Danach eisiges Schweigen

Die Wochen ziehen sich wie Kaugummi. Die Kälte friert sie ein. Kalte Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster. Die Kälte der Stadt grinst mich breit an. Ich höre das kalte Lachen von Menschen. Kalte Finger huschen über die Computertastatur. Kalter Wein rinnt meine Kehle hinunter. Ich denke an meine Endlichkeit, und es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Herr Kalt regiert die Welt. Seine ausgesandten Kältestrahlen treffen in Wellen auf meine Seele. Mich schaudert. Ich sollte unter die kalte Dusche gehen. Kälte bekämpft man am Besten mit Kälte. Noch besser ein Eisbad… Kälte betäubt.
Gluck-gluck-gluck.
Ich wische mir mit dem Handrücken über die kalten Lippen. Im Spiegel blicke ich in meine kalten, bedeutungslosen Augen. Was für eine kalte Scheiße ist das Leben. Was für ein kaltes Aufblitzen von Geist. Was für ein kalter Witz, die Welt.
Ich fische an einem Eisloch nach Wärme. Neben mir die letzte Hoffnung, die mir Mut zuspricht.
„Du darfst jetzt nicht aufgeben.“
„Ich weiß.“
„Dann reiße dich zusammen. So kannst du nicht weitermachen.“
Gluck-gluck-gluck.
„Und das ist auch keine Lösung.“
„Du solltest mir Mut machen und nicht den Moralapostel raushängen.“
„Aber das gehört doch zusammen. Meinst du nicht?“
„Möglich.“
Gluck-gluck-gluck.
„Dann eben anders: Reich mir mal die Pulle rüber.“
„Wusste nicht, dass du trinkst… Bitte.“
„Danke. Du weißt eine Menge nicht.“
Gluck-gluck-gluck.
„Rülps. Schau auf dieses Eismeer. Ist es nicht fantastisch öde.“
„Ha ha, was ist das denn für`ne abgefuckte Strategie, mir Hoffnung zu machen?“
„Immerhin habe ich dich zum Lachen gebracht.“
„Stimmt, ganz kurz.“
„Wenn du genau hinguckst, siehst du auch die anderen an ihren Eislöchern sitzen.“
„Gott verdammt, das weiß ich! Alle mühen sich ab – auf die ein oder andere Tour. Du siehst aber auch, dass einige die Nase davon gestrichen voll haben, ihre Angel packen und ins Eisloch springen.“
Gluck-gluck-gluck.
„Einige sicher. Aber du bist noch nicht so weit.“
„Woher willst du das wissen?“
„Du redest noch mit mir.“
„Dann halt jetzt mal die Klappe. Ich glaube, ich hab` was an der Angel.“
„Nichts hast du an der Angel. Lüge mich nicht an.“
„Klappe halten!“
„Wie du willst.“

Das Leben ein Witz

Auf einem endlosen Flur gehe ich die Türen ab. „War schon da… Gab`s bereits… alles schon gehabt… nichts Neues… alter Hut… oje…“, konstatiere ich für mich, während ich die Türen nacheinander öffne und kurz in jede hineinblicke.
„Es gibt nichts anderes als das Heute und seine ewige Wiederholung: Jeden Tag gibt es Tote und Verletzte, Trauernde und Triumphierende, Aufstände und Familiäres, Regierungserklärungen und Operninszenierungen. Jeden Tag das gleiche, das doch nie dasselbe ist.“ Na klar, denke ich, da hat Bazon Brock recht. Eine Binsenweisheit. Es läuft immer dieselbe Platte. Und trotzdem. Heute ist nicht gestern. Ich merke es an mir. Die Unschuld ging längst verloren. Gestern schneite es wunderbar, und heute mischt sich der schmelzende Schnee mit dem Straßendreck. Unser Kerker hat einen Himmel. Wir leben unter einer Cellophan Folie. Unwillkürlich denke ich an den Geruch eines schmutzigen Tafelschwamms…

Hinter jeder Tür die gleichen Augenpaare, alte und junge, voller Leben, voller Gier… oder ausgebrannt und matt. Ich gehe gefühllos vorbei. Wo ist der Ort, an dem ich frei atmen kann? Der Moloch Stadt hält mich in seinen Fängen. Die Seelen werden grau wie die Straßen. Sie klammern sich an den Konsummüll, der oben schwimmt. Die ganze Welt schmilzt zusammen wie ein Schneehaufen am Straßenrand.
Manche Türen öffne ich schon gar nicht mehr. Wozu? Es kommt mir alles furchtbar sinnlos vor. In meiner Brust schlägt ein totes Herz. Ich suche einen Rest Farbe, einen Lichtschimmer. Wie wurde ich zu dem, was ich bin? Der Tunnel ist lang und verschlungen, und ich stehe mittendrin mit einer Taschenlampe.

Orientierungslos und ängstlich haste ich mal vor und mal zurück. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Es macht überhaupt keinen Unterschied. Die Türen sind nur noch Staffage, das Universum wüst und leer, mein Leben eine Fata Morgana.
Völlig unverhofft werde ich angesprochen „Du bist nicht allein“. Ich erschrecke keinen Deut. Denn ich höre nur meine Stimme. Das bin also ich. Ganz schön witzig.