Wat mutt, dat mutt

Am Ende der Straße ist eine Großbaustelle, d.h. da entsteht ein großes mehrgeschossiges Gebäude am Rande des Parkes am Gleisdreieck. LKWs rumpeln wie an einer Perlenschnur über das Kopfsteinpflaster. Gebaut wurde während der gesamten Corona-Zeit. Wahrscheinlich systemrelevant das Baugeschäft. Schon allein wegen der vielen Schwarzarbeiter… Die armen Schweine müssen beschäftigt werden. Abstandsregeln? Mundschutz? Pustekuchen.
Wat mutt, dat mutt, sagen sich die Stadtoberen. Und darum kontrolliert dort tunlichst keine Behörde. Die Gier beugt sich das Recht zurecht. Bürger Klein Doof hat genug mit sich selbst zu tun und ist längst abgestumpft, was die regelmäßig aufgedeckten Skandale angeht. Nach einem kurzen Rauschen im Schmierblätterwald geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Trotzdem sorgen solche Skandale wenigstens für ein bisschen Abwechslung. Bürger Klein Doof fühlt sich bestätigt: „Ich hab`s dir ja gesagt, die sind alle korrupt.“ Oder: „Was glaubst du denn, was in der Wurst drin ist?“
Bürger Klein Doof wird mit der Zeit richtig heiß auf Skandale: „Ein Skandal, dass schon seit Monaten kein Skandal mehr aufgedeckt wurde! Was ist los mit der journalistischen Zunft? Haben alle keinen Arsch in der Hose!“
Ich lasse meine Gedanken schweifen… Ein großer dicker Mann mit einem kleinen Hund an der Leine überquert die Straße zwischen zwei LKWs. Die Sonne scheint auf das grüne Blattwerk der Stadtbäume. Bürger Klein Doof liest an seinem Computer die neuesten Nachrichten. „Ist doch alles Scheiße“, sagt er vor sich hin und ruft seine Lieblingspornoseite auf.

 

Deringer

Es gibt Leute, die nach außen den Bunten Hund markieren, aber guckt man hinter die Fassade, dann entdeckt man spießige Eintönigkeit. Ich wollte noch nie anders erscheinen, als ich bin. Nicht mal zu Fasching. Am ehesten kokettiere ich noch mit der Rolle des lonesome Cowboys, des Antihelden oder Losers. Mir liegen Understatement und Bescheidenheit im Auftreten mehr als eine große Klappe und Affektiertheit. Darum kann ich eher mit Clint Eastwood als mit Eddy Murphy.
Vielleicht bin ich ebenso ein Spießer, halt mit ein paar verqueren Ansichten… Vielleicht ist meine Antihaltung vielen Dingen gegenüber nur Mache. Es ist nicht sicher, ob ich mir darüber selbst im Klaren bin. Seit ich denken kann, grabe ich in meinem Bewusstsein, um Antworten auf die vielen Fragezeichen zu finden. Inzwischen habe ich es fast aufgegeben.
Ich sitze im Schaukelstuhl und schaue mir den Blödsinn einfach nur noch an. Ab und zu ein Bier und den Deringer in der Hosentasche, – zur Sicherheit. Man weiß nie. Von mir aus sollen sich die Großkotze die Welt unter sich aufteilen. Hauptsache, sie stören meine Kreise nicht. Es ist doch so: Man wird ins Leben gefickt, ob es einem gefällt oder nicht. Und nach einer Weile stellt sich heraus, dass man wie eine Wurst in einen Schlauch gepresst und feinsäuberlich abgepackt wird. Die größte Freiheit genoss man im Uterus. Nicht, dass ich mich dahin zurückwünsche – denn dann hätte ich ja noch alles vor mir. Den ganzen Quatsch, der sich Leben nennt. Scheiß drauf.
Da sitze ich und wippe in meinem Schaukelstuhl wie Clint Eastwood, den Deringer griffbereit in der Hosentasche, aber es kommt eh kein Schwein vorbei…