Nix verstan

Was einem nicht alles durch den Kopf geht auf so einer Fahrt. Man quasselt sich selbst zu. Ein Problem mit dem Alleinsein sollte man nicht haben. Dazu gehört auch die Toleranz zum eigenen Scheiße- oder Unsinn denken. Meine einzigen menschlichen Kontakte hatte ich, wenn ich am Nachmittag einen Zeltplatz klar machen musste. Da kam es dann sogar mal zu einem Gespräch mit einem anderen menschlichen Wesen. Die Kommunikation in Polen lief fast ausschließlich über Zeichensprache und ein paar Brocken Englisch. Man fühlt sich automatisch fremd und ausgeschlossen, wenn man so gar kein Wort von dem versteht, was die Leute um einen herum reden. Diese Sprachbarriere empfinde ich im Ausland immer als das größte Manko. Aber naja, was sollen die Polen, die neben mir sitzen, schon quatschen, sicher dasselbe profane Zeug wie die Menschen im eigenen Lande auch. Trotzdem hört sich eine fremde Sprache in meinen Ohren immer erstmal so an, als würde gerade über total großartige Sachen palavert – und es entsteht ein Minderwertigkeitsgefühl, jedenfalls bei mir.
Nun zurück in Berlin befinde ich mich wieder in meiner Sprachsphäre (Sarkasmus ist erlaubt) – wie angenehm!
Ich war also in den letzten Wochen weitgehend mit mir und meinen Gedanken alleine. Ein paar Punkte notierte ich mir. Darunter folgender: Ist es nicht verrückt, dass wir Menschen uns vor der Natur und gleichzeitig die Natur vor uns schützen müssen. Solche Sätze fielen mir eine Menge ein, während ich auf meinem Fahrrad durch die Landschaft holperte. Zum Weiterdenken kam ich nicht, weil ich mich zu sehr auf den Weg konzentrieren musste…

 

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ich bin mir sicher – eben war hier noch ein Weg!

Durchgeschüttelt

Ich schaffte es, während meiner Reise (12 Tage) keinen Bissen zu essen, – ernährte mich ausschließlich von Säften, Wodka, Bier und Rotwein. Es fiel mir nicht besonders schwer. Nach wenigen Tagen ist das Hungergefühl weg. Da ich viel schwitzte, musste ich hauptsächlich für sehr viel Flüssigkeit sorgen. Abends war ich so geschlaucht, dass ich mich mit einer Flasche Roten ins Zelt legte und mit meiner Lieblingsmusik in den Ohren dahindämmerte…
Eine sehr gute Anschaffung vor meinem Reiseantritt war der Kauf einer Urinflasche. Die Zeltnächte verliefen dadurch viel entspannter. Denn, was man tagsüber wegsäuft, muss schließlich wieder raus.
Inzwischen wurde ich, was das Essen angeht, rückfällig. Zuhause ist es eben etwas anderes. Eigentlich wollte ich noch die Tage, bis ich wieder arbeiten muss, durchhalten.
Mein Gott, wie schnell die Tage verflogen – wie im Rausch (lach!).
Ich lernte unterwegs alle Arten Kopfsteinpflaster und Panzerplatten kennen. Mein Gehirn wurde durchgeschüttelt wie ein Cocktail im Mix-Becher. Aber es nahm keinen Schaden… Ist halt ein Qualitätshirn. Wie auch meine Ausrüstung, hauptsächlich Fahrrad und Zelt, dank ihrer Qualität durchhielten. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, die Wege. Die Wege waren beschissen in Polen: Kies- und Schotterwege, steinige und sandige Waldwege, Landstraßen mit unzähligen Schlaglöchern… Es schüttelt mich immer noch, wenn ich dran denke. Dann und wann ließen sich die verkehrsreichen Landstraßen nicht vermeiden. Oft waren es endlose Alleen. Wie ein Affe auf dem Schleifstein radelte ich an den (unbefestigten) Straßenrand gepresst, die Sinne hellwach, Kilometer für Kilometer… Wirklich gute Wege, auf denen ich entspannen und die wunderbare Natur um mich herum genießen konnte, gab es wenig. Einer davon führte mich in der Hitze des Nachmittags von Krokowa nach Swarzewo an die Danziger Bucht, wenige Kilometer unterhalb der Halbinsel Hel. Danzig lag in Schlagweite. Ich war so gut wie am Ziel. In die Notiz-App meines Smartphones schrieb ich: „Das Ziel erreicht zu haben, ist irgendwie nichts Besonderes mehr, wenn man dort ist.“