Stopp

Alles braucht Zeit. Vieles hat seine Zeit. Man muss sich für die Dinge, die wichtig sind, Zeit nehmen. Nicht immer bekommen wir die Zeit, die wir eigentlich brauchen. Beispielsweise zum Abschiednehmen. In dieser Hinsicht kann das Leben grausam sein. Auch wir Menschen geben uns einander oft nicht die nötige Zeit. Stattdessen stehlen wir sie uns mit Rhabarber-Rhabarber.
Was passiert, wenn einem die Zeit fehlt, die man bräuchte? Es entstehen Spannungen in der Psyche – bis hin zu Rissen und Verwerfungen. Neben unserem Körper besitzt auch unsere Seele eine Belastbarkeitsgrenze. Von Natur aus sind wir ziemlich belastbar. Aber wir Menschen schaffen Szenarien, für welche wir von Natur aus nicht unbedingt konzipiert sind. Die Seele ist nicht unendlich flexibel. Wir verkennen die Kostbarkeit des Gutes Zeit. Wir stopfen viel Zeit in Kostüme, die wir nicht sind. Wir verschleudern jede Menge Zeit mit unsinnigen Vorhaben und Vergnügungen. Wir verbrennen die Zeit im materialistischen Lebensrausch… Stopp!
Zwei Tage Freizeit liegen vor mir. (Nicht mehr ganz.) Ich führe das Leben eines normalen Arbeitnehmers mit einer Vierzigstundenwoche. Mein Leben ist getaktet durch Feierabende und Wochenenden. Ich verkaufte meine Zeit und Arbeitskraft für Geld. Das ist der Deal, mit dem ich mir Wohnung und Versorgung sichere. Ich suchte mir diese Lebensweise nicht aus. Ich muss mich damit arrangieren, weil ich nicht irgendwann auf der Straße sitzen will. Ich gehöre zum riesigen Heer der Arbeiter und Angestellten, die im selben Takt ihr Leben fristen, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr… bis zur Rente.
Ich fühle mich in meiner Zeit sichtlich beschnitten. Es ist nicht nur die Zeit, die mir weggenommen wird, sondern auch die Zeitqualität. Was habe ich vom Feierabend und Wochenende, wenn ich von der Arbeit ausgelaugt zuhause herumhocke? Am Montagmorgen begrüße ich meine Kollegen und Kolleginnen. „Und, wie war`s Wochenende?“ „War wie immer zu schnell rum.“ „Ja, haha!“
Alles braucht Zeit. Das Wochenende ist definitiv zu kurz. Als inzwischen alter Sack bräuchte ich ein doppelt so langes Wochenende oder einen Tag Frei in der Woche. Dann würde das Ganze vielleicht erträglicher.
Noch geht es. Ich kann einiges wegstecken. Kein Problem. Ich bin von Natur aus robust. Was sein muss, muss sein. Genug gejammert. Es geht mir doch alles in allem prächtig. Ich habe alles, was ich brauche. Sogar mehr als das. Scheiß auf die Zeit! Die versaufe ich doch nur…

Einfach umsetzen

Ich mag den Morgen, bevor die Welt in den Tag pisst. Die Zeiger auf dem Wecker rückten auf Sechs Uhr. Mit offenen Augen lag ich da und starrte in die schemenhafte Dunkelheit des Zimmers. Warum kann ich mich nicht wegdenken? Eher könnte man die Welt wegdenken als sich selbst. Warum gibt es etwas, was unmöglich erscheint? Ich habe solche Momente, da kommen mir Welt und Existenz absolut unmöglich vor. Wenn aber alles existiert, kann es nicht unmöglich sein. Ich drehte mich nochmal auf die andere Seite. Vielleicht ist alles nur ein Traum. Fragt sich dann, in was man aufwacht, wenn die Wirklichkeit bereits ein Traum ist…
Einer Eingebung gleich hatte ich plötzlich das Bild eines Menschen vor Augen, der mit dem Kopf verkehrt herum auf dem Hals herumlief. So ist es – wir sitzen entgegen der Fahrtrichtung im Zug der Zeit. Wir sehen die Landschaften, die am Zugfenster gerade vorbeihuschen und sogleich in die Vergangenheit entschwinden. Am Besten kann man Dinge ins Auge fassen, die schon ein Weilchen zurückliegen (aber nicht zu weit). In die Zukunft können wir aus unserer Position nicht blicken, – nur aus dem Augenwinkel erkennen, was sogleich auf uns zukommt. Wenn wir richtig in die Zukunft schauen wollten, müssten wir uns in Fahrtrichtung umsetzen. Einfach umsetzen…
Ich schaute erneut auf den Wecker. Die Zeiger rückten gegen Halb Sieben. Samstag – ich hätte getrost liegenbleiben können. Doch mauserte ich mich, spätestens seitdem ich wieder arbeite, zum Frühaufsteher. Und, wie ich anfangs sagte, schätze ich den Morgen, besonders den frühen. Er ist noch nicht vollgepisst von dem ganzen Unsinn, welchen das Leben auf Lager hat. Von mir aus könnte der Zug jetzt abbremsen – oder noch besser für ein Päuschen anhalten. Ich würde aussteigen und in die Morgendämmerung schauen. Welch gute Luft! Welch weiche Schönheit in den Farben!

Unsere Zeit

Vor ein paar Tagen hatte ich die verrückte Vorstellung, eine Stubenfliege, einen Menschen und eine Schildkröte zu ihrem Zeitempfinden zu befragen. Ich dachte mir dazu eine Art Talksendung aus. Es gibt nämlich nichts, was mich mehr interessiert als die Zeit…, wie sie vergeht… in mir, mit mir und ohne mich. Wenn wir die Zeit verstünden, würden wir alles in einem anderen Licht sehen.
Also, ich sehe die Stubenfliege, den Menschen (einfach ein normaler Mensch, geschlechtlich gesehen uninteressant) sowie die Schildkröte zu Gast bei BONANZAMARGOT.
Folgendermaßen läuft die Sache ab:
Die Stubenfliege nimmt in der Bescheidenheit ihrer Größe augenblicklich Platz. Kamerazoom auf die Stubenfliege…
„Ein herzliches Willkommen für Frau Stubenfliege, die uns immer einen Schritt voraus ist in der Zeit!“
Verhaltener Studioapplaus. Inzwischen setzt sich der Mensch. Er wird in der Mitte sitzen.
„Hallo Mensch! Prima, dass du dabei bist. Du wirst uns sicher viel über die neuesten Forschungen in Sachen Zeit Auskunft geben können.“
Der Studioapplaus schwillt an.
Die Schildkröte bewegt sich gemächlich Richtung ihres Platzes.
„Alles braucht seine Zeit, meint unser nächster Gast. Ein herzliches Willkommen für die Schildkröte!“
Die Kamera verfolgt den Weg der Schildkröte. Es kann sich nur noch um Stunden handeln. Der Mensch steht auf und trägt sie zu ihrem Platz.
Das Studiopublikum applaudiert…
„Danke.“
„Gern geschehen.“
Kameraschwenk auf den Moderator BONANZAMARGOT.
„Liebe Gäste, liebes Publikum, wir diskutieren heute die Zeit. Alle sind wir Zeitbürger. Ein jeder lebt in seiner Zeit, empfindet sie auf seine Weise schneller oder langsamer. Doch eines haben wir alle gemeinsam: Unsere Zeit ist endlich… Der berühmte Gelehrte und Dichter Goethe sagte: Die Zeit ist selbst ein Element. Gerne möchte ich dazu meinen hier anwesenden Artgenossen, den Menschen, fragen: Hat Goethe mit seiner Aussage Recht? Wie fassbar ist die Zeit?“
Die Kamera zeigt den Menschen in typischer Denkerpose. Der setzt zu einer Antwort an…

Soweit so gut. Liebe Leser und Leserinnen. Ich halte Sie allesamt für Menschen. Wie würde Ihre Antwort ausfallen?

Verstopfung

Wenn es ein Klo für die Seele gäbe, wäre es ständig verstopft. Alles, was ich schreibe, bleibt doch bei mir. Alles was ich sage, fällt wieder auf mich zurück. Jegliches Auskotzen erleichtert nur kurzfristig.
Man schleift die Lasten des Lebens durch die Jahre wie einen immer schwerer werdenden Sack. Vielleicht könnte eine Amnesie helfen – ich weiß nicht. Oder Demenz. Wirklich nur im Jetzt existieren. In einem Zeitintervall, das zusammenschmilzt…, bis die Lichter endgültig ausgehen.