Berlin ist die Welt

Woran ich merke, dass ich in Berlin bin: Am Kopfsteinpflaster, an den vielen SUVs und Luxuskarossen selbst in Wohngegenden wie meiner…, am chaotischen Verkehr und daran, dass alles vollgeparkt ist, an den vielen Spätkauf-Läden, den vielen Kebap-Buden, dass an manchen Orten kaum noch deutsch gesprochen wird, an den vielen bärtigen Männern, den vielen Burka tragenden Frauen, an den traumatisierten Ostdeutschen und den saufenden Polen und Russen, an den Dealern nicht nur im Görlitzer Park, am Straßenstrich ein paar Meter von hier, an den gebrauchten Spritzen im Gebüsch neben einem Kinderspielplatz, an den vielen Bettlern und Gestrandeten allerorts, an den vollen Bussen und U-Bahnen, an dem Dreck und Elend, an dem ich jeden Tag vorbeigehe und wegschaue…, an der maximalen Spanne menschlicher Existenzen – von absurd hässlich bis zu ikonischer Schönheit, von widerlich abstoßend bis zu faszinierender Anziehungskraft…, und alles (und noch viel mehr) läuft nebeneinander im Potse-Kiez ab, wo ich seit vier Jahren wohne, arbeite, lebe, atme, mein Bier trinke.
Das Ganze erscheint mir in seiner Bildgewalt wie aus einem wahnwitzigen Comic entlehnt, und ich mittendrin. Um mich herum abertausend Geschichten: Paralleluniversen Wand an Wand. Die unterschiedlichsten Menschen ertragen einander, denn sie sind allesamt Nutznießer des Gebildes Großstadt. Neben dem Nebeneinander müssen sie in Alltagssituationen in ein Miteinander eintauchen, verlieren dabei vielleicht die Scheu voreinander und gewinnen Toleranz – sogar Sympathien für den Mitmenschen, der so viel anders ist. Wäre in meinen Augen jedenfalls wünschenswert. Was sich hier in Berlin jeden Tag vor meiner Haustür abspielt, bildet die Zukunft der Menschheit ab in einer Welt, die immer voller wird, wo wir alle dichter zusammenrücken müssen, uns notwendigerweise ertragen müssen… Es gibt keinen Ausweg und keinen Platz für Extrawürstchen. Mauern werden eingerissen unter dem Druck der Menschenmassen. Nicht nur die Mauern und Grenzen zwischen Staaten und Lebensbereichen werden obsolet, auch die Schranken in unseren Köpfen müssen sich zwingend öffnen. Ich behaupte nicht, dass es einfach ist – weil ein sich der Welt öffnen nicht ohne Einschränkungen funktionieren wird. Vor allem Einschränkungen im Konsum, im Wohnraum und in der Mobilität werden wir alle hinnehmen müssen. Ich würde eine solche Entwicklung als eine Gesundung der Gesellschaft empfinden nach dem Motto „Weniger ist mehr“.
Klar ist auch, dass es nicht ohne Chaos abgehen wird. Ich hege allerdings Vertrauen in die synergetischen Kräfte und hoffe auf eine friedliche Zusammenführung der Weltkulturen und Staaten. Wenn die Menschheit sich bewusst für eine Zukunft auf dem Planeten Erde entscheidet, wird sie keine andere Wahl haben: Wir werden nur mit Menschenliebe, der Achtung vor der Natur, unseren Mitgeschöpfen und unserem Lebensraum der Selbstvernichtung entgehen…
Okay, genug geschwafelt. Bin ja eher pessimistisch drauf, was die Zukunftsaussichten angeht.
Aber ich denke, wenn ich es schaffte, in Berlin anzukommen, dann ist noch nicht aller Tage Abend.

Die Welt hat einen Sprung

Der alte AEG-Herd gab seinen Geist auf. Der Topf mit den Makkaroni kochte über, und es ließ einen Knall – die Sicherung flog raus. Danach war zappe. Für die Nudeln reichte die Hitze aber noch. Inzwischen kaufte ich mir eine einzelne Herdplatte, was weit besser zu meinem Singledasein passt.
Das nächste Problem bereitete mir der TV-Empfang. Offenbar war nun auch meine Adresse von der Umstellung auf digitales Fernsehen betroffen. Vorgewarnt wird man da offenbar nicht. Ich wollte vor der Arbeit noch etwas Morgenmagazin schauen, doch nichts ging mehr. Okay, kein Beinbruch. Ich verbringe nicht viel Zeit vor der Glotze. Gewöhnlich gebe ich mich mit dem Angebot auf der Mediathek zufrieden… abends vorm Einpennen. Aber einen Schönheitsfehler bedeutete der Verlust für mich schon. Ich hab`s gern, wenn alles funktioniert, wie`s soll. Ein Luxusproblem freilich. Auf der anderen Seite zahle ich immer diese Rundfunkgebühren – und nicht gerade wenig, finde ich. Also recherchierte ich im Netz, was zu tun sei. Endlich fand ich für meinen Fernseher gestern die Lösung. Ich musste einfach die Einstellung auf „Finnland“ ändern, und der automatische Sendersuchlauf funzte wieder. Warum war ich da nicht selbst draufgekommen?
So spielt das Leben. Vieles bleibt völlig im Dunkeln oder scheint zumindest unergründlich. Ich denke dabei nicht nur an technische Dinge, sondern auch an uns Menschen und die Welt im Ganzen. Tag für Tag dokumentiere ich Krebserkrankungen. Unglaublich, wie viele Menschen betroffen sind. Scheußliche Sache – und ziemlich komplex. Bei aggressiven Tumoren hilft nur Beten. Ich denke dabei an die Epikrisen von Lungen- oder Pankreaskarzinomen, die täglich auf meinem Schreibtisch landen… Da machst du am besten gleich dein Testament.
Vieles ist unmöglich zu verstehen. Das Verhalten von Menschen gehört auch dazu. Besser nicht zu sehr damit hadern. Ich weiß, leichter gesagt als getan. Nehme nur mal die Bitch, die mich betrog und Anfang dieses Jahres verließ. Was für ein Elend, nur daran zu denken. Die Liebe ist in jedem Fall so eine Sache, der man nie wirklich auf den Grund kommen wird. Sie mag den Rückblick nicht besonders – die Liebe will immer vorwärtsschauen. Kein Wunder, denn sie hinterlässt auf ihrem Weg nichts als Asche. Es folgt ein quälender Abschied in Zeitlupe. Das Herz erholt sich nur langsam. Ich frage mich, ob z.B. unser viriler Altkanzler Schröder ähnliche Liebesschmerzen durchlitt. Jedenfalls ließ er sich nicht viel davon anmerken. Wie oft war er verheiratet? Und wie ihn gibt`s eine Menge Schwerenöter(innen)… Kommt mir vor wie bei einem Weitsprungwettbewerb: Der Weitspringer denkt vor jedem Sprung: Der wird`s jetzt reißen. Er nimmt Anlauf, kommt auf Tempo, peilt das Trittfeld des Absprungs an, aber… in der Luft merkt er schon, dass es wieder nichts war – zu spät! Der Weitspringer schlägt in der Sandgrube auf, rappelt sich hoch, blickt auf den Abdruck seiner Landung und kehrt leicht geknickt zurück zum Start. Er hat noch ein paar Versuche… Beim nächsten Mal soll es unbedingt hinhauen!
Ich bin ein miserabler Weitspringer. Mein Rekord liegt in Liebesbeziehungen bei fünf Jahren. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Der Vergleich passt freilich nur bedingt, denn erst muss man zu den Ladies kommen, um wieder zu einem neuen „Sprung“ ansetzen zu können. Nein, an Möglichkeiten fehlte es mir nicht. Auch nicht an Leidenschaft. Ich vermute eher, dass ich die Sache mit zu viel Gedankenschwere angehe… Auch fehlt`s mir wohl an der richtigen Technik. Beim letzten Sprung hätte ich besser den Anlauf abgebrochen oder wäre erst gar nicht gestartet. Ein wesentliches Merkmal der Liebe ist die Geistesschwäche der Beteiligten.

Je älter man wird, desto mehr sollte man sich in Bescheidenheit üben, auch was die Liebe angeht. Es kommt die Zeit, da muss man keine großen Sprünge mehr machen. Na, wenn das kein Trost ist.

Danach eisiges Schweigen

Die Wochen ziehen sich wie Kaugummi. Die Kälte friert sie ein. Kalte Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster. Die Kälte der Stadt grinst mich breit an. Ich höre das kalte Lachen von Menschen. Kalte Finger huschen über die Computertastatur. Kalter Wein rinnt meine Kehle hinunter. Ich denke an meine Endlichkeit, und es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Herr Kalt regiert die Welt. Seine ausgesandten Kältestrahlen treffen in Wellen auf meine Seele. Mich schaudert. Ich sollte unter die kalte Dusche gehen. Kälte bekämpft man am Besten mit Kälte. Noch besser ein Eisbad… Kälte betäubt.
Gluck-gluck-gluck.
Ich wische mir mit dem Handrücken über die kalten Lippen. Im Spiegel blicke ich in meine kalten, bedeutungslosen Augen. Was für eine kalte Scheiße ist das Leben. Was für ein kaltes Aufblitzen von Geist. Was für ein kalter Witz, die Welt.
Ich fische an einem Eisloch nach Wärme. Neben mir die letzte Hoffnung, die mir Mut zuspricht.
„Du darfst jetzt nicht aufgeben.“
„Ich weiß.“
„Dann reiße dich zusammen. So kannst du nicht weitermachen.“
Gluck-gluck-gluck.
„Und das ist auch keine Lösung.“
„Du solltest mir Mut machen und nicht den Moralapostel raushängen.“
„Aber das gehört doch zusammen. Meinst du nicht?“
„Möglich.“
Gluck-gluck-gluck.
„Dann eben anders: Reich mir mal die Pulle rüber.“
„Wusste nicht, dass du trinkst… Bitte.“
„Danke. Du weißt eine Menge nicht.“
Gluck-gluck-gluck.
„Rülps. Schau auf dieses Eismeer. Ist es nicht fantastisch öde.“
„Ha ha, was ist das denn für`ne abgefuckte Strategie, mir Hoffnung zu machen?“
„Immerhin habe ich dich zum Lachen gebracht.“
„Stimmt, ganz kurz.“
„Wenn du genau hinguckst, siehst du auch die anderen an ihren Eislöchern sitzen.“
„Gott verdammt, das weiß ich! Alle mühen sich ab – auf die ein oder andere Tour. Du siehst aber auch, dass einige die Nase davon gestrichen voll haben, ihre Angel packen und ins Eisloch springen.“
Gluck-gluck-gluck.
„Einige sicher. Aber du bist noch nicht so weit.“
„Woher willst du das wissen?“
„Du redest noch mit mir.“
„Dann halt jetzt mal die Klappe. Ich glaube, ich hab` was an der Angel.“
„Nichts hast du an der Angel. Lüge mich nicht an.“
„Klappe halten!“
„Wie du willst.“