Warten auf die Haarschneidemaschine

Geil, dass heute erst Samstag ist. Mein Weinvorrat ist aufgebraucht. Man(n) kann ja nicht nur Bier trinken. Wenn das Wetter so bleibt, werde ich den Einkauf mit einem sonnigen Stündchen im Park verbinden. Vielleicht ist der alte Herr Flaschensammler auch wieder vor Ort. Ich mag ihn. Er hat Stil, immer ordentlich gekleidet und höflich. Ich schätze ihn auf (mindestens) Mitte Sechzig. Ich möchte ihm was zustecken, – womit ich hoffentlich nicht seinen Stolz verletze.
Vorerst harre ich allerdings zuhause aus und warte auf die Haarschneidemaschine. DHL kündigte die heutige Lieferung an. Mal sehen, ob ich dieses Wochenende den Mut aufbringe, damit das fahle Gemüse auf meinem Kopf zurechtzustutzen. Und nein, ist nicht das erste Mal, dass ich es mir selbst mache…
Sonst gibt`s eigentlich nichts Neues von meinem Corona-Frontabschnitt. Keine Ahnung, wo die Einschläge sind. Im Radio höre ich, dass es auf einen monatelangen Stellungskrieg rausläuft. Weiß der Teufel, was sich die Politik dabei denkt. Egal. Ich konnte es mit mir schon immer gut aushalten. Dann und wann in netter Gesellschaft hat freilich auch seinen Reiz, insbesondere seit den Tagen, als ich die Frauen entdeckte.
Auf die Frauen!
Und hoffentlich taucht der DHL-Bote nicht erst am Nachmittag auf…

 

Schieflagen

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Der Campingbetreiber, bei dem ich in Jaroslawiec unterkam, sah aus wie der Schriftsteller Wiktor Pelewin, von dem einige Bücher in meinem Regal stehen. Ich war der einzige Zelter auf seinem Platz. Nachdem mein Zelt stand, schleppten wir gemeinsam einen Tisch mit Bank zu meinem Zelt. Es war seine Idee… Na gut, warum nicht.
Am Abend, nachdem ich das (sehr schöne) Ostseebad Jaroslawiec besichtigt hatte, trank ich am Tisch vor meinem Zelt einen Rotwein und genoss meine Lieblingsmusik aus den Ohrhörern. Ich floss nach der Anstrengung des Tourtages mental dahin…
Plötzlich erschien Wiktor Pelewin wie aus dem Nichts bei mir und begutachtete meine Flasche Rotwein. Sein Angebot: Er hätte da was Besseres, einen Wein aus eigener Herstellung, der mindestens doppelt so stark sei. Pelewin ließ sich nicht davon abbringen, stellte also eine gut halbvolle Flasche seiner Produktion (siehe oben – da hatte ich aber schon davon genippt) vor mir auf den Tisch…
War wirklich süffig – obwohl ich lieber trockene Weine trinke. Leider konnte ich Pelewin nicht dazu bewegen, sich zu mir zu setzen. Schade.

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Ähnliche Schieflagen habe ich auch zuhause mit Wiktor Pelewin im Bücherregal (z.B. heute) (mit Musik ohne Ohrhörer).

You`re wrong

Es gibt Tage, an denen ich sie schweinisch vermisse. Wahrscheinlich eine Art seelischer Phantomschmerz. Ich frage John Lee Hooker: „Hast du`n Tipp für mich?“ In seiner unverwechselbaren Art krächzt er aus dem Lautsprecher: „You`re wrong.“ Was meint er damit?
Ich frage meinen Kühlschrank, ob er einen Tipp hat. Er brabbelt etwas vor sich hin wie: „Gieß dir noch was vom Wein nach…“ Okay, das ist doch wenigstens eine Ansage.
Ich gieße das Glas gut halb voll mit kaltem trockenen Weißwein und fülle es mit Cola Zero und einem Schuss Wodka auf. Seltsam finster heute. Aber das macht nichts. Die Kühle tut gut nach der Hitzewelle. Ich werfe meine Blutdrucktabletten ein und nehme einen großen Schluck. Die Mischung ist gut. Ab und zu stehe ich auf und pinsele an dem Bild herum, das seit vielen Wochen an der Staffelei prangt. „Hund, der ins Bild läuft, am Bülowbogen“ – so der Titel vorab. Der Hund macht mir Probleme.

Der vergebliche Kampf

Ein stetes Ringen zwischen Form und einem Inhalt, der sich befreien will. Ich fülle mir Wein in ein Glas und überlege, was wohl sein wird, wenn ich mich als Form auflöse. Dies wird unwiederbringlich der Fall sein. Womöglich hat es schon begonnen. Der Prozess des Alterns ist nichts anderes als eine langsame Auflösung der Form. Tag für Tag kämpft man dagegen an. Als ließe sich da etwas aufhalten.
Ich trinke aus dem Glas und spüre die Nebel des Weins in mir. Ich kämpfe um die Inhalte der Worte, die ich in den Computer tippe. Wann fing es an? Wann wurden meine Seele, mein Herz und mein Bewusstsein geformt? Eine (uns)innige Umarmung von Vater und Mutter und mein Schicksal nahm seinen Lauf. Ganz normal. Jeden Tag werden zig neue Menschen gezeugt. Viele Gläser füllen sich mit Wein…
Ich wuchs wie das Universum aus dem Nichts heran. Nach neun Monaten war die erste große Hürde geschafft, und ich hatte von nichts eine Ahnung. Das heißt, ich war auf der Welt. Am erschreckendsten war das Licht.
Mein Geist formte sich in dem Maße, wie ich die Gestalten um mich herum wahrnehmen konnte, darunter auch meine eigene Gestalt. Wein floss unaufhörlich nach. Woher nur? Wo ist die Quelle von alldem? Was machte mich zu dem Mann, der ich heute bin? Wer schreibt diese Worte?
Nein, ich befinde mich nicht in einer Identitätskrise. Mich wundert es nur, dass sich so wenige Menschen ähnliche Fragen stellen. Was macht ihr Selbstbewusstsein aus? Es ist doch Wahnsinn, wie leicht und selbstverständlich sich all die Menschen um mich herum mit den ihnen vorgelegten Formen/Gefäßen identifizieren, sei es Familie, Religion oder Nation…
Ich wusste nie, wohin ich gehöre. Ich fühlte mich immer fremd auf dieser Welt. Die angebotenen Zugehörigkeiten erschienen mir äußerst suspekt. Die meisten jedenfalls. Ich wurschtelte mich durch. Ich passte mich an. Ohne soziale Kontakte und Liebe wäre ich eingegangen. Immerhin, hier verband mich etwas Grundlegendes mit meinen Mitmenschen. Wir tranken offenbar denselben Wein, nur aus unterschiedlichen Gläsern. Scheiß auf die Gläser!
Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Kann die Form so sehr über den menschlichen Geist bestimmen? Offenbar gibt es auch Unterschiede in der Güte des Weins. Die Realität zeigt mir, dass es alles gibt: eine wertige Verpackung mit billigem Inhalt ebenso wie eine 0815-Verpackung mit wertigem Inhalt. Alle Variationen, die man sich denken kann, – und man selbst ist nur eine davon, die aus ihrer Einbildung lebt. Wer weiß schon, wie er von den anderen wahrgenommen wird?
Ich wollte immer glauben, dass wir Menschen alle gleich wertvoll sind. Wie`s aussieht, gibt es aber dazu nur eine Wahrheit: unsere Ethik wird von der vorherrschenden Macht bestimmt. Heute der Materialismus, der wahrscheinlich auch das Ende der Fahnenstange in der Menschheitsgeschichte darstellt. Der Materialismus ist in meinen Augen eine sehr hässliche Form. Aber gut, es kommt bekanntlich drauf an, was drin steckt.
Es ist ein stetes Ringen zwischen Form und Inhalt. Ich bin auf der Suche nach der richtigen Form für meinen Inhalt. Ich führe einen vergeblichen inneren Kampf darum.

Muffensausen und Matschbirne

Soll es also in Kürze wahr werden: seit nunmehr zweieinhalb Jahren Arbeitslosigkeit wieder in Lohn und Brot: Öffentlicher Dienst, unbefristeter Arbeitsvertrag… Heute Morgen las ich in Ruhe die Papiere durch und füllte den Personalbogen aus. Der Verdienst könnte freilich besser sein, aber ich will nicht meckern. Wichtiger ist mir, dass ich mich im Arbeitsumfeld wohlfühle und den an mich gestellten Aufgaben gerecht werde. Mit einer guten Portion Muffensausen sehe ich meinem Beschäftigungsbeginn entgegen… Aschermittwoch – ob das als ein gutes Omen zu sehen ist? Die negativen Erfahrungen an meinem letzten Praktikumsplatz sind mir noch gut im Gedächtnis. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich ziemlich blöd anstellte und zweifelte daran, ob der eingeschlagene Weg mit der Tumordokumentation der richtige sei… Also auf ein Neues! Ich bin dem Himmel dankbar für diese Chance!

Verregneter Sonntag. Unruhig geschlafen. Ich fühle mich zum Wegschmeißen. Wenn ich mal erkältet bin, dann meist richtig. Zwei Tage noch zum Ausruhen. O. unternimmt ihre sonntägliche Museumstour. Sie hat ein Abo. Ich weiß nicht, ob ich heute noch aus dem Haus will. Um die Ecke am Gleisdreieck ist Weinmesse, kostet allerdings 17 € Eintritt. Eine andere Option wäre das Brwhouse, welches in der Nähe vor kurzem eröffnete, eine Craft Beer Brauerei mit Restaurant. Bier versus Wein… Ich weiß nicht, nach was mir ist. O. freut sich sicher, wenn ich mich heute noch zu was aufraffe.