Du wirst mich doch nicht vergessen

Ich warte auf dich, mein Freund, dem ich nur einmal begegnen werde – und dann war`s das gewesen. Es kann jeden Tag passieren. Ich weiß, wir werden uns bestimmt nicht verpassen. Umso mehr Tage verstreichen, desto näher rückt unser Treffen. Manchmal sehe ich im Geiste dein breites zahnloses Grinsen. Manchmal meine ich, dass du mir zuzwinkerst. Du Schelm! Hast einen trockenen bisweilen schwarzen Humor (wie ich). Ich will es dir leicht machen. Du rennst bei mir offene Türen ein. Ich glaube sowieso, dass du viel besser als dein Ruf bist. Mehr der Erlöser als das Schreckgespenst.
Wie gesagt, ich warte auf dich. Tag für Tag. Und denke daran: derzeit mit Maske.

 

Warten auf die Haarschneidemaschine

Geil, dass heute erst Samstag ist. Mein Weinvorrat ist aufgebraucht. Man(n) kann ja nicht nur Bier trinken. Wenn das Wetter so bleibt, werde ich den Einkauf mit einem sonnigen Stündchen im Park verbinden. Vielleicht ist der alte Herr Flaschensammler auch wieder vor Ort. Ich mag ihn. Er hat Stil, immer ordentlich gekleidet und höflich. Ich schätze ihn auf (mindestens) Mitte Sechzig. Ich möchte ihm was zustecken, – womit ich hoffentlich nicht seinen Stolz verletze.
Vorerst harre ich allerdings zuhause aus und warte auf die Haarschneidemaschine. DHL kündigte die heutige Lieferung an. Mal sehen, ob ich dieses Wochenende den Mut aufbringe, damit das fahle Gemüse auf meinem Kopf zurechtzustutzen. Und nein, ist nicht das erste Mal, dass ich es mir selbst mache…
Sonst gibt`s eigentlich nichts Neues von meinem Corona-Frontabschnitt. Keine Ahnung, wo die Einschläge sind. Im Radio höre ich, dass es auf einen monatelangen Stellungskrieg rausläuft. Weiß der Teufel, was sich die Politik dabei denkt. Egal. Ich konnte es mit mir schon immer gut aushalten. Dann und wann in netter Gesellschaft hat freilich auch seinen Reiz, insbesondere seit den Tagen, als ich die Frauen entdeckte.
Auf die Frauen!
Und hoffentlich taucht der DHL-Bote nicht erst am Nachmittag auf…

 

Ich warte auf den Installateur

Der Durchlauferhitzer leckt. Zudem sammelt sich im Bad neben dem Klosett Wasser auf dem Boden. Beide Ereignisse stehen in keinerlei Zusammenhang, außer dass sie fast zeitgleich auftraten. Zwei Wochen saß ich zuhause trottelig herum und hatte alle Zeit der Welt. Ausgerechnet jetzt das!
Seit Mittwoch bin ich wieder im Büro zugange. Die bereits vor Corona durch Krankheit und Urlaub reduzierte Belegschaft schrumpfte weiter. Weniger als die Hälfte anwesend. Ich ging auf meiner Begrüßungsrunde an vielen geschlossenen Bürotüren vorbei. Einige Mitarbeiter(innen) waren außerdem anders platziert, weil nur noch eine Person pro Büro arbeiten soll. Das ist zurzeit auch locker möglich. Ich freute mich über das Hühnerlachen und Gaggern… und sog diese Lebendigkeit in mich auf (ich war ziemlich ausgetrocknet diesbezüglich). Etwas erstaunt war ich, wie lax die meisten die Abstandsregel nahmen, selbst die Chefinnen. Und dies, obwohl (fast) alle Medizinerinnen sind. Ich habe den Eindruck, dass der Geschäftsleitung nur halbherzig an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter(innen) gelegen ist. Immerhin wurde bewerkstelligt, dass die Leitungsebene ab nächste Woche Homeoffice machen kann. Fürs Fußvolk (die Tumordokumentare/-Dokumentarinnen) ist Homeoffice noch nicht vorgesehen… (obwohl ich andeutungsweise vernahm, dass dies in Einzelfällen möglich sei.) Schweinebande!
Hoffentlich lässt der Installateur nicht zu lange auf sich warten. Ich nahm mir extra einen Tag Urlaub, weil ich die Defekte noch vor dem Wochenende behoben haben wollte. 8 Uhr 30 bis 14 Uhr, sagte die Dame am Telefon. Für nächste Woche hätte sie mir einen Termin mit einem kleineren Zeitfenster geben können… Auch wenn ich oft von ganzem Herzen prokrastiniere, gibt es doch Angelegenheiten, die ich lieber schnell hinter mich bringe.
Heißassa! – die Sonne scheint! Unwillkürlich blicke ich immer wieder durchs Fenster, wie das eben so ist, wenn man auf jemanden wartet.

 

Eins A

Das erste Mal war`s reine Neugierde. Inzwischen stapeln sich bei uns die Papiertüten des Lebensmittellieferdienstes. Es ist aber auch verflucht bequem, sich Getränke und andere schwere und sperrige Sachen nach Hause bringen zu lassen – wir haben kein Auto. Ich besorgte vorher die Kisten Bier auf dem Gepäckträger des Fahrrads, was mitunter ziemlich wackelig anmutete, besonders im Winter auf vereisten Wegen. Okay, das kam nur selten vor. Ich gebe es unverhohlen zu: die Faulheit siegte. Und die Lieferkosten sind zu verkraften.

Gestern Nachmittag nach Feierabend wartete ich mal wieder auf eine Lieferung. Zwei Stunden sind das Zeitfenster. Ich hoffe immer, dass sie möglichst bald kommen, also zu Beginn der zwei Stunden. Aber das ist freilich Wunschdenken. Ich griff mir also mein Feierabendbier aus dem Kühlschrank und legte mich zur Entspannung auf die Couch. In der Glotze liefen Serien aus den Achtzigern. Ich mag diesen leicht antiquierten TV-Schrott, weil ich bei ihm so schön abschalten kann. Die Helden dieser Serien sind vorbildlich standhaft. Eins A. Egal, was kommen mag, sie kriegen immer die Kurve.
Zwischendurch blickte ich zum Fenster. Ich würde den Lieferwagen sehen, wenn er vorfährt. Aber er kam und kam nicht. Die Minuten verstrichen, während ich mein letztes Bier anbrach, und im TV Texas Ranger Walker ein paar böse Buben vertrimmte. Schließlich klingelte das Telefon.
„Ich komme etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde später“, sagte die Stimme.
„Schon gut“, antwortete ich.
„Bis gleich.“
„Jep.“
Mein Nachmittag war gelaufen. Ich hatte mir ausgerechnet, nach der Lieferung noch eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Daraus würde nun nichts mehr werden. Zu spät. Die Lust dazu war weg.

Als er kam, hatte ich mehr als drei Stunden gewartet. Na ja, was soll`s. Ich war nicht in der Stimmung, mich zu ärgern. Er war vielleicht die Hälfte von mir und mühte sich redlich damit ab, die Sackkarre mit den Waren durch die Haustüre in den Flur zu bugsieren. Wahnsinn, der arme Kerl! Bei seinem Anblick empfand ich Mitleid und Scham. Eine erbärmliche Situation. Der junge Mann wirkte wie ein gehetztes Tier. Er hatte den Tunnelblick eines Verzweifelten.
„Mal kurz durchatmen“, lächelte ich ihn an, während ich meine Barschaft nach einem ordentlichen Trinkgeld durchforstete. Mir wurde bewusst, in welcher privilegierten Position ich mich befand. Zwar hatte ich auch nicht gerade meinen Traumjob, aber verglichen mit dem, was dieser Typ durchmachte, war ich mehr als gut dran. Ich fühlte mich mies – wenigstens ein, zwei Minuten lang. So richtig wie ein Ausbeuter.
Nachdem ich die Waren in Kühlschrank und Regalen verstaut hatte, legte ich mich zurück auf die Couch. Mittlerweile lief meine frühabendliche Lieblingsserie M*A*S*H …

Tristesse

Die Sonne scheint, aber sie prallt an mir ab. Nach erfolgreicher Fortbildung und Prüfung verbringe ich die Tage mit Warten. „Wir haben uns für Sie entschieden“, hatte die Frau von der Geschäftsstelle gesagt, „… wir werden uns bei Ihnen melden.“ Das war vor einer Woche. Ich kann es kaum glauben. Erst eine Woche. Es kommt mir so vor, als würde ich schon eine halbe Ewigkeit hier sitzen und warten. Einen kurzen Moment war ich glücklich und stolz, weil (fast) alles geklappt hatte… Es folgte Tristesse. Warum nur? Ist es die Angst vor dem neuen Job? Ich fühle mich wie in einem Lähmungszustand, der mich von innen umklammert. Der Himmel leuchtet in glattem hellen Blau über Berlin. Die Temperaturen klettern in den Plusbereich. Die Tage werden länger. Und ich verharre in der Zeit, als wäre ich innerlich vereist.