Nicht von dieser Welt

Wie ein Tiger im Käfig wandere ich zwischen dem Kochtopf mit den Pellkartoffeln und der Staffelei hin und her. Zwischendurch beantworte ich ein paar Blog-Kommentare. Ich kriegte gar nicht mit, dass die Waschmaschine inzwischen ihre Arbeit beendete. Schön, dann kann ich die Wäsche aufhängen. Aber erst die Pellkartoffeln von der Herdplatte nehmen und das Wasser abgießen. Dann zurück zur Staffelei und ein paar Pinselstriche. Keine neuerlichen Antworten auf den Blogs. Das Bloggen sollte nicht in Stress ausarten. Wie sieht`s eigentlich draußen aus? Gar nicht so übel, soweit ich es überschauen kann. Der grüne Ferrari steht etwas abseits. Ich erblicke ihn gerade noch aus dem Augenwinkel. Parkplätze sind rar. Keine Ahnung, warum er sich nicht einfach wie sonst auf dem Gehsteig vor meinem Fenster platzierte. Wahrscheinlich macht er das nur, wenn sonst nichts frei ist. Klar! Meinen hellsten Verstand habe ich heute nicht gerade eingeschaltet. Muss auch nicht immer sein. Wenn ich nur mal an diese Fußball-Geschichte denke. Echt anstrengend für die paar grauen Zellen, die mir noch verblieben. Bin ich ein Nationalist, wenn ich mir im Rahmen einer Weltmeisterschaft wünsche, dass die Deutschen siegen? Scheiße – mit dieser Frage habe ich mir ein Ei gelegt. Dazu müsste man erstmal die Geschichte und die Ausprägungen von Nationalismus erörtern. Wo kommt er her, und wo geht er hin? Von mir aus könnte er aus der Welt verschwinden, aber das ist utopisch. So utopisch wie…, dass nächste Woche eine Alien-Delegation bei mir vorbeischaut. Ich stelle mir das so vor:
Es ist Montag früh, so gegen Fünf, ich sitze am Computer, da klingelt es plötzlich. Wahnsinn, die Aliens entdeckten mich! schießt es mir in den Kopf. Ich mache ihnen auf, und sie lassen sich nicht lange bitten, fläzten sich aufs Sofa. Es sind drei. Kein Problem zu erkennen, dass sie nicht von dieser Welt sind. Der in der Mitte quatscht mich an. Erst auf Chinesisch, aber er merkt schnell, dass die Voreinstellung seines Übersetzungsprogramms falsch war und korrigiert es.
„Hast du noch von deinen Pellkartoffeln?“, fragt er. Er wählte die Stimme von Martin Semmelrogge.
„Klar Mann“, antworte ich, „ich habe die eineinhalb Kilo gestern nicht ganz geschafft. Wohl hungrig nach der langen Reise?“
Original Gelächter von Seiten der Aliens auf dem Sofa. Es hört sich in etwa so an, wie wenn ich furze. Ich nippe an meinem morgendlichen Longdrink und bin mir nicht mehr sicher, ob ich über ihre Gesellschaft glücklich sein soll. Ich träumte schon immer von einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Die Menschheit kann doch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten. Irgendwo in den unendlichen Weiten des Alls muss es Intelligenzen geben, die alles aus einem anderem Blickwinkel betrachten, die Wirklichkeit ganz anders erfassen…
Vielleicht funktioniert ihr Raumschiff mittels Pellkartoffeln.
Während ich meinen Gedanken nachhänge, steht der Mittlere auf und geht zum Pellkartoffeltopf.
„Deine Kartoffeln bringen`s nicht! Abmarsch Leute!“ tönt die Stimme von Martin Semmelrogge aus der Küche. „Hey, wartet doch mal… Ich hätte da ein paar Fragen!“ rufe ich ihnen nach, aber ich sehe sie nur noch von hinten. Also renne ich zum Fenster. Tatsächlich steigen sie in den grünen Ferrari und heben ab! Mann o Mann! Das ist der Hit!

Nein, außer mir will niemand meine Pellkartoffeln, nicht mal Aliens. Gut, dann habe ich sie wenigstens für mich allein. Sie sollten drei Tage reichen. Was macht man mit einem angebrochenen Sonntag? Über Nationalismus nachdenken? Scheiße, da sollte es doch besseres geben.

Advertisements

Gedanken, während die Waschmaschine ihre Arbeit tut

Wird sich Merkel im Sattel halten? Ich switche hin und her zwischen Polittheater und WM. Schaffen die Deutschen heute Abend einen Sieg gegen die Schweden? Das Leben kann hart sein, der Druck groß.
Die Waschmaschine spult ihr Programm ab. Derzeit „Spülen“ – noch 43 Minuten bis Ende. Der Sommer hat eine Pause eingelegt. Die Temperatur sank unter 20°C. Berlin wolkenverhangen. Ein Wochenende, das nicht gerade in den Biergarten einlädt. Auf der Staffelei steht eine leere Leinwand und starrt mich an. Mir fehlt die zündende Idee. Etwas Abstraktes sollte es sein. Die Vorstellung ist noch zu diffus, um mit einem Bild anzufangen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Merkel in der Flüchtlingsfrage klein beigibt. Seehofer ist ein Idiot. Leider gewinnt im Leben nicht immer die Vernunft. Europa gibt zur Zeit alles andere als ein gutes Bild ab. Unfassbar, wie kleinkariert viele denken. Sollen sie doch in ihrem tumben Nationalismus versumpfen…
Niemals würde ich eine Deutschlandfahne schwenken. Wie käme ich dazu? Freilich würde ich mich freuen, wenn die Deutschen in Sotschi gegen die Schweden auftrumpften. Macht mich das zu einem Nationalisten? Es gibt verdammt wichtigeres.
Im Büro tippte ich 2: 1 für die Schweden. Wir bildeten eine kleine Tippgemeinschaft für die WM mit 1 Euro Einsatz. Ich liege bis jetzt gar nicht schlecht im Rennen. Richtig spannend wird`s erst nach der Vorrunde, egal ob mit oder ohne Deutschland. Der Fußball ist keine so schlechte Allegorie auf alles Mögliche. Die Tendenzen sind klar, trotzdem erlebt man mitunter Überraschungen.
Die Waschmaschine schleudert bereits. Wie die Zeit verrinnt. Im Nachhinein sind wir alle schlauer.
Ich hänge dann mal die Wäsche auf.

Das Bett ist gemacht

Die Festplatte ab und zu aufzuräumen, kann kein Fehler sein. Programme, Bilder und Texte, deren man leid ist, lassen sich einfach zum Teufel schicken. Unser Gehirn, im Großen und Ganzen auch nichts anderes als ein Computer, sträubt sich leider gegen solche Maßnahmen. Mal von gewaltsamen Eingriffen in die Hardware abgesehen, müssen wir mit dem leben, was in unserer Birne ist – mit dem ganzen Scheiß, der sich über Jahrzehnte hinweg ansammelte. Auch wenn davon an der Oberfläche nicht viel oder gar nichts zu sehen ist, so arbeiten diese Altlasten ständig in uns, beeinflussen unsere Stimmung und wahrscheinlich sogar unser Handeln. Abschalten geht nicht. Wie schön wäre endlich Unbeschwertheit! Dem Vergangenen nicht mehr nachhängen, befreit von Trauer, Wut und Ärger. Zur Ruhe kommen. Weg mit dem ganzen Ungemach! Ein Neustart…

Wochenende. Seit Halb Sieben auf den Beinen. Das Bett ist gemacht. Die Waschmaschine läuft. Ich warte auf den Lieferdienst für Getränke und Lebensmittel. Eine bequeme Sache. Ich kann mich ganz der Muse in meinen vier Wänden widmen. Ich muss Dinge erfinden, damit ich was zu tun habe. Ich erfinde einen Traum. Ich erfinde mich und die Welt. Ich erfinde Tag und Nacht. Alles ist gut. Ich greife zum Glas. Ich drehe die Musik lauter. Das Rumoren des Waschvorgangs stört. Der Blues ist im Glas. Ich schütte nach. Es gibt sonst nichts. Nur eine Ahnung. Überall fuckin` Ahnungen. Ich wende den Kopf nach rechts und sehe in einen Tag… eine Waschküche mit hellen Streifen.