die Fahrradreise bei Schwedt an der Oder zu starten und nicht ab Wohnungstür.
Es war der Samstag am Pfingstwochenende. Kein Wunder also, dass sich das Fahrradabteil schnell mit Wochenendausflüglern füllte. Viele hatten Sorge, dass sie vor lauter Fahrrädern ihren Ausstieg nicht schafften. Die Atmosphäre war angespannt. Ich dagegen konnte relativ gelassen bleiben, da ich bis zur Endstation fuhr. Trotzdem war ich froh, als wir endlich Schwedt erreichten und ich mich auf meinen Bock schwingen konnte. Jetzt so schnell wie möglich an die Oder – dann war ich auf der Strecke!

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Weit kam ich nicht – ich konnte nicht widerstehen, auf einem kleinen Volksfest unter den Einheimischen ein-zwei Bierchen zu trinken. Ziemlich öde der Rummel, aber ich hatte mich während der gesamten Zugfahrt zurückgehalten. Außerdem hatte ich jede Menge Zeit. Der Zeltplatz, den ich anvisiert hatte, lag nur etwa dreißig Kilometer die Oder runter.

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Dort traf ich auf bekannte Gesichter aus dem Zug – ein hübscher kleiner Campingplatz bei Mescherin direkt am Fluss. Sehr idyllisch. Gleich daneben ein Gasthaus, wo ich den ersten Tag auf der Terrasse beendete.

Das Lächeln

Auf der Zugfahrt von Rostock zurück nach Berlin hatte ich ein Erlebnis, das mir nicht aus dem Sinn geht. Ich will es aufschreiben, solange die Erinnerungen daran noch relativ frisch sind. Schließlich verfremdet die Zeit alles, angenehme wie unangenehme Ereignisse. Die Erinnerungen daran verblassen und werden ungenau. Wir neigen dazu, die Lücken mit Erfundenem zu füllen und auszuschmücken. Wir zimmern uns unsere Erinnerungen nach Gutdünken zurecht, vor allem jene, in denen wir schlecht abschneiden. Das ist allzu menschlich. Mit der Wahrheit halten wir Menschen es nicht so. Oft steht Aussage gegen Aussage. Ein Ringen um die Wahrheit ist dann sinnlos. Gerade in zerstrittenen Beziehungen erlebt man oft völlig konträre Sichtweisen, wie es zum Zerwürfnis kam. Die Frau wirft dem Mann vor, dass er sie nicht liebte und vernachlässigte; und der Mann wirft der Frau Lüge und Betrug vor. Shit happens. Als Gehörnter bleibe ich freilich bei meiner Sicht der Dinge. Was erzählt die Frau da für einen Unsinn?! Sie will nur vor sich selbst gut dastehen.
Ich ging die Rückreise gemütlich an. Im Rostocker Bahnhof besorgte ich mir drei Dosen Gin Tonic. Der Regionalexpress stand bereits eine halbe Stunde vor der Abfahrt auf dem Bahngleis. Ich ließ mich mit meinem Faltrad im noch menschenleeren Fahrradabteil nieder. Langsam trudelten immer mehr Reisende ein, darunter auch ein junges Paar mit Kind. Unwillkürlich beobachtet man seine Mitreisenden und stellt zu ihnen Überlegungen an. Der kleine Junge mochte 4-5 Jahre alt sein, die Eltern Mitte-Ende Zwanzig. Sie setzten sich mir gegenüber. Was mir gleich auffiel, dass zwischen Mann und Frau zwei Plätze Abstand blieben. Als der Zug anruckte, war er voll besetzt mit Fahrgästen. Ich hörte über Ohrstöpsel Musik und trank Gin Tonic. Eine gute Kombination, wie sich herausstellte. Ich entspannte bei den Tönen meiner Lieblingslieder. Ich fühlte mich wie in einem anderen Raum. Immer wieder blickte ich zu der jungen Frau hinüber. Der Vater spielte inzwischen hingebungsvoll mit dem Kind, während die Mutter* stoisch auf ihrem Sitz ausharrte. Hörte sie auch Musik und wirkte deswegen so abwesend? Ihre langen Haare verdeckten womöglich das Kabel. Sie schaute ohne wesentliche Gemütsregung stur geradeaus. Nach Familienharmonie sah das nicht aus. Ich zweifelte schon, ob sie überhaupt zusammengehörten. Aber sie waren doch zusammen hereingekommen. Die verschiedensten Erklärungen kamen mir für das merkwürdige Verhalten in den Sinn. Der Sohn schien des Vaters ganzer Stolz zu sein. Daran gab es nichts zu deuteln. Die beiden waren ein Team. Vielleicht hatte die junge Frau Depressionen oder andere psychische Probleme. Oder Mann und Frau waren einfach nur zerstritten. Vielleicht war sie ein Geist, und nur ich sah sie. Blass war sie. Ich spürte ihre Einsamkeit und entwickelte mehr und mehr Mitgefühl mit ihr. Ich nahm sie in Gedanken zu mir in meinen Raum, und sie konnte meine Musik hören und fühlen, was ich fühlte. Nach ca. eineinhalb Stunden Fahrt packten Vater und Sohn ihre Sachen zusammen. Beim nächsten Halt würden sie aussteigen. Gespannt blickte ich auf die Frau. Ich konnte nicht anders und lächelte sie an. Und sie lächelte zurück, – überglücklich, wie mir schien. Mein Gott, wie mich ihr Lächeln berührte! Der Zug hielt, und die Frau trottete Vater und Kind hinterher auf den Bahnsteig. Ihr glückliches Lächeln begleitete mich auf der weiteren Zugfahrt. Ich genoss meine Musik und den Rest Gin Tonic, bittersüß.
Nun weiß ich nicht, ob sich alles haargenau so abspielte, wie ich es hier schilderte. Sicher hatte jeder meiner Mitreisenden einen anderen Blick auf die Szene. Für mich lag Magie in dieser Begegnung: Zwei einsame Herzen, die kurz zueinanderfanden, um sogleich wieder auseinanderzudriften. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters, wie man so schön sagt. Ich liefere damit eine kleine Weihnachtsgeschichte nach. (Scheiß Sentimentalität.)

*ich schätze schon, dass sie die Mutter war, weil das Kind ihr ähnlicher sah als dem Vater

 

Anreise

Mein Rucksack erhielt einen Sitzplatz 1. Klasse. Er war ein guter Reisebegleiter, etwas grau und einfältig vielleicht, andererseits ungeheuer genügsam und ausgeglichen. Zugreisen über hunderte von Kilometern dehnen sich länger als Arbeitstage. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, starrte stundenlang aus dem Zugfenster auf die vorbeihuschenden Landschaften und auf die Mitreisenden. In meinem Kopf liefen die Gedanken Marathon, japsten vor sich hin und fanden keine Ruhe.
Als ich in Frankfurt umstieg, meinte ich bereits heimatliche Luft zu schnuppern. Ausgerechnet mit dem EC nach Klagenfurt fuhr ich die letzten Kilometer. Erinnerungen über Erinnerungen. Der Schaffner bemerkte, dass ich anders als auf dem Fahrschein vorgesehen alleine reiste und drückte mir sein Bedauern aus, was ich drollig fand. Wahrscheinlich wirkte ich etwas geknickt. Mit feuchten Augen schaute ich auf die mir immer vertrauter werdende Landschaft mit ihren Ortschaften.

Die Pension lag im Herzen der Altstadt. Das Zimmer urig und bescheiden unterm Dach. Kurz dachte ich: das wäre ein schönes Liebesnest über die Ostertage gewesen. Natürlich Blödsinn – denn dieser Zug war abgefahren.
Der Samstagnachmittag meiner Ankunft schenkte mir frühlingshafte Sonnenstrahlen. Marktplatz und Hauptstraße wimmelten von Menschen. Ich schlich um sie herum, drehte eine Runde durch die mir vertrauten Gassen und verschwand schließlich in der Pinte, eine der wenigen verbliebenen „Trinkstätten“ vergangener noch wilderer Tage. Touristen linsten nur vorsichtig hinein oder machten ein Foto von der Eingangstüre, über der ein Schild mit der Aufschrift „Betreutes Trinken“ prangte. Auch heute sammelt sich hier (und in wenigen anderen Lokalen der Altstadt) die Alternative Szene der Region, vergleichbar einem Mini-Kreuzberg. Ein paar der Alteingesessenen standen an der Theke und zockten. Die Zeit war hier stehengeblieben. Aus den Lautsprechern tönten Rocksongs der Siebziger, was mir gerade recht war. Ich sog die vielfältigen Eindrücke auf und fühlte mich halbwegs im Einklang mit meiner Umgebung.
Endlich hatte ich genug von der lauten Beschallung und wechselte in eine der vielen Nachbarkneipen. Ich ergatterte gerade noch einen Sitzplatz. Auf mehreren Bildschirmen wurde Fußball übertragen – der Hit: Bayern gegen Dortmund. Okay, warum nicht etwas Ablenkung. Ich bestellte mir ein Riesenschnitzel, lauschte den Sprüchen der anwesenden Fußballexperten und verfolgte das Spiel. In der Halbzeit stand es 5:0 für die Bayern, und ich hatte das Schnitzel bis auf ein paar Reste niedergerungen. Satt und träge machte ich mich davon. Draußen dämmerte es. Die milde Abendluft war zum Küssen.
Zurück in meiner Mansarde legte ich mich alsbald lang zusammen mit Hunter S. Thompsons Roman „Der Fluch des Lono“. Seit Wochen trage ich das Buch schon mit mir rum. Nun fand sich eine gute Gelegenheit zur Lektüre.